Slade Lassiter - Folge 2204
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7325-0269-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Das Geheimnis der Sierra Nevada
E-Book, Deutsch, Band 2204, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
ISBN: 978-3-7325-0269-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Expedition des California State Mining Bureau erreichte die schneebedeckten Höhenzüge des Mount Whitney in brütend heißer Mittagssonne. Das halbe Dutzend Männer nahm die Ledertornister von den Rücken, packte den Proviant aus und ließ sich auf den Felsbrocken nieder.
'Dort unten liegt Fong City!', rief Expeditionsleiter Ray Edleman und deutete auf die Umrisse der Chinesensiedlung im Tal. 'Die Schlitzaugen hocken gewiss schon wieder in ihren Opiumhöhlen.'
Die übrigen Männer stimmten ein Gelächter an und aßen von ihren Brotvorräten. Sie achteten nicht auf die beiden Landvermesser, die sich abseits gesetzt hatten.
'Nicht mehr lange', flüsterte Henry Dugat. 'Nicht mehr lange.'
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Eine Viertelstunde bevor Chon Quay und knapp vierzig seiner Landsleute dem verheerenden Erdrutsch von Fong City zum Opfer fielen, hatte der junge Chinese nichts als Liebe im Sinn. Er saß im Schatten eines mit Drachenköpfen und Schriftzeichen verzierten Holzhauses und schrieb mit Feder und Tusche einen Brief an Winny Reeves. Die hübsche Weiße mit den meerblauen Augen war die einzige Einheimische in der Stadt und betrieb das Telegraphenbüro. Sie hatte – so hielt es Chon in seinem Brief schwelgerisch fest – das schönste Lächeln diesseits des Stillen Ozeans.
»Chon!«
Der Chinese sah auf und erblickte seinen Freund Taj Ling, der die Hauptstraße der Siedlung hinaufgelaufen kam. Taj war zwei Jahre älter als Chon, hatte jedoch die schmächtige Gestalt eines Fünfzehnjährigen. Er trug die Minenarbeiterkluft, die jeder Einwanderer vom Gemeinderat erhielt. Chon und Taj hatten sich vor einem Jahr beim traditionellen Neujahrsfest kennengelernt, als Taj gerade von Lone Pine herübergezogen war.
»Was machst du?«
Taj sprang heran und ließ sich neben Chon auf die Bank fallen. Er bedachte den Papierbogen in der Hand seines Freundes mit einem neugierigen Blick und sah zum majestätischen Bergmassiv des Mount Whitney hinauf. Der Berg hatte über Nacht seine Wolkenkrone abgesetzt und glänzte nun im Sonnenlicht.
»Ich schreibe an Winny«, antwortete Chon und säuberte die Federspitze. »Sie soll sehen, dass ich gutes Englisch beherrsche.«
»Du bist ein Fisch, der Flossen hat, aber nicht schwimmen kann«, erwiderte Taj und lächelte seinen Freund an. »Sie wird keinen wie dich nehmen. Auch wenn du noch so gutes Englisch redest. Amerikanische Frauen mögen nur amerikanische Männer. Uns Einwanderer keine von denen in ihr Bett lassen.«
»Sie hat mir zugelächelt«, beharrte Chon und ging nacheinander die Zeilen durch, die er niedergeschrieben hatte. Er fand einen Fehler und kratzte mit der Messerspitze den Buchstaben vom Papier. »Eines Tages wird sie mich wahrnehmen und sich von mir zum Altar führen lassen.«
Taj winkte ab und lehnte sich auf der Bank zurück. Er hatte seit Wochen eingefallene Wangen, was dem schlechten Verdienst bei der California Silver Mining Corporation zuzuschreiben war. Wie jeder andere Chinese im Tal arbeitete er bis zur Erschöpfung und bekam lediglich einen Hungerlohn dafür gezahlt. Chon hatte die Gründung einer Arbeitergewerkschaft erwogen, aber nachdem drüben in den Alabama Hills fünf von ihnen wegen Gewerkschaftsumtriebe mit dem Tod bedroht worden waren, hatte er den Plan begraben.
»Als ob sich deshalb etwas änderte!«, sagte Taj und blinzelte in die Sonne. »Sie hatte in Lone Pine schon einen Mann. Mit einem Chinamann will sie sich bestimmt nicht einlassen.«
»Du verstehst nichts von Liebe«, erwiderte Chon und faltete den Brief in der Hälfte zusammen. »Ich werde ihr gestehen, was ich für sie empfinde. Sie ist eine starke Frau, die sich von niemandem einreden lässt, wen sie heiratet.«
»Dann lass sie uns besuchen!«, schlug Taj vor und schnellte in die Höhe. »Sie wird sich bestimmt freuen, uns zu sehen!«
Der Eifer seines Freundes löste in Chon Euphorie und Unruhe zugleich aus. Er hatte den ganzen Morgen auf den Brief verwendet und wollte ihn Winny überlassen, sobald er mit Taj hinüber zu den Alabamas-Minen ritt. Die harte Arbeit würde Chon derart beanspruchen, dass er keine Zeit finden würde, über den Ausgang seines Unterfangens nachzugrübeln.
Der Chinese drehte den Brief in der Hand unschlüssig hin und her. »Sie … Winny soll ihn nicht gleich lesen. Sie soll ihn erst bekommen, wenn wir in den Minen sind.«
»Was hast du zu verlieren?«, ließ Taj nicht locker. »Sie wird dir sagen, ob sie einen Chinamann will. Du musst dich nicht länger quälen damit.«
Er fasste Chon bei der Schulter und zog ihn mit sich fort. »Nun komm schon, mein Freund! Der Sperling bleibt hungrig, wenn er sich nicht aus dem Busch traut.«
Die beiden jungen Männer liefen die Hauptstraße hinunter und hielten auf das Telegraphenbüro der Western Telegraph Union zu, die seit einem halben Jahr ihre Dienste in Fong City anbot. Die Western Telegraph hatte sich zu diesem Schritt nicht zugunsten der chinesischen Bewohner entschlossen, sondern ein Geschäft mit den Minenbetreibern aus Lone Pine und Visalia gewittert, die ihre Arbeiter rascher anheuern oder feuern wollten.
Plötzlich ließ ein dumpfer Donnerhall in der Ferne die Freunde innehalten.
Die jungen Chinesen blieben stehen und richteten den Blick auf den Mount Whitney, aus dessen Schluchten das Grollen gekommen war. Taj hielt die Hand über die Augen und wies auf eine blasse Staubwolke, die von der Südflanke des mächtigen Gebirgszuges aufstieg. Es hätte eine Sprengung sein können, doch in diesen Höhen trieb keine Minengesellschaft Stollen in den Felsen.
Dann erkannte Chon, was geschah.
»Eine … Lawine!«, sagte der Chinese und zeigte auf die Berge. »Wir müssen die Leute aus den Häusern holen!«
Der schwere Donner in den Bergen wurde von Sekunde zu Sekunde lauter.
»Du läufst zur südlichen Straße!«, rief Chon und zerknüllte den Brief an Winny in der Hand. »Ich sage drüben Bescheid!«
Vom südlichen Grat des Mount Whitney hatte sich eine schwere Gesteinslawine gelöst, die sich mit zermalmender Kraft durch die Wälder oberhalb der Siedlung fraß. Sie überwand in rasender Geschwindigkeit die beiden Passwege, auf denen Chon und Taj vor einem halben Jahr ins Utah-Territorium geritten waren, um Seife und Töpfe zu kaufen.
»Lauft!«, rief Chon den wenigen Männern zu, die ebenfalls auf die Straße getreten waren. »Lauft, so schnell ihr könnt!«
Wenig später erreichte die Lawine die Talsohle.
Eine zornige Masse aus Steinen, Baumstämmen und Geröll schob sich unaufhörlich auf die Stadt zu. Sie begrub die Hütten an den Kuhweiden unter sich, in denen das Ackergerät für die Felder stand, und walzte die ersten Häuser nieder. Die schweren Pinienbohlen der Holzbauten zerbarsten wie Zündhölzer und verschwanden im Inferno der herandonnernden Steine.
Chon ließ den Brief an Winny fallen und rannte.
Er rannte aus voller Kraft und konnte dem Moloch aus Felsen und entwurzelten Bäumen dennoch nicht entgehen.
***
Die Lokomotive der Carson & Colorado Railroad rollte mit kreischenden Rädern in den Stand. Über dem ölglänzenden Kessel stieg weißer Dampf auf und verteilte sich mit dem Südwestwind über den niedrigen Häusern von Lone Pine. Der Zug mit seinen beiden Personenwagen und dem geschlossenen Postwagen war für die Bewohner des winzigen Städtchens an der kalifornischen Grenze kein ungewohnter Anblick, auch wenn die Ankunft des Drei-Uhr-Zuges offenbar von einem Mann am Bahnsteig noch sehnlicher als sonst herbeigewünscht worden war.
Der Betreffende war von hohem Wuchs und schritt vor den sich leerenden Wagen unruhig auf und ab. Er trug einen eleganten Straßenanzug aus schwarzer Kaschmirwolle, darunter ein gestärktes Hemd und einen karmesinroten Kragenbinder. Seine Stiefel, an denen versilberte Sporen glänzten, waren aus teurem Hirschleder. Unter dem Jackett blitzte der Griff eines Colts, zu dem ein aufwändig punziertes Lederholster gehörte.
Als aus dem hintersten Wagen Lassiter stieg, geriet der Mann in noch größere Aufregung. Er ging eilends auf den Mann der Brigade Sieben zu und tippte sich mit zwei Fingern grüßend an den Hut.
»Sie müssen Lassiter sein!«, sagte der Mann. »Ich bin darüber unterrichtet worden, dass Sie den Drei-Uhr-Zug nehmen. Die Beschreibung trifft exakt auf Sie zu.«
»Mit Haut und Haar«, sagte Lassiter gut gelaunt. Dabei hatte er ein unbequemes Nickerchen im Zug gehalten und fühlte sich nun ebenso gerädert wie noch eine Stunde zuvor in Owenyo. »Sie sind John P. Sawyer?«
»Ganz recht«, sagte der andere Mann und lächelte. »Mir gehört die Lone Pine Bank. Es ist nichts Großes, aber ich verdiene gut mit den Minenbesitzern.«
Während Sawyer redete, trauerte Lassiter der rassigen Spanierin nach, die ihm in San Francisco eine höllisch gute Nacht bereitet hatte. Sie war bis zum Morgengrauen geblieben, dann war das Telegramm aus Washington gekommen. Die Brigade Sieben – so hatte es in den wenigen Zeilen unmissverständlich geheißen – erwartete ihren besten Mann dringend in Lone Pine.
»Worum geht es in meinem Auftrag?«, fragte Lassiter. Sie hatten die Station verlassen und gingen die spärlich bebaute Mainstreet hinauf. In diesem Nest würde es schwer werden, einen Ersatz für die Spanierin aufzutreiben. »In Washington ist man offenbar äußerst aufgeschreckt.«
»Die Anordnung ist von Präsident Rutherford B. Hayes höchstpersönlich gekommen«, sagte Sawyer und schritt mit konzentrierter Miene neben Lassiter her. »Er wollte für diesen Einsatz den Mann, der ihm in Yuma das Leben gerettet habe. Der Präsident setzt großes Vertrauen in Sie.«
»Ich habe lediglich meine Pflicht getan«, erwiderte Lassiter und schürzte die Lippen. »Dennoch ist es ehrenvoll, dass Präsident Hayes persönlich mich für einen Einsatz wünscht.«
»Bei der Anweisung scheint es nicht ausschließlich um Sympathie zu gehen«, schränkte der Bankbesitzer ein. Er deutete auf einen schmalen Holzbau, über dem das Emblem der Bank of Lone Pine prangte. »Aber kommen Sie! Ich will Ihnen einen Kaffee aufbrühen und Sie über alle Einzelheiten aufklären.«
Die Männer betraten das Bankgebäude, in dem sich lediglich der Kassierer...




