Slade Lassiter - Folge 2265
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7325-2107-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zwei Fäuste gegen eine Stadt
E-Book, Deutsch, Band 2265, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
ISBN: 978-3-7325-2107-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
An die Umstände, die Lassiter in die Arme des bezaubernden Mandanenmädchens mit dem pechschwarzen Haar gebracht hatten, konnte er sich ebenso wenig erinnern, wie er ihre Sprache verstand. Sie redete in vergnügtem Ton auf ihn ein und kümmerte sich um seine Wunden.
'Seepooshka', sagte das Mädchen nach einer Weile und deutete auf sich. 'Seepooshka.'
Der groß gewachsene Weiße mit den kantigen Gesichtszügen lächelte die Indianerin freundlich an. Er konnte sich nur unter Schmerzen bewegen. Als er an seinem Bein hinunterschaute, fiel sein Blick auf den blutigen Verband, den ihm Seepooshka um die Wade gewickelt hatte.
'Wo bin ich?', fragte Lassiter.
'Seepooshka', wiederholte die Indianerin und drückte ihn sanft auf das Lager zurück.
'Seepooshka.'
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Fünf Monde waren verstrichen, seit Seepooshka den Weißen unter einem Salbeistrauch gefunden hatte. Das Bleichgesicht hatte auf dem Rücken gelegen, das Gesicht von ihr abgewandt. Seine Füße waren ineinander verschlungen gewesen. Er hatte ausgesehen wie der Krieger Schichikue, der am Feuer den Kojoten mimte und von den Pfeilen der Jäger getroffen wurde. Der Brustkorb des Weißen hatte sich ruhig gehoben und gesenkt, und Seepooshka hatte Mühe gehabt, ihn unter dem Strauch hervorzuzerren.
»Still!«, flüsterte das Mandanenmädchen und lauschte auf die Stammesversammlung. Die Männer des Stammes hatten sich vor dem Zelt versammelt, um über die anstehende Jagd zu beraten. Mit etwas Glück blieb Seepooshka gerade genug Zeit, um den Trunk für den Weißen zu bereiten. »Du musst still sein, Mann-aus-dem-Strauch!«
Der Weiße öffnete mühsam die Lider und blinzelte die Mandanin an. Er hatte den stolzen Blick eines Hirschs, wie Seepooshka fand, und es war dieser besondere Blick, der sie bewogen hatte, weder ihrem Vater noch ihren Brüdern etwas von jenem Fremden zu erzählen. Sie hatte ihn mitten in der Nacht in das verlassene Zelt von Wahaddish gebracht, der erst in neun Monden von den Großen Bergen zurückkehren würde.
Der Weiße stöhnte vor Schmerz und öffnete den Mund einen Spaltbreit.
Die Männer aus den Dörfern der Bleichgesichter hatten Zähne hell wie Milch, dachte Seepooshka, hell wie das Weiß ihrer Haut. Sie mochten bösen Sinnes sein, aber sie waren auch schön wie die Vögel unter dem Himmel. Sie waren anders als die düsteren Mandanenkrieger, die an ihren Speeren schnitzten und kein freundliches Wort sprachen. Sie waren stolz und anmutig, als hätte sie jemand in die Dörfer gesandt, um Gericht über Seepooshkas Volk zu halten.
»Still!«, flüsterte die Mandanin. Sie entledigte sich ihres Gewandes und beugte sich über den Weißen. »Du musst Seepooshka glücklich machen, Mann-aus-dem-Strauch!«
Der Mann-aus-dem-Strauch folgte den Bewegungen ihres Körpers mit den Augen und hob vergeblich die rechte Hand. Er war zu schwach, um Seepooshkas schlanke Taille zu umgreifen und sich daran festzuhalten. Der Große Schöpfer mochte die Bleichgesichter mächtig gemacht haben, aber auch ihnen schwanden von Zeit zu Zeit die Kräfte. Sie starben seltener als die Brüder und Schwestern von Seepooshkas Volk, doch auch sie trugen Wunden davon und mussten zu einem Heiler gehen.
»Sei still!«, flüsterte Seepooshka in der Sprache ihres Stammes. Sie schwang sich über den Weißen und schlug dessen Lendenschurz zur Seite. »Seepooshka wird freundlich sein wie Mutter Erde.«
Ihre Hände glitten an ihrem strammen Busen hinunter, der im Schein des Feuers wie Ebenholz glänzte. Die Mandanin liebkoste ihre Brustwarzen, die sich aufrichteten und – so hoffte Seepooshka – die Lust des Bleichgesichts wecken würden. Aus der Kehle des Weißen kam ein schwaches Stöhnen.
Langsam und mit sachtem Hüftstoßen sank das Mandanenmädchen auf ihren Geliebten herab. Es rieb sich an seinen sehnigen Schenkeln, deren grobe Behaarung die seidene Haut Seepooshkas wundscheuerten. Allmählich regte sich auch der Liebeskrieger des Weißen und drang in die Indianerin vor.
»O ja!«, hauchte Seepooshka und dachte zugleich an den anderen Teil ihres Plans. Sie blickte zu dem Kräutersäckchen hinüber, das neben dem Lager stand. »Du … darfst nicht aufhören! Du musst Seepooshka glücklich machen!«
Von draußen drangen die Gesänge ihrer Stammesbrüder durch die dünnen Büffelhäute. Der Stamm hatte mit dem Erntegesang begonnen, der dem Dorf reiche Kornspeicher für den Winter gewähren sollte. Die getragenen Gesänge der Mandanenkrieger trieben Seepooshka den Schweiß auf die Haut. Sie wusste mit ganzem Herzen, dass es falsch war, was sie tat.
»Rühr dich nicht!«, wisperte die Mandanin und bückte sich nach dem Kräutersäckchen. Sie angelte es aus den Kissen neben dem Lager hervor und roch daran. Der würzige Duft der trockenen Kräuter schlug ihr entgegen. »Mann-aus-dem-Strauch, du wirst gesund werden!«
Im Geist hörte Seepooshka den gleichmäßigen Schlag der Rasseln, die Makuta – der Medizinmann – bei solchen Gelegenheiten schlug. Sie klangen wie der Atem der Erde, wie die Gestade der Meere, wie der Atem Seepooshkas, wenn der Weiße in sie eindrang. Die Rasseln schlugen den Takt der Verbindung zwischen ihr und dem Bleichgesicht.
»Nimm diese Kraft auf!«, hauchte die Mandanin und knotete die Schnur am Kräutersäckchen auf. Sie verstreute einen Teil der trockenen Gräser um den Kopf des Bleichgesichts. »Werde Teil unseres Volkes und atme die Kraft ein, die Mutter Erde uns schenkt!«
Der Weiße zwischen Seepooshkas Schenkeln hustete und verzog das Gesicht. Er griff vergeblich nach ihren Armen, die unerreichbar weit über seinen Händen zu schweben schienen. Zugleich spannte er die Lenden an und stieß noch tiefer in den Leib der jungen Mandanin vor.
Seepooshka warf den Kopf in den Nacken und ließ ihr schwarzes Haar offen über die Schultern fallen. Der Schweiß rann ihr in Strömen den Rücken hinab. Sie schüttete die restlichen Kräuter aus und verrieb sie auf der Haut des Bleichgesichts.
»Lass Mutter Erde ihre Kraft verrichten!«, stieß Seepooshka hervor. Ihre Stimme verschmolz mit den Gesängen der Stammesbrüder. »Sie wird dir Macht und Leben geben, Mann-aus-dem-Strauch!«
Der gleichförmige Schlag der Rassel erfüllte das Zelt immer stärker. Die Kräuter verströmten ihren betörenden Duft, den Seepooshka aus dem Wigwam des Medizinmannes kannte. Sie beugte sich zu dem Weißen hinunter und küsste ihn wie im Rausch. Ihre Lenden zogen sich zusammen und wurden von einem heißen Sturm der Ekstase überrollt.
Das Bleichgesicht starrte die Mandanin aus offenen Augen an, ehe sich die Lider abrupt schlossen.
Der Gesang der Indianer schwoll wieder an.
***
»Schau sich einer diese Scharte an!«
Conrad Sanderson schüttelte den Kopf und schritt vor dem Bett seines Patienten auf und ab. Er hatte siebzehn Jahre lang seine Pflicht als Kongressabgeordneter für das Dakota-Territorium getan, doch eine solche Dummheit – eine solche Dummheit! – war ihm noch nicht untergekommen. Als Arzt und als Mensch konnte er nicht begreifen, wie man sich eine derartige Fülle an Verletzungen zuziehen konnte. »Was hatten Sie dort draußen zu suchen?«
Der breitschultrige Mann auf dem Bett starrte teilnahmslos an die Decke und kniff die Lippen zusammen. Er hatte Schmerzen gelitten, seit er aufgewacht war, und dem Doc höflich das Wort überlassen. »Ich war auf der Suche nach O’Donnell. Die Krieger haben mir eine Falle gestellt.«
»Eine Falle?«, erregte sich Sanderson. »Die Rothäute haben Sie vom Pferd gezerrt und beinahe bei lebendigem Leib zerfetzt! Diese Bande war auf Blut aus!«
»Sie haben mich für einen Späher gehalten«, erwiderte Lassiter. Seine Erinnerungen waren eine Kette aus nebulösen Bildern, in denen kein vernünftiger Mensch etwas erkennen konnte. »Sie waren im Glauben, dass ich es auf ihr Dorf abgesehen hätte. An ihrer Stelle hätte ich nicht anders gehandelt.«
»Mag sein, dass Sie sich derart ehrenhaftes Benehmen leisten können!«, versetzte Sanderson. Er stemmte die Arme in die Seiten. »Aber Sie stehen im Dienst der Brigade Sieben! Sie haben einen Auftrag zu erfüllen! Frank O’Donnell stapft noch immer frei da draußen herum!«
Die Strafpredigt seines Mittelsmannes setzte Lassiter derart zu, dass er einige Sekunden lang die Augen schloss. Er wusste nur allzu gut, worin sein Auftrag bestand. Die Suche nach Frank O’Donnell war für das Justizministerium von vordringlicher Bedeutung gewesen. Aus diesem Grund war Lassiter schon vor Wochen mit Sanderson zusammengetroffen. Der einstige Kongressabgeordnete hatte ihm haarklein auseinandergesetzt, wie delikat die Angelegenheit für Washington war.
»Dessen bin ich mir bewusst, Mr. Sanderson. Ich hatte nicht die Absicht, den Mandanen in die Hände zu fallen.«
»Zweifellos hatten Sie diese Absicht nicht!«, donnerte Sanderson und blieb vor dem Fenster stehen. Er sah auf die Straße hinunter, die zu dieser frühen Stunde mit Händlern und Fuhrwerken verstopft war. »Sie wollten lediglich O’Donnell schnappen. Die Indianer sind seit Monaten auf dem Kriegspfad. Sie halten sich nicht an die Verträge. Nicht einmal das Regiment drüben in Bismarck flößt ihnen Respekt ein!« Er wandte sich wieder zu Lassiter um. »Haben Sie etwas zu O’Donnell?«
»Ich habe noch keine Spur von ihm«, räumte der Mann der Brigade Sieben zerknirscht ein. »Er ist wie vom Erdboden verschluckt.«
»Seltsam genug, dass der Marquis dennoch Morddrohungen bekommt!«, erwiderte der Mittelsmann gereizt. Er presste die Lippen zusammen. »In ganz Medora gibt es kein anderes Gesprächsthema als den Marquis de Mores.«
Teufel, der Marquis! Die Erinnerungen kehrten so schlagartig in Lassiters Schädel zurück, dass sie ein dumpfes Echo verursachten. Der Marquis de Mores – ein wohlhabender Geschäftsmann aus Frankreich – war der Grund für Lassiters Auftrag gewesen. Er und seine Frau Medora hatten sich hundert Meilen westlich von Mandan am Ufer des Little Missouri niedergelassen und mit ihren hochfliegenden Plänen selbst in Washington für Aufregung gesorgt. Angeblich, so hatte es in einem Memorandum aus dem Wirtschaftsministerium geheißen, plane der Franzose nichts weniger als einen Paukenschlag auf dem Fleischmarkt.
Statt wie üblich die Rinder von Kansas aus in die Schlachthöfe von Chicago zu schaffen, wollte der Marquis sie am gleichen Ort schlachten, an dem...




