Söring | Rückkehr ins Leben | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Söring Rückkehr ins Leben

Mein langer Weg in die Freiheit nach 33 Jahren in US-Haft
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-641-27394-1
Verlag: C.Bertelsmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Mein langer Weg in die Freiheit nach 33 Jahren in US-Haft

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-641-27394-1
Verlag: C.Bertelsmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Jens Söring über seinen Kampf zurück ins Leben – nach 33 Jahren in US-Haft

Drei Jahrzehnte saß Jens Söring unter härtesten Bedingungen in US-Haft, verurteilt für den Mord an den Eltern seiner Freundin. Bis heute gibt es Zweifel an seiner Schuld. Er war 19, als er ins Gefängnis kam, fast sein gesamtes erwachsenes Leben hat er hinter Gittern verbracht. Was er dort erlebt und überlebt hat, prägt Jens Söring für immer. Nachdem er im Dezember 2019 auf Bewährung freigelassen wird, kehrt er im Alter von 53 Jahren nach Deutschland zurück. Eindringlich schildert Söring in seinem Buch sein erstes Jahr in Freiheit, wobei ihn auch immer wieder seine Erinnerungen ans Gefängnis einholen. Die aufwühlende Geschichte eines Mannes, der mit seiner Vergangenheit leben und sich eine Zukunft aufbauen muss, erfuhr eine riesige Medienresonanz.
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Zum Auftakt meines ersten Tages in der Freiheit gönne ich mir eine lange, warme, private Dusche und versuche, mich an die stark vibrierende elektrische Zahnbürste zu gewöhnen. Dann muss ich mich anziehen, aber ich weiß nicht, was. Meine Knastklamotten, mit denen ich gestern in Deutschland ankam, sind nach der langen Reise schmutzig und ich will sie – da bin ich wild entschlossen – ohnehin nie wieder auf meinem Körper spüren.

Die Familie, die mich aufgenommen hat, hat mir einige Kleidungsstücke besorgt, obwohl ich noch vom Gefängnis aus dar-
um gebeten hatte, mir nichts zu kaufen. Ich wollte mir meine Kleidung unbedingt selbst aussuchen, weil ich es kaum erwarten konnte, eigene Entscheidungen zu treffen. Glücklicherweise hat sich die Familie über meine Bitte hinweggesetzt und vorsichtshalber einige schlichte weiße T-Shirts und einen dunkelblauen Pullover in mein Zimmer gelegt. Zudem hat eine Amerikanerin aus meinem dortigen Unterstützerkreis zwei riesige Pakete mit Kleidung an meine neue deutsche Adresse geschickt, noch während ich in Auslieferungshaft war. Eines der beiden Pakete ist bereits vor mir in Hamburg angekommen, und so kann ich nun auch ohne Einkaufsbummel im Weihnachtstrubel zum ersten Mal in meinem Leben frei entscheiden, was ich den Rest des Tages tragen werde.

Als Jugendlicher besuchte ich eine religiöse Schule in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia, in der eine Uniformpflicht galt, und an der University of Virginia trugen damals alle Studenten so selbstverständlich identische Polohemden, Jeans und Turnschuhe, als ob es dafür eine Vorschrift gäbe. Die Uniformen in den britischen und amerikanischen Strafvollzugsanstalten bestanden dann meist aus hellblauen Hemden und Jeans; nur zwei Mal, 1999 und 2019, wurde ich in Gefängnissen untergebracht, in denen ich Overalls tragen musste, wie man sie aus dem Fernsehen kennt. Seit meiner Kindheit hatte ich also nicht mehr die Wahl gehabt zwischen dem gestreiften oder karierten Hemd, den engen oder weiten Jeans, den hellen oder dunklen Schuhen.

Ich probiere die geschenkten Klamotten meiner amerikanischen Freundin zuerst. Sie hat mich in der Abschiebehaft besucht und darum meine aktuelle Kleidergröße schätzen können. Trotzdem sind die meisten Sachen viel zu weit geschnitten, vermutlich weil Männer im land of the free ihre Bewegungsfreiheit sogar bei der Kleiderwahl verteidigen und es gerne bequem haben. Trotzdem finde ich ein Paar Jeans, das mit der Hilfe eines Gürtels auf der Hüfte gehalten werden kann, und mehrere Pullover, in denen ich zwar versinke, die mir aber zu Hause auf dem Sofa ganz sicher gute Dienste leisten werden.

Der dunkelblaue Wollpullover mit rundem Halsausschnitt von meiner Gastfamilie sitzt perfekt. Ich schaue in den Spiegel und sehe dort zum ersten Mal seit meiner Jugend einen Menschen, den ich tatsächlich als mich selbst identifizieren kann. Kleidung hat mir noch nie viel bedeutet, aber in diesem Moment erfahre ich am eigenen Leib, wie sie einem helfen kann, in kürzester Zeit ein buchstäblich selbstbewussterer Mensch zu werden. Ich ziehe den Pullover wieder aus und lege ihn vorsichtig in meinen Schrank zurück, um ihn nicht schmutzig zu machen.

Letztendlich fällt die erste echte Kleiderwahl meines Lebens nicht schwer. Noch immer stehen Reporter vor der Tür, und ich will die Wohnung erst mal nicht verlassen. Also ziehe ich die weit geschnittenen Jeans, ein weißes T-Shirt und einen gemütlichen grauen Pullover mit Rollkragen an, der vorne am Hals einen Reißverschluss hat. An den Füßen trage ich flauschige Hausschuhe.

Die dringend benötigten Unterhosen würden erst im zweiten Paket aus Amerika ankommen, das hängt seit Tagen beim Zoll in Frankfurt fest. Meine Freunde in Deutschland hatten wohl Hemmungen, für einen Unbekannten Unterwäsche zu kaufen, und so bietet ein Mitglied meiner Gastfamilie an, noch schnell welche zu besorgen. Ich nehme das Angebot dankend an und bitte darum, mir möglichst weite Boxershorts zu kaufen, so wie ich sie aus den USA kenne. Weil es die Deutschen im Gegensatz zu den Amerikanern aber offenbar auch untenrum gerne körperbetont haben, sind echte Boxershorts in der näheren Umgebung der Wohnung nur in einem homosexuellen Erotik-Shop, und zwar in Form eines Weihnachtsscherzartikels, zu bekommen. Und so trage ich am ersten Tag in Freiheit dunkelblaue Boxershorts mit kleinen Weihnachtsmännern in fragwürdigen Kostümierungen.

Zum Frühstück kommen meine engsten Freunde aus ihren Hotels, in denen sie die Nacht verbracht haben, wobei die Begrüßung so überschwänglich ausfällt, als hätten wir uns nicht gerade erst gestern Abend noch gesehen. Alle scheinen über Nacht Angst bekommen zu haben, dass meine Heimkehr nur ein sehr realistischer und besonders schöner Traum gewesen sein könnte, so erleichtert und glücklich fallen sie mir in die Arme. Als sich jeder persönlich davon überzeugt hat, dass ich tatsächlich hier bin, setzen wir uns zusammen an den großen Tisch im Wohnzimmer.

Eine Freundin hat eine riesige Auswahl verschiedener Brötchen vom Bäcker mitgebracht. Dazu gibt es Käse, Schinken, unglaubliche Mengen an Obst und fünf Sorten laktosefreie Nussnougatcreme. Wie jeder meiner Freunde weiß, spreche ich seit Jahrzehnten über Nutella, weil ich den Geschmack mit glücklichen Kindheitserinnerungen an Deutschland verbinde. Auch frisches Obst und Gemüse waren ein ständiges Thema bei Gefängnis-
besuchen, darum bekomme ich zu meinem ersten Frühstück einen Obstkorb mit vermutlich jeder Frucht, die im Dezember in Hamburg frisch aufzutreiben ist.

Am Anfang meiner Haftzeit gab es in den Gefängnisspeise-
sälen noch reichlich Obst und Gemüse. Doch im Laufe der Jahrzehnte wuchs der Druck auf die Institutionen, Geld einzusparen, und das ließ sich am einfachsten erreichen, indem man weniger, aber dafür hochkalorisches und billiges Essen auftischte. So wurden Erbsen und Apfelsinen zur Seltenheit, während Kartoffeln und Nudeln bei fast jeder Mahlzeit serviert wurden.

Im letzten Jahr meiner Haft kam einmal das Gerücht auf, zum Mittagessen bekäme jeder Gefangene zwei Lauchzwiebeln. Noch bevor unser Trakt zum Speisesaal gerufen wurde, waren erste Tauschgeschäfte bereits in die Wege geleitet. Als die Wärter endlich die große Eingangstür öffneten, schoben sich 64 erwachsene Männer gegenseitig aus dem Weg, um die Ersten zu sein, die ihre zwei Lauchzwiebeln bekommen würden.

Jetzt, am Frühstückstisch in Hamburg, darf ich verschiedene Sorten Obst probieren, sogar Kiwis liegen im Korb. Ohne Anleitung durch meine Freunde wüsste ich gar nicht, wie man sie isst. Erst als ich einen Bissen des süß-säuerlichen Fruchtfleisches schmecke, erinnere ich mich, dass ich in den 1980er-Jahren tatsächlich schon einmal eine Kiwi gegessen haben muss.

Beim Probieren der verschiedenen Delikatessen auf dem Frühstückstisch merke ich, dass ich schneller satt werde als alle anderen. Meine Freunde haben erwartet, dass ich wie ein Kriegsheimkehrer über das Essen herfallen würde, aber offensichtlich hat sich mein Magen an die kleinen Portionen im Gefängnisspeisesaal gewöhnt. Obwohl mein Appetit beim Anblick all der Köstlichkeiten fast grenzenlos ist, schaffe ich es darum nur, ein Brötchen mit Nutella, etwas Käse und ein paar Stücke Obst zu essen.

Nach dem Frühstück besprechen wir, wie ich mit den Pressefotografen vor der Haustür umgehen soll. Wir entscheiden gemeinsam, dass ich das Haus vorerst nicht verlasse, damit keine privaten Fotos von mir veröffentlicht werden. Zwar wäre meine Bewegungsfreiheit vorübergehend eingeschränkt, doch das würde mir sogar helfen, die vielen neuen Eindrücke in Ruhe zu verarbeiten.

Wenn einem so lange jegliches Leben verwehrt war, kann die plötzliche Freiheit einen immensen Druck mit sich bringen, all die entgangenen Erfahrungen schnellstmöglich nachzuholen. Die Aussicht darauf, nicht nach draußen zu gehen und die kommenden Tage erst einmal in der Wohnung zu verbringen, scheint mir darum insgeheim als regelrechte Erleichterung. Hier, in den sicheren vier Wänden, kann ich meine ersten kleinen Schritte machen, mich selber ausprobieren, bevor ich durch die Haustür in die große, fremde Welt gehe.

Wie unsicher mich selbst trivialste neue Erlebnisse machen, merke ich bei der Begegnung mit Winnifred, dem kleinen Bullterrier der Familie, die mich aufgenommen hat. Winni ist ein Menschenfreund, sie hat mich bei meiner Ankunft schwanz-
wedelnd und schnüffelnd noch vor der Haustür begrüßt. Als ich gestern Abend mit dem Taxi am Haus ankam, war sie zufällig auf dem Weg zu ihrem Pinkelplatz, und ehe ich michs versah, hielt ich ihre Leine in der Hand. Unter den Blicken der Reporter führte ich Winni ins Haus und die Treppe hoch, vermutlich zum Dank leckte sie mir daraufhin hingebungsvoll meine Unterarme. Statt mich darüber zu freuen, dass mich dieses liebe Tier ohne jeden Vorbehalt in sein kleines Hundeherz schloss, bekam ich erst einmal Angst. Winnis raue Zunge auf meiner Haut ließ mich fürchten, dass sie mich in jedem Moment beißen könnte.

Jahrzehntelang erlebte ich Hunde hauptsächlich als Bestandteil des Gefängnisapparats, der mir meine Freiheit nahm. Fast jeden Tag sah ich Wach-, Drogen- und Handy-Spürhunde auf dem Weg zu irgendeinem Einsatz, für diese Tiere konnte ich keine positiven Gefühle entwickeln. Als ich zwischen den Jahren 1999 und 2000 elf Monate in einer sogenannten Supermax-Haftan-
stalt verbrachte, wurde ich mehrmals von einem Wachhund und seinem Führer zur Dusche begleitet, wenn gerade eine allgemeine Razzia...


Söring, Jens
Jens Söring, geboren 1966 in Bangkok, wurde 1986 wegen des Doppelmordes an den Eltern seiner damaligen Freundin Elizabeth Haysom verhaftet und 1990 in den USA zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt. Er selbst beteuert bis zum heutigen Tag seine Unschuld. Im Dezember 2019 wurde er auf Bewährung freigelassen und nach Deutschland abgeschoben. Sein Buch »Rückkehr ins Leben« erfuhr eine gigantische Medienresonanz und wurde von einem großen Streaminganbieter in vier Teilen verfilmt. In Freiheit hat Jens Söring sich zum Redner ausbilden lassen. Heute sagt er: »Zu akzeptieren, dass man selbst verantwortlich ist, ist der Schlüssel, um sich freikämpfen zu können.«



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