E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Sölch Total behindert
1. Auflage 2024
ISBN: 978-88-7283-964-5
Verlag: Edition Raetia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft. Fragen, Antworten, Fakten
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-88-7283-964-5
Verlag: Edition Raetia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mareike Sölch, geboren 1988 in Landshut, Studium Tonmeister an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien. Von 2017 bis 2023 Musik- und Programmredakteurin bei Rai Südtirol, wo sie vertiefend zu Gesundheits- und gesellschaftsrelevanten Themen wie chronische Krankheit, Depression, Hass im Netz u. v. m. recherchierte. 2022 Staatsprüfung für Journalismus in Italien. Von 2023 bis Mai 2024 Journalistin im aktuellen Dienst von Rai Südtirol. Lebt und arbeitet seit Sommer 2024 in Linz, wo sie in ihrem Ursprungsberuf als Tonmeisterin tätig ist.
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Frage 2 Welche Sprache und welche Begriffe für Menschen mit Behinderung sind ok, welche nicht?
„Könnt ihr Krüppel nicht zur Seite gehen?“
Diesen Satz hörte Roland Mores in Meran, beim Asfaltart Straßenkunst Festival. Das Festival versteht sich als offene Kulturveranstaltung, für alle, die Spaß an hochwertiger Kultur mit Darstellerinnen und Darstellern aus ganz Europa haben, die Stadt steht kopf. Mores sitzt im Rollstuhl, ist zu 100% als Invalide, also als Mensch mit Behinderung anerkannt. Er war an diesem Tag mit einem Jugendlichen mit Behinderung und dessen Mutter unterwegs. Roland Mores und der Jugendliche fuhren mit den Rollstühlen am Publikum vorbei nach vorne, um eine Performance besser sehen zu können. Denn durch die sitzende Haltung im Rollstuhl ist ihre Kopfhöhe niedriger als die von Menschen, die keine Gehbehinderung haben. Man würde meinen, dass diskriminierende, beleidigende Begriffe wie „Krüppel“ nicht mehr zum sprachlichen Repertoire der Gesellschaft gehören. Hört man Roland Mores zu, dann tun sie das aber sehr wohl. Er erlebt Diskriminierung, die ausgesprochen wird, und zwar laut, jeden Tag. „Mit meinem elektrischen Rollstuhl muss ich auf dem Gehsteig fahren. Auf der Straße wäre es viel zu gefährlich“, sagt Mores. Da allerdings bekommt er einiges zu hören. Auch als „Spast“ ist Roland Mores schon bezeichnet worden.
Roland Mores ist Rollstuhlfahrer, in Meran lebend, Gründer und Präsident des Vereins „Rolling Eagles“. Er setzt sich seit Jahren vor allem für Freizeitangebote für Menschen mit Behinderung ein und durchkämmt die Stadt Meran systematisch nach barrierefreien WC-Anlagen für Menschen mit Behinderung. Mit seinem elektrischen Rollstuhl ist er täglich unterwegs, dabei wurde er schon des Öfteren beschimpft und beklaut.
Lernen Sie Roland hier persönlich kennen:
Darf man „behindert“ sagen?
Viele Menschen zögern, das Wort „Behinderung“ zu benutzen, aus der gewachsenen Idee, in einer sensiblen Gesellschaft sage man dieses Wort nicht mehr. Könnte dieses Wort vielleicht diskriminierend oder herabwürdigend sein? Die allermeisten Menschen mit Behinderung sowie auch Autorinnen, Aktivisten und Forschende mit Behinderung haben die Wörter „Behinderung“ und „behindert“ als Selbstbezeichnung etabliert. Behinderung beschreibt neutral einen Zustand des Körpers. „Mensch mit Beeinträchtigung“ wird auch von vielen benutzt und geht aus dem gleichen Grund in Ordnung. Aber auch hier gibt es Aktivisten, die sagen: Nennen wir das Kind beim Namen. Behinderung ist ein neutraler Ausdruck und soll auch einer bleiben.
Es versteht sich, dass dabei eine nichtneutrale, stark negative Konnotation des Begriffes „behindert“ durchaus diskriminierend ist – wenn etwa, hauptsächlich in der Jugendsprache, das Adjektiv „behindert“ als Beleidigung verwendet wird, um darzustellen, dass etwas schlecht sei.
Komplexer wird es bei weiteren Beschreibungen wie zum Beispiel dem aus dem Englischen entlehnten Begriff „Handicap“. Handicap ist ein defizitorientiertes Wort und wird deshalb auch im Englischen nicht mehr verwendet. Gleiches gilt dann auch für die deutsche Sprache. Ebenfalls in diese Sparte fällt die Bezeichnung „Mensch mit besonderen Bedürfnissen“. Dieser Ausdruck meint mit, dass Menschen mit Behinderung „besonders“ ergo „anders“ sind und „besondere Bedürfnisse“ haben, also „bedürftig“ sind und von der Gesellschaft etwas brauchen. Sie sind nach dieser Zuschreibung auf das Wohlwollen ihrer Mitmenschen angewiesen. Auch das trifft auf Menschen mit Behinderung nicht zu. Jeder Mensch, ob mit oder ohne Behinderung, möchte ohne Barrieren am gesellschaftlichen Leben teilhaben dürfen. Menschen mit Behinderung haben demnach weder besondere noch spezielle Bedürfnisse.
„Der Behinderte“ wiederum verkürzt etwas und reduziert den Menschen mit Behinderung auf eben nur das eine: seine Behinderung. Am elegantesten, am wenigsten diskriminierend und vor allem am zutreffendsten ist daher die Formulierung: Mensch mit Behinderung. So einfach, so beschreibend, so korrekt. Ein Mensch mit vielen Charaktereigenschaften, mit vielen Merkmalen, so anders und so gleich wie jeder Mensch, und eben ein Mensch mit Behinderung.
Zurück zu Roland Mores und seinem jugendlichen Begleiter. Roland Mores keift an diesem Tag in Meran ordentlich zurück. Weichen, um dem Konflikt auszustellen? Das hat er schon lange aufgegeben. Mores hat sich ein dickes Fell zugelegt, gewachsen über Jahrzehnte, abgehärtet durch die unverblümte und gedankenlose Grausamkeit der Mitmenschen. Sein junger Freund aber war mit den Nerven am Ende. Der Tag, der wie der jedes anderen Menschen ein schöner, entspannter, mit Kultur und vielen Eindrücken gefüllter Tag werden sollte, war gelaufen, der Junge in Tränen aufgelöst. Seine Mutter war wütend, sprachlos, und am Ende waren doch alle wenig überrascht. Sprache, die verletzt, tut es, wenn sie benutzt wird.
„Die an den Rollstuhl gefesselte Frau leidet an Autismus …“
Wie diskriminierende Sprache über Menschen mit Behinderung weiterhin genutzt wird und dass es inklusive Sprache im Übrigen auch nicht in die großen und kleinen Redaktionen schafft, das kann man im gesamten deutschsprachigen Raum und darüber hinaus verfolgen. Die Online-Plattform Leidmedien bietet Aufklärung und Weiterbildung an für alle, die sich für inklusive Sprache interessieren. Im Zuge dieser Sensibilisierung werden auch die No-Gos aufgearbeitet. Eine Frau „leidet“ an Autismus? Nein, sie ist einfach eine Frau mit Autismus, die nicht den ganzen Tag „leidend“ in der Ecke sitzt, sondern manchmal an den Umständen verzweifelt. Der Aktivist und Moderator mit Behinderung Raul Krauthausen „ist an den Rollstuhl gefesselt“? Jedenfalls schrieb das eine Zeitung über ihn. Krauthausen sagt dazu: „Sollten Sie einen Menschen sehen, der tatsächlich an einen Rollstuhl gefesselt ist, dann binden Sie ihn bitte los.“ Für Krauthausen ist der Rollstuhl das Mittel, um am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können, keine Einschränkung also, sondern sein Fortbewegungsmittel. Fesseln lasse er sich überhaupt nur noch, wenn es für den politischen Protest notwendig wäre, so Krauthausen.
Die sehbehinderte Barbara Flickert hörte im Radio über sich selbst, sie lebe in der Dunkelheit. Obwohl sie, wie viele andere Menschen mit Sehbeeinträchtigung noch Sehvermögen habe, überwiege das Bild der traurigen, einsamen Blinden. Viel hilfreicher wäre es, mehr über den Alltag von Menschen mit Sehbeeinträchtigung zu erfahren. Wie arbeiten und leben sie, wie gehen sie ins Kino und welche Hilfsmittel brauchen sie dazu?
Auch häufig gebraucht wird die Bezeichnung „taubstumm“. Dabei sind Menschen mit Hörbehinderung eigentlich nie „stumm“, denn sie können sehr gut über die Gebärdensprache kommunizieren. Leider wird die Abwesenheit von Dolmetschern und Dolmetscherinnen im Alltag noch nicht als Barriere wahrgenommen, sie ist aber eine ganz wesentliche. Hörbehinderte Menschen sind nicht kommunikationslos, sondern kommunizieren in einer anderen Sprache. Durch die Verwendung des Wortes „stumm“ im kombinierten Ausdruck „taubstumm“ hat man unterschwellig auch schon die Erklärung parat, warum man eigentlich auch selten Dolmetscher:innen braucht. Denn wenn die Person „stumm“ ist, dann hat sie wohl auch nichts zu sagen.
Thomas Gottschalk und der Junge im Rollstuhl
Es war die letzte Sendung von Urgestein Thomas Gottschalk als „Wetten, dass..?“-Legende. Sie war aus verschiedenen Gründen auch eine der denkwürdigsten, zum Beispiel weil der Moderator nicht mit sexistischen Kommentaren, unter anderem gegenüber der Rapperin Shirin David, hinter dem Berg hielt und am Ende in die Kamera sagte, er wolle eh nicht mehr moderieren. Denn man könne in diesen Zeiten nicht mehr sagen, was man wolle, und würde immer falsch verstanden werden.
In der Sendung war auch der 14-jährige Felix zu Gast, der eine Wette eingereicht hatte. Felix hat eine Behinderung und benutzt einen Rollstuhl. Gottschalk moderierte ihn an und sagte, der Junge sei „den ganzen Tag“ an den Rollstuhl „gefesselt“ und sei „trotzdem“ ein „ganz aufgewecktes Kerlchen“. Außerdem fragte Gottschalk den Jungen vor mehreren Millionen TV-Zuschauern ganz direkt nach seiner Diagnose. Zum einen bestätigte Gottschalk so die allgemeine Idee, dass Menschen mit Behinderung kein Recht auf Privatsphäre haben. Denn aus welchem Grund sollte Felix an diesem denkwürdigen Abend, an dem er in eine „Wetten, dass..?“-Sendung eingeladen wurde, seine Diagnose öffentlich machen wollen? Gottschalk war vielleicht der Meinung, dass er und sein TV-Publikum ein Recht auf diese Information...




