E-Book, Deutsch, Band 2459, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
Slade Lassiter 2459
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7325-8502-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Auf Ehre und Gewissen
E-Book, Deutsch, Band 2459, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
ISBN: 978-3-7325-8502-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Auf Ehre und Gewissen
Diesmal kamen sie zu fünft. Vom Fenster aus sah Lester Donovan sie in den Hof reiten. Weil er wusste, was die Stunde geschlagen hatte, nahm er das Gewehr von der Wand und trat hinaus auf die Veranda. Paul Jenkins, flankiert von vier Revolvermännern, hielt sein Pferd an. 'Du wolltest nicht verkaufen, Donovan!' Um gefährlicher auszusehen, stützte er sein Gewehr auf den Schenkel. 'Ein Glück - jetzt gehört diese Ranch mir, ohne dass sie mich auch nur einen Cent kostet.' Er zog ein Papier aus der Tasche und hielt es hoch. 'Dein Bruder hat gegen mich beim Pokern verloren und konnte nicht zahlen - mit diesem Schuldschein hat er mir die Ranch übereignet.'
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»Verfluchte Lügner!« Joes Geschrei wurde noch wütender, doch welche Flüche auch immer er Jenkins und seinen Männern entgegenschleuderte, sie gingen im Lärm ihrer Waffen unter.
Ihre Kugeln schlugen rechts und links von ihm im Staub ein, und eine traf – wohl eher zufällig – Chesters alten Vorarbeiter, der ebenfalls aus der Scheune gerannt war. Nun riss der bedauernswerte Mann die Arme hoch und stürzte rücklings auf den Boden.
Sofort warf Joe sich neben ihn auf die Knie und beugte sich über ihn. »Billy stirbt!«, schrie er. »Die verdammten Mörder haben Billy umgebracht!«
Zwei Cowboys rannten aus dem Stall neben der Scheune, die Hände schon an den Kolben ihrer Revolver. Als sie jedoch sahen, wie viele Waffen auf sie gerichtet waren, blieben sie stehen und streckten die Arme hoch über den Kopf.
Joe aber, von Jugend an ein wilder Hitzkopf vor dem Herrn, hob seinen Karabiner und feuerte einen Schuss nach dem anderen auf die Revolvermänner ab. »Zur Hölle mit euch!«, schrie er nach jedem Schuss. »Fahrt zur Hölle!«
Da lag Chester längst auf den Verandadielen. »Waffe runter!«, brüllte er noch in den Schusslärm hinein, doch es war zu längst spät: Wirbelnd überschlug sein Bruder sich im Staub, so viele Geschosse hatten ihn getroffen.
Einer der Revolvermänner, die auch als Cowboys für Jenkins arbeiteten, krümmte sich im Staub neben seinem Pferd und zwei schwangen sich aus den Sätteln, um dem schwer Getroffenen zu helfen. Der vierte und Paul Jenkins selbst aber zielten auf Chester und das schon, seit der erste Schuss gefallen war.
Der hatte längst seine eigene Anweisung befolgt und sein Gewehr vor sich abgelegt. Hätten seine beiden Cowboys den Kampf angenommen, hätte man sich gegenseitig Feuerschutz geben können. Doch allein mit Joe gegen sechs Mann? Nichts für jemanden, der wie Chester am Leben hing.
Fassungslos starrte er an den Pferden der Jenkinsbande vorbei zu seinem Bruder Joe und zu seinem Vorarbeiter. Beide lagen völlig reglos im Staub. Auch Jenkins’ Revolvermann, den Joe getroffen hatte, zuckte nicht einmal mehr.
Wie in einem Albtraum kam Chester Donovan sich vor. Gleich würde er aufwachen, gleich würde alles vorbei sein und sein Bruder Joe und der alte Billy noch leben. Oder etwa nicht?
Sein ungläubiger Blick wanderte von einem Revolvermann zum anderen: von dem hochgewachsenen und dürren Thomas Hall zu dem gedrungenen und bärtigen Raymond Stoner, die beide kopfschüttelnd neben ihrem toten Komplizen im Staub knieten. Von Stoner und Hall hinauf zu dem kleinen drahtigen Jack Teller mit seinen grauen Locken und seinem riesigen Schnurrbart, der von seinem Pferd aus auf Chester zielte und dem der Hass die Miene verzerrte, denn der Tote war sein Bruder. Und von Teller zu dem blonden und kräftig gebauten Paul Jenkins, der mit einem verächtlichen Feixen um die schmalen Lippen und beinahe gleichmütig zur Veranda und zu Chester Donovan herab schaute.
»Zehn Tage gebe ich dir, um die Ranch zu räumen«, sagte Jenkins, ohne den Lauf seines Gewehres auch nur um eine Daumenbreite zu senken. »In zehn Tagen stehe ich wieder hier, und dann, um sie zu übernehmen.«
Stoner und Hall hievten ihren toten Komplizen aufs Pferd, banden ihn fest und stiegen wieder in die Sättel. Während sie die Leiche von Tellers Bruder samt Gaul aus dem Hof führten, bedrohten Paul Jenkins und Jack Teller Chester und seine beiden Cowboys mit ihren Waffen.
Jenkins erreichte den Torbogen als letzter. Dort erst nahm er die Waffe herunter und rief: »Grüße von Nancy soll ich dir ausrichten, Donovan! Sie mag keine Loser, hat sie gesagt. Deswegen wird sie demnächst mit mir Verlobung feiern. Bist aber eingeladen.«
?
Gleich am nächsten Morgen trieb Chester Donovan seinen Rotfuchs in gestrecktem Galopp ins zwölf Meilen entfernte Salina. Bevor er zum Office des Sheriffs ritt, band er sein Pferd am Hitchrack des Green-Plains-Hotels fest, wo Nancy, seine Verlobte, in der Küche arbeitete. Mit ihrer Schwester und ihrer alten Mutter wohnte sie in dem kleinen Haus neben dem Saloon.
Chester sprang auf den Sidewalk und stürmte zur Tür dieses Gebäudes. Er trug Lederchaps, eine Lederweste und an jeder Hüfte einen Revolver. Er klopfte an der Haustür und wartete.
Chester Donovan konnte sich nicht erinnern, jemals zuvor derart aufgewühlt gewesen zu sein. Der Tod seines Bruders steckte ihm tief in den Knochen; und dass nun endgültig Schluss sein sollte mit Nancy, konnte er einfach nicht glauben.
Seit fast einem Jahr war er mit Nancy Curtis verlobt. Seit drei Wochen jedoch hatte sie sich nicht mehr bei ihm gemeldet – kein Brief, kein Besuch, nichts. Einmal, als er im Saloon nach ihr fragte, hatte sie sich verleumden lassen.
Chester klopfte lauter und drängender. Er dachte an die rothaarige Hure, der er vor einem Monat im Suff auf ihr Zimmer gefolgt war. Ja, er hatte zuviel getrunken an jenem Abend! Und ja, er hatte sich bezirzen lassen und sich von der Roten ins Bett ziehen lassen und sie genommen!
Nancy hatte Wind davon bekommen, und seitdem ließ sie nichts mehr von sich hören.
Und jetzt sollte es vorbei sein? Jetzt wollte sie die Verlobung lösen und Paul Jenkins heiraten? Einen Mann, der für seine Brutalität und seine übermäßige Neigung zum Whisky bekannt war? Das konnte einfach nicht wahr sein!
Schnelle Schritte näherten sich hinter der Tür. Endlich! Der Schlüssel wurde umgedreht, die Tür geöffnet. Nancys Schwester Jane stand auf der Schwelle. Mit brennendem Blick schaute sie ihn an. Chester wusste, dass diese Frau ihn liebte und schwer daran trug, dass er sich für ihre Schwester entschieden hatte.
»Nancy ist nicht da«, beschied Jane ihm kühl und wollte die Tür wieder schließen.
Chester stieß sie noch weiter auf und drängte sich an Jane vorbei. Eine weißhaarige Frau kam ihm entgegen, machte große Augen und schlug sich die Hände gegen die Wangen. »Da bist du ja endlich, Darling!«
Die alte Mrs. Curtis war nicht mehr ganz bei Sinnen. Seit Chester Donovan in ihr Haus kam, hielt sie ihn für ihren im Bürgerkrieg gefallenen Gatten.
»Ich bin nicht dein Mann, Emily!« Er schob sie zur Seite. »Ich bin Chester, der Verlobte deiner Tochter!« An der Alten vorbei stürmte er die Treppe hinauf. Er wusste ja, wo Nancys Schlafkammer lag. »Nancy!«, rief er. »Ich muss mit dir reden!«
Sie stand in der offenen Schlafkammertür – halb angezogen, mit großen traurigen Augen, offenem blondem Haar und schön wie ein Sommerabend. »Nancy, Darling, wir müssen reden.« Ganz weich wurde Chesters Stimme. Nancy verschränkte die Arme vor der Brust und hielt seinem Blick stand.
Er ging auf sie zu, doch Schritte aus der Schlafkammer näherten sich plötzlich, und wie festgewurzelt blieb Chester stehen. Mit nacktem Oberkörper tauchte Paul Jenkins neben Nancy auf und lehnte gegen den Türrahmen.
»Verschwinde, Donovan!«, zischte er. »Du hast hier nichts mehr verloren!«
Weder Jenkins noch Nancy konnten so schnell gucken, wie Chester zuschlug. Sein Haken traf Jenkins in der Leber, seine Gerade die Nasenspitze. Es krachte hässlich, und Jenkins fiel um, wie ein gefällter Baum.
»Scheißkerl!«, brüllte Chester den schon am Boden Liegenden an, denn er machte sich klar, dass der bei seiner Verlobten übernachtet hatte.
»Paul hat recht!«, schrie Nancy. »Ich will dich nicht mehr sehen, Chester!« Neben dem stöhnenden Jenkins ging sie in die Hocke. »O Gott! Er blutet aus der Nase!«
»Ich muss mit dir reden!« Chester zog sie hoch, drängte sie in die Kammer und verriegelte die Tür hinter sich. »Es tut mir so leid, Nancy, so unendlich leid!« Er packte sie bei den nackten Armen und riss sie an sich. »Bitte verzeih mir! Bitte verlass mich nicht!«
»Lass mich los!« Sie wand sich in seinen Armen. »Hilfe!«, schrie sie. »So helft mir doch!«
»Hör mir doch zu, Nancy!« Chester versuchte, die kaum zu bändigende Frau festzuhalten. »Es tut mir so leid! Ich war betrunken, ich habe versagt – nie wieder soll so etwas vorkommen …!«
»Du Schuft!« Nancy rammte ihm das Knie zwischen die Beine und wand sich aus seinen Armen. Chester ließ sie los und krümmte sich stöhnend. Nancy aber riss sich den Verlobungsring vom Finger. »Es ist vorbei!« Sie schmiss ihm den Ring vor die Füße und stürzte zur Tür.
Mit einem einzigen Griff zog sie den Riegel aus dem Bügel, öffnete die Tür und rannte hinaus und die Treppe hinunter. Im Laufen fummelte sie ihr Mieder so weit auf, dass ihre nackten Brüste herausquollen. »Was tust du denn da, Kind?« Ihre Mutter raufte sich die weißen Haare.
Nancy rannte an ihr vorbei, ohne sie zu beachten. »Hilfe!«, schrie sie. »Überfall!« Ruft den Sheriff! Hilfe! So helft mir doch!«
Chester hatte sich gefangen und folgte ihr. Er sprang über den stöhnenden und halb betäubten Jenkins hinweg und schlidderte mehr die Treppe hinab, als dass er sie hinunterlief.
»Da bist du ja wieder, Darling!« Die alte Emily Curtis breitete die Arme aus und erwartete ihn mit sehnsüchtig lächelndem Blick auf der untersten Stufe. Hinter ihr stand Jane und blickte traurig zu ihm herauf.
Inzwischen hatte Nancy die Haustür aufgerissen und sprang nun auf die Mainstreet hinaus. »Überfall! Chester Donovan hat mich vergewaltigt!«
Chester Donovan drängte sich an Jane und der alten Emily vorbei und stürzte hinterher, doch er kam nicht weit – zwei Bewaffnete tauchten rechts und links von ihm auf, und beide trugen den Stern der Männer des Gesetzes an der Brust.
»Du greifst nach deinen...




