Slade | Lassiter - Folge 2216 | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 2216, 64 Seiten

Reihe: Lassiter

Slade Lassiter - Folge 2216

Lassiter und der Kartenkönig
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7325-0806-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Lassiter und der Kartenkönig

E-Book, Deutsch, Band 2216, 64 Seiten

Reihe: Lassiter

ISBN: 978-3-7325-0806-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Die wettergegerbten Gesichter der Mexikaner waren in glühendes Morgenrot getaucht. Der Trupp hatte auf den Hügeln nahe der Stadt Halt gemacht, von wo aus die Schule der Americanos gut zu sehen war. Das Haus mit den weißen Fassadenbrettern und dem hellroten Ziegelschornstein stand auf einem einsamen Streifen Prärie an der Straße nach Sun City.

'Dort ist es', sagte Gregorio Marcello Barrientos und hob den Arm. Er war der Jüngste der Männer und zugleich ihr Anführer. 'In diesem Haus verdirbt man die Seelen unserer Kinder.'

Die Männer in den Sätteln nickten und griffen nach ihren Gewehren. Sie waren wie Barrientos zum Äußersten entschlossen.

'Reiten wir!', sagte einer von ihnen. 'Schonen wir die Kleinen?'

Barrientos nickte kühl. 'Tötet nur die Amerikanerin.'

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Die erwartungsvollen Blicke der zwölf mexikanischen Kinder, denen Melinda Gardener an diesem Morgen das Alphabet beibrachte, unterschieden sich in nichts von den Blicken jener Kinder, die Melinda in den vornehmen Villen von Philadelphia und Maryland unterrichtet hatte. Die blondgelockte Lehrerin mit den stechend blauen Augen lächelte, deutete auf einen Jungen in der ersten Bank und forderte ihn auf, die erste Buchstabenreihe von der Tafel abzulesen.

»A-ah! B-beh! Z-zeh!«, stotterte Gonzáles, bevor ihn das Gelächter seiner Mitschüler verstummen ließ. In den Pausen gab der Junge öfter den Raufbold, zu dem die Mädchen bewundernd aufblickten, doch Melindas Leseübungen stellten ihn vor unüberwindliche Hürden. »Ich … ich kann’s nicht lesen, Señora

Über das zarte Gesicht der Dorfschullehrerin ging erneut ein Lächeln. Melinda war vor einem guten Jahr ins Bolham County gekommen und hatte ihren Dienst in einem der erbärmlichsten Schulhäuser aufgenommen, die sie in ihrem bisherigen Leben je betreten hatte. Die Tische und Bänke waren mit Staub bedeckt gewesen; die winzige Bibliothek in der Kammer neben der Tür hatte aus nicht mehr als einer zerfledderten Bibel und einer Ausgabe der »Civil Order of the New-Mexico Territory« bestanden. Die Kinder aus der nahen Mexikanersiedlung trieben sich lieber bei den lärmenden Casinos von Sun City herum, statt nebeneinander auf engen Bänken das Alphabet zu pauken.

»Lies es uns ein zweites Mal vor, Gonzáles!«, ermunterte Melinda den mexikanischen Jungen. Sie deutete mit dem Zeigefinger streng auf die übrigen Knaben im Klassenraum. »Wenn ich Gelächter von euch höre, setzt es etwas!«

Die Kinder verstummten und schlossen tuschelnd Wetten darüber ab, ob Gonzáles die Buchstaben zusammenbrachte oder nicht. Als der Raum still wurde, begann der Junge abermals zu lesen.

»Ah … Beh … Zeh … Deh …«, las Gonzáles. Er geriet erst ins Stolpern, als er beim Buchstaben »Q« anlangte. »Knu … Knu-knuju …«

Im Klassenraum hob neuerliche Heiterkeit an, die in Gekicher und Gejohle gipfelte. Melinda marschierte durch die Bankreihen und packte einen der Unruhestifter am Ohr. »So leicht machst du es dir nicht, Emilio! Keinen einzigen geraden Satz hast du letzte Woche herausgebracht, und jetzt lachst du über deinen Freund Gonzáles?«

Die blonde Lehrerin zerrte den Mexikanerjungen zum Fenster und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. Emilio begann zu schluchzen und hielt sich die gerötete Wange.

»Gonzáles ist ein gemeiner Kerl!«, verteidigte sich der Junge und verkniff sich die Tränen. »Er schlägt und ärgert die Mädchen, sobald Sie nicht hinsehen, Señora

Mit einem Seufzer gab Melinda Emilio frei und rieb sich die Stirn. Sie würde drei Kreuze machen, wenn diese unerzogenen Lausebengel einst eine Anstellung fanden und ihre Familien versorgten.

»Heilige Mutter Gottes«, murmelte Melinda und richtete den Blick aus dem Fenster.

Vor dem Schulgebäude stand ein Mexikaner in einem knöchellangen Staubmantel. Er trug ein Lederholster um die Hüfte, aus dem zwei chromglänzende Colts hervorschauten. Seine Hände schwebten drohend über den Revolvergriffen.

»Was zum Teufel …?«, flüsterte Melinda und schaute sich hilflos zu ihren Schülern um.

Der Mexikaner wies mit einer knappen Geste zur Vordertür des Schulhauses. Er bewegte die Lippen, als wollte er etwas sagen, beschränkte sich dann aber darauf, seine vorangegangene Geste zu wiederholen.

»Kommen Sie nach draußen, Ma’am!«, sagte er schließlich. »Gregorio Marcello Barrientos möchte mit Ihnen reden.«

Kalte Angst kroch Melindas Rücken hinauf.

Die junge Amerikanerin hatte zu viele Erzählungen über den berüchtigten Mexikanerboss gehört, als dass sie ihre Furcht hätte bezwingen können.

Mit einem forschen Handgriff öffnete Melinda das Fenster.

»Was will Barrientos von mir? Ich muss diese Kinder unterrichten. Ich werde Colonel Ingledow verständigen.«

Der Mexikaner ließ die rechte Hand langsam auf den Revolver darunter sinken. Er zog die Waffe zur Hälfte und wies aufs Neue zur Fronttür des Gebäudes.

»Komm heraus und rede selbst mit ihm! Die Kinder sollen in ihren Bänken bleiben.«

Die Dorfschullehrerin nickte und biss sich auf die Unterlippe. Sie band sich rasch das Kleid hinter dem Rücken neu und entsann sich des Oberstudienrats in Albuquerque, der sie ein »törichtes Weibsbild« geschimpft hatte. Sie hatte ihm berichtet, dass sie zu den Mexikanern im Bolham County wollte, worauf der ältere Herr mit den sanften Rehaugen die Fassung verloren hatte. Diese Menschen kämen geradewegs aus der Hölle, hatte der Alte geschäumt. Sie würde noch früh genug erfahren, was das bedeute.

»Komm schon!«, knurrte der Mann im Staubmantel ungeduldig. »Wir warten auf dich, Americana

Der schwarzgewandete Mexikaner schob den Revolver wieder ins Holster und verschwand aus Melindas Blickfeld. Die Lehrerin zitterte am ganzen Leib und drehte sich zögerlich zu ihren Schülern um. Sie durfte die Bewaffneten nicht warten lassen, wollte sie verhindern, dass den Kindern etwas zustieß.

»Hört mir zu, Kinder! Ihr lest einander das Alphabet vor, bis es jedem von euch leicht von den Lippen geht.« Sie sah ein Mädchen in der ersten Bankreihe an, dessen schwarze Zöpfe mit bunten Perlenbändern zusammengebunden waren. »Fernanda, du achtest auf anständiges Benehmen. Die anderen werden auf dich hören und alles befolgen, was du ihnen sagst.«

Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, ließ Melinda einen strengen Blick durch die Bänke wandern. Im Anschluss daran griff sie nach ihrem Schreibblock und verließ den Schulraum forschen Schrittes.

Als die Lehrerin ins Freie trat, hörte sie in ihrem Rücken, wie Fernanda das Alphabet zu lesen begann.

Scheu lächelte Melinda die Männer an, die mit grimmigen Mienen auf sie warteten.

»Bist du Melinda Gardener?«, fragte eine tiefe Stimme im Hintergrund. »La Americana?«

Es war die Stimme von Gregorio Marcello Barrientos. Der Mexikanerboss trat aus dem Trupp hervor und ließ einen .45er-Colt am Finger kreisen. Seine lockigen Haare waren zerzaust und staubig.

»Gib mir Antwort!«, donnerte Barrientos und schritt auf die verängstige Melinda zu. Er packte die blonde Frau und schüttelte sie. »Bist du die Americana, die aus Albuquerque gekommen ist?«

Die Lehrerin nickte bebend und starrte auf den Colt in Barrientos Hand. »Aus w-welchem Grund willst du das wissen?«

Der Mexikaner gab keine Antwort.

Er gab seinen Männern ein Zeichen, worauf die Berittenen einen engen Kreis um Melinda bildeten. Barrientos legte mit dem Colt auf die zitternde Blonde an und nahm einen tiefen Atemzug.

»Adios, Señorita!«

***

Das Heaven’s Inn war eine schäbige Herberge inmitten der Mexikanersiedlung von Bolham, deren Bretterverschläge und schlammverschmierte Zelte sich vom Rio Grande bis zu den ersten Ausläufern der Coyoteros Apaches erstreckten. Die Kutsche aus El Paso schlug einen weiten Bogen um die ärmlichen Behausungen und rollte nach fast vierstündiger Fahrt auf den ausgedörrten Platz vor dem Hotel. Sogleich umringte ein Dutzend mexikanischer Jungen das Gespann und streckte bettelnd die Hände aus.

»Haben Sie ein Herz, Señor!«, rief einer der Jungen einem dunkel gekleideten Herrn zu, der mit einer Ledertasche unter dem Arm die Trittstufe hinunterstieg. »Uns geht das Brot aus! Unsere Mutter kann uns kaum noch ernähren!«

Der Mann im schwarzen Gehrock zog sich den Hut tiefer in die Stirn, griff in die Hosentasche und förderte einen Vierteldollar hervor. Er gab dem zerlumpten Jungen die Münze und strebte anschließend auf die Einlasstüren des Heaven’s Inn zu.

»Gott mit Ihnen, Sir!«, rief der Junge dem Fremden nach und zeigte seine Errungenschaft den übrigen Kindern. Als die Schar bei den anderen Reisenden ohne Erfolg blieb, stoben die Jungen in alle Richtungen davon.

»Die Kröten bekommen mehr als genug von der Regierung!«, knurrte ein dickbäuchiger Mann, der auf der Veranda des Hotels stand. »Sie sollten diesem Abschaum nichts geben. Ist nicht gut für deren Moral. Ich lass sie wenigstens arbeiten, bevor sie etwas kriegen.« Er streckte dem fremden Kutschpassagier die Hand entgegen. »Harold Hammond, mein Name. Mir gehört das Heaven’s Inn. – Sind Sie der Kerl, der zwei Monate im Bolham County bleiben will?«

Der Mann im schwarzen Gehrock betrat die Veranda und tippte sich grüßend an den Hut. »So ist es«, gab Lassiter zur Antwort. »Ich möchte zu Frank Allen.«

»Zu Territorialverwalter Frank Allen?«, fragte Hammond und wischte sich die schweißigen Hände an seinem Wanst ab. »Hatte mich schon gewundert, was er um diese Stunde in der Bar zu suchen hat. Sitzt hinten am Piano.« Er winkte mit dem Arm. »Kommen Sie, ich bringe Sie zu ihm.«

Der schwergewichtige Hotelbesitzer wandte sich um und stapfte ins Foyer zurück. Er drehte sich einige Male nach seinem Gast um und führte Lassiter in die stickige Bar der Herberge. Am hintersten Tisch saß ein schmaler Mann Ende vierzig, der in einem zigarrenbrauen Jackett steckte. Er rückte sich die Krawatte zurecht und erhob sich. »Mr. Lassiter? Ich hatte Sie bereits erwartet.«

Die beiden Männer reichten sich die Hände und setzten sich erst nieder, als Hammond...



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