Slade Lassiter - Folge 2174
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8387-5541-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Golden City Queen
E-Book, Deutsch, Band 2174, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
ISBN: 978-3-8387-5541-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der große Mann hatte seine Verfolger schon vor Stunden bemerkt. Er hatte das Tempo seines Apfelschimmels erhöht, und als sie sich nach einer Stunde immer noch nicht hatten abschütteln lassen, war ihm klar geworden, dass er um eine Auseinandersetzung nicht herum kam.
Er sagte sich, dass es besser war, sich ihnen noch im Hellen zu stellen, deshalb glitt er am Rande eines schmalen Arroyos, der noch ein wenig Wasser führte, aus dem Sattel und suchte sich einen Platz, an dem er gute Sicht nach allen Seiten hatte. Hier begann er sein Lager für die Nacht aufzuschlagen. Noch hoffte er, dass seine Verfolger nur den gleichen Weg hatten wie er, aber im Niemandsland des Oklahoma-Panhandle war die Wahrscheinlichkeit um einiges größer, dass es sich um böse Pilger handelte, die auf Beute aus waren und sich auf seine Fährte gesetzt hatten...
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Lassiter hatte ein Feuer entfacht, über dem nun der Topf hing, in dem er Kaffee gekocht hatte. Er saß auf seinem Sattel, den er dem Apfelschimmel abgenommen hatte. Er dachte an die Worte des Stallmanns, der ihm das Tier vor zwei Wochen in Wichita für zweihundert Dollar verkauft hatte, was für die Klasse des Hengstes fast geschenkt war.
Der Stallmann hatte ihm auch eine Macke des Tieres nicht verschwiegen: Er benahm sich lammfromm, so lange er einen Sattel trug, in dem sein Reiter saß. Doch sobald sich jemand auf seinen bloßen Rücken schwang, spielte er verrückt und verwandelte sich in einen Tornado. Einer seiner Vorbesitzer sollte unter seinen Hufen zu Tode gekommen sein.
Lassiter war es egal gewesen. Er hatte nicht vor, den Schimmel ohne Sattel zu reiten.
Neben ihm im Sand stand die kleine Pfanne, in der er Speck gebraten hatte, den er zusammen mit grauem Brot zu sich nahm. Als der Apfelschimmel mit dem Vorderhuf zu scharren begann, blickte er zu dem Tier hinüber, das die Nüstern aus dem umgehängten Futtersack genommen hatte und nun in die Richtung witterte, aus der sie gekommen waren. Es zeigte ihm, dass die Burschen auf seiner Fährte nicht mehr weit weg waren.
Dann sah er sie aus den Augenwinkeln auf dem etwa dreihundert Yards entfernten Hang auftauchen. Er wandte nicht den Kopf, denn die Burschen brauchten nicht zu wissen, dass er sie bereits bemerkt hatte, sondern tunkte sein Brot ins Fett, das in der Pfanne schwamm, und aß es genüsslich.
Sie waren zu dritt. Überrascht sah er, dass der ganz in Schwarz gekleidete Reiter in der Mitte eine Art langes Kleid trug. Nur an seinem Hals schimmerte ein weißer Streifen. Sein Gesicht wurde von der breiten Krempe eines schwarzen Hutes beschattet, wie ihn Reverends zu tragen pflegten.
Der Anblick des Priesters hätte ihn beruhigen können, doch sein Verhältnis zu den sogenannten Männern Gottes war zu zwiespältig, als dass sein Misstrauen verschwand.
Offenbar ahnten sie, dass er sie längst entdeckt hatte, denn sie trieben nun ihre Pferde an und ritten schnurstracks auf ihn zu.
Etwa zwanzig Yards von ihm entfernt blieben die beiden Burschen, die rechts und links des Reverends geritten waren, zurück. Einer von ihnen betrachtete den Apfelschimmel, als würde er seinen Wert abschätzen.
Lassiter hatte nun den Kopf gewandt. Er blieb allerdings auf seinem Sattel sitzen, und während er dem Reverend, der einen großrahmigen Fuchs ritt, entgegen blickte, schob er sich das letzte Stück Speck, das er mit der Spitze seines Bowiemessers aufgespießt hatte, in den Mund.
Fünf Schritte von ihm entfernt zügelte der Kirchenmann seinen Fuchs. »Sei gegrüßt, mein Sohn«, sagte er mit einer Stimme, die sich salbungsvoll anhörte, aber das Misstrauen des großen Mannes hell aufflackern ließ.
Er antwortete nicht, blickte an dem Reiter vorbei und musterte seine beiden Begleiter. Ihre Kleidung war verdreckt, und das lag offensichtlich nicht nur an dem Ritt durch die Wildnis, den sie hinter sich hatten. Sie waren unrasiert und hatten Schmutzflecken in den Gesichtern. Unter ihren Hutkrempen schaute krauses rötliches Haar hervor, und als sie aus den Sätteln rutschten, erkannte Lassiter an ihren Bewegungen, dass sie Brüder sein mussten, vielleicht sogar Zwillinge.
»Ich hab euch nicht gebeten, abzusitzen!«, sagte Lassiter so laut, dass die Burschen es gut verstehen konnten. Sie blieben neben ihren Pferden stehen und starrten zu dem Kuttenträger hinüber.
»Wir sind friedliche Pilger, mein Sohn«, sagte der Reverend. Er nahm seinen Hut ab, und auch auf seinem spitzen Schädel wuchs fuchsrotes Haar. Offenbar war er der Erzeuger der beiden Bastarde, die lauernd zu ihm herüber blickten.
»Ich bin nicht Ihr Sohn, Mister«, sagte Lassiter, dessen Instinkt ihm längst gesagt hatte, mit welcher Art Pilger er es hier zu tun hatte. Eine Auseinandersetzung würde unvermeidlich sein, also gab es nur eine Chance, sie von einem Kampf abzuhalten: wenn sie in ihm den harten Mann erkannten, der er war, und befürchten mussten, dass der eine oder andere von ihnen bei einer Auseinandersetzung auf der Strecke bleiben würde.
Nicht nur das gemeine Funkeln in den Augen des Alten, sondern auch die Bewegung seiner linken Hand, in der er den breitkrempigen Hut hielt, alarmierte Lassiter, denn der Reverend bedeckte damit seine rechte Seite, an der er einen Revolver trug, den er über seine schwarze Kutte oder Soutane geschnallt hatte.
»He!«, rief er, als er sah, wie einer der Burschen ein paar Schritte auf den Apfelschimmel zu machte. »Bleib weg vom Schimmel!«
Der Reverend beugte sich im Sattel vor.
»Er mag Pferde«, sagte er, und in seiner Stimme war jetzt nichts Salbungsvolles mehr. Sein Blick war auf das Bowiemesser gerichtet, das der große, auf dem Sattel sitzende Mann spielerisch zwischen den Fingern seiner Rechten hielt.
Lassiter nickte leicht. »Okay, wenn er unbedingt möchte, kann er den Schimmel ja mal reiten«, sagte er so laut, dass auch der Bursche ihn hören konnte, der nun neben dem Apfelschimmel stand und als Antwort ein hämisches Lachen ausstieß. Sein Ebenbild hatte sich in Bewegung gesetzt und kam auf das Feuer zu. Lassiter sah, dass er sich bemühte, in Deckung des Fuchses, auf dem sein Alter saß, zu bleiben; ein Zeichen, dass sie sich entschlossen hatten, sich ihre Beute zu holen.
Lassiter sah, dass der Bursche die Zügel des Schimmels aufgenommen und die linke Hand in die Mähne des Hengstes verkrallt hatte. Im nächsten Moment schwang er sich auf den Pferderücken und löste damit die Katastrophe aus …
***
Lassiter hatte den Reverend nicht aus den Augen gelassen. Er sah das Zucken der rechten Schulter und wusste, dass seine Hand nach dem Revolver griff.
Ein gellender Schrei zerriss die Stille. Nur aus den Augenwinkeln sah der große Mann, wie der rothaarige Bursche vom Rücken des Schimmels katapultiert wurde.
Der Schrei ließ den Reverend für einen Sekundenbruchteil zögern. Es sah aus, als wolle er den Kopf herumreißen, doch dann fauchte dicht an der Krempe seines Hutes eine armlange Mündungsflamme vorbei.
Lassiter hatte sich schon zur Seite geworfen und im Fallen das Bowiemesser geschleudert, das den Reiter auf dem Fuchs in die rechte Schulter traf und sich tief hineinbohrte.
Neben dem Fuchs tauchte der zweite Bursche auf und feuerte im Laufen seinen Revolver ab.
Lassiter hatte seinen Remington längst aus dem Holster. Er spürte eine Kugel dicht an seinem Kopf vorbei fauchen, dann traf seine Kugel den Rotschopf neben dem Fuchs in den Magen und stoppte ihn auf der Stelle. Dort, wo der Apfelschimmel tobte, hallte ein röchelnder Schrei herüber, der von trommelndem Hufschlag abgelöst wurde, als der Hengst mit aufgestelltem Schweif davon raste.
Der Reverend kippte mit verdrehten Augen aus dem Sattel. Schwer schlug er zu Boden und wirbelte eine Wolke von gelblichem Staub auf. Lassiter sah, dass er noch immer seinen Revolver in der Hand hielt. Er ging zu ihm hin, trat ihm die Waffe aus der Hand, zog das Bowiemesser aus seiner Schulter und säuberte es an der schwarzen Soutane, bevor er es wieder in seinen Stiefelschaft steckte.
Er schluckte hart, als sein Blick zu dem Burschen glitt, der den Apfelschimmel hatte reiten wollen. Sein Kopf war nur noch eine blutige Masse. Der Huf des Hengstes musste sein Gesicht getroffen haben.
Er ging zu dem anderen Burschen, der auf den Knien hockte, sich vorgebeugt hatte, sodass er mit dem Gesicht im Sand lag, beide Hände in seinen Leib gekrallt. Das Röcheln, das an Lassiters Ohren drang, verstummte abrupt und im nächsten Moment kippte der Rotschopf zur Seite. Lassiter blickte in weit aufgerissene Augen, in denen kein Leben mehr war.
Ein Fluch glitt über Lassiters Lippen. Er hasste es, so sinnlos töten zu müssen, gleichzeitig aber sagte er sich, dass er wahrscheinlich vielen Menschen das Leben gerettet hatte, indem er diesem gnadenlosen Killer-Trio verwehrt hatte, ungehemmt weitere Morde zu begehen.
Er wandte den Kopf, als er ein Stöhnen vernahm.
Der Alte war wieder zu sich gekommen, richtete sich stöhnend in eine sitzende Stellung auf und schüttelte benommen den Kopf. Offenbar begriff er noch nicht, was geschehen war. Dann sah er den Schatten des großen Mannes vor sich und seine Hand zuckte an seine Seite. Doch da war kein Revolver mehr.
»Pech gehabt, mein Vater«, sagte Lassiter.
Der Reverend keuchte. Er versuchte sich zu erheben, doch als er es halb geschafft hatte, stieß Lassiter ihn wieder um und beugte sich zu ihm hinab, um ihn nach weiteren Waffen abzusuchen. Er fand eine doppelläufige Derringer-Pistole und ein Messer. Außerdem ertastete er unter der Soutane einen dicken Wulst, zerschnitt kurzerhand mit dem Messer den Stoff und sah den Ledergurt, dessen Schnalle er löste.
Der Reverend stieß einen keuchenden Laut aus und griff mit der Rechten nach dem Arm des großen Mannes, doch mit einem jammernden Laut ließ er wieder los. Die Schmerzen in seiner verwundeten Schulter raubten ihm fast das Bewusstsein.
Lassiter nahm ihm den Gurt ab und untersuchte ihn. Er stieß einen Pfiff durch die Zähne, als er die Geldscheine sah. Es handelte sich um einige Tausend Dollar, wahrscheinlich die gesamte Beute der Killer-Trios der letzten Jahre.
Er hörte ein Wiehern, wandte den Kopf und sah, dass der Apfelschimmel zurückgekehrt war. Seine Erregung war abgeklungen.
Lassiter wollte weg von diesem Ort. Er suchte sämtliche Waffen des Killer-Trios zusammen und warf sie ins Wasser des Arroyos. Dann packte er sein Zeug zusammen, legte dem Hengst den Sattel auf und verstaute anschließend den...




