Slade Lassiter - Folge 2250
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7325-1728-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Lassiter und das Wüstenwrack
E-Book, Deutsch, Band 2250, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
ISBN: 978-3-7325-1728-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Mitten in der rauen Yuma-Wüste soll Lassiter für den Schutz des Abenteurers Charley Clusker und dessen Expedition sorgen, die auf der Suche nach dem geheimnisumwitterten Spanierschiff Antonio Juarez sind. Der Legende nach strandete die mit Golddublonen und anderen Reichtümern beladene Karavelle einst im Lake Cahuilla, an dessen Stelle sich nun die ausgedehnten Salzfelder des Salton Sink erstrecken.
Hinter dem verschollenen Wüstenwrack ist jedoch auch der mexikanische Regierungsgesandte José Domingo del Toro her, der in dem Schiff einen rechtmäßigen Besitz des Staates Mexiko sieht. Als die erbarmungslose Jagd ihrem blutigen Höhepunkt entgegensteuert, taucht plötzlich del Toros Geliebte Rafaela Diaz bei Lassiter auf. Die Frau mit dem bronzefarbenen Haar mischt die Karten gehörig durcheinander. Selbst Clusker kann der Mann der Brigade Sieben von nun an nicht mehr trauen...
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Nahe dem Cabezon Lake, Kalifornien, 1870
Die Reiter an der Spitze der Expedition hatten das aus dem Sand ragenden Bugspriet vor allen anderen gesehen. Der ausgedörrte Holzbalken besaß eine rostige Fenderöse, an der man das Schiff vor mehr als hundert Jahren festgezurrt hatte. Die ganze Karavelle maß etwas mehr als zweihundert Fuß und lag mit unversehrtem Bug und Heck auf dem Wüstensand.
»Heureka!«, rief Hubble aus, der neben Charley Clusker ritt und vor Freude beinahe aus dem Sattel rutschte. »Boss! Wir haben sie gefunden!«
Außer einem ehrfürchtigen Schweigen jedoch konnte Charley Clusker nichts erwidern. Der Goldsucher aus San Bernardino starrte voller Unglauben auf das rußschwarze Holzgebilde, das vor ihm in der Hitze der Salzwüste flimmerte. Ihm kam die zerknitterte Seite aus der Los Angeles Times ein, auf der er um den Jahresanfang herum über das mysteriöse Spanierschiff in der Yuma-Wüste gelesen hatte. Zwischen den Salzseen – so hatte es darin geheißen – sei hin und wieder ein Schiff aus Teakholz gesichtet worden, das sich für eine Nacht aus dem Sand erhoben hätte, um am nächsten Morgen wieder darin zu verschwinden. Die Antonio Juarez, die nun vor Clusker und seinen Gefährten aufragte, sei wie ein Geist aus den sandigen Fluten aufgetaucht und binnen Stunden erneut versunken.
»Charley!«, rief Konrad D. Ferster und drehte sich im Sattel um. Der stämmige Deutsche mit dem scharfen Akzent hatte sich Clusker in San Bernardino angeschlossen. »Das muss sie sein! Bug und Heck sind ohne jeden Makel! Sie ist vollgestopft mit Dublonen!«
Die Männer hatten sich in den eisigen Wüstennächten an dem Gedanken gewärmt, dass der Rumpf der Antonio Juarez vor spanischen Golddublonen buchstäblich platzte. Die Nachforschungen, die Clusker diesbezüglich in San Bernardino angestellt hatte, waren durchaus verheißungsvoll gewesen. Vor dem Krieg mit Mexiko waren Dutzende Dreimaster der spanischen Krone von der Cortés-See aus aufgebrochen und den Colorado River hinauf gesegelt. Einige der Schiffe wagten sich in die flachen Salzseen und liefen auf Grund. Die Antonio Juarez mochte ein ähnliches Schicksal ereilt haben.
»Schlagen wir das Lager auf!«, schrie Clusker gegen den scharfen Westwind an. Er glitt aus dem Sattel. »Vor der Nacht werden wir am Schiff nichts ausrichten.«
Clusker lief zu Frederick J. West hinüber, der gleichfalls von seinem Pferd gestiegen war. Sie stimmten sich mit einem Nicken darüber ab, wer die Zeltplane und wer die Pflöcke holte. Eine Viertelstunde darauf hatten sie eines der Zelte aufgerichtet und schlugen mit klingenden Hammerschlägen die Holzpflöcke in den Salzboden.
»An deiner Stelle würd’ ich mir das Wrack noch vor dem Abend ansehen!«, rief West und zog ein ernstes Gesicht. Er hatte als Arbeiter in den Erzmühlen der Vulture Mine geschuftet, ehe er Bekanntschaft mit Clusker geschlossen und mit ihm nach San Bernardino gekommen war. »Der Wind ist so stark, dass er das Wrack wieder zuwehen könnte!«
»Das Bugspriet ist gebrochen«, rief Clusker zurück und spannte mit dem Seil die Zeltwand. »Der alte Pott muss ’ne halbe Ewigkeit im Sand gelegen haben. Er wird nicht über Nacht verschwinden.«
West und Clusker hatten von indianischen Spähern erfahren, dass die Karavelle vierzig Meilen nördlich von San Bernardino und dreißig Meilen westlich der Oase von Dos Palmas liegen musste. Sie hatten den beiden Kriegern vierzig Dollar gezahlt und sie zu Stillschweigen verpflichtet.
»Dein Wort in Gottes Ohr!«, brummte West. Er blickte zu Ferster und dem alten Hubble hinüber. »Ich helfe den Anderen besser, damit wir uns rasch aufs Ohr hauen können!«
»Beeilt euch!«, erwiderte Clusker. Er schaute zum Bugspriet der Antonio Juarez hinüber, der hinter den Sandschwaden verschwand und erneut zum Vorschein kam. »Lasst euch nicht zu lange Zeit!«
Der hagere West stapfte durch den salzigen Sand davon und rief nach Ferster und Hubble. Er war ohne jeden Zweifel Cluskers treuester Mann. Der Goldsucher würde ihn auswählen, um das Wrack am nächsten Morgen zu erkunden.
Mit festem Griff schlang Clusker das Seil um die flatternde Segeltuchplane und knotete sie fest. Er warf einen Blick ins Innere des Zelts, das mit seinem nackten Salzboden und den lose verstreuten Schlafdecken einen ungastlichen Eindruck machte. Als er sich zu den Satteltaschen umwandte, bemerkte er einen Schatten neben sich.
Argwöhnisch richtete sich Clusker auf.
Nachdem einige Zeit verstrichen war, kam er zu dem Schluss, dass ihm seine müden Augen einen Streich gespielt hatten. Er wandte sich wieder den Satteltaschen zu, in denen Decken und ein Teil des Proviants verstaut waren.
In derselben Sekunde quetschte ein Arm Cluskers Hals zu.
Ein jäher Ruck riss den Goldsucher nach hinten und erstickte jede Gegenwehr. Clusker keuchte und legte die Hände um den Arm seines Peinigers.
»Silencio, Señor Clusker!« Die tiefe Männerstimme war dicht an Cluskers Ohr. »Nur ein Laut, und du bist tot!«
Der Goldsucher erblickte die glänzende Klinge einer Machete, die sich drohend zu Cluskers Brust hinabbewegte. Als der kalte Stahl die Haut des Amerikaners berührte, ertönte ein gehässiges Lachen.
»Was willst du von mir?«, presste Clusker hervor. »Ich bin auf einer Expeditionsreise.«
Hinter dem Goldsucher trat ein Mexikaner in Militäruniform hervor. Er trug eine größere Zahl goldener Orden auf der Brust. Sein Gesicht war unrasiert und von feinem Salzstaub überzogen. Er schlug sich die Hände ab und schritt um seinen Gefangenen herum. »Sie plündern unsere Schatzkammer, Señor Clusker. Sie vergreifen sich am Eigentum des mexikanischen Volkes.«
Clusker betrachtete den Fremden eingehend. Er schätzte ihn auf Mitte fünfzig. »Das Eigentum Ihres Volkes? Ein Haufen Teakholz in der Wüste gehörte jenem, der es findet, Mr …. Mr ….«
»José Domingo del Toro«, stellte sich der Mexikaner in kühlem Ton vor. Er lächelte Clusker an. »Sonderadjutant unseres geschätzten Generals Antonio López de Santa Anna und Bevollmächtigter der Schatzkammer Mexikos.«
Über Cluskers Gesicht ging ein kaltes Lächeln. Er kämpfte gegen den Griff seiner Wache an und zuckte vor der Machete zurück. »Santa Anna ist im Exil, Señor. Was verlangen Sie von mir?«
»Nichts weniger als Ihre Rückkehr nach San Bernardino«, versetzte del Toro und lächelte abermals. »Sie werden zu keinem Americano über das Schiff sprechen und niemals wieder an diesen Ort zurückkehren. Die Antonio Juarez versinkt auf alle Ewigkeit im Sand der Salzseen.«
Das Zelt füllte sich mit weiteren Mexikanern, die wie der Banditenboss bis an die Zähne bewaffnet waren. Sie hatten Musketen und Pulversäcke bei sich und stellten sich im Halbkreis um del Toro auf.
»Nun, Señor Clusker?«, zischte del Toro. »Können Sie versprechen, worum ich Sie gebeten habe?«
Die unerschütterliche Ruhe des Mexikaners versetzte Clusker in Zorn. Er war keine siebzig Meilen quer durch die Yuma-Wüste geritten, um sich von einem mexikanischen Banditen die Früchte seiner Arbeit rauben zu lassen. Er würde ihm kein Zollbreit der Antonio Juarez überlassen.
»Fahren Sie zur Hölle, Mr. del Toro«, zischte der Goldsucher und stemmte sich gegen den eisernen Griff seines Bewachers. »Man wird Sie erbarmungslos jagen, sobald Sie einen Amerikaner auf dem Gewissen haben!«
Der Mexikaner schritt schweigend um Clusker herum und sann eine Zeitlang nach. Seine Gesichtszüge glichen einer Maske.
»Wie ich sehe, möchten Sie uns nicht helfen, Señor Clusker«, meinte del Toro einige Zeit darauf. Er schürzte die Lippen und sah den Goldsucher ruhig an. »Gestatten Sie, dass ich Ihnen etwas zeige?«
Ohne Cluskers Antwort zu warten, nickte der Mexikaner einem seiner Männer zu. Der Bewaffnete verschwand und kehrte mit einem staubigen Hutkoffer in der Hand zurück. Unter den stahlbeschlagenen Kanten des Koffers troff schwärzliches Blut hervor.
»Was … was ist das?«, fragte der Amerikaner beunruhigt. Er starrte auf den Koffer und hatte nicht den geringsten Anhaltspunkt. »Was haben Sie darin versteckt?«
Der Mexikaner grinste und wischte sich mit dem Handrücken den Staub von den Orden. Er nahm Clusker fest in den Blick.
»Wie heißt Ihre Frau, Señor Clusker?«, fragte del Toro. »Rachel, nicht?«
***
San Bernardino, Kalifornien, vierzehn Jahre später
Das St. Charles Hotel von San Bernardino war ein dreistöckiger Steinbau mit einer vorgelagerten Terrasse und gehörte zu den besten Adressen der Stadt. Die mächtige Front mit ihren zweiundzwanzig Fenstern erhob sich über den üppigen Auslagen mehrerer Läden, die an diesem Morgen von Reisenden aus Los Angeles bevölkert waren. Sie waren mit der eigens angespannten Kutsche des Hotels vom Depot der Southern Pacific Railroad gekommen und ließen nun ihre Garderobenkoffer auf die Zimmer bringen.
Von all diesem Trubel jedoch bekam Lassiter an diesem Morgen nichts mit.
Der Mann der Brigade Sieben lag nackt neben dem Dienstmädchen Sandy Kershaw und starrte mit schweißnassem Gesicht an die Zimmerdecke. Er hatte mit dem Mädchen eben eine solch hitzige Viertelstunde verbracht, dass Sandy erschöpft unter das...




