E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Somekh Weitwinkel
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7099-3880-5
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-3-7099-3880-5
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als zugleich ITALIENISCHER UND JÜDISCHER SCHRIFTSTELLER verknüpft SIMONE SOMEKH zwei große kulturelle Traditionen Europas. 1994 in Turin geboren und aufgewachsen, lebte er auch in Israel und den USA. Zurzeit arbeitet er als Autor und Journalist in New York. Er schrieb bisher u.?a. für The Associated Press, Tablet Magazine, Vanity Fair Italy, Corriere della Sera und The Jerusalem Post. Bei Haymon erscheint mit 'Weitwinkel' Simone Somekhs Debütroman in deutscher Übersetzung. ANNA ROTTENSTEINER wurde 1962 in Bozen/Italien geboren und ist Autorin, Übersetzerin und Herausgeberin. 2017 wurde sie mit dem 'Internationalen Literaturpreis Merano Europa' für die beste Lyrikübersetzung vom Italienischen ins Deutsche ausgezeichnet.
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EINS
Tante Suzie bot mir zu essen an
und ich lehnte ab. „Du rufst mich an und bittest um Hilfe, weigerst dich dann aber, von meinen Tellern zu essen?“, sagte sie sichtlich verärgert. Tante Suzie sah mit ihrer rabenschwarzen Mähne sicher meiner Mutter ähnlich, bevor sich diese den Kopf bedeckte und lange züchtige Kleider trug. Eine Frau, die selten lächelte, aber im Gegensatz zum ersten Eindruck, den man von ihr gewann, voller Lebenslust war.
Von meinen Tellern hatte sie gesagt, nicht von meinen Speisen. Darum ging es nämlich: nicht um die Speisen, die auf den Tellern serviert wurden, sondern um die Teller selbst. Tante Suzie hätte mir nie Hummer angeboten oder Bauchspeck oder andere verbotene Speisen, doch allein die Tatsache, dass auf den Tellern auch nur einmal eine solche gelegen haben mochte, machte diese unrein und unbrauchbar.
„Ich habe keinen Hunger“, log ich.
„Dann schau mir zu, während ich esse, denn ich bin hungrig, und zwar ziemlich.“
Sie begann zu kauen, und ich sah ihr wie verlangt dabei zu. Der Mensch kann wirklich abstoßend sein, wenn er isst, dachte ich. Also wandte ich meinen Blick von ihrem Mund ab und betrachtete das Esszimmer. Es war klein, ein paar Bilder und Nippes schmückten den schlecht beleuchteten Raum.
Tante Suzie nahm ihre Befragung wieder auf: „Wann hältst du den Zeitpunkt für gekommen, mich über den Grund deines Anrufs aufzuklären, Ezra?“
„Jetzt“, sagte ich. Ich zog ein weißes Kuvert aus meinem schwarzen Rucksack hervor, in dem ich Kopien der Fotografien aufbewahrte, wegen derer ich von der High School verwiesen worden war. Tante Suzie betrachtete die Fotos, unschlüssig, wie sie darauf reagieren sollte. Schließlich entschied sie sich für eine eigenartige Mischung aus verlegen, erschüttert und schelmisch, wobei sie in Wirklichkeit sicher nicht allzu überrascht war.
„Wer ist das?“
„Malka Portman“, antwortete ich, „die Schwester eines Schulkollegen, Moshe Portman. Sie ist schön, nicht wahr? Ihr Bruder prahlt immer damit, wie schön sie ist, also kam mir die Idee, sie in die Jungenetage zu schmuggeln, und dort habe ich sie dann in die Toilettenräume gebracht. Das sind meine besten Fotos, bisher.“
Tante Suzie sah ein Foto nach dem anderen an, und eines nach dem anderen drehte sie beim Weglegen so um, als hätte sie in jedem einzelnen die ganze Macht der Gesetzesübertretung wahrgenommen, und zwar nicht nur der Gesetze der Yeshiva High School.
„Mutter und Vater werden begeistert sein“, meinte sie ironisch.
„Nun, sie haben sie nicht gesehen. Aber sowohl Malka als auch ich wurden von der Schule verwiesen, und ich bin sehr glücklich darüber. Denn nun muss ich nicht mehr darum kämpfen, mich in einer anderen High School einschreiben zu dürfen.“
Natürlich hatte ich den Verweis nicht geplant. Niemand durfte die Fotos sehen, auch wenn ich im Innersten davon überzeugt war, dass sie mir eines Tages nützlich sein würden, sollte ich ernsthaft Fotograf werden wollen. Frauen zu fotografieren war in meiner Gemeinschaft ein Tabu. Oft kamen die Schüler bis zum Abschluss der High School, ohne einem Mädchen in die Augen geblickt zu haben. Ich hatte in die Augen von Malka Portman geschaut, und ich hatte sie fotografiert.
Die Fotos waren wunderbar, tausendmal besser als jene, die ich zu den Hochzeiten und den Bar-Mizwas machte, wo die Fotografierten von einer geologischen Schicht Make-up überzogen waren und die Lichter so gedimmt, dass sogar die Falten der ältesten Frauen verschwanden.
Ezra Kramer hatte seit jeher Eltern und Lehrern Sorgen bereitet. Jetzt wird er den Eltern aller Mädchen der Gemeinde Sorgen bereiten; und er wird, so dachte ich, jetzt auch den Rabbinern Sorgen bereiten. Erstmals wurde mir die Tragweite dessen, was ich getan hatte, bewusst. Ich war stolz auf die Fotografien, aber die Folgen dieser Schnappschüsse, die Frau Portman gefunden hatte, als sie das Zimmer ihrer Tochter aufräumte, waren verhängnisvoll. Judy Franzman würde mir nie wieder einen Keks anbieten, wann immer ich bei ihr auf einen Gruß im Geschäft vorbeischauen würde. Vater und Mutter würden mich vielleicht von zu Hause vertreiben. Vielleicht würde man mich für immer aus der Gemeinde ausschließen. Vielleicht hatte Ezra Kramer in der unbändigen Genialität eines fünfzehnjährigen Künstlers den Fehler seines Lebens begangen. Vielleicht wäre es besser gewesen, in jener Nacht im verqualmten Auto zu sterben.
Meine Eltern hatten mir zur Bar-Mizwa einen Fotoapparat der Marke Nikon geschenkt, kein Smartphone. Allein dieses Wort auszusprechen war in meiner Gemeinde verpönt, und nie hätte man eines dem eigenen Sohn geschenkt. Man assoziierte es mit Google, der Autobahn, die zu den Pornoseiten führte, wo die verheirateten Männer zum Ehebruch und die unverheirateten zur Verschwendung ihres Samens verleitet wurden. Ein Fotoapparat hingegen war weniger bedrohlich. Ich hatte ihn mir jahrelang gewünscht und stellte mir nun vor, wie ich zum Hafen abhauen würde, um die Pelikane zu fotografieren, während ich meinen Eltern sagte, ich würde ihn verwenden, um Fotos bei den Feiern der Gemeinde zu machen.
Nachdem ich ein gutes Hundert Fotos beim Purim-Festmahl geschossen hatte, zu dem der Rabbiner geladen hatte, fiel einem der Jungen der Gemeinde auf, dass ich Talent besaß. Eine Woche später rief mich verzweifelt der Vater von Binyomin Fischer an, der Fotograf habe ihn bei der Hochzeit seines Sohnes im Stich gelassen, zwei Tage vor der Feier, wegen eines „Missverständnisses, was die Zahlung betreffe“. Ich versprach einzuspringen und kam mit meiner Nikon zum Fest. Das Schönste daran war, dass ich jenen Bereich des Saals betreten durfte, der den Frauen vorbehalten war. Ich war der Fotograf. Kein anderer würde es wagen, die Mechiza zu überwinden, jene Vorrichtung, die Männer und Frauen in den Synagogen, bei den gemeinsamen Mahlzeiten, Hochzeiten und Versammlungen voneinander trennte.
Es sprach sich schnell herum, dass ich ein guter Fotograf war. Von nun an war ich bei jedem Fest der ultraorthodoxen Gemeinde von Brighton dabei. Ich hatte Talent, aber vor allem verlangte ich wenig Geld. Vielleicht war es aber auch das Vertrauen, das die Leute zu mir als Mitglied der Gemeinde hatten.
Dann kam der Zeitpunkt, an dem mich die Fotos von Gläser zertretenden Zwanzigjährigen und Pelikanen im Hafen von Boston zu langweilen begannen. Ich schlug meinen Schulkameraden vor, Modell zu stehen, doch sie gaben zurück, dass es ein Zeichen von Eitelkeit sei, sich fotografieren zu lassen, und Verschwendung von wertvoller Zeit, die man dem Studium der Heiligen Schriften widmen solle. Als Moshe Portman mir dann von seiner Schwester erzählte, wusste ich, dass der richtige Augenblick gekommen war. Malka war erstaunlicherweise offen dafür, und ich hatte keine Skrupel.
„Wie haben deine Eltern reagiert?“, riss mich Tante Suzie aus meinen Gedanken.
„Sie haben es wohl gerade erst erfahren, der Schuldirektor hat sie zu sich gebeten. Keine Ahnung, was sie sagen werden. Womöglich schicken sie mich auf eine andere ultraorthodoxe Schule, vielleicht außerhalb von Boston.“
„Eine sehr bittere Pille, die sie da zu schlucken haben. Sie werden sich der gesamten Gemeinde stellen müssen.“
„Ja. Wo auch immer sie mich hinschicken wollen, ich gehe da nicht hin. Schon gar nicht, wenn sie an Monsey denken. Die Yeshiva High School war schon ein Alptraum, und ich habe nicht vor, dieselbe Erfahrung irgendwo anders zu wiederholen.“
Tante Suzie nahm die Lesebrille ab, mit der sie die Fotos von Malka Portman betrachtet hatte. Sie sah mich mit jenem Gesichtsausdruck an, den ich so sehr an ihr liebte. Wusste ich doch, an ihn würde ich mich immer halten können.
„Du bist ein, nun ja, sagen wir, außergewöhnlicher Junge, außerhalb der Norm. Schau mich nicht so an, Ezra, es ist so. Vor allem aber, so sehr du jenen Leuten problematisch erscheinen magst“ – und wie sie dieses Wort betonte, war klar, dass es kein Kompliment war – „kann niemand leugnen, dass du sehr intelligent für dein Alter bist. In der Schule bist du Klassenbester und du hast es von klein auf geliebt, dicke Bücher zu lesen. Ich war immer der Ansicht, du bist für jene Schulen, wo dir nichts Konkretes beigebracht wird, viel zu gut. Hör zu, diese Geschichte ist deine Chance, auf eine Schule zu wechseln, die eines Schülers wie dir würdig ist.“
Die Tür zum Schlafzimmer von Mutter und Vater war zu. Seit jeher eine unüberwindbare Grenze für mich, hatte ich es mir schon als Kind zur Gewohnheit gemacht, durch sie hindurch Gespräche zu belauschen. Meistens waren sie nicht sehr erfreulich.
„Was haben wir nur getan, dass wir das verdienen? Was?“, flüsterte Mutter. „Gott bestraft uns. Ich spüre das.“
„Ich frage mich, was wir falsch gemacht haben. Wir haben ihn innerhalb der Gemeinde aufgezogen und dabei alle Regeln und alle Ratschläge des Rabbiners befolgt. Wir haben ihn auf unsere Schulen geschickt, und trotzdem. Da muss etwas sein, das wir falsch gemacht haben“, brach es aus Vater heraus.
„Woher hat er nur eine dermaßen perverse Idee? Sicher nicht von uns. Wir haben alles getan, um ihn von den Einflüssen der Menschen da draußen fernzuhalten.“
„Wir hätten nach der Hochzeit nach Monsey ziehen sollen, anstatt hier in Boston zu bleiben.“
„Sag das nicht. Der Rabbiner von Brighton ist die beste Führung, die wir haben konnten.“
Es folgten einige Minuten des Schweigens, während derer ich ganz flach atmete, um nicht gehört zu werden. Dann fuhr Vater fort: „Wir müssen...




