E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Smith Das Mädchen vom Bethmannpark
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7583-6272-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-7583-6272-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Unweit des Frankfurter Bethmannparks entdeckt ein Anwohner eine bewusstlose junge Frau, die sich, als sie erwacht, an nichts erinnert: weder wie sie heißt noch wo sie wohnt noch was mit ihr passiert ist. Offenbar leidet sie an Amnesie. Während sich Ärzte ihrer annehmen, bemüht sich die Polizei, die Identität der mysteriösen Fremden zu ermitteln. Doch niemand scheint sie zu vermissen. Unterdessen verzweifelt Jakob, Ergotherapeut in der Neurologischen Rehaklinik Kirschwald, zusehends am Schicksal seiner Patienten. Oft erzählt er ihnen Episoden aus Biographien berühmter Persönlichkeiten und ermuntert sie, vorübergehend in deren Leben zu schlüpfen. Indem sie sich in Edgar Wallace, Albert Einstein oder Coco Chanel verwandeln, sollen sie, die durch Unfall oder Krankheit den Bezug zu sich selbst verloren haben, Hoffnung und Lebensmut schöpfen. Währenddessen fehlt es Jakob in seinem Leben selbst an Zuversicht. Seine Freizeit verbringt er weitgehend allein. Die einzig lebende Verwandte ist seine Mutter, die als Professorin für katholische Theologie in den USA lebt. Echte Freunde hat er nicht. Kontakt pflegt er nur zu einigen alten Schachspielern, die er bei schönem Wetter im Bethmannpark trifft. Als die junge Amnestikerin in die Reha verlegt wird, kreuzen sich die Wege der Protagonisten. Jakob ist von der geheimnisvollen Schönen auf Anhieb fasziniert. Umso mehr, da sie ihn an ein Mädchen erinnert, in das er als Junge unsterblich verliebt war. Bald teilt man ihm die neue Patientin zu, um sie auf ein Leben außerhalb der Rehaklinik vorzubereiten. Da sie einander näherkommen, sieht sich Jakob genötigt, sein eigenes Leben neu zu erfinden: Er gibt vor, in seiner Freizeit seltsame Apparaturen zu erfinden, wodurch er seine Patientin tatsächlich beeindrucken kann. Daneben fahndet er wie besessen nach ihrer wahren Identität. Bis ihm sein Schachkumpan Lewandowski, ein ebenso kauziger wie zwielichtiger Pole, eröffnet, dass er es war, der die Frau ohne Gedächtnis als erster entdeckt hat. Mehr noch: Lewandowski bietet ihm persönliche Dinge aus ihrem Besitz, verlangt dafür jedoch eine Gegenleistung. Was macht die Identität eines Menschen aus? Das Thema des Romans manifestiert sich in seinen Figuren: in der katholischen Feministin, dem undurchsichtigen KZ-Überlebenden, dem gestrandeten Argentinier, dem als Baby vertauschten Macho, dem schwulen Familienvater, den ihrer Identität beraubten oder entrückten Patienten und nicht zuletzt in den beiden Protagonisten: Jakob und Penelope
Pete Smith wurde 1960 als Sohn einer Spanierin und eines Engländers in Soest geboren. An der Universität Münster studierte er Germanistik, Philosophie und Publizistik. Nach seinem Magister-Examen arbeitete er zunächst als Kulturredakteur, bevor er sich als freier Schriftsteller in Frankfurt am Main niederließ. Er schreibt Romane, Erzählungen und Essays. Für seinen Roman "Endspiel" wurde er 2012 mit dem Robert-Gernhardt-Preis des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst ausgezeichnet.
Autoren/Hrsg.
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1 Ein Schrei weckte sie. Er war ganz nah an ihrem Ohr. In ihrem Ohr. In ihrem Kopf? Schmerz durchzuckte sie wie ein Blitz, der wieder und wieder aufflammt. Sie zitterte. Ihr war kalt. Als sie die Augen öffnete, sah sie ein Kind. Seine Augen waren aufgerissen, die Wangen nass. „Ich … ich…wollte … aber … ich … bitte …!“ Warum schrie das Kind so? Was war denn los? Waren das Tränen in seinem Gesicht? Plötzlich sprang das Kind auf und rannte weg. Sie drehte den Kopf. Erneut stach der Schmerz in ihre Stirn. Das Kind, ein Mädchen mit einer Puppe, verschwand in einer Toreinfahrt. Rote Hose mit großen Taschen und weiße Schuhe. Der Blitz löschte das Bild. Das grelle Licht zog sich zusammen zu einem Fleck, zu einem Punkt. Dahinter Schwärze, die sie mit sich fortriss. Finsternis. Stille. Mit einem Mal war das Mädchen wieder da. Stupste sie an, zerrte an ihr. Von fern hörte sie eine Stimme. Sie wollte nicht, wehrte sich, zwang sich aber, die Augen zu öffnen. „Sie da, was ist denn mit Ihnen?“ Das Kind hatte sich in einen alten Mann verwandelt. Ein Weißkopf mit dunkler Haut. Er zupfte an ihrem Arm. „Aber ich will Ihnen doch nur helfen!“ Die raue Stimme des Alten bekam einen flehenden Klang. „Ich rufe den Notarzt. Ich bin gleich wieder da.“ Notarzt? Warum siezte er sie? Sie verstand ihn ebenso wenig wie das Kind. Was geschah mit ihr? Was wollten die alle von ihr? Warum ließen sie sie nicht in Ruhe? Hinter dem Alten sah sie eine dunkle Straße, parkende Autos, eine Häuserschlucht mit hellen Flecken. Wo war das? Warum war ihr so schrecklich kalt? Der Alte hatte einen Taschenrechner in der Hand. Tippte darauf herum. Hielt ihn sich ans Ohr. Der war ja völlig übergeschnappt! Jetzt fing er auch noch an zu schreien. Rannte um sie herum. Starrte sie an, als ob sie an seiner Aufregung schuld sei. Junge Frau … Berger Straße … Kommen Sie schnell! „Die Arme braucht Hilfe!“, keuchte der Mann. „Sie blutet am Kopf. Kommen Sie schnell!“ Angst kroch ihr den Nacken hoch. Sie versuchte wegzurobben, doch der Schmerz hielt sie zurück. Sie blutet am Kopf. Plötzlich war sein zerfurchtes Gesicht wieder über ihr. Er roch aus dem Mund. „Wie heißen Sie?“, brüllte er. Sie kannte den Geruch, den Gestank, nur woher? „Wo wohnen Sie? Soll ich jemanden benachrichtigen?“ Sie stöhnte. Sein Griff. Seine Schreie. Taten ihr weh. „Ich habe den Notarzt verständigt, er wird gleich hier sein. Halten Sie durch!“ Sie schloss die Augen. Berger Straße. Sie versuchte, sich zu erinnern. Berger Straße. Blitze flammten auf und zogen sich wieder zusammen. Tränen rannen ihr über die Wange. Oder Blut? Sie kannte keine Berger Straße. Junge Frau. Die Arme braucht Hilfe. Sie presste ihre Hände gegen die Schläfen. Was geschah mit ihr? Wie kam sie an diesen Ort? Der Alte verstummte. Sie wagte nicht, die Augen zu öffnen. Plötzlich vernahm sie ein Flüstern in ihrem Ohr. Padre nuestro que estás en los cielos … In ihrem Kopf? … santificado sea tu nombre … Wie ein Lied, das sie kannte. … venga a nosotros tu reino … Nur woher? … hágase tu voluntad … Die Worte trugen sie fort. … así en la tierra como en el cielo. *** „Ihr Name…Verraten Sie mir bitte Ihren Namen?“ Auch der Alte hatte sich verwandelt. Der Mann, der jetzt vor ihr kniete, war jung. Er hatte rosige Haut, eine dicke Nase und knopfschwarze Augen. Seine orange, seltsam glitzernde Weste schien zu leuchten und blendete sie. Sein Oberkörper schwankte. Eine blonde Strähne fiel ihm ins Gesicht. Böse sah er nicht aus. „Mein Name ist Lahm, Philipp Lahm, wie der ehemalige Fußballer. Ich bin hier, um Ihnen zu helfen. Können Sie mich verstehen? Sie haben eine Platzwunde am Kopf. Haben Sie Schmerzen?“ Schmerzen, ja. „Wenn ich hier anfasse, fühlen Sie das?“ Sie stöhnte, weil ihr der Schmerz vom Hinterkopf in die Stirn schoss. Er legte ihr eine Hand auf die Stirn. „Haben Sie Medikamente eingenommen?“ Kalte Hand auf der Stirn. Auch das kannte sie. „Wohnen Sie in der Nähe? Sollen wir jemanden verständigen?“ Um sie herum standen Menschen im Halbkreis und gafften sie an. Sie schloss die Augen. Ihr Name … Medikamente … Wo wohnen Sie ... Jede Frage bohrte den Schmerz noch tiefer in ihre Stirn. Wieder fühlte sie, wie es warm ihre Wange hinabrann. Vorhin … Sie blinzelte. Wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. Vorhin ... da hatte sie ... „Haben Sie keine Angst“, sagte der Mann mit dem rosigen Gesicht. „Wir bringen Sie ins Bürgerhospital, dort wird man sich um Sie kümmern.“ Sie sah an ihm vorbei auf die Ziegelsteine des nächstliegenden Hauses. Die Toreinfahrt erinnerte sie an etwas, aber sie kam nicht darauf. Was hatte er gerade gesagt? Er wollte jemanden verständigen. Nur wen? Sie kannte doch niemanden. Hinter ihm tauchte eine Frau auf. Groß, stämmig, kurzes, schwarzes Haar. Auch sie in einer orangen Weste. Gemeinsam halfen sie ihr auf und führten sie zum Auto. Der Mann – wie hieß er nochmal? – half ihr auf ein Bett. Als er am Kopfteil ruckelte, stöhnte sie auf. Der Schmerz war so heftig, dass ihr augenblicklich schlecht wurde. Sie würgte, drehte den Kopf zur Seite und erbrach sich. Wieder fühlte sie seine kalte Hand auf ihrer Stirn. Das Bett hob sich, jemand schob es in den Wagen. Neben ihr öffnete sich eine Tür. Die Orangenfarbige kletterte in den Wagen. Kurz hintereinander krachten zwei Türen ins Schloss. „Wie geht es Ihnen?“ Der Mann legte drei Finger auf ihren Unterarm und starrte zur Decke. „Sie müssen keine Angst haben. Bis zum Bürgerhospital sind es nur wenige Minuten.“ Er ließ sie los, lächelte. „Ihr Puls ist in Ordnung. Schauen Sie mich bitte an.“ Sie gehorchte. Er zog einen Füller aus seiner Hosentasche und richtete ihn gegen ihr Auge. „Ich muss Ihnen jetzt in die Augen leuchten.“ Plötzlich zuckte ein Licht auf. Sie erschrak und kniff die Augen zusammen. „… Reflexe … Kreislauf stabil … Arm … bitte geben Sie mir Ihren Arm …“ Was wollte er denn jetzt mit ihrem Arm? Ihr Kopf drohte zu platzen. Sie musste hier raus. Sie schob ihre Beine von der Trage. Doch der Mann hielt sie zurück. „Sie können nicht gehen, wir wollen Ihnen doch nur helfen.“ Warum siezten sie alle? Sie war doch ein Kind! Eine merkwürdige Leere nistete in ihrem Kopf, als ob die Blitze alle Wörter zu Asche verbrannt hätten. Der Mann tupfte auf ihrem Gesicht herum, wischte über ihre Stirn und drückte etwas Weiches gegen ihren Hinterkopf. Währenddessen redete er in einem fort, als ob er ihren leeren Kopf mit seinen Worten vollstopfen wollte. Seine Worte taumelten durch ihr Hirn und purzelten am anderen Ende wieder heraus. Ihr Bett ruckte. Sie fuhren los. Sie presste die Augen zusammen. Ergab sich in ihr Schicksal. Spürte die Vibration. Hörte Stimmen. Versuchte sich zu erinnern. Berger Straße. Der alte Mann. Auch er hatte sie gesiezt. Ein Mädchen hatte geweint. Ein Mädchen mit einer Puppe. Sie beugte den Kopf. Verwirrt. Der Mann mit der rosigen Haut redete mit der Schwarzhaarigen. Sie drehte den Kopf. Schränke. Steckdosen. Eine blau gepolsterte Bank. Kabel. Schläuche. Ein Bildschirm. Darüber eine Box mit Papiertüchern. Ein Hammer an der Wand. Ein Kanister … Das Auto bremste. Ihr Bett ruckte vor. Ein Messer bohrte sich in ihre Stirn. Sie stöhnte, während der Wagen weiterfuhr. Sie rutschte nach vorn. Hatte das Gefühl, dass es abwärtsging. Abwärts? Als der Wagen stoppte, legte sich eine Hand auf ihren Arm. „Wir sind da.“ Der Mann nickte ihr lächelnd zu. „Ich habe Ihnen doch versprochen, dass es schnell geht.“ Die Tür wurde aufgezogen. Die Frau mit den kurzen Haaren packte das Fußende ihres Bettes, und gemeinsam beförderten sie es nach draußen. Vor ihr eine gläserne Tür. Der Mann – Philipp Lahm, plötzlich erinnerte sie sich wieder an seinen Namen – kippte das Kopfteil nach unten. Die Glastür schwang auf. Sie rollten einen Flur entlang. An der Decke leuchtete alle paar Meter grelles Licht. Eine Tür sprang auf. Die Decke flog hoch. Um sie herum vernahm sie mit einem Mal Stimmengewirr und über allem das Geschrei eines Babys. Sie stemmte sich hoch. Eine Halle. Philipp Lahm unterhielt sich mit einer Frau. Blonde, hochgesteckte Haare. Leute standen herum. Einige sahen herüber. Ein fetter Mann wischte sich übers Gesicht....




