E-Book, Deutsch, Band 2135, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
Slade Lassiter 2135
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8387-4689-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kühler Stahl auf nackter Haut
E-Book, Deutsch, Band 2135, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
ISBN: 978-3-8387-4689-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Zug der Atchison, Topeka & Santa Fe Railroad rollte mit zischenden Zylinderkolben in die Bahnstation von Las Vegas, New Mexico ein. Lassiter streckte sich, stand auf und nickte den beiden Ladys, die mit ihm im Abteil gesessen hatten, zum Abschied freundlich zu.
'Bleiben Sie länger in der Stadt?', fragte die Jüngere und schüttelte ihre blonden Locken auf. 'Im Hotel ist es oft schrecklich einsam.' Lassiter lächelte in der Erinnerung an die letzte Nacht. 'Falls meine Zeit es zulässt. Ich habe dringende Geschäfte zu erledigen.'
Alfred Dixon, der Mittelsmann der Brigade Sieben in Las Vegas, hatte ihm telegrafiert, dass es um einen besonderen Revolver ging, den er beschaffen sollte. Der Revolver, der einst Jesse James das Leben gekostet hatte...
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Jahre zuvor: St. Joseph, Missouri, 3. April 1882
Die beiden Männer, die mit Jesse James am Küchentisch saßen, wussten, dass sie bei ihrem mörderischen Plan das Gesetz und den Gouverneur auf ihrer Seite hatten. Sie aßen schweigend vom Brot und dem gerösteten Speck, die James’ Frau ihnen hingestellt hatte, und lauschten den Worten ihres Bosses, der mit ernster Miene über den bevorstehenden Überfall auf die Bank von Platte City sprach.
»Eines Tages erwischen sie uns«, erklärte Jesse pathetisch. »Aber bevor sie uns kriegen, rütteln wir das Land noch mal wach.«
Die beiden Brüder Charley und Robert Ford stocherten auf ihren Tellern herum und pflichteten James mit müdem Kopfnicken bei. Sie hatten die Litaneien des einst so gerühmten Gesetzlosen in den vergangenen Tagen ein gutes Dutzend Mal über sich ergehen lassen und kannten die Parolen, mit denen Jesse sie bei Laune halten wollte. Der Banküberfall in Platte City sollte die letzte Tat der einst so glorreichen Jesse-James-Gang werden, die nach dem Tod von Dick Liddil, Wood Hite und Ed Miller zu einem kümmerlichen Häufchen geschrumpft war.
»Verdammt, Jesse, sie sind uns auf den Fersen!«, sagte Robert Ford. Mit seinen einundzwanzig Jahren war er der Jüngere der beiden Brüder. »Ganz Missouri hat die Nase gestrichen voll von uns, seit wir Wood Hite umgelegt haben.«
»Du hast Wood umgelegt«, widersprach James und schnitt sich ein Stück Brot ab. »Ihr hättet euch besser herausgehalten. Dick und Wood hätten die Sache allein austragen sollen.«
»Dick war Roberts Freund«, sprang der ältere Charley seinem Bruder zur Seite. Er starrte stumm vor sich hin. »Die Gang bricht auseinander, Jesse. Daran kannst du nichts ändern.«
»Red keinen verfluchten Bockmist«, knurrte James und richtete den Blick seiner stechend blauen Augen auf Charley. »In Platte City findet ein Mordprozess statt, der die ganze Stadt in Atem hält. Mehr als drei Leute brauchen wir nicht für die Bank. Die Zeitungen werden vom gewagtesten Raubzug aller Zeiten schreiben, das sage ich euch.«
»Oder vom ruhmlosen Untergang der James-Gang«, erwiderte Charley niedergeschlagen. »Mir dreht sich bei der Sache der Magen um.«
James warf das Besteck auf den Tisch und erhob sich. »Denkt, was ihr wollt, aber der Plan ist beschlossene Sache.« Er wischte sich die Mundwinkel ab. »Ich sehe jetzt nach den Pferden.«
Die Brüder sahen schweigend zu, wie James den Mantel überzog und aus der Küche stapfte. Als sie die Vordertür ins Schloss fallen hörten, zischte der Jüngere den Älteren vorwurfsvoll an. »Verdammt, Charley, wie kannst du ihn so misstrauisch machen? Er soll glauben, dass wir auf seiner Seite sind.«
»Und das glaubt er, wenn wir ihm Honig um den Bart schmieren?«, entgegnete Charley Ford bissig. »Es ist eine verfluchte Schande, was wir mit ihm vorhaben.«
Robert Ford lächelte schmal. »Eine Schande wär’s, die zehntausend Dollar Belohnung von Gouverneur Crittenden in den Wind zu schreiben. Er gibt uns sein Wort, dass wir nichts zu fürchten brauchen, wenn wir Jesse ans Messer liefern.«
»Jesse ist wachsam wie ein Windhund«, meinte Charley Ford nachdenklich. »Wir werden ihn nie ohne seine Revolver erwischen.«
Robert beugte sich nach vorn und packte seinen Bruder am Oberarm. »Darum sollst du dich an seine Fersen heften. Er vertraut dir mehr als mir. Sobald die Zeit da ist, übernehme ich die Drecksarbeit.« Er wies mit dem Kinn zur Tür. »Sieh nach, was er draußen im Stall treibt.«
Sie hörten Jesse James’ Kinder – einen schweigsamen Jungen und ein hübsches Mädchen mit dunklem Lockenhaar –, die sich mit ihrer Mutter Zee um einen Topf Quittengelee stritten. Die Kinder stürmten an der Küchentür vorbei und sprangen ins Freie. Charley Ford stand auf, nickte Zerelda und seinem Bruder zu und folgte den Kindern nach draußen. »Ich nehm ihnen die Beute schon ab, Zee. Sei unbesorgt.«
»Mach ihnen die Hölle heiß!«, rief Zee James ihm nach. An ihrem knöchellangen Haushaltskleid klebten die Reste des Quittengelees. »Benehmen sich gerade wie die Teufel!«
»In Ordnung«, gab Charley zur Antwort und lief von der grasbewachsenen Anhöhe hinunter, auf der das einstöckige Holzhaus der James-Familie stand. Er richtete den Blick auf die Häuser von St. Joseph, die friedlich im Tal lagen und an diesem Morgen noch wie verwaist wirkten. In der Stadt gab sich Jesse James als Thomas Howard aus, der jeden Sonntag mit der Familie zur Kirche ging und ein rechtschaffenes Leben führte.
»Jesse?«, rief Charley mit lauter Stimme, als er vor dem Stall stand. »Wo steckst du, zum Henker?«
Die Antwort des Bandenbosses ließ nicht auf sich warten. »Hier drinnen, Charley. Muss noch die letzte Schippe Futter verteilen. Eine verdammte Hitze haben wir.«
Die Stalltür sprang auf, und James trat mit einer Schaufel in der Hand ins Freie. Er streckte sich, wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht und stellte die Schaufel neben sich ab. Als er den Mund zu einem schiefen Lächeln verzog, erinnerte sich Charley an den Tag, an dem sie einander kennengelernt hatten. Sie hatten kaum eine Handvoll Worte gewechselt. Doch Charley hatte gespürt, dass es James gut mit ihm meinte. Eine Woche darauf hatten sie den Expresswagen der Chicago & Altron Railroad ausgeräumt.
»Hast du die Kinder gesehen, Jesse?«, fragte Charley. »Zee sucht nach ihnen.«
James verriegelte die Stalltür, wandte sich um und klopfte Charley lachend auf die Schulter. »Wir haben Wichtigeres zu tun, als für Zee den Aufpasser zu spielen. Der Coup in Platte City muss gelingen, sonst gehen uns die Dollars aus.«
Er trat den Rückweg zum Haus an und schlug den Mantel zurück, um sich frische Luft zu verschaffen. Die beiden Revolver im Holstergurt blitzten in der Sonne. Charley behielt die Waffen im Auge. Bei nächster Gelegenheit würde Jesse James ein toter Mann sein.
Robert saß noch immer am Küchentisch, als sie zurück im Haus waren. Er stand vom Tisch auf und räusperte sich vernehmlich. »Wollte dir vorhin keinen Ärger machen, Jesse. Die Sauerei mit Dick sitzt mir noch in den Knochen.«
»Schon in Ordnung«, brummte James und zog Mantel und Weste aus. Er warf beide Kleidungsstücke aufs Bett und knöpfte die Hemdsärmel auf. Als er damit fertig war, öffnete er den Holstergürtel und legte ihn ebenfalls ab. »Wird ein verflucht heißer Tag. Die Schießeisen lasse ich besser im Haus, ehe mich im Hof jemand damit sieht.«
Die beiden Brüder wechselten einen kurzen Blick miteinander und verständigten sich stumm. Seit Wochen hatten sie auf einen Moment wie diesen gewartet, in dem Jesse unbewaffnet war.
Jetzt war er gekommen.
James krempelte die Ärmel seines Hemds auf und trat vor ein Wandbild, von dem Charley wusste, dass es James’ Mutter gehört hatte. Der Bandenboss zog sich einen Stuhl heran, stieg darauf und wischte den Staub vom Rahmen des Bildes.
Charley nickte seinem Bruder zu.
In derselben Sekunde spannte Robert Ford den Hahn seines Revolvers. Er richtete den.44er Smith & Wesson auf den Bandenführer und legte den Finger um den Abzug.
Jesse James rührte sich nicht. Er hatte zu viele Männer sterben sehen, um nicht zu wissen, wann seine Stunde geschlagen hatte.
Der Schuss, der ihn aus dem Leben riss, zerfetzte ihm den Hinterkopf und ließ ihn den Ford-Brüdern vor die Füße stürzen.
***
Das brünette Frauenzimmer, mit dem Lassiter die Nacht verbracht hatte, schlief noch, als der Mann der Brigade Sieben am Morgen aufstand. Er entzündete die Petroleumlampe, wusch sich das Gesicht und griff nach seiner Hose, die über der Stuhllehne hing. Nachdem er sich angekleidet hatte, warf er einen Blick zurück zum Bett und schlich zur Tür.
»Lassiter, wohin willst du?«, hörte er die schlaftrunkene Stimme des Mädchens, als er nach dem Türknauf griff. »Die Kerle verschwinden immer, bevor unsereins wach wird.«
Er verharrte und lächelte. »Hast du noch nicht genug? Die halbe Herberge muss uns gehört haben, Lizzie.«
Die Saloontänzerin richtete sich auf, wischte sich den Schlaf aus den Augen und ließ die Decke von ihrem nackten Busen rutschen. Sie winkelte verführerisch das Bein an und biss sich auf den kleinen Finger. »Von einem Mann wie dir bekommt man nie genug. Ich wünschte, du müsstest nicht fort.«
Wäre es nach Lassiter gegangen, hätte er Lizzie den Wunsch nur zu gern erfüllt. Er konnte sich einen angenehmeren Morgen vorstellen, als in aller Herrgottsfrühe aus den Federn zu steigen und den Leiter des Telegraphenbüros aufzusuchen. Doch das Telegramm, das ihn in Wichita erreicht hatte, war unmissverständlich gewesen. Binnen zweier Tage, hatte die Anweisung gelautet, erwarte man ihn in Las Vegas.
»Willst du wirklich fort?«, fragte Lizzie abermals und schlug die Decke zurück. Ihre schlanken Schenkel waren leicht geöffnet. »Du weißt, was dir entgeht.«
Lassiter betrachtete die braunhaarige Schönheit, die ihn am Vorabend vor dem größten Tanzhaus von Las Vegas, dem Temple Palace, angesprochen hatte. Sie glich einer Venus mit ihren schmalen Schultern und den ausladenden Brüsten, die in der Nacht nicht nur Lassiters Hände ausgiebig erkundet hatten. Ihre Hüften waren fest und straff, ihre Fesseln so zierlich, dass Lassiter sie mit zwei Fingern umgreifen konnte. »Mir bleibt keine Zeit dafür, Lizzie. Dixon wartet auf mich.«
»Männer und ihre Geschäfte.« Lizzie schüttelte tadelnd den Kopf. Sie strich mit dem Finger an ihrem Bein hinauf und lächelte Lassiter vielsagend an. »Willst du’s dir nicht noch...




