E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Smith Verrottet
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-86552-549-9
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: PC/MAC/eReader/Tablet/DL/kein Kopierschutz
Thriller
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-86552-549-9
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: PC/MAC/eReader/Tablet/DL/kein Kopierschutz
Noah lebt in einer abgelegenen Berghütte an der Ostküste Amerikas. Seit Jahren hat er keinen anderen Menschen mehr gesehen, denn eine Zombie-Seuche hat fast alle dahingerafft. Die Einsamkeit ist so unerträglich, dass sich Noah in stummer Verzweiflung langsam um den Verstand säuft.
Doch als überraschend seine Schwester Aubrey mit ihrem Freund auftaucht, erwacht Hoffnung in Noah: Er hätte nie gedacht, dass sie noch lebt.
So entschließt er sich, nach Westen zu ziehen, um Lisa zu finden. Auf dem College war sie seine große Liebe. Ihr Foto trägt er immer noch bei sich. Wahrscheinlich ist sie längst tot, aber jetzt hat er endlich ein Ziel …
Es gibt viele ›Road-Trip-durch-die-Apokalypse-Romane‹, aber nur wenige erreichen die emotionale Tiefe von VERROTTET (Slowly We Rot).
Autoren/Hrsg.
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6 Noah war schon durch die Tür, bevor er das Mädchen im Schaukelstuhl bemerkte. Er verfluchte sich sofort, weil er so dumm und kurzsichtig gewesen war. Er hatte es versäumt, die Gegend noch einmal durchs Fenster zu checken, bevor er nach draußen gegangen war. So ein dummer Fehler hätte ihn das Leben kosten können. Allerdings schien das Mädchen keine Waffe zu haben, außer sie hatte irgendwo eine versteckt. Und so klein und schlank, wie sie war, stellte sie offenbar auch keine Bedrohung dar. Ein flüchtiger Blick über die Lichtung schien zu bestätigen, dass sie alleine war. Das alles war keine Entschuldigung für seinen Leichtsinn, doch der Schock, plötzlich einer anderen lebenden Person gegenüberzustehen, ließ ihn diese Unachtsamkeit schnell vergessen. Das Mädchen hatte den Schaukelstuhl an den Rand der Veranda geschoben und schaukelte sehr langsam vor und zurück. Obwohl er ihr Gesicht nicht sehen konnte, hatte er den Eindruck, dass sie nicht sehr alt war. Ihr Haar war lang und schwarz ohne das geringste Weiß darin. Es fiel ganz glatt über ihre schmalen Schultern nach unten. Sie schaukelte vor und zurück, während weitere Augenblicke verstrichen, und schien ihn nicht bemerkt zu haben, obwohl sie das Quietschen der Tür gehört haben musste, genauso wie die schweren Schritte seiner Stiefel. Selbst nachdem er sie mehrere Minuten still betrachtet hatte, verebbte der Schock, sie dort zu sehen, immer noch nicht. Es fiel ihm schwer, sich davon zu überzeugen, dass sie real war, und er rechnete damit, dass sie jeden Moment verschwand, sich wie ein Geist in einem alten Film langsam in Luft auflöste. Aber das passierte nicht. Etwas beunruhigte ihn, etwas, das er nicht genau dingfest machen konnte. Plötzlich riss er die Augen weit auf. Diese Haare … sie schienen ihm merkwürdig vertraut. Er schüttelte den Kopf. Nein. Das kann nicht sein. Er schluckte schwer und musste darum kämpfen, einen Ton herauszukriegen. Ein einzelnes Wort entrang sich seinen Lippen, fast unhörbar: »Aubrey?« Ein kurzes Lachen war die einzige Antwort. Dasselbe Lachen, das er letzte Nacht gehört hatte. Er nahm allen Mut zusammen, ging von der Tür weg und stellte sich neben sie an den Rand der Veranda. Er stand ein wenig rechts von ihr und sah in ihr Gesicht. Sein Herz hämmerte wild. Er hatte recht gehabt. Seine Schwester war endlich nach Hause gekommen. »Aubrey … ich …« Sie schüttelte den Kopf und sah weiter geradeaus, anscheinend nicht geneigt, ihrem Bruder ins Gesicht zu sehen. »Ja, ich bin’s, deine süße Schwester. Überrascht?« Noah erschien das wie eine gewaltige Untertreibung. Er wusste nicht, was er sagen sollte, wahrscheinlich war es sowieso eine rhetorische Frage. »Du fragst dich sicher, wo ich die ganze Zeit gewesen bin und was ich gemacht habe.« Wieder bekam Noah keine Antwort heraus. Er hatte seine Gefühle kaum unter Kontrolle. Nachdem er so lange geglaubt hatte, sie sei tot, sollte er nun vermutlich glücklich sein – ja, außer sich vor Freude, dass sie so unerwartet wieder vereint waren. Er hätte sie in den Arm nehmen und so fest drücken sollen, dass sie keine Luft mehr bekam. Tatsächlich hatte er nur Angst und keinerlei Verlangen, sie auch nur zu berühren. Sie lachte wieder. Diesmal lag ein gemeiner Unterton darin. »Du hast nie nach Daddy und mir gesucht.« »Das ist nicht fair, Aubrey. Ich hatte ja keine Ahnung, wo ich hätte suchen sollen. Keinen Schimmer, wo Dad dich hingebracht hatte. Bis gerade eben war ich sicher, dass ihr beide tot seid.« Sie schnaubte verächtlich. »Das redest du dir ein, damit du nachts schlafen kannst.« Endlich sah sie ihn an. Ihre blassblauen Augen wirkten eingefallen und die ungesunde Blässe wies darauf hin, dass sie lange kein Sonnenlicht gesehen hatte. Sie trug ein schwarzes Kleid und ein Paar dreckige alte Joggingschuhe. Das Kleid hatte seine besten Tage lange hinter sich. Es war ziemlich abgetragen und an den Nähten hingen Fäden raus. »Ist mir egal, ich bin nicht gekommen, um mich mit dir zu streiten. Ich bin gekommen, weil ich wissen wollte, ob du noch da bist, denn wenn du gestorben wärst oder so, dann hätte ich dir vergeben können. Aber du siehst recht gesund und munter aus, Noah.« Noah spürte, wie ihm eine Träne die Wange hinabkullerte. »Aubrey …« »Wein mir keine Träne nach, Bruder. Jetzt, wo ich weiß, dass du am Leben bist, werde ich mich wieder vom Acker machen. Vielleicht sehen wir uns wieder, vielleicht nicht.« Ihr Blick wanderte über die leere Lichtung. »Wahrscheinlich nicht.« »Du solltest hier bei mir bleiben.« Aubrey schüttelte den Kopf. »Nein. Du willst mich hier nicht, glaub mir. Ich würde dich wahrscheinlich irgendwann im Schlaf töten.« Mehrere Minuten sagte keiner von ihnen ein Wort. Sie sahen beide zu, wie das Licht der aufgehenden Sonne das Tal erfüllte. Aubrey blieb auf dem Stuhl sitzen, obwohl sie gesagt hatte, sie wolle wieder gehen. Die ganze Pracht der Natur machte diesen Morgen keinen Eindruck auf Noah. Die bitteren Worte seiner Schwester hatten seine vorherige Angst verdrängt. Die Tränen flossen weiter, alte Gefühle wurden wach und zerrissen ihm fast das Herz. »Es tut mir leid. Du hast recht. Ich hätte nach dir suchen sollen.« Sie nickte. »Ja, das hättest du.« »Sag mir wenigstens, was passiert ist. Ist Dad …« Er verstummte, unfähig, es auszusprechen. »Ja, ist er. Er war schon knapp eine Stunde, nachdem du ihn das letzte Mal gesehen hast, tot.« Sie sagte es mit dumpfer, emotionsloser Stimme. Ihre Augen blickten ins Leere, als wäre sie mit den Gedanken ganz weit weg. Zum ersten Mal hatte Noah das Bedürfnis, sie zu berühren, sie irgendwie zu trösten. Aber er bewegte sich nicht. Er wusste, dass die Geste nicht willkommen war. »Wir sind schnell aus den Bergen rausgekommen. Die Straße war leer und Dad fuhr wie ein Irrer. Auf dem Highway nach Knoxville sah es aber anders aus. Das reinste Chaos. Überall liegen gebliebene und kaputte Autos. Und Horden dieser verfluchten toten Dinger.« Noah schüttelte den Kopf und versuchte es sich auszumalen. Es war anscheinend so gewesen, wie er es sich immer vorgestellt hatte. »Ihr hättet zurückkommen sollen.« »Wir hätten gar nicht erst losfahren sollen, aber Daddy hatte es sich in den Kopf gesetzt. Er hätte alles getan, damit es mir wieder besser geht.« Der Anflug eines Lächelns umspielte ihre Lippen und verschwand wieder. »Wir hatten es ein paar Meilen durch dieses Chaos geschafft, bevor ein Mann in einem Polizeiauto uns den Weg versperrte. Ich dachte, er wollte uns helfen, aber er wollte nur an mich ran.« Noah wurde von einem tiefen Grauen erfasst. »Du musst nicht darüber reden.« »Ich will aber darüber reden. Ich will, dass du weißt, was mir passiert ist, während du all die Jahre hier oben ein angenehmes Leben geführt hast.« Als er an all die Jahre erdrückender Einsamkeit dachte, konnte er gerade noch ein bitteres Lachen unterdrücken. Er fragte sich, was Aubrey wohl denken würde, wenn er ihr von seinem deprimierenden, einsamen Leben erzählen würde. Würde sie endlich etwas anderes für ihn empfinden als nur Wut und Hass? Was, wenn er ihr erzählte, wie oft er schon kurz davor gewesen war, sich das Leben zu nehmen? Vielleicht hätte sie dann wenigstens ein wenig Mitgefühl. Aber Noah widerstand dem Impuls, sich mit ihr zu streiten. Ihm war klar, dass ihre Verbitterung so tief ging, dass man ihr nicht mehr mit rationalen Argumenten zu kommen brauchte. Er wartete darauf, dass sie fortfuhr, aber sie war verstummt. Erwartungsvoll sah sie zu ihm auf, als hoffte sie auf einen Streit, den er jedoch nicht vom Zaun brechen wollte. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht wurde hart, als ihre Augen sich trafen. »Hast du nichts zu deiner Verteidigung zu sagen?« »Ich könnte eine Menge sagen, aber du würdest es nicht hören wollen.« »Da hast du recht. Deine Geschichte interessiert mich einen Dreck. Jahrelang wurde ich von einem Perversen in einem Keller gefangen gehalten.« Noah sah auf die Lichtung. Er konnte sie nicht länger ansehen und Tränen füllten erneut seine Augen. »Besser so, schau weg. Wenn du noch einen Rest an Gewissen hast, solltest du mich nicht ansehen. Der Perversling war früher ein Cop gewesen, deswegen konnte er Daddy überzeugen, den SUV zu verlassen. Das kranke Schwein trug seine Uniform und tat so, als wäre es immer noch im Dienst. Er tötete Daddy und hat mich geschnappt. Ich war zu schwach, um Widerstand zu leisten. Sobald er mich in seinem Keller hatte, hat er mir Antibiotika gegeben und es ging mir wieder besser. Hat aber nicht lange gedauert, bis ich mir gewünscht habe, er hätte mich einfach sterben lassen.« Noah atmete aus und sagte fast unhörbar: »Es tut mir leid.« Aubrey schnaubte. »Entschuldigung nicht angenommen. Er hat mich vergewaltigt, öfter als ich zählen konnte. Ich wurde schwanger. Bekam das Baby. Er hat es getötet, nur Augenblicke, nachdem es auf die Welt gekommen war, während ich auf dem verdreckten Boden lag und darum bettelte, das verdammte Ergebnis seiner Vergewaltigungen im Arm zu halten, weil es sich richtig anfühlte. Er lachte über meine Tränen und warf es in den Wald.« Noah verzog das Gesicht. »Herr im Himmel.« »Der hat damit nicht das Geringste zu tun.« Aubrey erhob sich aus dem Schaukelstuhl und stellte sich...




