Slade | Lassiter - Folge 2158 | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2158, 64 Seiten

Reihe: Lassiter

Slade Lassiter - Folge 2158

Der Rächer aus Laramie
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8387-5178-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Der Rächer aus Laramie

E-Book, Deutsch, Band 2158, 64 Seiten

Reihe: Lassiter

ISBN: 978-3-8387-5178-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Der Mond schob sich gerade hinter eine Wolke, als Paddy Grimes die Schritte hörte. Sie warf einen Blick zurück und sah neblige Schleier über die düstere Straße wallen. Von Menschen keine Spur.

Weiter! Paddy hob die Rockschöße und verschärfte ihr Tempo. Hallend klapperten ihre Absätze über den Sidewalk. Nur noch knapp hundert Yards bis zum Hotel. Auf dem Querbalken über der Vordertür brannte eine Laterne.

Paddy mied den Lichtkreis vor dem Eingang. Für Huren war der Aufenthalt im Hotelbereich verboten. Über den Torweg eilte Paddy auf den düsteren Hinterhof. Ganz in der Nähe erklang eine gequälte Tierstimme. Sie hörte sich so gruselig an, dass Paddy beinahe aufgeschrien hätte. Für Sekunden stand sie ganz still, ohne zu atmen.

Die Schritte - da waren sie wieder ...

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Pam riss sich zusammen. Sie durfte sich jetzt nicht verrückt machen lassen. Vermutlich war einer dieser Vagabunden aus dem Zeltcamp hinter ihr her. Diese grässlichen Kerle glaubten, Frauen wären Freiwild.

Oh, wie Pam diese Männer hasste! Jedes Mal, wenn sie in die Stadt kamen, gab es Ärger. Pöbeleien. Taschendiebstahl. Schlägereien. Übergriffe auf die weibliche Bevölkerung. Letzte Woche hatte es sogar einen Toten gegeben. Benny Rooks, ein Halbindianer, der mit einem Bauchladen umherging und selbst gemachten Schmuck verkaufte, war unweit des Camps, in dem die Landstreicher seit Wochen lagerten, gefunden worden.

Die Schritte waren verstummt.

Grabesstille herrschte. Man hätte eine Stecknadel zu Boden fallen hören können. Auch die Katze gab keinen Laut mehr von sich.

Pam hatte kein gutes Gefühl. Sie fühlte sich beobachtet. Jemand war hinter ihr her, da ging sie jede Wette ein.

Pam griff unter ihre Jacke. Sie spürte den geriffelten Griff des Derringers. Die Pistole war geladen und schussbereit. Schon das Berühren der Waffe beruhigte Pam. Den Derringer in Vorhalte, blickte sie sich nach allen Seiten um.

Linker Hand stand der rot lackierte Kutschwagen, der am Tag als Pendler zwischen der Bahnstation Chuck’s End und dem Hotel eingesetzt wurde. In alten Zeiten hatte das Fahrzeug zur Flotte der Wells Fargo Company gezählt. Jetzt gehörte es dem Hotelbesitzer Joe Jordan.

Rechts von Pam erhob sich ein im Bau befindliches Gebäude aus Stein, das neue Bettenhaus. Bizarr geformte Nebelschleier ließen das halbfertige Gemäuer wie eine Ruine in einer Geisterstadt erscheinen.

Pam wandte sich ab. Sie trat an die schmale Hintertür, nahm den Türknauf in die Hand und horchte nach innen.

Kein Laut drang an ihr Ohr. Es war nach Mitternacht. Die Gäste lagen in ihren Betten und schliefen.

Pam schob die Tür auf. Ihr Kleid raschelte, als sie über die Schwelle auf einen dunklen Gang huschte. Noch einmal blickte sie auf den nebligen Hof hinaus.

Unter der Kutsche kam die Katze hervor. Sie legte sich neben das Vorderrad auf den Rücken und strampelte mit den Beinen in der Luft. Dabei stieß sie die merkwürdigsten Laute aus.

»Du rolliges Biest.« Pam schüttelte den Kopf. »Hast mir einen schönen Schrecken eingejagt.«

Sie schloss die Tür. Mit einem Schlag war es dunkel wie in einem Bergwerksstollen. Der Geruch von gerösteten Zwiebeln, abgestandenem Bier und einem herben Männerparfüm stieg ihr in die Nase.

Pam steckte die Pistole ein. Wie eine Blinde tastete sie sich an der Wand entlang. Es war nicht das erste Mal, dass sie mitten in der Nacht einen Freier im Jordan Hotel aufsuchte. Sie kannte sich aus und kam gut voran, auch ohne Licht.

Im Nu war sie am Absatz der Treppe angelangt, die hinauf zu den Fluren mit den Gästezimmern führte.

Irgendwo im Haus knarrte eine Diele.

Pam stellte das Atmen ein. Mit weit aufgerissenen Augen versuchte sie die Dunkelheit zu durchdringen. Fehlanzeige. Sie sah kaum die Hand vor Augen.

Als kein weiteres Geräusch folgte, huschte sie die Treppenstufen hinauf. Obwohl sie sehr vorsichtig auftrat, kamen ihr die Schritte ziemlich laut vor.

Sie gelangte ins obere Stockwerk.

Hier gab es zwei Fenster, durch die ein wenig Mondlicht fiel. Pam befand sich auf einem langen Gang, von dem etliche Zimmer abgingen. Der Mann, den sie aufsuchen sollte, wohnte in Nummer neunzehn.

Pam kannte nicht einmal seinen Namen. Ebenso wenig wusste sie, wie der Mann aussah. Sie hatte ihn noch nie zu Gesicht bekommen. Den Auftrag, ihn Punkt Mitternacht zu besuchen, hatte sie von Madre Mia bekommen. Caroline Sykes, von den Männern im County Madre Mia genannt, war die Besitzerin des Bordells. Sie bestimmte, wo es langging.

Auf dem Gang hing ein großer rechteckiger Spiegel, in dem man seine ganze Gestalt sehen konnte, vom Kopf bis zu den Füßen. Es war der größte Spiegel in ganz Westfield. Nicht einmal Monsieur Jean, der Barbier aus der Fremont Street, hatte einen so großen Spiegel in seinem Salon.

Pam blieb davor stehen. Inzwischen hatten sich ihre Augen an die Lichtverhältnisse im Haus gewöhnt. Sie versank in den Anblick ihres Spiegelbilds.

Im Grunde war sie ganz zufrieden mit ihrem Äußeren. Man sah ihr nicht an, dass sie die dreißig bereits überschritten hatte. Mit ihren langen Korkenzieherlocken, den erstaunt blickenden Kulleraugen und ihrer zierlichen Statur wirkte sie eher mädchenhaft als eine reife Frau.

Madre Mia sagte, der Freier hätte sofort auf ihr Bild gezeigt, als sie ihm den Katalog vorgelegt hatte. Ohne zu feilschen hatte er die Anzahlung geleistet.

Pam schob das Revers der Jacke zur Seite und bog ihr Rückgrat durch. Sie betrachtete ihre zum Bersten gefüllte Bluse. Sie war sehr stolz auf ihre Brüste. Sie waren groß und vollendet geformt.

Die Männer waren ganz wild auf Pam. Immer wieder machte man ihr überschwängliche Komplimente. Die Zahl ihrer Freier wuchs mit jeder Woche. Madre Mia hatte eine Kartei anfertigen müssen, um die Übersicht über alle Termine zu behalten.

Pam wollte sich gerade von ihrem Konterfei abwenden, als sie den Schatten bemerkte.

Eine hochgewachsene Gestalt schälte sich aus dem Dunkel. Die Gestalt eines Mannes. Er schien direkt aus dem Nichts zu kommen.

Pam beging den Fehler ihres Lebens: Sie vergaß, ihre Pistole zu ziehen.

Der Mann trug eine Maske und war schnell, furchtbar schnell. Pam sah das große Messer wirbeln.

Das ist irre, dachte sie, als ihr die Klinge in den Leib drang. Ich sterbe an einem Ort, zu dem mir der Zutritt verboten war.

»Warum?«, keuchte sie.

Der Maskenmann gab keine Antwort. Er riss das Messer zurück und stieß ein zweites Mal zu. Als Pam die Beine wegsackten, fing er sie auf. Fast lautlos ließ er ihren erschlaffenden Körper auf den Fußboden gleiten.

Pams Augen blieben an der Zimmertür haften, an der das Schild mit der Nummer neunzehn prangte.

***

»Sind Sie denn noch nie einem Mädchen begegnet, das Sie gern geheiratet hätten?«, fragte Cedric Marsh.

»Eine schwierige Frage.« Lassiter blickte gedankenverloren auf das zuckende Licht der Kerze. »Ja, sicher gab es Frauen, die ich gern für mich allein gehabt hätte. Aber am Ende entschied ich mich immer gegen eine Ehe.«

Die zwei Männer befanden sich in einem niedrigen, nahezu quadratischen Zimmer. Die Wände waren mit billigen Tapeten bedeckt. Außer dem Bett, in dem Cedric Marsh lag, gab es an Möbeln nur noch zwei altmodische Stühle und einen runden Tisch, auf dem eine leere Glaskaraffe stand. Durch das halb geöffnete Fenster strömte kühle Nachtluft in die Stube.

Cedric Marsh hustete. »Sie wollen sich nicht an die Kette legen lassen, wie?«

»Durch meinen Beruf bin ich viel unterwegs«, erwiderte Lassiter. »Eine Woche in Westfield, zwei Wochen Tombstone, danach Laramie, Kalifornien oder Wyoming. Meine Gattin bekäme mich nur alle Jubeljahre zu Gesicht. Ich wäre der schlechteste Ehemann der Welt, Cedric.«

»Nun, Sie könnten sich einen neuen Job suchen. Amerika ist groß. Es gibt tausend Möglichkeiten. Tatkräftige Männer werden gebraucht, in jeder Branche.«

Lassiter grinste. »Im Moment bin ich ganz zufrieden, so wie es ist.«

»Sie sind und bleiben ein Vagabund, Lassiter.«

Der Mann im Bett setzte sich auf. Ein Hustenanfall erschütterte seinen erschreckend mageren Körper.

Cedric Marsh war bereits über siebzig. Er trug ein dünnes Leinenhemd mit kurzen Ärmeln. Sein roter, faltiger Hals und das zerknitterte, vom Wetter gegerbte Gesicht erinnerten an den Kopf eines Truthahngeiers.

Lassiter klopfte dem Alten den Rücken, wobei er darauf achtete, dass er nicht zu fest zuschlug.

Nach einiger Zeit war der Husten vorüber. Der alte Mann wischte sich das Blut von den Lippen. Er atmete wieder normal.

»Soll ich Ihnen Wasser holen?«, bot Lassiter an.

»Gehen Sie jetzt nicht fort«, sagte der Alte gepresst.

Lassiter sah, dass es Marsh nicht gut ging. Er hatte jahrelang draußen in der Wildnis gelebt, fernab der Städte und Siedlungen. Seit dem frühen Tod seiner Frau, einer Shoshoni-Squaw, war er allein geblieben, allein mit der Natur. Als er jedoch merkte, dass seine Uhr ablief, kam er in die Stadt. Er mietete sich in Westfield ein Zimmer, um hier in Frieden zu sterben.

Letzte Woche war Marsh auf der Straße zusammengebrochen, vor dem Zügelholm des Gemischtwarenladens. Ein Schwächeanfall, wie ihm der Doc bescheinigte.

Lassiter hatte den hilfebedürftigen alten Mann ins Hotel gebracht. Marsh tat ihm leid. Mehrmals am Tag sah Lassiter nach ihm. Zufällig wohnte er auf derselben Etage. Er brachte dem Alten Medizin, kaufte gelegentlich für ihn ein und brachte dessen schmutzigen Sachen zum Chinesen in die Wäscherei. Es war niemand da, der es sonst hätte tun können.

»Erzählen Sie mir was über Frauen«, bat Marsh.

»Schon wieder?«

»Ja. Ich könnte mir stundenlang Geschichten über Frauen anhören.«

»Kein Wunder, Sie haben kolossalen Nachholbedarf, Cedric. Wer sich dreißig Jahre in die Einöde vergräbt …«

»Genau genommen waren es zweiunddreißig Jahre«, sagte Marsh und schnaufte schwer.

Lassiter zog seine Sprungdeckeluhr aus der Westentasche. Viertel nach zwölf. Er runzelte die Stirn. Komisch. Eigentlich hätte die Frau schon da sein müssen. Für Mitternacht hatte er ein Freudenmädchen bestellt, als Überraschung für seinen Schützling. Cedric Marsh hatte heute...



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