Smith | Endspiel | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 428 Seiten

Smith Endspiel


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7568-6687-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 428 Seiten

ISBN: 978-3-7568-6687-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Frühsommer 2010. Während die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Südafrika um den WM-Titel spielt, befindet sich Lionel, Doktorand der Geschichte, in einer Sinnkrise. Sein Freund Ed vermittelt ihm einen Job in der Villa Lichtblick, wo Lionel alten Menschen die Welt des Internets erschließen soll. In der Seniorenresidenz am Frankfurter Dornbusch lernt er die 79-jährige Elena Morgenstern kennen, die sich auf leisen Sohlen in sein Leben schleicht. Eines Tages drückt sie ihm einen Koffer mit Tagebüchern und Briefen in die Hand. Lionel soll festhalten, was nach ihrem Tod dem Vergessen anheimfiele, vor allem aber das Andenken Seraphins bewahren, der Liebe ihres Lebens. Im Mittelpunkt ihrer Aufzeichnungen steht der Auschwitz-Prozess, der den Leidensweg ihres Mannes nachzeichnet und Elena einst dazu ermutigte, sich ihrer eigenen Vergangenheit zu stellen. Für seinen Roman Endspiel erhielt Pete Smith 2012 den vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst verliehenen Robert Gernhardt Preis. Rezensionen: "In Endspiel findet Pete Smith eine leise, zart bebilderte Sprache. Der Roman ist wie ein schwarzgrundiertes Aquarell, ausgefranst an den Rändern und von Zweifeln getragen." Anne Kuhlmeyer, Culturmag "Das Buch hat mich sehr berührt, es ist auf so vielen Ebenen klug, taktvoll, gut recherchiert, liebevoll und gleichzeitig schonungslos, daß ich es gar nicht ausgelesen haben will. Absolute Leseempfehlung. Michaela Conrad "Endspiel ist ein komplexer und differenzierter Roman, akribisch recherchiert, sprachlich vielfältig und niemals langatmig oder zu schwer." Maria Knissel, Amazon "Ein großartiges Buch, das jede Schulbibliothek in ihr Regal stellen sollte." Barbara E. "Dieser Roman hat mich sehr bewegt und gefangen genommen." Jarmila Kessler

Pete Smith wurde 1960 als Sohn einer Spanierin und eines Engländers im westfälischen Soest geboren. An der Universität Münster studierte er Germanistik, Philosophie, Publizistik und Kunstgeschichte. Nach seinem Magister-Examen arbeitete er zunächst als Kulturredakteur an einer Zeitung, bevor er sich als freier Schriftsteller niederließ. Er schreibt Romane, Erzählungen, Kurzgeschichten, Essays sowie Kinder- und Jugendbücher. Mehrere seiner Romane wurden in andere Sprachen übertragen. Für seinen Roman "Endspiel" erhielt der Autor 2012 den Robert-Gernhardt-Preis, verliehen vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Smith lebt in Offenbach am Main.

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1
Tosender Applaus, an- und abschwellend wie ein raues Meeresrauschen. Gesichter: erregt, verschwitzt, ungläubig. Ulis ausdruckslose Augen. Ein langhaariges Mädchen, eingewickelt in eine schwarzrotgoldene Fahne. Hupende Autos. Jäh verwandelt sich das Rauschen in Regen, der gegen den Rollladen prasselt, Schritte im Treppenhaus, Stimmen, ein Knall – endlich öffne ich die Augen, der Wecker neben mir blinkt, elf Uhr? Offenbar habe ich zwölf Stunden geschlafen. „And finally, our twelve points go to: Germany!“ Ich lange hin und drücke Knöpfe, aber das Display hört nicht auf zu blinken, bis ich den Stecker ziehe, mich aufrichte und zurückfalle ins nachtwarme Kissen. Ich schließe die Augen. Einen Moment lang habe ich das Gefühl, als ob Samstagnacht, die Nacht von Oslo, genau in diesem Augenblick endet. „Das ist nicht wahr, oder?“ „Ich hab’s dir gesagt!“ „Kann das denn sein – selbst die Dänen wünschen uns den Sieg!?“ Wir sitzen auf dem Boden und trinken Cocktails. Armin hat uns gebeten, die Gläser in der Hand zu behalten. Für die ESC-Party hat er sein Wohnzimmer leergeräumt. Über der Tür hängt ein Beamer und bläht das Fernsehbild auf Kinoleinwandformat. Stefan Raab strahlt in die Kamera mit Zähnen so breit wie ein Sofa. Love, I got it bad for you, I saved the best I have for you, you sometimes make me sad and blue. „Shit!“ Edgar gräbt seinen Daumen in meinen Arm. Vor der Leinwand kickt die Frau mit dem weißen Kleid gerade ihren zweiten Schuh vom Fuß. Ihre Finger schieben sich unter den Saum, ziehen am Stoff, halten die anderen auf Distanz. „Sag ihr, sie soll damit aufhören!“ „Sag’s ihr selbst.“ „This is not real!“ Ed rückt von mir ab, Uli schlüpft in die Lücke. „Amüsiert ihr euch? Ich geh dann mal. Nein, bleib nur. Wir telefonieren, okay?“ Einen ganzen Tag höre ich nichts von ihr. In der Nacht schickt sie mir eine SMS. Tut mir leid. Mehr nicht. Was will sie mir damit sagen? Was tut ihr leid? Warum sagt sie nicht endlich, was mit ihr ist? Ich lasse das Fahrrad stehen und nehme die Bahn. Ob Edgars Vision tatsächlich aufgeht? Ich habe keine Erfahrung im Umgang mit alten Menschen, meinen Großeltern bin ich nie begegnet. Dabei hätte ich ihren Vater geliebt, schwärmt Ma, bei ihrer Mutter ist sie sich offenbar nicht so sicher. Leider sind beide schon lange tot. Sankt Patrick dagegen schweigt sich über cross-generational relationships aus. Ob seine Eltern noch leben, weiß er nicht. Behauptet er zumindest. Für ihn sind sie so oder so vor langer Zeit gestorben. An der Alten Oper fordert uns eine Lautsprecherstimme auf, auszusteigen. Außerplanmäßige Wartungsarbeiten, man bitte um Verständnis. „Wartungsarbeiten!“, höhnt ein Mann mit Schiebermütze und spuckt vor mir aus. „An einem Montag! Hat denen einer ins Hirn geschissen?!“ Draußen klatschen dicke Tropfen aufs Pflaster. Ich sprinte bis zum Eschenheimer Tor, zwänge mich in ein überfülltes Abteil der U 3 und hole vier Stationen später am Dornbusch wieder Luft. Eine Frau, die ich nach dem Weg frage, schickt mich in die falsche Richtung, ich verfluche sie, ich verfluche Edgar, ich verfluche sein Gefasel vom anstrengungslosen Wohlstand, den er mir, seinem besten Freund und ersten Angestellten, angedeihen lässt: Wirst schon sehen, der Job deines Lebens, dein erster Beitrag zum Generationenvertrag. „Villa Lichtblick, aber ja doch“, rettet mir ein Postbote den Tag und deutet auf einen verschnörkelten Palast hinter mir, den ich für ein Ensemble luxuriöser Eigentumswohnungen gehalten habe. „Da würde ich meinen Lebensabend auch gern verbringen.“ Die gläserne Tür öffnet sich lautlos. Akanthusornamente an den matt schimmernden Wänden, vier marmorne Säulen, in deren Mitte ein tief hängender Kronleuchter aus lichtblauem Glas, der sich im schwarzen Granitboden spiegelt. Über dem Rand des barocken Tresens lugt der platinblonde Schopf einer Frau. Offenbar telefoniert sie. Ich trete näher und warte. Nach einer Weile sieht sie auf. „Was kann ich für Sie tun?“ Ich nenne meinen Namen, worauf sie in ihrem Empfangsbuch nachsieht und, das Telefon weiter am Ohr, um den Tresen herum in den Gang zu ihrer Rechten deutet. „Die letzte Tür links. Herr Dr. Engelhardt erwartet Sie bereits.“ Bevor ich den Lichthof am Ende des Flurs erreiche, schwingt vor mir eine Tür auf. Ein hoch gewachsener Mann, dichtes dunkles Haar, randlose Brille, gestutzter Bart, eilt mit ausgebreiteten Armen auf mich zu. „Mein lieber Herr Kaufmann, da sind Sie ja, wie schön, Sie endlich kennenzulernen!“ Bevor er mich umarmt, strecke ich ihm die Hand entgegen. „Engelhardt. Dr. Engelhardt. Haben Sie gut hergefunden?“ Er trägt einen eng geschnittenen, anthrazitfarbenen Anzug, ein schwarzes Hemd mit grauer Krawatte und, wenn ich mich nicht täusche, rahmengenähte Oxford-Schuhe aus Ziegenleder. Ein Hauch Escada weht ihm voraus. Sankt Patrick und er wären sicher die besten Freunde. „Die Freude ist ganz meinerseits, Dr. Engelhardt“, antworte ich mit Betonung auf seinen Doktor, während mein Über-Ich mahnt, dass ich meine Promotion längst hätte abschließen können, so wäre das Gleichgewicht der Kräfte gewahrt. Davon weiß Dr. Engelhardt nichts und will es nicht wissen. Er drängt zur Eile. Meine Schülerinnen warteten bereits und seien schon sehr gespannt. In einem rundum verspiegelten Aufzug gleiten wir in den zweiten Stock. Egal, wohin ich blicke, entrinnen kann ich mir nicht. Strähnig hängt mir das Haar im Gesicht, mein nasses Jackett wirft rücklings Falten, und die schwarze Jeans klebt wie Latex auf der Haut. Dr. Engelhardt ist höflich genug, an meinen Spiegelbildern vorbeizusehen. „Wir freuen uns wirklich sehr, dass wir dazu gehören dürfen“, sagt er und gerät regelrecht ins Schwärmen. „Das Internet, mein Gott, was wären wir ohne, wenn ich nur an meine Kinder denke, ohne Facebook oder WhatsApp. Nicht auszudenken! Selbst meine Frau bekomme ich abends kaum noch zu Gesicht. Vor kurzem hat sie auf einer Schulseite im Internet ihre verschollen geglaubte Freundin aufgespürt. Kennen sich schon seit dem Sandkasten, stellen Sie sich das einmal vor!“ Der weiche Kunststoffboden, Ahorn-Imitat, dämpft jeden Schritt. An den pastellfarbenen Wänden hängen großzügig gerahmte Aquarelle – Muscheln, Sandwellen, Sonnenschirme. Durch die bodentiefen Fenster genießt man Weitblick bis zum Feldberg. „Im ersten und zweiten Stock befinden sich unsere Pflegestation und die Gemeinschaftsräume“, erklärt Dr. Engelhardt, während wir zügig voranschreiten. „Im dritten und vierten Stock haben wir das betreute Wohnen untergebracht. Die Patienten auf der Pflegestation werden rund um die Uhr versorgt. Demenzkranke, Krebspatienten, einige können sich nur noch unter großen Schmerzen bewegen. Wir sind für sie da, sehen Sie, wir leisten das, was früher die Angehörigen getan haben. Wir sind ihre Familie.“ Auf der Hälfte der Strecke öffnet sich der Flur zu einem kleinen Foyer. An fein dekorierten Bistrotischen sitzen sieben oder acht Heimbewohner, einige im Rollstuhl, kaum einer sieht auf. Eine Schwester streichelt einer uralten Frau übers schüttere Haar. Dr. Engelhardts Gruß ist nicht zu überhören, bleibt aber ohne Reaktion. Ein Mann mit Stoppelbart, der sich auf seinen Krückstock stützt, hebt, da ich ihm zunicke, majestätisch die Hand. Neben ihm krümmt sich eine Frau in ihren Stuhl und schnappt nach Luft. „Da sind wir schon“, strahlt Dr. Engelhard. Er steuert auf eine offene Tür zu. „Für Ihre Einführung, denke ich, eignet sich unser Gemeinschaftsraum am besten. Aber das ist nur eine Übergangslösung. Wir sind dabei, ein Studio einzurichten, vier Online-Plätze, die Rechner werden nächste Woche geliefert.“ Der Raum ist groß und hell. Um einen ovalen Tisch herum sitzen vier Frauen, die uns ansehen, ohne meinen Gruß zu erwidern. Am Fenster erhebt sich eine Dame und kommt mit leichten Schritten auf uns zu. Ihre schlohweißen Haare sind nach hinten gekämmt, in ihrem Ohrläppchen glänzt eine Perle. Grace Kelly trägt als einzige ein Kleid, schwarz mit weißen Applikationen, und eine Kette aus perlmuttfarbenen Ringen. „Frau Morgenstern, Herr Kaufmann.“ Bevor ich ihr die Hand reiche, schiebt sie ihre Brille über die Stirn. „An die Stille werden Sie sich gewöhnen müssen, junger Mann“, sagt sie. „Einigen meiner Altersgenossen fällt selbst das Grüßen schwer.“ Ihre Augen, blau wie Gletschereis, lächeln, ihr Mund lächelt nicht. „Kommen Sie“, sagt Dr. Engelhardt und führt mich zu den anderen. „Darf ich vorstellen: Frau...



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