Slade Lassiter - Folge 2202
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7325-0267-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Speer der Rache
E-Book, Deutsch, Band 2202, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
ISBN: 978-3-7325-0267-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Dämmerung fiel über das Grasland, ein kühler Westwind wehte von den nahen Bergen, der Mond ging schon auf. Eastflower hob den Blick, weil Trommeln und Gesang plötzlich verstummten. Vor den Wigwams sah sie die Jäger sich aufrichten und zum Totempfahl in der Mitte des Jagdlagers spähen. Von dort schwankte der Medizinmann dem Zelt des Jagdhäuptlings entgegen; eine Squaw musste ihn stützen.
'Weißer Rabe kommt zu uns', sagte Eastflower. Sie verband ihrem Mann die Wunden an Oberschenkel und Schulter. Ein Büffel hatte den Jagdhäuptling heute vom Mustang gestoßen. 'Er blickt finster. Der Große Geist hat ihm wohl wieder Unglück verheißen.'
Vor dem Paar blieb der Medizinmann stehen. 'Lass das Lager abbrechen, Roter Falke!', sagte er mit schwerer Zunge und lehnte sich auf seine Squaw. 'Wir müssen fliehen. Sofort. Der Tod ist auf dem Weg zu uns.'
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Eastflower sah die Flasche aus der Jacke seiner Squaw ragen, die Flasche mit dem Feuerwasser. Sie spürte Wut in sich aufsteigen, wandte sich ab und richtete ihre Aufmerksamkeit ganz auf den letzten Verband, den sie ihrem Mann anlegte. Mit diesen Wunden würde Roter Falke morgen nicht zur Jagd reiten können.
»Hörst du mir zu, Häuptling?« Weißer Rabe krächzte mehr, als dass er sprach, und schlimmer noch: Er schwankte immer bedenklicher. »Hast du gehört, was der Große Geist dir ausrichten lässt, Roter Falke?«
»Ich habe deine Worte gehört, Weißer Rabe.« Eastflower war erleichtert, ihren Mann so ruhig sprechen zu hören. Sie allein, die ihn so gut kannte, wie sonst niemand, nur sie hörte seiner Stimme an, wie schwer es ihm fiel, seinen Zorn im Zaum zu halten.
Seit Wochen schwirrten Kriegsgerüchte durch Prärie, Gebirge und Großes Becken, und seit Wochen hatte der Weiße Rabe nichts Besseres zu tun, als die Jäger vom Stamme der Ute und ihre Frauen in Angst und Schrecken zu versetzen mit seinen düsteren Weissagungen. Dennoch war und blieb er der Medizinmann und man musste ihn entsprechend respektvoll behandeln.
»Gut«, sagte Weißer Rabe heiser. »Dann brechen wir jetzt die Wigwams ab und packen die Jagdbeute und die Wigwamfelle auf die Pferde. Möge die Nacht unser Schutzschild werden.« Er griff nach der Flasche in der Lederjacke seiner Squaw.
Eastflowers Zwillinge und Kleines Reh, die Schwester des Jagdhäuptlings, traten aus dem Wigwam; aus allen Behausungen schauten schon die Squaws herüber zu ihnen, und mit ihnen die wenigen Halbwüchsigen, die in diesem Spätsommer den Jagdzug begleiten durften.
Roter Falke betrachtete seinen Medizinmann aufmerksam und nickte langsam. Eastflower half ihm in Lederweste und Bärenfellmantel und reichte ihm seinen Jagdspeer. An ihm zog er sich hoch. Sie hütete sich, ihm zu helfen – ihr Mann hasste es, Schwäche zeigen zu müssen.
Eastflower war eine schlanke Frau Ende zwanzig. Sie hatte schwarzes Haar, dunkelblaue Augen und samtbraune Haut. Ein trotziger Zug lag um ihren großen Mund.
Schöne Blume, die der Wind aus dem Osten an mein Herz geweht hat – so lautete ihr eigentlicher Name, wenn man ihn wörtlich aus dem Dialekt der Ute-Indianer übersetzte. Sie hatte von Anfang an darauf bestanden, den Namen verkürzt und englisch auszusprechen: Eastflower.
Vor dem Medizinmann blieb Roter Falke stehen und sah ihm ins Gesicht. »Ja, wir werden aufbrechen, Weißer Rabe.«
Der Medizinmann nickte zufrieden und entkorkte die Flasche. Eastflower hörte, wie schwer er atmete, sah, dass sein Gesicht rot und seine Augen wässrig waren. Das lag keineswegs nur am anstrengenden Tanz um den Totempfahl und an der Anrufung des Großen Geistes. Er setzte die Flasche an die Lippen.
»Wir werden aufbrechen …«, mit einer blitzschnellen Bewegung riss der Häuptling sie ihm aus der Hand, »… sobald wir genug Büffelfleisch erbeutet haben, um auch das letzte Maultier und den letzten Mustang damit beladen zu können.«
Der Medizinmann starrte ihn an wie eine Erscheinung. Ganz still war es plötzlich im kleinen Jagdlager. Alle hielten den Atem an.
»Du wagst es, dem Großen Geist zu trotzen?« Weißer Rabe schnappte nach der Flasche, doch Roter Falke schlug ihm den Arm weg. »Du wagst es …?«
»Der Große Geist hat durch dich ein Erdbeben geweissagt, sollten wir das Sommerlager am Otterfluss verlassen, um in der Prärie zu jagen. Es gab kein Erdbeben. Der Große Geist hat durch dich mit Steinschlag in den Bergen und Blizzards in der Prärie gedroht, sollten wir wie jedes Jahr auch diesen Sommer auf Büffeljagd reiten. Es gab weder Steinschlag noch Blizzards.«
Roter Falke drehte die Flasche herum und leerte das bernsteinfarbene Feuerwasser ins Gras. Der Medizinmann versuchte erneut, nach ihr zu greifen, doch weil der Jagdhäuptling ihm den Weg mit seinem Speer versperrte, strauchelte er und stürzte.
»Nicht der Große Geist, sondern das Feuerwasser und deine Angst vor den Bleichgesichtern geben dir all die düsteren Weissagungen ein.« Roter Falke ließ die leere Flasche fallen, hob die Stimme und rief seinen Jägern zu. »Wir bleiben hier! Wir jagen den Büffel morgen und übermorgen und auch noch am Tag danach! Wir jagen ihn, bis wir genug Fleisch für den Winter haben!«
Feindselig blinzelte Weißer Rabe zu ihm herauf. Dann angelte er sich die leere Flasche aus dem Gras und winkte seiner Squaw. Die half ihm hoch und führte ihn in den gemeinsamen Wigwam.
Während der kalten Nacht später kuschelte Eastflower sich an den Roten Falken. »Weißer Rabe verwirrt die jungen Krieger«, flüsterte sie. »Was ist nur los mit ihm?«
»Verfluchtes Feuerwasser«, knurrte der Jagdhäuptling, »verfluchte Bleichgesichter. Seit sie im Westen Captain Jack getötet haben und im Norden Chief Joseph sein Land streitig machen, wollen meine Krieger nicht mehr an eine friedliche Zukunft glauben.«
Mehr sagte er nicht. Ohne überhaupt den Versuch zu machen, mit Eastflower Liebe zu machen, schlief er ein. Seine Verletzungen mussten ihm große Schmerzen bereiten, wenn er sogar darauf verzichtete.
Eastflower schlang die Arme um seine breite Brust und dachte über seine Worte nach.
Im Westen, in den Bergen Kaliforniens, hatte die US-Army die Modocs besiegt und ihren Kriegshäuptling Captain Jack hinrichten lassen. Hoch im Norden bahnte sich ein Krieg zwischen den Weißen und den Nez Percé an. Die Regierung in Washington wollte ihnen ihr Land in Oregon wegnehmen. Doch ihr großer Häuptling Chief Joseph war nicht der Mann, der so etwas einfach hinnahm.
Angst beschlich Eastflower. Sollte der Krieg nun von den Modocs auf die Nez Percé übergreifen, würden auch die Ute und ihre Häuptlinge das Kriegsbeil wieder ausgraben. Roter Falke und seinesgleichen waren viel zu stolz, um vor den Weißen den Nacken zu beugen.
Eastflower dachte an ihre zehnjährigen Zwillingssöhne. Lange fand sie keinen Schlaf.
Schon bei Sonnenaufgang brachen die Jäger auf. Die Büffel weideten ganz in der Nähe. Seit die Ute Pferde besaßen und züchteten, überquerten sie Sommer für Sommer die Bergketten der Rocky Mountains, die ihre Heimat am Otter Creek und am Sevier River von der Prärie trennten. Sommer für Sommer jagten sie im Grasland den Bison.
Roter Falke ging an diesem verhängnisvollen Tag nicht mit auf die Jagd. Zu schmerzhaft waren seine Verletzungen, die er sich bei dem Sturz zugezogen hatte. Abgesehen von zwei kranken Halbwüchsigen waren er und Weißer Rabe die einzigen Männer, die im Lager blieben.
Die Frauen machten sich an ihr Tagewerk: Wigwams ausbessern, Decken stopfen, Mokassins mit neuem Leder besohlen, und vor allem das bereits erbeutete Büffelfleisch trocknen.
Auch die beiden Freundinnen Eastflower und Kleines Reh – Eastflower benutzte ausschließlich die Übersetzung ihres Ute-Namens Little Doe – hockten den ganzen Vormittag an den Holzgestellen und spannten die Fleischstreifen, die ihre Kinder ihnen reichten, zwischen die straffen Sehnen.
Eastflower war in sehr jungen Jahren zu den Ute gestoßen; kaum achtzehn Jahre alt hatte sie ihrem Häuptling Zwillingssöhne geboren.
Little Doe hatte ein dreijähriges Mädchen, das sie noch stillte. Weil sie sehr eifersüchtig war und ihrem Mann keine Zweitfrau mit auf den Jagdzug geben wollte, hatte sie ihn samt dem Säugling begleitet.
Gegen Mittag hörten sie plötzlich Hufschlag. Zuerst glaubten sie, die Jäger hätten vielleicht überraschend schnell viel Beute gemacht und kämen schon zurück. Doch dann sah Eastflower Reiter mit Gewehren und in blauen Uniformen. Über den Hüten ihrer Angriffsspitze wehte die US-Flagge.
Schon fielen die ersten Schüsse, und dann preschten die Reiter zwischen die Wigwams. Vielleicht waren es fünfzig, vielleicht auch nur dreißig. Die meisten Squaws schafften es noch, ins hohe Büffelgras zu flüchten, doch Eastflower und Little Doe wollten den Säugling und den verwundeten Häuptling nicht allein lassen.
Der hob seinen Speer und stellte sich schützend vor sie. Eastflower scharte die Kinder und die junge Mutter hinter sich. Soldaten umzingelten sie, richteten Gewehrläufe auf sie. Einer von ihnen, ein langer Rotschopf, winkte einem Reiter, der jetzt erst zwischen den Wigwams auftauchte.
Der Mann lenkte sein Pferd heran, stieg aus dem Sattel und stelzte böse lächelnd auf sie zu. Ein Captain. Eastflower konnte sein Rangabzeichen erkennen und den Namen auf seiner Brusttasche lesen: Peterbilt. Er taxierte sie und Little Doe feixend. »Was haben wir denn da für süße Prärievögelchen eingefangen?«
***
Donnernder Hufschlag erfüllte die Luft, die Kavalleristen brüllten ihr »Hurra!« in die Prärie hinaus, Schüsse fielen, Frauen schrien. Lieutenant Tom Garner atmete auf – es lief wie am Schnürchen.
»Und jetzt hinein in die Wigwams!«, befahl er dem Corporal Jim Packard und seinen Leuten. »Holt die Rothäute heraus! Entwaffnet sie!«
Garner sah Packard vom Pferd gleiten, die Männer hinter sich herwinken und in den nächstbesten Wigwam stürzen. »Wirst du wohl ordentlich sichern, bevor du angreifst?«, schimpfte Garner. Tollkühner Bursche, dieser blonde Corporal! Lieutenant Garner war stolz auf ihn.
Nach wenigen Minuten war das Gröbste erledigt. Die meisten Indianerweiber waren ins Grasland hinaus geflohen, die enttäuschend kleine Pferdeherde war gesichert und der Widerstand von zwei jungen Indianern gebrochen; sie lagen blutend im Gras.
»Die Wigwams da hinten!«, brüllte Garner. »Durchsuchen!« Wieder...




