Slade Lassiter - Folge 2257
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7325-1866-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lady Longhorns wilde Horde
E-Book, Deutsch, Band 2257, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
ISBN: 978-3-7325-1866-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Mann schrie sich die Seele aus dem Leib. Seine Stimme schrillte weit über das Hügelland von Montana. 'Nein - ich will nicht sterben - neiiin!' Er saß auf dem Rücken seines Maultiers, das in der Deichsel eines kleinen Einachsers mit Ladefläche stand. Über ihm ragten die knorrigen Äste eines Hickorybaums auf. Und er konnte nicht aufhören zu schreien. Um den Hals des Mannes lag eine einfache Hanfschlinge. Das Seil, an dem er sein Leben qualvoll aushauchen sollte, hatten sie über einen besonders dicken Ast geworfen und unten am Stamm festgezurrt. 'Viehdiebe haben ihr Leben verwirkt, Paddy', sagte der Rancher verächtlich. 'Also sei still und stirb wie ein Mann. Was soll denn deine Frau von dir denken?' Er deutete auf die verhärmte Dunkelhaarige, die sie auf dem Bock des Einachsers festgebunden und geknebelt hatten.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Die Männer lachten.
Die Frau hatte längst aufgehört, sich gegen die Fesseln und den zusammengeknüllten Lappen im Mund zu sträuben. Sie hatte keine Kraft mehr. Auch ihr innerer Widerstand war vollständig erloschen. Sie hielt den Kopf gesenkt, wodurch die Nachmittagssonne ihr Gesicht nicht erreichte. So entstanden tiefe Schatten in ihren eingefallenen Wangen, und die Geschichte eines Lebens voller Arbeit und Entbehrungen war darin zu lesen wie in einem offenen Buch.
Hinter ihr, auf der Ladefläche, summte ein Schwarm blau und grün schillernder Schmeißfliegen über der blutroten Fracht. Die großen Fleischstücke, ursprünglich mit Sackleinen zugedeckt, waren teilweise freigelegt. Die Männer der Triple W Ranch hatten die Tücher weggefetzt, als sie den Viehdieb auf frischer Tat ertappten.
Der Fliegenschwarm vergrößerte sich rasend schnell, und bald war das blutige Rot vollständig unter der schwirrenden Masse der dickleibigen Insekten verschwunden.
Die Ranchhands waren zu dritt gewesen, und sie hatten Patrick O’Sheehan bei seiner Tat eine ganze Weile beobachtet – praktisch von Anfang an. Von einer Hügelkuppe aus, geschützt durch Buschwerk, hatten sie zugesehen, wie er sich an eine versprengte Hereford-Färse angeschlichen hatte.
Er hatte das Rind mit einem Lasso eingefangen, zu Fuß, gar nicht mal so ungeschickt für einen irischen Farmer. Dann war er mit einem großen Messer, einer Axt und einem Beil zu Werke gegangen und hatte das Tier fachgerecht geschlachtet und zerlegt.
Dazu war seine Frau mit dem Einachser aus ihrem Waldversteck hervorgekommen, und sie hatte ihm geholfen, die Fleischbrocken aufzuladen und mit dem Sackleinen zu bedecken.
In fliegender Hast hatten sie ihr Werkzeug zu der gestohlenen Fracht auf den Wagen geworfen. Den Kadaver des Rinds hatten sie liegen gelassen, im Vertrauen darauf, dass die Aasfresser schon in der kommenden Nacht ganze Arbeit leisten würden.
Dann aber, als Paddy O’Sheehan und seine Frau Mary schon auf dem Kutschbock gesessen hatten, waren Hufgeräusche wie Donner über sie hereingebrochen. Paddy hatte das Maultier nicht einmal mehr antreiben können.
Angesichts der drohend auf sie gerichteten Winchesterläufe hatten sie nur noch die Hände hochnehmen können. Paddy hatte nicht einmal daran gedacht, seinen alten Conversion Colt unter dem Bock hervorzuholen.
Gegen die drei raubeinigen Kerle hätte er nicht die geringste Chance gehabt; das hatte er sofort eingesehen. Einer von ihnen war losgeritten, um den Rancher, Grover William Woodward, und seinen Vormann, Selwyn Kinsella, zu verständigen.
Passenderweise hielten sich beide nur zwei Meilen entfernt auf einer Außenweide auf, um die Vorbereitungen für das Roundup zu inspizieren. Während der Melder unterwegs war, hatten die beiden anderen die Gefangenen gefesselt und sie mitsamt ihrem armseligen Gespann unter den Hickorybaum geführt.
Dort angekommen, hatten beide angefangen, um ihr Leben zu flehen. Schließlich, angesichts der unerbittlichen, eisenharten Gesichter der Woodward-Männer, hatten Paddy und Mary nur noch geschrien.
Der Frau hatten sie den Knebel in den Mund gestopft; ihn aber ließen sie schreien. Der Rancher, der Vormann und der Meldereiter würden es schon von weitem hören. So brauchten sie sich nicht lange mit der Orientierung aufzuhalten.
Unterdessen hatte sich keiner der beiden Männer die Mühe gemacht, einen fachgerechten Henkersknoten für den Todgeweihten zu knüpfen. Er war rotblond und mittelgroß und ausgesprochen stämmig gebaut. Die harte Farmarbeit hatte ihn gezeichnet.
Doch die Furcht vor dem Tod hatte ihm die Arbeit nicht nehmen können – zumal es ein erbärmlicher und jämmerlicher Tod werden würde. Die Gnade des sofortigen Genickbruchs, wie sie die Henkersschlinge gewährt hätte, sollte ihm nicht zuteilwerden.
Die einfache Schlinge würde ihn strangulieren. Ihm stand ein Todeskampf bevor, der sich endlos lange hinziehen konnte – je nachdem, wie heftig er sich gegen sein grausiges Schicksal wehrte.
Er hatte es selbst heraufbeschworen; darüber waren Mary und er sich im Klaren gewesen, als sie die Tat begangen hatten. Doch in ihrer Verzweiflung hatten sie keinen anderen Ausweg mehr gesehen.
Um die Farm stand es schlecht. Trockenheit und eine miserable Ernte hatten ihre Einnahmen geschmälert. Die Vorräte des vergangenen Jahres waren längst aufgebraucht. Ihre Kuh gab keine Milch mehr, und die vier Schweine waren bis auf die Knochen abgemagert.
Die Bank in Rosebud gab den O’Sheehans kein Geld mehr.
Paddy und Mary hatten die Verzweiflungstat für ihre sechs Kinder begangen. Es war so sicher wie das Amen in der Kirche gewesen, dass die vier Jungen und die beiden Mädchen verhungern würden, wenn nicht bald etwas geschah.
Das Summen der Fliegen war mittlerweile zu einem tiefen, bedrohlich klingenden Brummen angeschwollen, als der Rancher und sein Vormann gemeinsam mit dem Melder unter dem Hickory eintrafen.
Das Brummen des Insektenschwarms und das Erscheinen der drei Männer führten dem Todgeweihten gleichermaßen vor Augen, dass alles umsonst gewesen war. Das Fleisch war längst verdorben, und der Rancher würde das Todesurteil nun aussprechen und vollstrecken – weil er sich selbst das Recht dazu gab.
***
Grover William Woodward machte einen majestätischen Eindruck, wie er dort in erhöhter Position im Sattel saß. Er hatte seinen hochbeinigen, edlen Rappen auf einen Erdbuckel gelenkt, von dem er das Geschehen gut überblicken konnte.
Der Eigentümer der »Triple W« hatte seine Ranch nach den drei Ws in seinem Namen benannt. Er war ein Mann wie ein Schrank, groß und breitschultrig, mit einem kantig ausgeprägten und vorstehenden Kinn. Sein Ehrfurcht gebietendes Erscheinungsbild unterstrich er durch einen schwarzen Reiteranzug, schwarze Stiefel und einen schwarzen Stetson.
Die Spitze seiner Hakennase schien eigens so bemessen zu sein, dass sie auf seinen Schnauzbart hindeutete. Sein dunkelblondes Haar war kurzgeschnitten, wie es neuerdings durch das Militär in Mode kam. Er hatte hellblaue Augen, denen man die Schärfe seines Blicks ansah.
Woodward galt als größenwahnsinnig, das wussten Patrick und Mary O’Sheehan nur zu gut. Sein erklärtes Ziel war es, das gesamte Rosebud County zu beherrschen. Dass er Paddy O’Sheehans erbärmliche kleine Farm an der südlichen Weidegrenze der Triple W Ranch überhaupt noch duldete, wurde von den Bürgern der Stadt und des Countys allgemein als einer der unerklärlichen Launen des Großranchers betrachtet.
Möglich aber, dass Woodward sich bislang einfach nicht getraut hatte, den O’Sheehans etwas anzutun. Denn Familien wie sie genossen das Mitleid einer großen Öffentlichkeit – gab es doch Millionen von Iren in Amerika, die das Schicksal der O’Sheehans teilten.
Paddy war mit seinen Eltern und seinen Großeltern aus dem County Kerry im westlichen Irland in die Vereinigten Staaten eingewandert. Sie waren vor der großen Hungersnot geflohen, ausgelöst durch die Kartoffelfäule in einem Gebiet, das ohnehin als Armenhaus der grünen Insel galt.
Indessen gehörten die O’Sheehans zu den Pechvögeln, die es auch in der Neuen Welt trotz harter Arbeit zu nichts gebracht hatten. Immobilienhaie hatten ihnen ihr vom Mund abgespartes Geld aus der Tasche gezogen, und noch heute litt die Familie unter den viel zu hohen Zinsen, die sie zusammen mit der Darlehenstilgung für das Farmland zu leisten hatten.
Der Todgeweihte konnte inzwischen nicht mehr schreien. Seine Stimme war zu einem heiseren Wimmern abgesunken.
»Selwyn«, sagte Woodward, an seinen Vormann gewandt. »Ich kann das nicht mehr anhören. Sorge dafür, dass er endlich still ist.«
»Für immer?« Selwyn Kinsella sah den Rancher fragend an und machte eine Geste zum Hals hin.
Woodward schüttelte den Kopf. »Noch nicht. Ich will dem Kerl ins Gewissen reden. Deshalb soll er still sein. Klar? Er soll zuhören, der Mistkerl.«
Kinsella nickte und lenkte seinen Grauschimmel auf den Wimmernden zu.
Der Vormann war zugleich engster Vertrauter des Großranchers. Als ehemaliger Revolvermann hatte er bei Woodward einen dauerhaften Job und ein Zuhause gefunden. Was die Kleidung betraf, nahm Kinsella seinen Arbeitgeber als Vorbild und kleidete sich ebenfalls ganz in Schwarz.
Der Vormann war von schlanker Statur. Zusammen mit der Kleidung machten ihn das kurzgeschorene schwarze Haar, die buschigen Augenbrauen, die dunkelbraunen Augen und der Spitzbart zu einer finsteren Erscheinung. In Rosebud hatte er keine Freunde. Man ging ihm aus dem Weg.
Die drei Ranchhands hielten ihre Winchesterkarabiner weiter auf den Viehdieb gerichtet. Kinsella näherte sich dem Gespann von der Seite her, sodass er notfalls schnell aus der Schusslinie gelangen konnte.
»Mary, Mary«, sagte er und schüttelte tadelnd den Kopf. »Wie konntest du das bloß zulassen! Hättest du deinem Kerl diesen Irrsinn ausgeredet, müssten wir ihn jetzt nicht hängen.«
Die Frau des Farmers beachtete den Vormann nicht – was ihr nicht schwer fiel, da sie ohnehin nicht antworten konnte. Überdies hegte sie in der ausweglosen Situation keinerlei Hoffnung mehr, und Kinsella wäre der Letzte gewesen, von dem sie Unterstützung erwartet hätte.
Er beugte sich aus dem Sattel zur Seite, langte unter den Bock und förderte Paddy O’Sheehans Conversion Colt zutage. Die Waffe war ein für Patronen umgebauter Vorderlader-Revolver aus der Zeit nach dem Bürgerkrieg.
Kinsella ritt nach vorn und zügelte den Grauen neben dem Farmer auf seinem Muli. O’Sheehan wimmerte...




