Smith | Beides sein | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Smith Beides sein

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-17241-1
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-641-17241-1
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ali Smith schreibt wie sonst keine. In ihrem preisgekrönten neuen Roman verbindet sie zwei Leben, die über fünfhundert Jahre auseinanderliegen: George, ein Mädchen von heute, das die Faszination der Beobachtung entdeckt, und den Werdegang eines Freskenkünstlers aus der italienischen Renaissance. Mit Witz, sprachlicher Brillanz und einer ansteckenden Freude am Spiel mit Formen, Zeiten, Wahrheiten und Fiktionen erzählt die britische Autorin vom Abenteuer der Kunst, vom Sehen und Gesehenwerden, vom Wunder, ein Mensch zu sein.

»Beides sein« ist ein Roman über die Gegensätze von Mann und Frau, von Leben und Tod, von Vergangenheit und Gegenwart und über die Sehnsucht, diese Gegensätze zu vereinen, da sie erst vereint ein Ganzes bilden. »Beides sein«, das sind zwei Geschichten, die ein Ganzes bilden: Da ist die Geschichte von George, einem Mädchen von heute, das um seine ganz plötzlich verstorbene Mutter trauert. George hält ihre Erinnerungen fest, vor allem die Reise nach Italien, als sie mit ihrer Mutter und ihrem kleineren Bruder Henry den Palazzo Schifanoia in Ferrara besuchten, der mit Fresken ausgemalt ist. Der Künstler der schönsten Fresken in diesem »Palast gegen die Langeweile« aus dem 15. Jahrhundert war Francescho del Cossa. Diese Erinnerungen, die Entdeckung des Sehens und Beobachtens und eine Freundschaft bringen George langsam wieder ins Leben zurück.

Und dann ist da das Leben von Francescho del Cossa, dem Renaissancekünstler, dessen Werdegang zum Hofmaler bei Borsa d’Este alles andere als einfach war und dessen ungewöhnliche Geschichte auf verblüffende, höchst vergnügliche Weise auf die des Mädchens George trifft …

Ali Smith wurde 1962 in Inverness in Schottland geboren und lebt in Cambridge. Sie hat mehrere Romane und Erzählbände veröffentlicht und zahlreiche Preise erhalten. Sie ist Mitglied der Royal Society of Literature und wurde 2015 zum Commander of the Order of the British Empire ernannt. Ihr Roman »Beides sein« wurde 2014 ausgezeichnet mit dem Costa Novel Award, dem Saltire Society Literary Book of the Year Award, dem Goldsmiths Prize und 2015 mit dem Baileys Women’s Prize for Fiction. Mit »Herbst« kam die Autorin 2017 zum vierten Mal auf die Shortlist des Man Booker Prize sowie auf Platz 6 der SWR-Bestenliste, für »Sommer« erhielt sie den George Orwell Prize. 2022 wurde Ali Smith mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet. Zuletzt erschien bei Luchterhand der Roman »Gefährten«.

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Denk mal einen Moment über dieses moralische Problem nach, sagt Georges Mutter zu George, die vorn auf dem Beifahrersitz sitzt.

Nicht sagt. Sagte.

Georges Mutter ist tot.

Was für ein moralisches Problem?, sagt George.

Der Beifahrersitz in dem Mietwagen ist ungewohnt, er befindet sich nämlich auf der Seite, auf der zu Hause der Fahrersitz ist. Ungefähr so wird es sein, wenn sie selber fährt, nur dass sie, Sie wissen schon, eben nicht selber fährt.

Also gut. Du bist Künstler, sagt ihre Mutter.

Ich?, sagt George. Seit wann? Und ist das ein moralisches Problem?

Haha, sagt ihre Mutter. Mir zuliebe. Stell es dir vor. Du bist Künstler.

Das Gespräch findet vorigen Mai statt, da lebt Georges Mutter noch, offensichtlich. Tot ist sie seit September. Jetzt ist Januar, genauer gesagt, kurz nach Mitternacht am Neujahrstag, was bedeutet, es ist gerade das Jahr nach dem Jahr geworden, in dem Georges Mutter gestorben ist.

Georges Vater ist nicht da. Das ist besser, als wenn er zu Hause ist und weinerlich in der Küche steht oder durchs Haus tigert und Geräte aus- und anschaltet. Henry schläft. Sie ist gerade zu ihm rein und hat nachgesehen; er ist eingeschlafen, obwohl nicht in dem Sinne, in dem manche Leute das Wort verwenden, wenn sie sagen, jemand ist für immer eingeschlafen, Sie wissen schon, tot.

Das wird das erste Jahr seit dem Jahr, in dem ihre Mutter auf die Welt kam, dass ihre Mutter nicht mehr lebt. Das ist so offensichtlich, dass es dämlich ist, daran auch nur zu denken, und doch so schrecklich, dass man nicht nicht daran denken kann. Beides zugleich.

Jedenfalls verbringt George die ersten Minuten des neuen Jahrs damit, nach einem alten Song zu suchen. Let’s Twist Again. Text von Kal Mann. Der Text ist ziemlich schwach. Let’s twist again like we did last summer. Let’s twist again like we did last year. Dann folgt ein Reim, der ist echt lausig, ein Reim, der genau genommen keiner ist.

Do you remember when

Things were really hummin’.

Hummin’ reimt sich nicht auf summer, die Zeile endet nicht mit Fragezeichen und könnte, genau genommen, sogar erinnerst du dich daran, als alles echt gestunken hat bedeuten.

Dann weiter: Let’s twist again, twisting time is here. Oder, so steht es überall auf den Seiten im Internet, twistin’ time.

Immerhin haben sie einen Apostroph gesetzt, sagt die George von vor dem Tod ihrer Mutter.

Es ist mir scheißegal, ob eine Seite im Internet auf grammatische Richtigkeit achtet, sagt die George von danach.

Bei diesem Vorher und Nachher geht es ums Trauern, heißt es immer. Das Trauern verläuft angeblich in mehreren Phasen. Wie viele Trauerphasen es gibt, ist umstritten. Es sollen drei oder fünf sein, manche behaupten auch sieben.

Der Songschreiber hat sich über den Text, wie es aussieht, keine großen Gedanken gemacht. Vielleicht steckte er auch gerade in einer der drei, fünf oder sieben Trauerphasen. Phase neun (oder dreiundzwanzig oder hundertdreiundzwanzig oder ad infinitum, denn nichts wird jemals nicht wieder so sein): In der Phase macht man sich keine Gedanken mehr darum, ob Songtexte einen Sinn haben. Man wird die Songs sogar fast alle hassen.

George braucht aber einen Song, zu dem man diesen einen Tanz tanzen kann.

Dass er so offensichtlich wirr und sinnlos ist, ist zweifellos ein Plus. Genau deshalb wird er sich damals so gut verkauft haben und so eine große Sache gewesen sein. Die Leute mögen es, wenn es nicht zu sinnvoll ist.

Meinetwegen, stell ich es mir halt vor, sagt George auf dem Beifahrersitz vorigen Mai in Italien zu genau der gleichen Zeit, zu der George im darauffolgenden Januar zu Hause in England auf einen sinnlosen alten Songtext stiert. Vor dem Autofenster erstreckt sich um sie herum Italien, so heiß und gelb, als wäre es sandgestrahlt worden. Henry sitzt leise schniefend hinten, hat die Augen zu und den Mund offen. Das Band des Sicherheitsgurts geht über seine Stirn, weil er so klein ist.

Du bist Künstler, sagt ihre Mutter, und du arbeitest mit vielen anderen Künstlern an einem Projekt. Und alle Beteiligten bekommen dasselbe als Lohn. Du bist aber der Ansicht, das, was du tust, ist mehr wert, als die Beteiligten, du selbst eingeschlossen, dafür bezahlt bekommen. Also schreibst du dem Mann, der die Arbeit in Auftrag gegeben hat, einen Brief und bittest ihn, dir mehr Geld zu geben, als alle anderen bekommen.

Bin ich denn mehr wert?, sagt George. Bin ich besser als die anderen Künstler?

Spielt das eine Rolle?, sagt ihre Mutter. Kommt es darauf an?

Bin ich es, oder ist es die Arbeit, die mehr wert ist?, sagt George.

Gut. Mach weiter, sagt ihre Mutter.

Ist das echt? Oder bloß hypothetisch?

Spielt das eine Rolle?, sagt ihre Mutter.

Ist es etwas, was in Wirklichkeit bereits entschieden ist, und du willst bloß eine These an mir austesten, obwohl du schon genau weißt, was deine Meinung dazu ist?, sagt George.

Kann sein, sagt ihre Mutter. Aber meine Meinung interessiert mich nicht. Mich interessiert deine.

Du interessierst dich doch sonst für nichts, was mich beschäftigt, sagt George.

Das ist jetzt sehr unreif von dir, George, sagt ihre Mutter.

Ich bin noch unreif, sagt George.

Richtig, ja. Damit wäre das geklärt, sagt ihre Mutter.

Es folgt ein kurzes Schweigen, noch okay, aber wenn sie nicht ein wenig einlenkt, und zwar bald, wird ihre Mutter, die seit Wochen gereizt und launisch ist wegen des Ärgers im Paradies, sprich ihrer Freundschaft mit dieser Lisa Goliard, zu Anfang bloß kühl, dann aber richtig mürrisch und biestig sein.

Passiert es jetzt oder in der Vergangenheit?, sagt George. Ist der Künstler ein Mann oder eine Frau?

Spielen beide eine Rolle?, sagt ihre Mutter.

Spielt beides, sagt George. Beides ist Singular.

Mea maxima, sagt ihre Mutter.

Ich kapiere nicht, warum du dich nie festlegen willst, sagt George. Und das bedeutet nicht das, was du denkst. Wenn du es ohne das culpa sagst, bedeutet es bloß ich bin die Größte oder ich bin die Beste oder mir gebührt das meiste oder mein Äußerstes.

Stimmt doch, sagt ihre Mutter. Ich bin die Größte, die Allergrößte sogar. Aber die allergrößte was?

Vergangenheit oder Gegenwart, sagt George. Mann oder Frau. Beides zusammen geht nicht. Es muss das eine oder das andere sein.

Wer sagt das? Warum muss es so sein?, sagt ihre Mutter.

MANNO, sagt George zu laut.

Nicht, sagt ihre Mutter und deutet mit einer Kopfbewegung nach hinten. Es sei denn, du willst ihn aufwecken. Dann bist du aber auch für die Unterhaltung zuständig.

Ich. Kann. Deine. Moralische. Frage. Erst. Beantworten. Wenn. Ich. Mehr. Details. Kenne, sagt George sotto voce, was auf Italienisch, obwohl George kein Italienisch kann, wörtlich unter der Stimme heißt.

Braucht man für moralisches Handeln Details?, flüstert ihre Mutter genauso leise.

Gott, sagt George.

Braucht man für moralisches Handeln Gott?

Mit dir reden ist, sagt George immer noch unter der Stimme, wie gegen eine Wand reden.

Oh, sehr gut, du, sehr gut, sagt ihre Mutter.

Inwiefern gut?, sagt George.

Weil es genau bei dieser Kunst, bei dem Künstler und dem moralischen Problem um Wände geht, sagt ihre Mutter. Und da fahren wir hin.

Genau, sagt George. Gegen eine Wand.

Ihre Mutter lacht laut auf, und dieses Lachen ist so echt und laut, dass sie hinterher beide nachsehen, ob Henry davon wach wird, wird er aber nicht. Dass ihre Mutter so lacht, kommt in letzter Zeit selten vor und hört sich deshalb fast normal an. George ist so zufrieden, dass sie gleich errötet.

Und was du gerade gesagt hast, ist grammatisch nicht richtig, sagt sie.

Ist es doch, sagt ihre Mutter.

Nein, sagt George. Grammatik ist eine endliche Menge von Regeln, und du hast eben gegen eine verstoßen.

Der Ansicht schließe ich mich nicht an, sagt ihre Mutter.

Ich glaub nicht, dass Sprache Ansichtssache ist, sagt George.

Nach meiner Ansicht, sagt ihre Mutter, ist Sprache ein lebendiger Organismus, der sich wandelt und verändert.

Ich fürchte, mit der Ansicht kommst du nicht in den Himmel, sagt George.

Ihre Mutter lacht noch einmal so ungekünstelt.

Nein, hör zu, ein Organismus, sagt ihre Mutter –

(und vor Georges geistigem Auge blitzt der Umschlag eines alten Taschenbuchs auf, das Ein guter Orgasmus ist machbar heißt und das ihre Mutter in einem Schränkchen neben ihrem Bett aufbewahrt, seit der Zeit vor Georges Geburt, der Zeit in ihrem Leben, als sie, sagt ihre Mutter, jung war und leicht unter Apfelzweigen)

- der seinen eigenen Regeln gehorcht und sie nach Belieben ändert. Außerdem ist vollkommen klar, was ich sagen wollte, und darum gibt es an der Grammatik auch nichts auszusetzen, sagt ihre Mutter.

(Ein guter Organismus ist machbar.)

Dann eben grammatisch unelegant, sagt George.

Ich wette, du weißt gar nicht mehr, was ich eigentlich gesagt habe, sagt ihre Mutter.

Da fahren wir hin, sagt George.

Ihre Mutter nimmt in gespielter Verzweiflung beide Hände vom Lenkrad.

Wie konnte es dazu kommen, dass ich, die größte Unpedantin aller großen Unpedantinnen der Welt, so eine Pedantin geboren habe? Und warum war ich nicht schlau genug, sie gleich bei der Geburt zu ertränken?

Ist das...


Smith, Ali
Ali Smith wurde 1962 in Inverness in Schottland geboren und lebt in Cambridge. Sie hat mehrere Romane und Erzählbände veröffentlicht und zahlreiche Preise erhalten. Sie ist Mitglied der Royal Society of Literature und wurde 2015 zum Commander of the Order of the British Empire ernannt. Ihr Roman »Beides sein« wurde 2014 ausgezeichnet mit dem Costa Novel Award, dem Saltire Society Literary Book of the Year Award, dem Goldsmiths Prize und 2015 mit dem Baileys Women’s Prize for Fiction. Mit »Herbst« kam die Autorin 2017 zum vierten Mal auf die Shortlist des Man Booker Prize sowie auf Platz 6 der SWR-Bestenliste, für »Sommer« erhielt sie den George Orwell Prize. 2022 wurde Ali Smith mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet. Zuletzt erschien bei Luchterhand der Roman »Gefährten«.

Morawetz, Silvia
Silvia Morawetz, geboren 1954 in Gera, studierte Anglistik, Amerikanistik und Germanistik. Sie hat bisher ca. 150 Werke aus den Gattungen Prosa, Lyrik, Essay und Hörspiel übertragen und ist die Übersetzerin von u. a. Henry Miller, Anne Sexton, Ali Smith, Hilary Mantel und Joyce Carol Oates. Sie erhielt Stipendien des Deutschen Übersetzerfonds, des Landes Baden-Württemberg und des Landes Niedersachsen.



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