Slade Lassiter - Folge 2160
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8387-5180-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Lassiter und die Geisterkavallerie
E-Book, Deutsch, Band 2160, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
ISBN: 978-3-8387-5180-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Das schrille Lachen der jungen Farmerin auf der gegenüberliegenden Sitzbank brachte Bob Blackstone schier um den Verstand. Der Handelsreisende mit dem sauber gescheitelten Haar klammerte sich an die Ledertasche auf seinen Schenkeln und rang sich ein Lächeln ab.
'Wie komisch, Ma'am!', sagte er. 'Solche Sachen passieren einem nicht alle Tage!'
Der Farmer wurde unvermittelt ernst. Er fasste seine Frau am Arm, um sie ebenfalls zur Ruhe zu bringen. 'Ihnen ist wohl 'ne Laus über die Leber gelaufen? Gefällt Ihnen die Geschichte nicht?'
Auf Blackstones Stirn bildeten sich glitzernde Schweißtropfen. Die Ledertasche zwischen seinen Händen fühlte sich plötzlich viel schwerer an. 'Doch, natürlich!', beteuerte er und blickte aus dem Abteilfenster. 'Es ist nur die Gegend. Die Sümpfe ... sie machen mich nervös.'
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Die Männer von Robert Grier waren zu allem entschlossen.
Sie hatten sich ihre Halstücher umgeknotet, die Gewehre schussbereit gemacht und warteten hinter einem Baumstamm auf das Kommando ihres Vorgesetzten. Der Mond warf sein fahles Licht auf ihre angespannten Gesichter und verlieh ihnen ein gespenstisches Aussehen.
»Haltet euch an das, was ich euch gesagt habe!«, befahl Grier und spähte zu den Eisenbahnschienen hinüber. »Tom, Conrad und Joe bringen das verdammte Ungetüm zum Stehen. Chris und ich springen ins Führerhaus und wedeln mit den Bleispritzen. Alles klar?«
Der frühere Konföderiertenoffizier ließ den Blick über seine Einheit gleiten und hob fragend die Brauen. Er war ein Hüne von knapp zwei Metern, der in einem abgetragenen Waffenrock und geflickten Uniformhosen steckte. Als einstiger Colonel der neunten Brigade hatte er in Corinth und Shiloh für die Sache des Südens gekämpft und an vorderster Front gestanden, als General Albert S. Johnston von einer Kugel am Knie getroffen und mit blutgefülltem Stiefel aus dem Sattel gerutscht war.
»Verstanden, Sir!«, gab Christian Drake zurück und salutierte. »Wir gehen wie geplant vor.«
Der blassgesichtige Freiwillige aus Georgia war Sergeant unter Grier gewesen, ehe General Van Dorn die Brigade zum Teufel gejagt hatte. Grier hatte nie begreifen können, was Van Dorn zu der Dummheit bewogen hatte, seine Männer ins tödliche Artilleriefeuer der Yankees zu schicken.
Was er jedoch verstand, war die Tatsache, dass der Krieg seit mehr als einem Jahrzehnt verloren war. Er hatte die Spottbilder in den Wochenschriften der Yankees gesehen, die Präsident Jefferson Davis als Bestie hinter Gittern gezeigt hatten.
Den Yankee Doodle pfiffen manche immer noch.
»Still!«, zischte Grier, als er in der Ferne die stampfenden Zylinder einer Dampflokomotive vernahm. Er klappte die Taschenuhr auf und hielt sie ins Mondlicht. »Das muss der Elf-Uhr-Zug nach Clinton sein! Man wird sich hübsch wundern, wenn er noch später ankommt!«
Der Colonel grinste und kroch mit dem Gewehr in der Hand über den moosbewachsenen Zypressenstamm. Der Lichtschein zwischen den Sumpfbäumen wurde heller und verwandelte sich nach einiger Zeit in die kupferne Frontlaterne einer Lokomotive der Missouri, Kansas and Texas Railway.
»Köpfe runter!«, ordnete Grier halblaut an und behielt das fauchende Stahlross im Auge, das sich den Rebellen langsam näherte. »Auf meinen Befehl rücken wir vor!«
Die Lokomotive rollte über die knarrenden Bohlen hinweg und hüllte sich in eine Wolke aus hellem Wasserdampf. Sie überquerte eine Senke und verminderte die Geschwindigkeit.
»Jetzt!«, rief Grier und stürmte als Erster über den Stamm. Er feuerte in die Luft und sah sich nach Drake um.
Der Sergeant war dicht hinter ihm und gab ebenfalls einen Schuss ab. Die übrigen Männer bezogen ihre Posten auf dem Gleis und nahmen das Führerhaus aufs Korn.
»Die Feiglinge machen sich aus dem Staub!«, schrie Drake und wies mit dem Arm in die Dunkelheit. »Müssen der Heizer und der Lokführer sein!«
Grier riss das Gewehr in die Höhe und legte auf die beiden Gestalten an, die hastig aus der Lokomotive kletterten. Als er den Finger um den Abzug krümmte, hob eine von ihnen die Arme.
»Nicht totschießen!«, tönte es mit breitem Louisiana-Akzent zu Griers Leuten herüber. »Wir sind unschuldig! Wir wollen nichts außer unsere Haut retten!«
Drake und Grier tauschten einen kurzen Blick und schritten mit erhobenen Gewehren auf die Lokomotive zu. Die zwei Männer am Zug waren dunkelhäutig und zitterten am ganzen Leib. Sie trugen die grauen Uniformen der Missouri, Kansas and Texas Railway.
»Die Yankees reißen sich sogar schon unsere Sklaven unter den Nagel!«, knurrte Grier. Er starrte den älteren Schwarzen an, den er für den Lokführer hielt. »Weg von der Lokomotive! Wie viele Passagiere hast du an Bord?«
»Nicht einmal fünfzig, Sir!«, stammelte der Schwarze und blickte nervös auf Griers Gewehrmündung. »Keine Waffen, Sir! Keine Schießeisen dabei!«
»Weißt du, wer vor dir steht?«, fragte Grier und schritt weiter auf den Lokführer zu. »Kennst du meinen Namen?«
Der Schwarzhäutige nickte zögerlich.
»Colonel Grier«, sagte er mit ehrfurchtsvoller Stimme. »Der Kommandant der ’Geisterkavallerie’.«
»Gescheites Kerlchen«, erwiderte Grier grinsend. Er senkte ruckartig das Gewehr und schoss den beiden Schwarzen vor die Füße. »Jetzt schert euch zum Teufel! Lasst euch nicht wieder blicken!«
Die übrigen Banditen nahmen die Eisenbahnangestellten ebenfalls unter Beschuss und trieben sie in die Sümpfe. Als von den beiden Dunkelhäutigen nichts mehr zu sehen war, bestiegen sie mit Grier den Pullmanwagen hinter der Lokomotive.
»Seid ruhig und bleibt in den Abteilen!«, rief der Konföderiertenoffizier und zerschlug mit dem Gewehrkolben nacheinander die Fenster im Gang. »Gebt Schmuck, Perlenketten und Ringe heraus und keinem passiert was! Lang lebe der Süden!«
Unter den Passagieren brach aufgeregtes Gemurmel aus. Die Männer und Frauen, die in Burlington, Quincy oder Hannibal zugestiegen und auf dem Weg nach New Franklin oder Fayette waren, hatten bereits geschlafen oder sich in die Lektüre ihrer Wochenschriften vertieft.
»Nun mach schon!«, fuhr Grier eine ältere Passagierin an, die sich nicht von ihrem Halsschmuck trennen wollte. »Oder willst du in den Sümpfen als Krokodilfutter enden?« Der Banditenboss riss ihr die Kette vom Hals und stopfte das Schmuckstück in den Jutesack, den Drake ihm aufhielt. Die Frau wimmerte leise und kehrte zu ihrem Mann zurück, der Grier und Drake zornig anfunkelte.
»Sie werden Ihre Taten bereuen, Grier«, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen. »Die Justiz unseres Landes wird Sie jagen, bis Sie hinter Gitter sitzen.«
»Sagen Sie’s nicht zu laut!«, spottete Grier schadenfroh. »Der Staatsanwalt in St. Louis könnte Sie hören!«
Drake und er brachen in hämisches Gelächter aus und zogen zum nächsten Abteil weiter. Das Farmerehepaar und der einzelne Handelsreisende darin sprachen kein Wort. Die junge Farmersgattin verkroch sich hinter der Schulter ihres Mannes.
»Was wollt ihr von uns?«, fragte der Farmer, der gute zehn Jahre älter als seine Frau war. »Außer ein paar Habseligkeiten besitzen wir nichts.« Er wies mit dem Kinn zu dem Handelsreisenden auf der anderen Bank. »Versucht’s lieber bei dem dort! Er muss Fort Knox in der Tasche haben, so eifrig, wie er sie bewacht!«
Erst jetzt fiel Griers Blick auf die abgewetzte Ledertasche, die auf den Knien des Mannes stand. Der Handelsreisende hatte die Arme darum geschlossen, als wäre die Tasche eine Krippe, die es zu hüten galt.
»Was ist das?«, bellte Grier. »Was versteckst du darin?«
Er wollte dem Passagier die Tasche entreißen, doch dieser warf sich mit dem ganzen Körper darauf und schüttelte energisch den Kopf. Er blickte zu Grier empor und setzte eine flehende Miene auf. »Es … es ist nichts darin, Sir! Nur ein Erbstück meines Vaters!«
Grier musterte den Handelsreisenden scharf. »Mit Erbstücken gibt’s sowieso bloß Ärger. Besonders bei feinen Pinkeln wie dir.« Er trat mit der Stiefelspitze gegen die Ledertasche. »Los, mach sie auf!«
Das blasse Gesicht des Reisenden wurde noch bleicher. Er starrte zu Grier und Drake, dann hinüber zu dem Farmerpaar. »Helfen Sie mir doch! Sagen Sie ihnen, dass ich nichts von Wert bei mir habe!«
»Woher soll ich wissen, was du in deiner Tasche herumträgst?«, versetzte der Farmer ungerührt. »Sei kein Schwachkopf und gib es ihnen! Nichts auf der Welt ist wertvoll genug, dass man dafür sein Leben opfert.« Er streichelte seiner Frau über den Kopf und blickte zur Grier. »Nun erlösen Sie den Dummkopf endlich! Er wird nicht damit herausrücken, wenn Sie’s sich nicht holen.«
Grier kniff die Augen zusammen. Er wollte kein Blut an den Händen, doch wenn es der hagere Handelsreisende auf die Spitze trieb, konnte er für nichts mehr bürgen. »Öffne die Tasche! Auf der Stelle!«
Drake setzte dem Reisenden den Gewehrlauf auf die Brust und verlieh den Worten seines Vorgesetzten damit weiteres Gewicht. Er legte drohend den Finger um den Abzug. »Was ist? Machst du die Tasche auf oder nicht?«
In derselben Sekunde sprang der Handelsreisende auf und presste die Tasche an sich. Er drängte Grier gegen die Wand, begegnete seinem Blick und erstarrte.
Der frostige Glanz in den Augen des Colonels sagte ihm, dass er einen Fehler begangen hatte. Er wich zurück und rutschte mit dem Rücken an der Abteilwand herunter.
Dann krachten zwei Schüsse aus Drakes Gewehr.
Die Kugeln durchschlugen die Brust von Bob Blackstone und ließen den Handelsreisenden in sich zusammensacken. Blackstone ließ die Tasche fallen und kippte vornüber zwischen die beiden Sitzbänke des Abteils. Unter seinen Schultern rann dunkles Blut hervor.
»Erben wird der nichts mehr«, bemerkte Drake und griff nach der Tasche. Er öffnete sie und förderte eine mit Samt bezogene Schatulle daraus hervor. Sie war an den Ecken mit Silber beschlagen.
Grier nahm ihm die Schatulle aus der Hand und klappte sie auf. Sie enthielt eine metallene Form, die den Konföderiertenoffizier an eine Tabakschale oder einen Aschetrog erinnerte. Er wendete sie zweimal in der Hand und legte sie zurück.
»Der Kerl muss wissen, wofür er sein Leben lässt«, sagte er und warf die Schatulle zum restlichen Schmuck. »Vorwärts! Die Yankees wollen geplündert...




