Slade Lassiter - Folge 2222
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7325-0896-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Eine Braut für Tex Lucifer
E-Book, Deutsch, Band 2222, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
ISBN: 978-3-7325-0896-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Durch die nachtdunklen Quergassen El Pasos schleicht ein Mann. Hinter dem Utah-Corral biegt er auf einen Trampelpfad ein. Der Weg ist holprig, von Spurrillen und Hufeisen zerpflügt, doch die Schritte des Mannes sind sicher und lautlos. Von der Ysleta Mission klingen Stundenschläge herüber. Mitternacht.
In der Deckung eines Baumes bleibt der Mann stehen, beobachtet das einsame Adobehaus am Ende des Weges. In einem Fenster gewahrt er einen Lichtschein.
Der Mann geht zur Tür, klopft und wartet. Bald erklingen drinnen Schritte. Ein Riegel knarrt, ein Schlüssel bewegt sich im Schloss. Die Tür quietscht in den Angeln. Durch einen Spalt fällt Licht auf den Vorplatz. 'Wer da?', fragt eine zittrige Stimme.
'Lassiter', raunt der Mann.
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Der Türspalt wurde breiter. Der alte Pförtner hob die Öllampe über seinen Kopf. Das Funzellicht schimmerte düster auf dem Gesicht des nächtlichen Gastes.
»Ich muss John Harding sprechen«, sagte Lassiter. »Führen Sie mich zu ihm, Jason.«
Der Mann mit der Lampe zuckte zusammen. Er wollte die Tür zudrücken, aber sie federte zurück. Lassiter hatte einen Fuß dazwischen gestellt.
Jason blinzelte nervös. »Es ist spät«, sagte er. »Mr. Harding will nicht gestört sein. Kommen Sie morgen, wenn es hell ist.«
Lassiter musterte den Türwächter nachdenklich. Der alte Jason erinnerte ihn an eine Figur aus den alten keltischen Mythen. Mit seinen langen weißen Haaren, dem ungeschnittenen Rauschebart und dem lederartigen Gesicht, in dem zwei stechende Augen blitzten, glich Jason eher einem Zauberer aus der Artussage als dem Sekretär des Rechtsanwalts John Harding aus der Boomstadt am Rio Grande.
Lassiter wurde ungeduldig. »Gehen Sie schon«, sagte er. »Ich habe eine lange Reise hinter mir und keine Lust, hier im Flur herumzustehen.«
Der Alte verlegte sich aufs Bitten. »Sir, kommen Sie morgen wieder, wenn es Tag ist. Ich flehe Sie an. Der Chef wird seine Wut an mir auslassen, wenn ich ihn mitten in der Nacht störe.«
Irgendwo im Haus knarrte eine Diele. Gedämpft erklang ein inbrünstiger Seufzer.
Eine Frau? Lassiter hob lauschend den Kopf. Er sah die schmale Stiege, die in das obere Stockwerk führte. Als er einen Schritt in diese Richtung tat, verstellte ihm Jason den Weg.
»Um Himmels willen! Bleiben Sie hier. Ich … ich werde Sie melden.«
»Kommt nicht in Frage. Wollen Sie mich hier im Dunkeln stehen lassen?«
»Sir, verstehen Sie doch …«
Lassiter blieb hart. »Leuchten Sie mir!«
Der Alte bekreuzigte sich. Hastig murmelte er ein Gebet. Dann fasste er sich ein Herz und trat an den Absatz der Treppe. »Kommen Sie, Sir«, flüsterte er.
Im unsteten Licht der Laterne folgte Lassiter dem schwerfälligen Greis die Stufen hinauf. Auf halber Treppe nahm er den Duft eines süßlichen Parfüms wahr. Hinter einer Tür erklang ein spitzer Schrei, kurz darauf ein inbrünstiges Stöhnen.
Dann kamen sie oben an.
Rechter Hand stand Gerümpel herum, darunter ein Bodenspiegel mit zerbrochenem Ständer. Achtlos hatte man ihn gegen einen Stützpfeiler gelehnt. Vom Strahl des Funzellichts getroffen, leuchtete es im Spiegel auf.
Geblendet hielt Jason die Lampe woanders hin. Langsam tappte er ein paar Schritte nach links und blieb vor einer Tür mit Messingknauf stehen. Auf einmal zitterte er, als stünde er barfuß in einer Schneewehe. Er hatte Angst vor seinem Dienstherrn, aber Lassiter war das egal. Jasons Befindlichkeiten interessierten ihn nicht.
»John!«, tönte es hinter der Tür. »Zeig’s mir, John!«
Jason hatte eine Hand gehoben, um zu klopfen, aber die wollüstige Stimme der Frau ließ ihn zu Stein erstarren. Wie ein Ölgötze stand er da, unfähig, auch nur einen Finger zu rühren.
»Ich kann’s nicht«, hauchte er.
Lassiter schob den Diener des Anwalts unsanft zur Seite. Mit einem Ruck öffnete er die Tür.
Das Licht in Jasons Hand flackerte auf, als der Luftzug über die Schwelle strich.
Im Lichtschein erkannte Lassiter zwei Menschen, die sich auf einem zerwühlten Bett wälzten: den Anwalt John Harding und eine rothaarige Evastochter, dem Anschein nach eine Hure auf Hausbesuch. Beide waren nackt. Die Frau thronte auf der Leibesmitte des Mannes, der sie bei der Taille gepackt hielt. Ein Paar kleiner kugeliger Brüste hüpfte im Takt ihrer Bewegungen. Die Warzen darauf waren unnatürlich lang und spitz. Lange verschwitzte Haare hingen der Frau in Strähnen über den Rücken. Neben dem Bett stand ein Tisch mit einer angebrochenen Flasche Champagner und zwei Gläsern.
Auf einmal blickte die Frau zur Tür. Ohne in ihren Bewegungen zu verhalten, nahm sie eine Strähne aus dem Gesicht und begrüßte den Neuankömmling mit einem erstaunten Augenaufschlag.
Es dauerte einen Moment, bis auch Harding merkte, dass er nun Zuschauer hatte. Er hob den Kopf, ließ die Taille seiner Gespielin los und fluchte wie ein betrunkener Satteltramp. Vermutlich war Lassiter der letzte Mensch, den er in seinem Liebesnest zu sehen wünschte.
»Jason!«, brüllte er. »Jason! Hast du den Verstand verloren? Was fällt dir ein?«
Der alte Mann senkte schuldbewusst den Blick. Leise murmelte er etwas in seinen Bart. Offenbar betete er wieder.
Lassiter hakte den Daumen in eine Gürtellasche. »Stehen Sie auf, Harding! Machen Sie schon! Stehen Sie auf und ziehen Sie sich etwas an. Hab mit Ihnen zu reden, auf der Stelle!«
Der Anwalt starrte ihn ungläubig an. »Lassiter, bei allen Teufeln! Was unterstehen Sie sich? Wie kommen Sie dazu, mich in meinem eigenen Haus zu überfallen?«
»Machen Sie keine Szene!« Lassiter blieb gelassen. »Tun Sie einfach nur, was ich Ihnen sage!«
Harding zerquetschte einen Fluch zwischen den Zähnen. Grimmig stieß er die nackte Rotblonde zur Seite. Er kletterte aus dem Bett und zog sich an.
Die Frau verzog das Gesicht. »Was ist mit mir? Ich bekomme noch Geld.«
»Schreib’s an, wie immer.« Harding machte eine Handbewegung, als würde er ein lästiges Insekt abwehren. »Worauf wartest du? Raus, hab ich gesagt!«
Lassiter schüttelte den Kopf. Am liebsten hätte er Harding einen Kinnhaken verpasst. Wer so respektlos mit Frauen umging, hatte eine Abreibung verdient. Doch der Mann von der Brigade Sieben riss sich zusammen und schwieg.
Die Rothaarige klaubte ihre Sachen vom Fußboden und lief aus dem Zimmer.
Lassiter sah ihr nach. Was für einen hübschen runden Hintern sie hatte! Er seufzte, aber nur ein wenig.
***
»Die Zentrale legt auf Ihre Mitarbeit keinen Wert mehr«, sagte Lassiter, als er mit Harding allein war. »Sie sind ab sofort in den Ruhestand versetzt, und ich hoffe, Sie wissen, was Sie zu tun haben.«
Sie saßen in Hardings Kanzlei im Erdgeschoss. Der Anwalt war Kontaktmann der Brigade Sieben und für den südwestlichen Teil von Texas verantwortlich. Er war ein schlanker Mann von knapp fünfzig Jahren, mit dunklen Haaren, Schnauzbart und regelmäßigen Zügen. Obwohl er sich zu attraktiven Frauen hingezogen fühlte, war er Junggeselle geblieben. Es hieß, aus einer früheren Beziehung mit einer New Yorker Theaterschauspielerin habe er zwei Kinder, für deren Erziehung er von Zeit zu Zeit Geld überwies. Dass die Brigade Sieben ihn als Kontaktmann nicht mehr brauchte, verschlug ihm die Sprache.
Lassiter mochte den Mann nicht. Es war vor fünf Jahren gewesen, als er mit Harding zum ersten Mal zu tun hatte. Damals war ihm aufgefallen, dass der Anwalt für seine Dienste unverschämt hohe Honorare von seinen Mandanten verlangte. Größtenteils vertrat er Leute, die viel Geld auf der hohen Kante hatten. Darüber hinaus kursierten Gerüchte, dass er die Erkenntnisse aus den Dossiers der Brigade Sieben auch für private Zwecke nutzte. Angeblich erpresste er ehemalige Straftäter, die sich inzwischen neue Existenzen aufgebaut hatten.
Das hatte das Fass zum Überlaufen gebracht.
Die Zentrale in Washington hatte Lassiter nach El Paso gesandt, damit er den geldgierigen Winkeladvokaten umgehend von seinen Pflichten entband.
Doch Harding blieb uneinsichtig. »Ich verstehe das nicht«, lamentierte er. »Warum das alles? Sie kommen bei Nacht und Nebel in mein Haus und erklären mir, man lege keinen Wert mehr auf meine Mitarbeit. Was hat das zu bedeuten?«
»Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht.«
»Na, hören Sie mal! Was wirft man mir denn eigentlich vor?«
Lassiter hatte keine Lust auf Wortklaubereien. Oft genug war Harding von der Zentrale angemahnt worden. Innerlich ärgerte sich Lassiter über das Verhalten des selbstherrlichen Anwalts. Der Kerl war eine Zumutung. Menschen wie er hatten bei der Brigade nichts verloren.
»Heizen Sie den Kamin an«, sagte er. »Ich will, dass alle relevanten Unterlagen vernichtet werden, noch heute Nacht.«
»Wie? Was?« Harding prallte zurück. »Sind Sie von Sinnen? Ich bin Anwalt, es gibt etliche laufende Fälle. Ich kann doch meine Papiere nicht verbrennen.«
»Doch, das können Sie!« Lassiter blieb unerbittlich. »Sie tun es hier und jetzt!«
Harding raufte sich die Haare. Er sprang auf und tigerte im Zimmer auf und ab. Der Raum war rechteckig, und das Fenster an der Schmalseite mit einer dunklen Gardine verhangen. Außer dem großen, klobigen Schreibtisch gab es noch zwei Sessel mit gedrechselten Füßen und Lehnen und ein Wandregal, in dem zahllose Ordner und mit großen Blockbuchstaben beschriftete Mappen eingereiht waren. Auf dem Gitterrost des Kamins stapelten sich ein paar verrußte Holzscheite.
»Fangen Sie an«, sagte Lassiter.
Harding zögerte. Die Vorstellung, seine Unterlagen in Flammen aufgehen zu sehen, entsetzte ihn. Mit fahriger Hand fuhr er sich durch sein ungekämmtes Haar. »Was ist, wenn ich mich weigere?«
»Das werden Sie nicht.«
»Ha – Sie scheinen Ihrer Sache sehr sicher zu sein.«
»Ja, das bin ich«, sagte Lassiter und schob seine Jacke zurück.
Das Holster mit seinem Remington wurde sichtbar.
Harding schnaufte schwer. »Sie werden es nicht wagen.«
Lassiter gab sich einen Ruck und trat an den Kamin. Er kramte in seiner Jackentasche und brachte eine Schachtel Schwefelhölzer zutage. »Weiß Jason über Ihren Nebenjob Bescheid?«, fragte er.
»Was?«
»Jason, Ihr Sekretär. Weiß er,...




