E-Book, Deutsch, Band 2588, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
Slade Lassiter 2588
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-2745-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Lady und der Outlaw
E-Book, Deutsch, Band 2588, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
ISBN: 978-3-7517-2745-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
'Es ist der größte Alligator, den ich jemals gesehen habe. Ein wahres Monstrum.' James Neely nahm seinen Hut ab und wischte sich mit zittriger Hand über die Stirn. Sein Blick flackerte über den Bayou, suchte die Nebelschwaden nach Anzeichen einer drohenden Gefahr ab. 'Dieses Biest hat sich den armen Harper geholt. Mich hätte es auch geschnappt, hätte ich nicht die Beine in die Hand genommen.' Er blickte sich nach seinen Begleitern um, ehe er mit rauer Stimme fortfuhr: 'Es heißt, diese Viecher legen unterirdische Speisekammern an. Dort horten sie ihre Opfer. Wir sollten zusehen, dass wir von hier wegkommen, ehe wir auch dort landen!'
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Die Lady
und der
Outlaw
»Es ist der größte Alligator, den ich jemals gesehen habe. Ein wahres Monstrum.« James Neely nahm seinen Hut ab und wischte sich mit zittriger Hand über die Stirn. Sein Blick flackerte über den Bayou, suchte die Nebelschwaden nach Anzeichen einer drohenden Gefahr ab. »Dieses Biest hat sich den armen Harper geholt. Mich hätte es auch geschnappt, hätte ich nicht die Beine in die Hand genommen.« Er blickte sich nach seinen Begleitern um, ehe er mit rauer Stimme fortfuhr: »Es heißt, diese Viecher legen unterirdische Speisekammern an. Dort horten sie ihre Opfer. Wir sollten zusehen, dass wir von hier wegkommen, ehe wir auch dort landen!«
»Was für eine elende Brühe!« Grimmig starrte Greyson auf das schlammige Wasser, das im fahlen Mondlicht schwappte. Die Worte seines Begleiters schienen an dem stämmigen Mann einfach abzuprallen. Sein rundes Gesicht zeigte keine Regung.
»Was ist m-mit H-harper?« Bo stotterte wie immer, wenn ihm etwas nahe ging.
»Der kommt nicht mit uns zurück.« Neely keuchte wie eine löchrige Orgelpfeife. Schweißperlen rannen ihm über Gesicht und Nacken. Er wischte sie mit der flachen Hand weg und blinzelte. »Das verdammte Vieh hat ihn erwischt!«
Bo gab einen Laut von sich, der an einen verletzten Waschbären erinnerte.
»Fang bloß nicht an zu flennen«, brummte Greyson. »Das hat sich Harper selber zuzuschreiben. Es war unvorsichtig von ihm, zum Pinkeln an Land zu gehen. Ich hatte ihn davor gewarnt. Hat er auf mich gehört? Nee!«
»Was hätte er denn machen sollen? Wenn du musst, musst du.« Neely ballte die Hände zu Fäusten. Am liebsten hätte er auf irgendetwas eingeschlagen, aber was hätte das geändert? Rein gar nichts! Harper war fort.
Er war sofort aus dem Boot gesprungen und seinem Kumpan gefolgt, als er dessen Schreie aus dem Unterholz gehört hatte. Jedoch: Es war zu spät gewesen. Er hatte nichts mehr für Harper tun können. Der andere Mann war verschwunden gewesen. Alles, was er noch gefunden hatte, war eine blutrote Lache und die Umrisse eines Monstrums, das blitzschnell aus seiner Sicht verschwand...
Greyson nickte bedächtig. »So ist das in den Sümpfen. Was du hier nicht frisst, das frisst dich.« Seine grauen Augen hefteten sich auf die Tunke, in der die fauligen Überreste eines armen Geschöpfs trieben, das den Weg aus dem unendlichen Labyrinth aus Sümpfen, Morast und Brackwasser nicht mehr gefunden hatte.
»W-was zum Geier ist das? D-doch nicht etwa...?« Bo stockte und machte den Hals lang. Der Kürze seines Namens zum Hohn war er ein langer Kerl, der sich so ungelenk bewegte, als würde er von unsichtbaren Fäden dirigiert. Sein langes Pferdegesicht war von den Pocken gezeichnet. Er hatte gutmütige braune Augen und ein ruhiges Gemüt. Es wäre ihm nicht im Traum eingefallen, seinen Kumpanen oder gar seinem Boss zu widersprechen. »Seht ihr das? Da drüben! Da treibt etwas im Wasser!« Er streckte den Arm aus.
Greyson schlug ihm kräftig darauf. »Nimm den runter«, knurrte er. »Oder willst du ihn an die Alligatoren verfüttern?«
»Alli...« Bo schluckte. »Du denkst, das da drüben ist 'n Alligator?«
»Wenn es einer wäre, hätte Neely es nie und nimmer lebend zurück in unser Boot geschafft. Nein, das da drüben ist bestimmt kein Alligator, aber vermutlich das Abendessen von einem. Diese Biester lassen ihr Fressen gern ein paar Tage im Wasser liegen, damit sie es besser runterschlingen können.«
»Sie fressen, was schon 'n paar Tage im Wasser gelegen hat?« Bo lebte lange genug in der Nähe des großen Flusses, um zu wissen, was das Wasser mit einem toten Körper anrichten konnte. Er wandte sich hastig ab, konnte ein Würgen jedoch nicht zurückhalten. Es ging im Gebrüll der Ochsenfrösche unter, die im Dickicht auf der Suche nach einem Weibchen waren.
Sie saßen zu dritt in dem Boot: Neely, der noch immer atemlos war nach seinem Spurt durch den Sumpf, Bo, der es tunlichst vermied, noch einmal nach der verendeten Kreatur im Wasser zu sehen, und Greyson, der seelenruhig mit einem Span in seinen Zahnritzen bohrte. Im Gegensatz zu seinen Begleitern wirkte er so entspannt, als würden sie nicht mitten in den Sümpfen von Louisiana, sondern in einem piekfeinen Theater im Osten sitzen. Greyson war ein massiger Kerl, der das Boot eine Handbreit tiefer in das stinkende Wasser einsinken ließ. Er hatte die Statur eines alten Büffels, trug eine Machete im Gürtel und war von Kopf bis Fuß in Leder gekleidet. Seine Wange wurde von einer gezackten Narbe gezeichnet, die aussah, als hätte sich vor langer Zeit etwas von innen nach außen durchgefressen.
Er beäugte die Reste der Kreatur im Wasser. So abschätzend, als würde er sich überlegen, ob sie noch zum Essen taugte.
Neely wurde unter der Schmutzschicht auf seinen Wangen noch eine Spur blasser. Falls es etwas gab, das Greyson aus der Ruhe bringen konnte, so hatte er es noch nicht miterlebt.
Neely lehnte sich gegen die Bordwand. Er kam allmählich wieder zu Atem und betrachtete bekümmert den grünlichen Schlamm, der an seinen Stiefeln klebte. Verdammt, die würden im ganzen Leben nicht wieder sauber werden. Nun, wenigstens passten sie damit zum Rest seiner Erscheinung. Es war lange her, dass er die Gelegenheit gehabt hatte, Mollys Badehaus einen Besuch abzustatten. Vielleicht konnte er sich ein paar Stunden loseisen, wenn der Auftrag hier erledigt war.
Ein Bad im warmen Zuber unter Mollys sanften Händen käme ihm jetzt wirklich gelegen. Harper wäre sicherlich mit ihm gekommen, wenn er nicht zur falschen Zeit aus dem elenden Boot gestiegen wäre. Er hatte Molly und ihre Mädchen auch gemocht. Harper... Verdammt. Ihm schien die feuchte Luft hier nicht zu bekommen. Jedenfalls tränten seine Augen plötzlich wie verrückt.
Trotz der Hitze krochen ihm kalte Schauer über den Rücken. Die grauen Schwaden, die über das morastige Wasser zogen, erinnerten ihn an Geister, die ruhelos umherirrten. Womöglich die Seelen der Menschen, die den Sümpfen zum Opfer gefallen waren. Aber er hätte sich eher die Zunge abgebissen, als sein Unbehagen zu erwähnen, denn er konnte sich lebhaft vorstellen, was Greyson dazu sagen würde. Die Zunge des anderen Mannes war bisweilen schärfer als seine Machete.
Zwischen Ruderbank und Heck des Bootes lag ein fleckiger brauner Sack. Darin eingewickelt war die Leiche eines Mannes. Neely hatte geholfen, ihn zu verstauen. Der Tote mochte fünfzig bis sechzig Jahre gezählt haben, hatte einen gepflegten Bart und zwei Colt Peacemaker an den Hüften getragen. Genutzt hatten ihm seine Waffen nichts. Jetzt waren sie im Besitz ihres Bosses und er auf dem Weg, auf Nimmerwiedersehen in den Sümpfen zu verschwinden.
»Bringen wir den Auftrag zu Ende«, brummte Neely, »und dann lasst uns zusehen, dass wir von hier verschwinden.« Er rutschte neben Greyson auf die Ruderbank, griff nach seinem Paddel und tauchte es ins Wasser. Greyson tat es ihm gleich, während Bo hinten saß, die Lampe hielt und die Augen nach unliebsamen Gefahren offenhielt.
Sie ruderten das Boot zu der Stelle, an der sie immer die Leichen abluden, die nicht gefunden werden sollten. Hier hievten sie den leblosen Körper aus dem Boot und schmissen ihn ins Wasser. Sie hatten den Sack mit Steinen beschwert, damit er nicht so bald wieder auftauchte.
Neely blickte auf die Kreise im Wasser. »Womöglich ist es unsere Schuld, dass die Alligatoren immer öfter auf Menschen gehen«, murmelte er. »Wir füttern die Biester an. Sie finden die Toten und kommen auf den Geschmack.«
»Ach, und das fällt dir jetzt erst ein?« Greyson rollte die Augen. Sein Blick fragte: Bei dir brennen auch nicht alle Kerzen am Kronleuchter, oder?
»Mir war das bisher wirklich nicht klar, aber nachdem immer mehr Menschen aus der Gegend spurlos verschwinden...« Neely rutschte nervös auf der Ruderbank herum.
»Nun entspann dich mal«, mahnte Greyson.
»Wie soll ich mich entspannen, wenn uns so eine verdammte Fressmaschine im Nacken sitzt? Ich hab das Vieh gesehen, das sich Harper geholt hat. Es maß fünf Yards in der Länge. Mindestens. Ihr habt es nicht gesehen. Ich schon. Und es ist schnell. Schneller, als ihr Holy Shit sagen könnt.« Unwillkürlich schloss er eine Hand um seine Waffe.
»Lass gut sein«, murmelte Greyson. »Mit deinem Schießeisen kannst du ihn höchsten kitzeln, aber nicht umbringen. Den Panzer durchdringen deine Kugeln sicher nicht.«
»Dann schieße ich ihm eben ins Auge.«
»Versuchs nur. Du hast es doch eben selbst gesagt: Diese Biester sind schnell. Die drehen sich blitzschnell im Wasser. Es ist aus mit dir, bevor du noch den Finger krümmen kannst.«
»Aber man muss sie doch irgendwie umnieten können.«
»Ich kenne keinen, der es versucht hätte und noch davon erzählen könnte.«
»Dann lasst uns zurückfahren. Mir ist es hier nicht geheuer. Wir hätten nicht so spät noch rausfahren sollen. Die Dunkelheit ist der Freund dieser Ungetüme.« Neely griff nach dem Ruder,...




