Slade | Lassiter 2110 | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 2110, 64 Seiten

Reihe: Lassiter

Slade Lassiter 2110

Die Töchter des blinden Buck
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-2584-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Töchter des blinden Buck

E-Book, Deutsch, Band 2110, 64 Seiten

Reihe: Lassiter

ISBN: 978-3-8387-2584-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es war lange nach Mitternacht und im Hotel war es still wie auf einem Friedhof. Die Gäste schliefen. Nur im Foyer brannte Licht. Benson, der Nachtportier, blätterte in einem Katalog mit vielen Abbildungen. Er mochte Bilder von schönen Frauen in Unterwäsche. Plötzlich hörte Benson ein Geräusch im Haus. Er lauschte angespannt. Oben auf der Galerie tappten Schritte. 'Hallo? Ist dort jemand?', rief er. Als keine Antwort kam, nahm er einen Kerzenständer und stieg die Treppe hinauf. Er betrat den Flur, von dem die Zimmer abgingen. Benson erschrak, als eine Gestalt in den Lichtschein der Kerze trat: der blinde Buck Lewis von Zimmer neun. Der Mann hatte offenbar die Orientierung verloren. 'Kann ich Ihnen helfen, Sir?', fragte Benson. 'Wage es nicht, mich anzufassen!', knurrte der Blinde.

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»Und? Hast du ihn angefasst?«, fragte Lassiter.

»Gott bewahre!« Benson seufzte. »Was hättest du an meiner Stelle getan?«

Lassiter überlegte kurz. »Ich hätte ihn in seine Stube expediert. Zur Not auch gegen seinen Willen. So ein alter Starrkopf! Was wäre, wenn er auf der Treppe gestürzt wäre?«

Sie saßen in Danny’s Saloon und tranken – Lassiter Bier, Benson kalten Kaffee mit Whiskey. Draußen dämmerte es. Der Wind hatte am Nachmittag die Richtung geändert und wehte nun längs der Main Street entlang. Hank Benson war Lassiters Kontaktmann in Belleville, Kansas. Benson war ein kleiner, dünner Mann mit Knopfaugen und schütterem Haar. Im nächsten Jahr wollte die Zentrale ihn durch einen jüngeren ersetzen. Benson war Mitte sechzig. Als Nachtportier half er nur noch aus, wenn an der Rezeption Not am Mann war. Das Hotel gehörte seinem Bruder John.

»Ich weiß, dass es Quatsch ist, aber Buck Lewis jagt mir irgendwie Angst ein.« Benson betrachtete sein Glas. »Du hättest ihn sehen sollen, mit seinen toten Augen, der spitzen Nase und dem grausig verzerrten Mund. Ein Bild des Schreckens.«

Lassiter trank einen Schluck Bier. »Wie ich hörte, ist er mit seinen beiden Töchtern hier. Will hoffen, die Süßen haben nicht allzu viel von ihrem Daddy geerbt.«

»Nein, zum Glück nicht. Sie sind nach der Mutter geraten, zumindest äußerlich. Gail und Allie sind ganz nett anzuschauen. Kaum zu glauben, dass Buck Lewis ihr Erzeuger ist.«

»Ich werde sie mir bei Gelegenheit mal aus der Nähe anschauen«, meinte Lassiter.

Benson lachte freudlos. »Wäre ich du, würde ich die Finger von ihnen lassen.«

»Und warum, wenn man fragen darf?«

»Die Beiden sind giftig wie Nattern.«

Lassiter winkte ab. »Na, und? Als Schlangenbeschwörer hatte ich bisher schon große Erfolge.«

»Du bist unverbesserlich.« Benson leerte kopfschüttelnd seinen Kaffeebecher.

Da sprang die Vordertür auf. Fünf, sechs junge Burschen in Weidekleidung polterten herein. Zwei von ihnen trugen ihre Revolver in tief sitzenden Schnellziehholstern. Rogers, der Wirt, ermahnte sie, sich gesittet zu benehmen, andernfalls würde er jeden Zweiten von ihnen erschießen.

Die Cowboys grölten und johlten. Danny Rogers war ein Spaßvogel. Er kannte jede Menge Witze, einer verrückter als der andere. Lautstark forderten die Cowboys, dass er einen zum Besten gab.

Rogers ließ sich nicht lange bitten. »Kennt ihr den mit der Rodeostellung, Amigos

»Nein, nie gehört!«

»Erzähl ihn uns, Danny!«

»Gut, dann passt mal auf, ihr Greenhorns! Von mir könnt ihr euch nämlich eine Menge Tricks ablauschen.« Rogers warf sein Putztuch über die Schulter und sah einem baumlangen Rothaarigen fest in die Augen. »Also: Für die Rodeostellung musst du dafür sorgen, dass dein Mädchen auf allen Vieren vor dir hockt, kapiert?«

»Das kriege ich hin«, sagte der Lange trocken.

»Gut. Jetzt besteigst du die Kleine, wobei du mit beiden Händen ihre Brüste packst. Soweit alles klar?«

Die Burschen plapperten alle durcheinander.

»Das habe ich schon gemacht. Was zum Henker hat das mit Rodeo zu tun?«, übertönte der Rotblonde die anderen.

Mit einer Handbewegung brachte Rogers sie zum Schweigen. Wieder sah er den Rotblonden an. »Leise sagst du deiner Liebsten ins Ohr: ›Deine Brüste liegen genauso gut in der Hand wie die deiner Schwester!‹ – Und jetzt, Amigo, versuch mal, länger als acht Sekunden oben zu bleiben.«

Es dauerte einen Moment, bis die Cowboys die Pointe begriffen hatten. Der Saloon bebte vor Gelächter. Rogers teilte Bier aus. Als alle ein Glas in der Hand hielten, ließ der Rotblonde einen markigen Trinkspruch vom Stapel. Die Cowboys tranken und lärmten.

Lassiter ging mit Benson hinaus auf die Straße.

Bei dem Krawall im Saloon konnte man sein eigenes Wort nicht verstehen. Sie schlenderten den Sidewalk entlang, bis sie zur nächsten Einmündung kamen.

An einem Zügelholm blieb Benson stehen. »Ich frage mich, was den alten Buck Lewis dazu treibt, nach so vielen Jahren wieder hierher zu kommen.«

»Vielleicht will er alte Freundschaften auffrischen?«

Benson wackelte mit dem Kopf. »Lewis hat keine Freunde, nicht in dieser Stadt und auch in keiner anderen. Seit er nicht mehr sehen kann, ist er ein verbitterter alter Mann geworden.«

»Stimmt es, dass er früher einmal Deputy des County Sheriffs gewesen ist?«

»Ja, das war er. Bei einer Knallerei am South Corral hat er einen Kopfschuss abgekriegt. Er ist mit einer Bande Pferdedieben zusammengerasselt. Als die Verstärkung anrückte, hing er schon in den Seilen. Das ist jetzt zwanzig Jahre her. Bucks Töchter lagen noch in den Windeln.«

»Wer war Sheriff damals?«, fragte Lassiter.

»Big Joe McTell. Er ist letztes Jahr gestorben.«

»Hat McTell damals etwas abbekommen?«

»Nur einen Kratzer. Ein Streifschuss an der Schulter, wenn ich mich recht entsinne.«

»Und die anderen?«

»Alle wohlauf.«

»Auch die Banditen?«

Benson nickte. »Die sind für ein paar Jahre in den Knast gewandert. Wer Bucky ins Gesicht geschossen hat, konnte nicht ermittelt werden. Inzwischen sind die Bastarde allesamt wieder auf freiem Fuß.«

Lassiter dachte sich seinen Teil. Buck Lewis hatte einen rabenschwarzen Tag erwischt, als er diesen Pferdedieben nachjagte. Alle Beteiligten waren heil aus der Sache herausgekommen. Ihn dagegen hatte es voll erwischt. Von einer Sekunde zur anderen hatte sich sein Leben grundlegend verändert. Als Blinder spielte er keine Rolle mehr im gesellschaftlichen Leben. Kein Wunder, dass er mit Frau und Kindern abgetaucht war und jahrelang von der Bildfläche verschwand.

Und auf einmal war er wieder da. Seltsam.

»Ich hab zwar keine Beweise, aber ich bilde mir ein, dass Lewis nicht zum Spaß hier ist«, sinnierte Lassiter laut.

Benson machte die Augen schmal. »Du glaubst, er will Ärger machen?«

»Es ist nur eine Ahnung. Vielleicht sehe ich auch Gespenster.«

»Ja, das denke ich auch.« Benson schob seinen Hut höher. »Du siehst Gespenster, mein Junge. Und überhaupt: Old Buck hat sein Augenlicht verloren. Ein Blinder ist keine allzu große Bedrohung für seine Gegner. Ich gebe zu, sein Anblick ist zum Fürchten, aber wer den alten Zausel nicht anschauen mag, der kann ja woandershin gucken.«

»So weit, so gut. Doch eine Frage bleibt offen: Was will Buck Lewis hier? Warum kehrt er zurück an diesen Ort? Zwanzig Jahre nach der Schießerei am South Corral. Die Beteiligten von damals haben sich doch inzwischen in alle Winde verstreut.«

Ein mit Heuballen beladener Leiterwagen rumpelte an ihnen vorbei. Der Fahrer knallte mit der Peitsche. Der Geruch von frischen Kräutern breitete sich aus. Irgendwo zwischen den Ballen kläffte ein Hund.

»Nicht alle«, sagte Benson plötzlich.

»Nicht alle?«

»Der Anführer der Pferdediebe von damals lebt hier in Belleville.«

Das war Lassiter neu. Er horchte auf.

»Der Mann heißt Bill Rector. Er hat lange Jahre hinter Gittern verbracht. In Leavenworth, später in Kansas City. Nach seiner Entlassung ist er eine Weile unter die Glücksritter gegangen. Als er nach Belleville kam, war er verdammt gut bei Kasse. Es heißt, er hätte ein paar Wochen einen Spieltisch betrieben, in Dodge City. Nun ja, beim Zocken muss er eine Menge Zaster eingeheimst haben. Jedenfalls hat es gereicht, um in der Stadt ein nettes, kleines Theater zu eröffnen.«

»Rector’s Fun House

»Du sagst es, mein Freund.« Benson gähnte herzhaft. »Wenn du heute nichts weiter vorhast, schau es dir mal an. Es lohnt sich.«

Es war Abend geworden. Der Wind fegte kugelige Steppenhexen über die Straße. Es wurde zunehmend kühler.

Benson schlug seinen Kragen hoch und ging nach Hause. Seit ein paar Monaten wohnte er im Haus seines Bruders. Das Gehöft lag im Norden der Stadt, ziemlich weit weg vom Zentrum mit der Main Street, den Hotels und dem Marktplatz.

Lassiter steuerte den Vergnügungsbezirk an. Bevor er sich das Theater anschaute, musste er noch etwas anderes erledigen.

Es gab da eine entzückende Brünette mit Grübchen auf den Wangen, auf die er ein Auge geworfen hatte. Sie arbeitete im Coco Loco, einem zwielichtigen Etablissement, wo man Girls antraf, die ohne was an auf dem Tisch tanzten.

Lassiters Favoritin gehörte nicht zu ihnen.

Sie ging auch nicht mit Männern des Geldes wegen ins Bett. Sie mixte Drinks und unterhielt sich mit den Gästen, die an ihrem Tresen standen. Ihre Unterwäsche behielt sie an. Dabei mangelte es nicht an Angeboten. Ganz im Gegenteil.

Das standhafte Barmädchen hieß Susan Pearce.

***

Susan sah, wie der große Mann mit dem sandfarbenen Haar die Schwingtür aufschob.

Lassiter! Prompt schlug ihr Herz schneller. Jedes Mal, wenn sie diesem Bild von einem Mann begegnete, war ihr ganz mulmig zumute. Einmal hatte Susan sogar schon von Lassiter geträumt.

Es war ein sehr erregender Traum gewesen.

Lassiter war fast nackt, und sie selbst trug nur einen Fummel aus einem netzartigen Gewebe, das mehr zeigte als verbarg. Er kam über die Straße, steuerte direkt auf sie zu, aber es sah aus, als balancierte er auf einer Kugel, die sich um die eigene Achse drehte. Er kam ihr keinen Schritt näher. Sie wollte auf ihn zu rennen, war aber nicht in der Lage, die Beine zu bewegen. Ihre Füße schienen mit dem Boden verwachsen zu sein.

Susan...



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