Slade | Lassiter - Folge 2191 | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2191, 64 Seiten

Reihe: Lassiter

Slade Lassiter - Folge 2191

Flucht aus den Wolfswäldern
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7325-0001-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Flucht aus den Wolfswäldern

E-Book, Deutsch, Band 2191, 64 Seiten

Reihe: Lassiter

ISBN: 978-3-7325-0001-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Eigentlich kann Alicia Murphy es kaum erwarten, mit ihrem Verlobten Frank Vernon vor den Traualtar zu treten. Doch am Vorabend ihrer Hochzeit wird die schöne Lady entführt. Sie findet sich in New Eden wieder, einer Siedlung in einem abgelegenen Tal Montanas, wo der religiöse Fanatiker Joshua Lewis ein strenges Regiment über seine Gemeinde führt.

Lassiter, der eigentlich nur Gast der Trauungsfeierlichkeiten sein sollte, wird zur treibenden Kraft bei der Suche nach der verschwundenen Braut. Ihre Nachforschungen führen ihn und seine Begleiter in die Wolfswälder, in denen nicht nur vierbeinige Bestien ihr Unwesen treiben.

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»O nein, bitte nicht.« Paulas Stimme klang so brüchig, als stünde sie kurz davor, in Tränen auszubrechen. Doch ihr war klar, dass ihre Zeit äußerst knapp bemessen war. Jede Sekunde, die sie mit Jammern vergeudete, ließ ihre Chance auf ein Entkommen geringer werden. Die Lippen fest aufeinander gepresst, nahm sie ihre Flucht wieder auf.

Die Bäume standen so dicht, dass der Himmel nicht zu sehen war. Es war so dunkel, dass Paula das Gefühl hatte, als hätte sich ein schwarzes Tuch über ihre Augen gelegt. Trotzdem hetzte sie weiter vorwärts. Sie hielt die Arme ausgestreckt vor sich, um nicht blind in ein Hindernis zu laufen. Ein erfolgloser Versuch, denn die Zweige prügelten auch weiterhin erbarmungslos auf sie ein. Äste verfingen sich in ihrem Haar und rissen ihr den Kopf nach hinten.

Ohne ihren Spurt zu unterbrechen, versuchte die junge Frau, ihre lange Mähne zu einem provisorischen Pferdeschwanz zusammenzuraffen. Doch diese Bemühungen waren zum Scheitern verurteilt, weil ganze Strähnen davon am frischen Harz an ihren Fingern kleben blieben. Paula riss sich los. Als sie die Hände an ihrer Bluse abwischen wollte, bemerkte sie, dass ihr das Kleidungsstück bereits in Fetzen am Körper hing.

Ein Rascheln hinter ihr ließ sie sich erneut umwenden. War dort in der Dunkelheit eine Bewegung zu sehen gewesen? Sie blieb stehen und drehte sich langsam einmal um die eigene Achse. Doch so sehr sich Paula auch bemühte, sie konnte die Herkunft des Geräuschs nicht entdecken.

»Hau ab!«, rief sie, hauptsächlich um sich selbst Mut zu machen. »Bleib mir vom Leib! Oder du wirst es verdammt bereuen!«

Aus der Schwärze des Waldes erfolgte keine Reaktion.

Trotzdem spürte Paula Nicols, dass sie nicht alleine war. Irgendwer oder irgendetwas lauerte dort in der Finsternis. Sie spürte die Augen des verborgenen Verfolgers förmlich auf ihrer Haut brennen. Noch hielt er sich versteckt. Aber das wollte nichts heißen. Sie war fest davon überzeugt, dass er nur auf eine günstige Gelegenheit wartete, um plötzlich hervor zu preschen und über sie herzufallen.

Obwohl die Nacht kühl war, begann die junge Frau zu schwitzen. Zusammen mit der Angst stiegen auch Zweifel in ihr auf. Hatte sie unüberlegt gehandelt? War sie durch ihr kopfloses Vorgehen in eine Lage geraten, aus der es nun keinen Ausweg mehr gab? War es nicht ein bodenloser Leichtsinn gewesen, völlig unvorbereitet einen Fluchtversuch zu unternehmen? Ohne Ausrüstung. Ohne Waffen. Buchstäblich nur mit dem, was sie am Leib trug?

Paula schüttelte den Kopf, als könne sie so die bösen Gedanken daraus vertreiben. Nein, sie hatte absolut richtig gehandelt. Als sich ihr die Gelegenheit zum Entkommen bot, hatte sie gar nichts anderes tun können. Zu lange hatte sie auf eine solche Chance gewartet, als dass sie sie ungenutzt hätte verstreichen lassen dürfen. Nun galt es, keine weitere Zeit mit nutzlosen Grübeleien zu vergeuden, sondern das Beste aus der Situation zu machen.

Paula hob einen armdicken Ast vom Boden auf. Mit der provisorischen Waffe in beiden Händen fühlte sie sich schon deutlich besser.

In diesem Moment setzte das Rascheln erneut ein.

Das Geräusch schien jetzt noch näher zu sein.

Die junge Frau wirbelte herum und stürmte davon. Sie war höchstens fünfzig Yard weit gekommen, als ihr linker Fuß unter eine Wurzel geriet. Paula kam ins Stolpern. Da sie den Prügel noch immer fest umklammert hielt, gelang es ihr nicht, das Gleichgewicht zu wahren. Aus vollem Spurt kippte sie vornüber.

Dreck spritzte ihr ins Gesicht, als sie auf dem Boden aufschlug. Dass sie sich bei ihrem Sturz beide Knie und einen Ellenbogen blutig schlug, bemerkte sie nicht. Ihre gesamte Aufmerksamkeit galt einer Stelle, die ein gutes Dutzend Schritte vor ihr lag. Zwischen den Baumstämmen war eine Wiese zu erkennen, die silbern im Mondlicht schimmerte.

Der Waldrand, schoss es Paula durch den Kopf. Ich habe es geschafft! Wenn ich erst aus dem Wald raus bin, wird es nicht lange dauern, bis ich auch eine Straße finde. Der brauche ich nur bis in die nächste Stadt zu folgen. Von dort komme ich nach Hause. Zurück zu Pete.

Sie musste an sich halten, um vor Erleichterung nicht laut aufzuschreien. Jede Müdigkeit schien sich schlagartig aufgelöst zu haben. Paula schnellte zurück auf die Füße, dann rannte sie auf das fahle Leuchten zu, das zwischen den Nadelbäumen schimmerte.

Obwohl es ihr wie eine halbe Ewigkeit vorkam, dauerte es nur eine halbe Minute, bis sie aus den Fichten hervorbrach und über sich den freien Himmel sah, der mit Tausenden von Sternen übersät war.

Ihre Freude währte jedoch nur kurz. Denn als sie den Blick wieder senkte, musste sie feststellen, dass sie noch immer von Bäumen umgeben war. Sie befand sich nicht am Ende des Waldes, sondern auf einer Lichtung inmitten eines Meeres aus Bäumen. Die Enttäuschung traf die junge Frau wie ein Faustschlag in die Magengrube. Paula Nicols stieß ein verzweifeltes Schluchzen aus. Sie schwankte und wäre sicherlich zu Boden gestürzt, hätte nicht in diesem Moment eine Bewegung am Waldrand ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Dort, wo sie selbst kurz zuvor ins Freie getreten war, teilten sich die Zweige ein weiteres Mal.

Ein Tier schob sich zwischen den Fichten hervor.

Am Rand der Wiese blieb es stehen.

Obwohl das Geschöpf nahezu vollständig mit den nächtlichen Schatten verschmolz, wusste Paula sofort, mit wem sie es zu tun hatte. Der Wolf, dessen Heulen sie im Wald gehört hatte, war ihr gefolgt. Das Licht des Mondes genügte, um seine Augen zum Leuchten zu bringen. Er zog die Lefzen nach oben und entblößte so zwei scharfe Zahnreihen, die zwei Fuß über der Wiese zu schweben schienen. Sein angriffslustiges Knurren war eher zu erahnen, als wirklich zu hören.

Paula wusste, dass sie nicht davonlaufen durfte. Damit hätte sie den Jagdtrieb des Tieres nur noch weiter angestachelt. Sie brauchte ihre ganze Selbstbeherrschung, um die aufsteigende Panik nicht überhandnehmen zu lassen. Sie packte den Knüppel mit beiden Händen, dann baute sie sich breitbeinig auf. »Verschwinde, du Mistvieh!«, rief sie dem vierbeinigen Verfolger zu und hoffte dabei inständig, dass ihrer Stimme die Angst nicht anzuhören war. »Wenn du mir zu nahe kommst, schlage ich dir den Schädel ein! Verlass dich drauf!« Sie ließ das Holzstück mehrmals warnend auf und nieder wippen.

Den Wolf beeindruckte ihre Drohgebärde nur wenig.

Er rührte sich keinen Inch von Stelle. Ohne die junge Frau auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen, gab er drei kurze Kläffer von sich. Wieder gerieten die Zweige am Waldrand in Bewegung.

»O mein Gott … nein.« Es fühlte sich an, als würde ihr eine eiserne Hand die Kehle zudrücken, als Paula sah, dass fünf weitere Wölfe zwischen den Fichten hervorkamen. Sie gingen neben dem Leittier in Aufstellung.

Der jungen Frau blieb nicht lange Zeit, um Furcht zu empfinden. Wie auf ein geheimes Kommando stürmte das gesamte Rudel plötzlich los.

Sekunden später hatte das erste Tier sie erreicht. Mit einem gewaltigen Sprung katapultierte es sich vom Boden ab, um seinem Opfer die Vorderläufe gegen die Brust zu rammen und es so zu Fall zu bringen.

Paula schwang den Prügel im Halbkreis vor der Brust. Er traf das Tier mitten im Sprung gegen den Schädel. Ein klägliches Jaulen war zu hören. Die Wucht des Treffers reichte zwar nicht aus, um den Wolf zu töten, doch die Bestie wurde zur Seite geschleudert und rollte mehrmals um die eigene Achse, bevor sie benommen auf der Wiese liegenblieb.

Ihre Artgenossen ließen sich davon nicht beirren, sondern gingen selbst zum Angriff über.

Paula setzte sich mit einem weiteren Schlag zur Wehr. Sie erwischte einen der Wölfe am linken Vorderbein. Der kam nur kurz ins Taumeln, bevor er zuschnappte. Seine Zähne gruben sich tief in das Holz. Mit einer ruckartigen Kopfbewegung brachte er es fertig, der jungen Frau den Knüppel aus der Hand zu hebeln.

Paula riss entsetzt die Arme nach oben. Nun, nachdem sie entwaffnet worden war, war es um ihre Beherrschung endgültig geschehen. Sie stieß einen spitzen Schrei aus, dann wirbelte sie herum. Mit weiten Schritten jagte sie durch das kniehohe Gras davon.

Doch schon wenige Yard weiter war ihre Flucht bereits zu Ende.

Die Wölfe hatten sofort die Verfolgung aufgenommen. Einer von ihnen verbiss sich nach einem kraftvollen Satz in ihrem Arm und zerrte sie zu Boden. Seine Artgenossen waren einen Wimpernschlag später bei ihm. Paulas Angstschreie verstummten abrupt. Nun war nur noch mehrfaches Knurren zu hören, als sich die Wölfe über ihr totes Opfer hermachten.

Minuten später kam ein langgezogener Pfiff aus dem Wald. Einer der Wölfe hob den Kopf und spitzte lauschend die Ohren. Der Pfiff wiederholte sich. Nun ließ der Wolf endgültig von der Leiche ab. Er kümmerte sich nicht weiter um seine Artgenossen und ihre Beute, sondern jagte mit weiten Sätzen dem Waldrand entgegen, wo er kurz darauf zwischen den Bäumen verschwand.

***

»Darf es denn sonst noch etwas sein, Sir?«, wollte Henry Glenson von dem dunkel gekleideten Mann wissen, der ihm am Verkaufstresen gegenüberstand. Auf der Theke waren bereits ein kleiner Sack mit Trockenbohnen, zwei Schachteln Nägel, eine Kiste mit Tomatensetzlingen und drei Kochtöpfe von unterschiedlicher Größe nebeneinander aufgereiht.

»Lassen Sie mich überlegen …« Joshua Lewis presste die Fingerspitzen gegeneinander. Er legte den Kopf in den Nacken und blickte zur Decke des General-Stores, als erwarte er, dort oben eine Liste mit benötigten Einkäufen...



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