Slade Lassiter - Folge 2175
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8387-5542-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Lassiter und der "Schlangengott"
E-Book, Deutsch, Band 2175, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
ISBN: 978-3-8387-5542-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Das Diadem für Mrs. Edda Rosenberg war mit weißen Saphiren und einem blassblauen Opal besetzt. Das ziselierte Silber wies eine solch kunstvolle Verarbeitung auf, dass es August Wiggenhorn mit tiefem Stolz erfüllte.
Der Juwelier schlug den Schmuck in schwarzes Seidentuch ein und legte es in eine Holzschatulle. Er musste darauf vertrauen, dass der Kurier die Lieferung wohlbehalten nach Milwaukee brachte.
'Guten Morgen, Sir.'
Wiggenhorn fuhr zusammen und griff aus reiner Gewohnheit nach dem .44er Smith & Wesson in der Kassenschublade. Als er sich umwandte und seinen Assistenten David Ferguson erblickte, atmete er erleichtert auf. 'Jesus, David', seufzte er. 'Beim nächsten Mal klopfst du besser.'
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Der Kurier der North Freight Company trug eine graue Leinenuniform und polierte Stiefel. Er war kaum einen Kopf größer als Arthur Hoyer und hatte einen erstickten Schrei von sich gegeben, ehe ihn der schlanke Deutsche mit einem Knüppel niedergeschlagen hatte.
»Hättest das verfluchte Maul halten sollen!«, murmelte Hoyer in brüchigem Englisch. Er zerrte den Kurierbediensteten hinter das Pferdefuhrwerk, zog die Jacke aus und wischte sich damit den Schweiß von der Stirn. Als er sich die Jacke wieder überwerfen wollte, sah er, dass darin ein langer Riss klaffte.
Hoyer hatte dem armen Teufel nichts antun wollen. Er hatte ihn fesseln und knebeln und ihm die Uniform abknöpfen wollen.
Wie der Reverend es mir aufgetragen hat …
Doch dann war der Moment, in dem er den Frachtkurier hatte überrumpeln können, zu rasch vorüber gewesen. Er hatte die Nerven verloren und ihm erst einen Schlag in die Magengrube, dann ins Genick verpasst.
Der Kurier hatte sich gekrümmt und war auf die Knie gesackt.
Hoyer hatte das erste Mal gegen jemanden die Hand erhoben. Er entsann sich einer Prügelei unter Fuhrleuten, in der er sich verteidigt hatte und letztlich abgehauen war, doch sonst hatte er Handgreiflichkeiten gemieden.
Sein Vater hatte ihn deshalb einen Hasenfuß genannt.
Ein gottverdammter Hasenfuß bist du, Arthur! Zu dumm fürs Broteschmieren!
Der blonde Deutsche blickte die First Street hinunter, an deren Ende sich das Juweliergeschäft von August Wiggenhorn befand. Er konnte das Wappen mit der goldenen Krone erkennen, das der Juwelier vor einigen Jahren von Straw & Murphy an die Hauswand hatte malen lassen.
Vor dem Geschäft war niemand zu sehen.
Reverend John Steger hätte keinen besseren Zeitpunkt finden können. Der Prediger hatte eines Abends die Dienstpläne der North Freight Company auf den Tisch geworfen und mit dem Finger auf eine der Listen getippt.
»Zu dieser Stunde essen die Männer von der Ziegelei zu Mittag«, hatte Steger gemeint. »Keine Menschenseele wird auf der Straße sein.«
Sie hatten vereinbart, den Kurier in einen Lagerraum zu sperren und ihm die Uniform abzunehmen. Der Plan hatte bestechend einfach geklungen.
Nun war jedoch alles anders gekommen.
Hoyer starrte auf den erschlagenen Kurier, der reglos vor ihm lag. Der halb geöffnete Mund war mit Speichelfäden verklebt. Die Hände waren zu Fäusten geballt, als hätte er sich im letzten Augenblick wehren wollen.
»Hättest dein verdammtes Maul nicht aufreißen sollen!«, zischte Hoyer und beugte sich über den Toten. Er zog ihn bis aufs Unterhemd aus und breitete seine zerrissene Jacke über den Leichnam.
Zögerlich stieg er im Anschluss in die Kleider des Toten.
Der Uniformrock roch nach Schweiß und Sattelöl. Er war an den Schultern zu weit und besaß eine Goldborte, die vom Staub grau geworden war. Die glänzenden Manschettenknöpfe trugen das Emblem der North Freight Company.
Im Namen Gottes sollst du ein Dieb sein …
Die Worte des Reverends klangen in Hoyer wider, als wären sie das Echo seiner eigenen Gedanken. Er lauschte ihnen wie dem Sonntagsgebet, dessen Sinn sich erst erschloss, sobald man es ein paar Mal gehört hatte.
Reverend Steger sollte keinen Grund haben, sich über ihn zu beklagen. Er würde die Erwartungen erfüllen, die man in der Gemeinde an ihn richtete.
Zum Lobe Gottes und zum Wohle Christi.
Der Deutsche schloss den letzten Knopf unter dem Hals und gurtete sich das Holster des Kuriers um. Er prüfte den.45er Colt mit dem verölten Lauf, der sich als geladen und schussbereit herausstellte.
Dann manövrierte er das Fuhrwerk ein Stück nach vorn und stieß die Beine des Kuriers unter die Wagenräder. Ehe man den Toten fand, würde Hoyer längst zurück in Harper’s Field sein.
Er machte kehrt und lief raschen Schrittes die First Street hinunter. Als er das Eckhaus mit dem Juweliergeschäft erreichte, griff er unter dem Uniformrock nach dem Revolver. Das kühle Metall des Colts verschaffte Hoyer ein beruhigendes Gefühl.
Er steuerte auf die Markisen der Juwelenhandlung zu und spähte durch die beiden Schaufenster. Im Inneren des vornehm eingerichteten Ladens war die Gestalt von August Wiggenhorn zu erkennen. Der schnauzbärtige Juwelier hantierte an seiner Registrierkasse und nahm keine Notiz von Hoyer. Er war ebenfalls Deutscher und in der Stadt insbesondere für seine Rechenkünste aus dem Stegreif bekannt.
Zum Lobe Gottes und zum Wohle Christi.
Hoyer trat vor die Einlasstür und drehte am Knauf. Er fasste sich ein Herz und machte einen Schritt über die Schwelle.
Drinnen schob August Wiggenhorn seine Rechnungen beiseite und hob fragend den Blick. Als er an Hoyer die Uniform der North Freight Company erkannte, hellte sich sein rundliches Gesicht auf.
»Auf Sie habe ich bereits gewartet!«, sagte der Juwelier und kam hinter dem Ladentresen hervor. Er war ein kräftiger Mann in den Vierzigern und sprach mit elegantem Nordstaatenenglisch. »Sie sollten gegen vier Uhr bei mir erscheinen. Die Lieferung muss bis zum Abend in Milwaukee sein.«
»Lag an den Pferden, Sir«, brummte Hoyer und blickte sich aufmerksam um. Der Laden war mit Kassetten aus edlem kanadischem Pinienholz vertäfelt und geschmackvoll eingerichtet. Im Wandregal standen Büsten, Schmuckkästchen und ein Essservice aus chinesischem Porzellan. »Hätt’ nicht gedacht, dass der Tag so schnell zur Neige geht.«
Den wahren Grund für sein spätes Erscheinen verschwieg Hoyer. Er war dem North-Freight-Kurier über zwei Stunden bei dessen Botengängen gefolgt, hatte vor McCarty’s Tavern herumgelungert und vor dem Geschäft von Frederick Misegades gewartet, bis der Kurier mit einem Paar neuer Stiefel zurückgekehrt war. Zeitweise war es Hoyer vorgekommen, als halte ihn der Kurierreiter absichtlich hin, obwohl es völlig absurd war, dass er von Hoyer wusste.
»Die Tarife der North Freight Company rechtfertigen ein pünktliches Erscheinen«, meinte Wiggenhorn säuerlich. Er wies zu der Faltschachtel, die auf dem Tresen stand. »Ich vertraue Ihnen kostbares Gut an. Der Schmuck ist außergewöhnlich wertvoll und muss den Empfänger unversehrt erreichen.«
Hoyer blickte mit starrer Miene auf die Schachtel und überlegte, ob er Wiggenhorn niederschlagen und ihm den Schmuck aus der Hand reißen sollte. Noch waren sie ungestört, aber mit jeder Minute, die verstrich, wuchs die Gefahr, dass jemand den Laden betrat.
Schließlich entschied sich Hoyer dagegen. »Die Company wird den Schmuck kommissarisch aufkaufen, Mr. Wiggenhorn. Müssen keine Furcht haben, dass Sie ’nen Dollar einbüßen.«
Er öffnete die Ledertasche, die er dem Kurier abgenommen hatte, und gab vor, in seinen Papieren zu stöbern. Wiggenhorn würdigte ihn keines Blickes und schien ganz und gar mit dem bevorstehenden Kurierritt nach Milwaukee befasst zu sein.
»Reiten Sie über die Plankenstraße?«, fragte der Juwelier. »Dann schaffen Sie’s in zwei Tagen.«
Die Holzbohlenstraße zwischen Watertown und Milwaukee war die Lebensader des südlichen Wisconsin und führte entlang der alten Indianerpfade über Oconomowoc, Pewaukee und Wauwatosa bis ans Ufer des Michigan Lake. Auf fast sechzig Meilen Länge erstreckten sich die Eichenplanken, über die jedes Jahr Hunderte Wagenladungen Weizen, Gerste und Mehl rollten. Hoyer hatte den Wegezoll für die Straße zum ersten Mal entrichtet, als er mit dem Auswanderertreck von New York gekommen war.
»Wir nehmen immer die Plankenstraße«, sagte Hoyer und sann darüber nach, ob sich der Kurier ähnlich geäußert hätte. »Nur bei Regen und Schnee lassen wir’s bleiben. Damit’s den Gäulen nicht die Hufe wegzieht.«
»Allmächtiger!«, seufzte Wiggenhorn. Er nickte, als wüsste er, wovon die Rede war. »Bei Unwetter sind die Planken ein Teufelsritt.«
Er nahm die Schmuckschatulle vom Tresen und klappte den Deckel auf. Das Kästchen war mit schwarzem Samt ausgeschlagen und enthielt ein silbernes Diadem, das mit Dutzenden Edelsteinen besetzt war. Der bläuliche Opal in der Mitte ließ Hoyer an einen Ring seiner verstorbenen Mutter denken. Sie hatte sich so oft damit gezeigt, dass man ihr den Ring sogar beim Begräbnis angesteckt hatte.
»Ist’n schönes Stück«, meinte der Deutsche anerkennend und schob die rechte Hand unauffällig in die Nähe des Revolvers. »Wird bestimmt ’ne Stange Geld kosten.«
»Nicht weniger als zweitausend Dollar«, sagte Wiggenhorn und hob stirnrunzelnd den Kopf. »Ich darf davon ausgehen, dass Sie die Sendung in tadellosem Zustand zu Mrs. Rosenberg bringen?«
»Selbstverständlich«, erwiderte Hoyer und deutete eine Verbeugung an. »Einen guten Mandanten wie Sie weiß die North Freight Company zu schätzen.«
Kaum hatte Hoyer den Satz ausgesprochen, zog er den Revolver und richtete ihn auf Wiggenhorns Stirn. Der Juwelier zuckte unmerklich und drängte sich rücklings an den Tresen.
»Bei … bei allen Teufeln!«, entfuhr es ihm. »Wer sind Sie?«
Hoyer wollte keine Zeit vergeuden. »Halt’s Maul und pack den Klunker ein! Den restlichen Schmuck genauso!«
Er zog einen Jutesack unter der Uniform hervor und warf ihn Wiggenhorn vor die Füße. Als der Juwelier sich nicht rührte, drückte ihm Hoyer den Revolverlauf gegen den Schädel. Es würde ihn lediglich einen Fingerdruck kosten, der Sache ein Ende zu bereiten.
»Hast du Wurzeln...




