E-Book, Deutsch, Band 6, 80 Seiten
Reihe: Romantische Bibliothek
Sommer Romantische Bibliothek - Folge 6
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7325-1262-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Stunde der Bewährung
E-Book, Deutsch, Band 6, 80 Seiten
Reihe: Romantische Bibliothek
ISBN: 978-3-7325-1262-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Cornelia von Bernstein ist stolz - so stolz, dass sie sich damit manchmal selbst im Wege steht. Ihr Stolz ist es auch, der ihr verbietet, an die Liebe zu glauben. Hat sie nicht schon oft genug beobachtet, dass reiche Mädchen nur ihres Vermögens wegen geheiratet haben und dann schwer enttäuscht wurden? Nein, so wird sie sich niemals demütigen lassen! Da gibt sie sich doch lieber erst gar keinen Illusionen hin, sondern geht eine reine Vernunftbindung ein. Zwar kann sie nicht behaupten, dass sie den Baron von Rabenhorst aufrichtig liebt, aber immerhin wird der vermögende Geschäftsmann es nicht auf die Mitgift abgesehen haben ...
Cornelias Mutter Gabriela beobachtet das Verhalten ihrer Tochter mit Sorge. Wie lange wird das gut gehen?, fragt sie sich immer wieder. Und was wird passieren, wenn Cornelia eines Tages die wahre Liebe begegnet? Die Antwort auf diese Fragen erhält sie schneller, als sie erwartet hätte ...
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Cornelia von Bernstein hielt es nicht für nötig, an die Tür des Vorzimmers zu klopfen, und verschwendete auch keinen Blick an den Mann, der an einem Schreibtisch in der Nähe des Fensters saß und sie unmutig anschaute.
„Der Herr Baron ist beschäftigt“, mahnte der Sekretär, aber das Mädchen warf nur den Kopf in den Nacken, ohne den Schritt zu verhalten. Noch immer hielt sie es nicht für nötig, sich mit dem untergeordneten Mann zu beschäftigen, denn sie wusste, dass sie weit über ihm stand.
Um Jan Friedmanns Mund zuckte der Anflug eines Lächelns, als er sich gelassen erhob und sich schützend vor die Tür zum Arbeitszimmer des Gutsbesitzers stellte.
Cornelia, von allen nur Cora genannt, blieb erstarrt stehen. Ihre Augen schossen Blitze, und auf ihrem Gesicht lag eine solch hochmütige Verachtung, dass jeder wohl eingeschüchtert zur Seite getreten wäre – jeder außer Jan Friedmann.
„Wen darf ich melden?“, erkundigte er sich in unerschütterlicher Freundlichkeit.
„Geben Sie mir den Weg frei, Sie Flegel, oder ich werde mich bei Baron von Rabenhorst über Sie beschweren.“
Das Lächeln fror auf Jan Friedmanns Zügen ein. Er dachte aber nicht daran, dieser hochfahrenden jungen Dame den Zutritt zu erlauben. Sein Chef hatte ihm strengstens untersagt, Besucher unangemeldet in sein Arbeitszimmer zu führen.
Jan kannte den Grund: Der Baron brauchte stets einen Moment Zeit, um einen beschäftigten Eindruck zu machen. Sein Arbeitsraum diente praktisch nur zur Dekoration. Die eigentliche Arbeit hatte Jan zu erledigen. Dem Baron genügte es, seinen Namen schwungvoll unter die Briefe und Anweisungen zu setzen, die Jan für ihn ausfüllte.
„Scheusal!“, knirschte die junge Dame, und bevor der Sekretär es sich versah, stieß sie ihn einfach zur Seite. Der Mann griff mit seinen Händen nach einem Halt, und diesen Augenblick nutzte die Besucherin, um die Tür zum Arbeitszimmer aufzudrücken und einzutreten.
Die junge Dame hatte temperamentvoll die Tür hinter sich zugeworfen und stürzte auf den Mann zu, der an seinem Schreibtisch saß, beide Beine auf die polierte Platte gelegt. Er drehte der Tür den Rücken zu und führte gerade ein gefülltes Kognakglas an den Mund.
„Was wollen Sie denn nun schon wieder, Friedmann?“, knurrte er unwillig. „Müssen Sie mich denn immer bei der Arbeit stören?“
„Das nennst du arbeiten?“
Der Klang der weiblichen Stimme ließ Baron Wilhelm von Rabenhorst herumschnellen. Er sprang hastig auf und zog Coras Rechte an die Lippen.
„Verzeih, Liebling. Ich habe nur einen Moment Pause gemacht.“ Er griff hastig nach ein paar Akten und legte sie auf die Schreibtischplatte. „Wichtige Dinge, weißt du?“, fragte er schmeichelnd. „Ich muss nachdenken, es geht um ein paar hunderttausend Mark.“
„Alter Angeber.“ Cora setzte sich auf die Schreibtischplatte und schlenkerte mit ihren langen, wohlgeformten Beinen. „Sag einmal, was für ein ungehobelter Bursche ist das da draußen im Vorzimmer? Ein impertinenter Kerl! Blas diesem Mann einmal gehörig den Marsch!“
Seufzend drückte der Baron die Klingel, die Jan Friedmann hereinrief. Er wagte nicht, dem Mädchen in die Augen zu schauen, als sein Sekretär die Tür öffnete und sich knapp verneigte.
„Sie wollten mich sprechen, Herr Baron?“
Mit einer verstohlenen Kopfbewegung, begleitet von einem um Verständnis heischenden Lächeln, wies Wilhelm auf die junge Dame. Dann zwang er sich zu dem Gesichtsausdruck, den Cora erwartete, stemmte die Arme in die Hüften und fuhr seinen Sekretär barsch an.
Während er seine scharfe Zurechtweisung aussprach, bemerkte Cora noch immer dieses nachsichtige Lächeln in den Augen des Mannes – auch dann, als er sich vor ihr verneigte und sie um Entschuldigung bat.
„Sie können gehen, Friedmann“, verabschiedete Wilhelm ihn hastig.
„Ich verstehe nicht, dass du solch einen Menschen beschäftigst“, wandte sich das Mädchen an den Baron, noch bevor Jan die Tür ganz hinter sich geschlossen hatte.
„Tja, weißt du, es ist nicht so ganz einfach, geeignete Kräfte zu finden. Und Friedmann ist eingearbeitet …“
„Der Mann ist doch nur Befehlsempfänger! Du könntest Tausende wie ihn an einem Tag finden, wärst du nicht zu bequem, dich darum zu bemühen.“
„Lass uns von etwas anderem sprechen“, schlug der Baron vor. „Ich finde es langweilig, über diesen Friedmann zu diskutieren. Du hast ja selbst gehört, dass er seine Unverschämtheit bereut. Und außerdem konnte er schließlich nicht wissen, dass du jederzeit unangemeldet bei mir Zutritt hast.“
„Ich verlange, dass du diesen Menschen hinauswirfst!“, stieß sie trotzig hervor. „Das, was er mir gesagt hat, war doch keine Entschuldigung! Außerdem ist der Kerl viel zu eingebildet. Er benimmt sich, als gehöre ihm hier alles.“
„Ja, ja. Ich versteh schon …“
„Du verstehst gar nichts! Ich gehe jetzt. Wenn du bereit bist, meine kleine, wirklich berechtigte Bitte zu erfüllen, weißt du ja, wo ich wohne.“
Sie warf den Kopf in den Nacken und rauschte hinaus. Als Letztes hörte sie noch den abgrundtiefen Seufzer des Mannes, dem sie die Ehre erwiesen hatte, ihn zu ihrem zukünftigen Mann zu erwählen. Sie wusste, dass es eine ganz große Ehre für ihn war, und erwartete, dass er sich entsprechend benahm.
Der Sekretär klapperte auf der Schreibmaschine. Sie blieb an der Tür stehen und warf ihm von dort aus einen drohenden Blick zu.
„Der Herr Baron wird Sie hinauswerfen, mein Lieber“, drohte sie ihm.
Jan nickte ihr lächelnd zu, senkte den Blick dann aber sofort wieder auf die Tasten und schrieb weiter. Seine Reaktion war mehr, als Coras Temperament ertragen konnte.
„Haben Sie mich nicht verstanden?“, rief sie aufgebracht.
„Doch.“
„Und ist Ihnen das so gleichgültig?“ Die junge Dame vergaß, dass es eigentlich unter ihrem Stande war, sich mit dem Mann auf ein Gespräch einzulassen. Aber irgendetwas an ihm reizte sie so, dass sie sich unbeherrschter gab als sonst.
„Nein“, sagte der Mann in schönster Einsilbigkeit. „Herein“, rief er anschließend, als jemand gegen die Tür klopfte.
Ein niedliches Mädchen trat ins Zimmer. Es trug ein schwarzes Kleid und eine weiße Spitzenschürze.
„Ihr Kaffee, Herr Sekretär.“ Sie knickste unwillkürlich, und Cora ärgerte sich, dass diese Person über und über errötete, als sie ein wenig unbeholfen auf diesen Friedmann zustolperte.
Ein wenig Kaffee schwappte über den Rand der Tasse.
„Ich hole sofort eine neue Untertasse, Herr Sekretär. Entschuldigen Sie bitte, ich war ungeschickt …“
„Reden Sie nicht lange herum, verschwinden Sie!“, befahl Cora von Bernstein scharf, obwohl es ihr noch nicht zustand, in diesem Hause Anordnungen zu geben. „Ihr Herr Sekretär wird es wohl über sich bringen, aus der Tasse zu trinken, auch wenn sie ein kleines Fußbad hat.“
Völlig verwirrt schaute das Kammerkätzchen von ihr zu Jan Friedmann.
„Ist gut, Anett, danke.“ Der Sekretär nickte ihr sehr freundlich, aber – so schien es der jungen Dame jedenfalls – auch ein wenig herablassend zu. Der Mann hatte ein Benehmen wie ein Graf, und er sah auch entsprechend aus, das war das Gemeinste dabei!
„Ich wäre bereit, auf Ihre Entlassung zu verzichten, wenn Sie sich bei mir für Ihre Frechheit entschuldigten, Herr Sekretär!“ Die Anrede klang sehr ironisch aus ihrem Munde, und der Mann hatte Mühe, eine sarkastische Antwort hinunterzuschlucken.
„Ich bin gern bereit, mich noch mal bei Ihnen zu entschuldigen, gnädiges Fräulein. Es tut mir sehr leid, Sie nicht gleich richtig eingeschätzt zu haben.“
Der Mann hatte sich erhoben und stand groß und schlank, zugleich aber irgendwie lässig vor ihr. Cora hatte erneut das Gefühl, von ihm nicht ernst genommen zu werden.
Sie drehte sich um und ging endgültig hinaus. Die Tür warf sie mit dem Absatz hinter sich zu – und hörte sofort wieder das Klappern der Schreibmaschine.
Was für ein furchtbarer Mensch, dachte sie. Jeder Mann, der nur ein klein wenig Ehrgefühl in der Brust hat, hätte die Entschuldigung nicht wiederholt. Er war ja im Recht …
Oh ja, die kleine Cora wusste es ganz genau! Aber es kümmerte sie in diesem Falle nicht, ob sie ein Unrecht beging, denn das erste, viel größere Unrecht hatte der Mann begangen – und zwar indem er sie wie ein x-beliebiges Mädchen behandelt hatte.
„Das war meine zukünftige Frau, Friedmann.“ Baron von Rabenhorst lächelte seinem Sekretär zu. „Ein wenig verwöhnt und exzentrisch, aber schwerreiche Eltern. Na ja, Sie als Mann werden mich ja verstehen …“
Durch den Türspalt sah der Sekretär, dass sein Chef sich sein Glas inzwischen wieder neu eingegossen hatte. Offenbar brannte der Baron darauf, seine „Arbeit“ fortzusetzen.
***
Als Cora ihr Elternbaus betrat, lag ein zärtliches Lächeln auf ihrem Gesicht. Sie presste die beiden Pakete, die sie unter dem Arm trug, liebevoll an sich, als enthielten sie eine große Kostbarkeit.
Mamsell Lina befand sich, wie immer um diese Zeit, in der Küche, um das Abendessen vorzubereiten. Ihr Gesicht erhellte sich, als die Tochter des Hauses ihr einen freundlichen Gruß bot.
„Morgen kommt doch Rose wieder, und ich habe ihr ein paar Kleinigkeiten mitgebracht, Lina.“ Cora drückte der Mamsell die Pakete in die Hände und lief dann hinaus, bevor Lina sie noch auspacken oder...




