Slade | Lassiter - Folge 2173 | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 2173, 64 Seiten

Reihe: Lassiter

Slade Lassiter - Folge 2173

Todestanz um Lassiter
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8387-5512-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Todestanz um Lassiter

E-Book, Deutsch, Band 2173, 64 Seiten

Reihe: Lassiter

ISBN: 978-3-8387-5512-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Er stieg aus der Kutsche, gähnte und streckte sich. Die Bank lag schräg gegenüber. Die anderen warteten schon. Er nahm seinen kleinen Lederkoffer in die Linke und überquerte die Mainstreet.

Sie nannten ihn Fist, einfach nur Fist. Zur Feier des Tages hatte er sich glatt rasiert und seine Haare abgeschnitten. War ihm nicht leichtgefallen, doch was tat man nicht alles für genügend Dollars. Außerdem: Nächstes Jahr um die Zeit würde ihm das dichte Schwarzhaar wieder weit über die Schulter wallen. Er stieg den Sidewalk hinauf. Der Große und der Boss lehnten neben dem Bankeingang, plauderten und rauchten. Und nickten ihm zu.

Zur Feier des Tages hatte er sich einen Zylinder aufgesetzt und in einen Frack gezwängt. Unter den fuhr jetzt seine Hand und spannte den Hahn seines rechten Revolvers. Dann betrat er die Bank.

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Das Bankgebäude war ein echter Prachtbau: zweihundert Jahre alt, groß, rötlich, mit hohen Fenstern und gedrechselten Fenstersäulen. Großer Innenraum, hohe Decke und Stuckarbeiten, wohin man schaute.

Vier Männer und zwei Frauen standen vor dem Schalter. Zur falschen Zeit am falschen Ort. Das kam schon mal vor. Eine der Frauen, die jüngere, drehte sich ein zweites Mal nach ihm um. Und lächelte. Er lächelte zurück. Natürlich, was denn sonst?

Man sah es Fist an, das spanische Blut – die schwarzbraunen Augen, das schwarze Haar, die bronzefarbene Haut. Nichts Besonderes in San Diego: Die Stadt gehörte zwar schon seit einer Generation zu den Vereinigten Staaten, die meisten ihrer Bewohner betrachten sich dennoch als Mexikaner und waren es auch.

Seit man vor ein paar Jahren oben in den Bergen Gold gefunden hatte, gab es etliche reiche Leute in San Diego. Nicht wenige konnten es sich leisten, so herumzulaufen, wie Fist heute herumlief: mit Zylinder und Frack.

Die Männer vor dem Schalter sahen wirklich nicht arm aus. Und die beiden Frauen trugen teure Stoffe. Na also. Fist setzte sich an den einzigen Tisch im Bankraum. Eine Schachtel Schwefelhölzer lag dort neben einem Aschenbecher. Er zündete sich eine Zigarre an.

Noch ein Blick zum Schalter: Glas und Holzgitter trennten Kasse und Tresor vom Schalterraum. Zwei Männer arbeiteten hinter dem Gitter – einer schmächtig und um die zwanzig, der andere dickbäuchig und mindestens fünfzig. Der Direktor. Beide trugen Waffen. Zumindest der Direktor sah aus, als könnte er damit auch umgehen.

Der Tresor, neben dem er lehnte, stand offen. Na, prächtig.

Der Jüngere, der Kassierer, zählte gerade einen Stapel Dollarnoten in die Drehkassette. Die alte Lady direkt vor dem Schalter bewegte stumm die Lippen. Sie zählte mit.

Fist betrachtete die vier Männer. Mindestens drei sahen aus, als hätten sie mexikanische Eltern. Sie trugen Waffen. Und alle machten den Eindruck, als könnten sie damit umgehen.

Das musste man auch können in dieser Gegend. So nahe an der Grenze, so dicht an der Wildnis und einen Hafen vor der Tür, in dem täglich Schiffe aus aller Herren Länder anlegten und mit viel zu vielen schrägen Vögeln an Bord.

Fist blickte über die rechte Schulter zur Eingangstür. Durch das Türfenster konnte er sehen, dass der Boss zu ihm hereinschaute. Verboten sah er aus mit seiner schwarzen Perücke und dem angeklebten Bart. Er hatte große Pläne, der Boss. Die nächsten Jahre sollten richtig fette Jahre werden. Für sie alle.

Fist reckte den rechten Daumen in die Höhe und nickte ihm zu. Noch einmal saugte er an der Zigarre, bis die Spitze aufglühte und der Qualm in dichte Schwaden zur Stuckdecke stieg. Dann klemmte er sie sich zwischen die Zähne und öffnete den Koffer.

Drei Dynamitstangen lagen darin, mit Ledergürteln am Kofferboden festgeschnallt.

Die Männer vor dem Schalter palaverten. Es ging um eine neue Goldader, die irgendjemand oben in den Bergen entdeckt haben wollte. Die Jüngere der beiden Frauen sah schon wieder zu ihm herüber. Schönes Weib eigentlich. Schade.

Fist ordnete die drei Lunten, zwirbelte sie zusammen und bog das hübsche Zöpfchen ein wenig nach oben. Dann nahm er die Zigarre aus dem Mund, blies noch einmal sachte die Glut in der Spitze an und hielt diese an die Lunte. Die zischte und sprühte Funken.

Einer der Männer spähte zu ihm herüber. Fist kümmerte sich nicht um ihn. Wenn man ihn so sah, hätte man meinen können, er würde sich langweilen.

Endlich legte er die Zigarre in den Aschenbecher. Dann klappte er den Koffer zu und stand auf. Jetzt wurde er doch ein wenig nervös.

Mit vier großen Schritten war er bei den Leuten vor dem Schalter. Die junge Frau rührte er nicht an – wenn er wollte, konnte Fist durchaus den Gentleman geben – die verblüfften Männer jedoch schob er ziemlich rüde beiseite.

Die alte Lady verstaute gerade ihr Dollarbündel in einer Tasche aus Samt und Leder. Mit den aufgestickten roten Blumen erinnerte ihn der Stoff der Tasche an ein Kleid, das seine Mutter immer getragen hatte, wenn sie Flamenco tanzte.

»He, was soll das?«, fuhr einer der Männer ihn an. Ein zweiter packte ihn fluchend am Arm. Der junge Kassierer machte große Augen und der Bankdirektor legte die Rechte auf den Kolben seines Revolvers.

»Dauert nicht lang«, sagte Fist seelenruhig und schob seinen Koffer in die Lücke zwischen der Drehkassette und dem Gitter aus Holz und Glas. »Bin gleich fertig.« Aus den Augenwinkeln sah er jetzt zwei der Männer neben sich zu ihren Waffen greifen.

Fist warf sich unter den Kassenschalter zu Boden. Im Fallen packte er die alte Lady und riss sie mit sich hinunter. Sie schrie vor Schreck und fiel in voller Länge auf ihn. Genau richtig, und dass sie schreien würde, war klar gewesen.

Schon lag einer seiner beiden 44.er Colts in seiner Hand. Er zielte auf den Mann, der seinen Revolver bereits halb gezogen hatte, und drückte ab. Den Schuss hörte er nicht – der Explosionslärm war einfach zu laut. Ein greller Blitz zuckte über Fist hinweg und zur Decke hinauf. Glas klirrte, Holz splitterte, Stuck platzte ab.

Die Druckwelle fegte die Männer und das Mädchen von den Beinen. Der, den Fist getroffen hatte, war schon tot, ehe er am Boden aufschlug. Glasscherben, Gips und Holztrümmer regneten auf Fist und die schreiende Lady.

Er schob ihr den Lauf seines zweiten Colts in den Mund – augenblicklich war Ruhe. Mit dem Lauf des rechten Colts angelte Fist ihr die schwarze Tasche mit den Blumenstickereien von der Schulter.

Und dann stürmten die anderen die Bank. Alle mit Halstüchern vor Mund und Nase. Der Boss und der Große vorneweg natürlich. Dave schaukelte mehr, als dass er stürmte. »Wer sich rührt, stirbt!«, brüllte er, und seine hohe Stimme überschlug sich fast.

Keiner rührte sich. Keiner konnte sich mehr rühren. Der Große und der Boss rissen die zertrümmerte Trennwand vollends ein, jemand schwang sich über den Schaltertresen.

Die alte Lady war ganz steif vor Schrecken. Sie starrte Fist aus riesigen feuchten Augen an und würgte, weil der Revolverlauf ihr einen Brechreiz verursachte. Fist drückte ab, stieß den erschlaffenden Körper von sich und stand auf.

Einer der Junges reichte ihm einen Sack, ein anderer erschoss einen Mann, der sich plötzlich doch noch rührte, ein dritter warf ihm Geldbündel zu. Fist steckte seine Revolver weg und stopfte die Banknoten in den Sack. Bündel um Bündel. Die Grundlage für all die fetten Jahre, die nun anbrechen würden.

»Ich werde wahnsinnig!«, hörte er Dave neben sich zischen, den Großen. »Das sind ja Zehntausende von Dollars! Ich werde komplett wahnsinnig!« Sonst ging alles sehr still über die Bühne. Sehr still und sehr schnell.

***

Lassiter hatte einen Schuss gehört, irgendwo unterhalb des Waldhangs. Jetzt schob er sich über den steinigen Boden. Zentimeter für Zentimeter.

Mit der Rechten zog er seine Winchester neben sich her. Die Kälte des Felsgesteins kroch durch Jacke und Baumwollhemd in seine Haut. Die Felsnase stieg ein wenig an und er musste bis an ihren Rand kriechen, um das Gelände unterhalb des Steilhangs einsehen zu können.

Er drückte den Ast einer Akazie nach oben und robbte unter ihm hindurch. Die dicht belaubten Bäume bedeckten Teile des Hangs. Ihre Kronen verhüllten Lassiters Deckung. Eine stachlige Angelegenheit. Aber angenehmer als tödliche Pfeile kriegerischer Lakota oder Kugeln irgendwelcher Abenteurer.

Auf beide mussten man immer gefasst sein hier, in den Ausläufern der Osthänge der Rocky Mountains von Wyoming.

Endlich erreichte er den Rand der Felsnase. Er spähte über die Felskante. Unter ihm rauschte das steil abfallende Laubdach – Eichen, Buchen, Ahorn. Dazwischen vereinzelte Akazien und natürlich viele Tannen.

Am Fuß des Hanges lichtete sich der Baumbewuchs. Steine wölbten sich dort aus Farnfeldern und Dornengestrüpp. Zum Teil mannshohe, moosbewachsene Felsbrocken. Ein Gebirgsfluss floss dort unten nach Osten.

Und dann entdeckte Lassiter die Pferde. Sie weideten am Flusslauf, vielleicht drei Steinwürfe entfernt. Keine scheckigen Appaloosas – keine Indianerpferde also – sondern Füchse, Rappen und Grauschimmel. Lassiter zählte acht Pferde; sechs waren gesattelt, zwei mit Gepäck beladen.

Dann eine dünne Rauchfahne. Nicht weit entfernt von den Pferden stieg sie auf. Auch Bewegungen entdeckte Lassiter dort. Douglas und seine Begleiter?

Lassiter war auf dem Weg nach Osten gewesen. In Cheyenne hatte er in den Zug steigen und nach Denver fahren wollen. Dort wartete möglicherweise ein Telegramm mit einem neuen Auftrag auf ihn; und wenn nicht in Denver, dann ein paar hundert Meilen weiter östlich in Kansas City.

Doch dann wartete schon in Cheyenne ein Telegramm auf Lassiter. Allerdings keines von der Brigade Sieben. Erwarte dich in im Jagdschloss – stopp – brauche deine Hilfe – stopp – dringend – stopp – B.D. Also änderte Lassiter seine Reisepläne.

Die Menschen unten am Fluss bewegten sich recht zwanglos, und von Lassiter fiel die Anspannung gab. Diese Leute waren gewiss nicht gefährlich. Wahrscheinlich waren es sogar die Leute, die er treffen wollte: Douglas und seine Begleiter.

Lassiter hob den Kopf. Milchiges Blau des Abendhimmels zwischen den Baumkronen. Vor einer Stunde hatten die Sonnenstrahlen noch wie flimmernde Balken zwischen den Stämmen gestanden. Inzwischen hatte sich der Schatten des Gebirges auf den gegenüberliegenden Hang gelegt. In zwei Stunden würde es dunkel sein. Vielleicht schon...



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