E-Book, Deutsch, Band 2109, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
Slade Lassiter 2109
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-2376-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Vermächtnis des Häuptlings
E-Book, Deutsch, Band 2109, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
ISBN: 978-3-8387-2376-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Melinda Farraday ist eine starke Frau. Sie braucht niemandes Hilfe, um ihren Wagenzug durch das wilde Indianergebiet von South Dakota zu führen. Das behauptet sie voller Stolz. Lassiter gelingt es jedoch, Melindas Vertrauen zu gewinnen und als Beschützer in ihrer Nähe zu bleiben. Den Job als Trailboss hat sie von ihrem Mann übernommen, als dieser bei einem Indianerüberfall getötet wurde. Lassiter begleitet den Wagon Train ohnehin im Auftrag der Brigade Sieben, denn neben Versorgungsgütern enthalten die Planwagen auch eine Waffenlieferung für die Goldsucherstadt Deadwood. Grey Wolf, Häuptling der Cheyenne-Rebellen, hat gedroht, den Transport zu überfallen und Deadwood dem Erdboden gleichzumachen - im Andenken an den großen Häuptling Sitting Bull und seinen Sieg über General Custer und die Siebte Kavallerie ...
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Der Journalist sah seinen Gesprächspartner aus großen Augen an. »Ein Geheimnis?«, wiederholte er beinahe andächtig, während sein Kugelschreiber über das Papier des Notizblocks flog. »Hat es mit der Brigade Sieben zu tun? Und haben Sie Lassiter persönlich gekannt? Hat er selbst es Ihnen anvertraut?«
Der alte Mann schmunzelte und fuhr sich über das schüttere silberfarbene Haar. »Ja, jetzt glaube ich Ihnen, dass Sie mir eine Menge Fragen stellen möchten, Mister …«
»Trenton. Jasper Trenton. Und bitte sagen Sie Jasper zu mir, Jack.«
»In Ordnung, Jasper. Sie arbeiten für die Chicago Tribune, nicht wahr?«
»Das ist richtig, Sir … sorry, Jack. Mein Spezialgebiet sind Reportagen über Zeitzeugen zur Geschichte des Westens. Mir geht es dabei vor allem um die Periode nach dem Bürgerkrieg und vor dem Ersten Weltkrieg.«
»Eine Zeit des Umbruchs, hier bei uns. Lassiter war einer der Männer, die von Anfang an jene technischen Neuerungen genutzt haben, die damals das Leben der Menschen einfacher machten. Denken Sie nur an das Telefon und die Schreibmaschine. Aber auch auf weniger friedlichem Gebiet gab es Fortschritte.«
»Sie meinen die Waffentechnik? Die Metallpatrone mit rauchlosem Pulver zum Beispiel? Als Mann des Gesetzes dürfte Lassiter davon in besonderem Maße profitiert haben. Bei meinen Recherchen habe ich oft gehört, dass ein Schwarzpulverschütze bei Windstille manchmal nichts mehr sehen konnte – vor lauter Rauch.«
»Nicht nur das.« Der alte Mann schmunzelte. »Schwarzpulver stank fürchterlich, und es verschmutzte die Waffen enorm. Dagegen …«, er schob sich die Zigarre zwischen die Lippen und paffte, »ist Tabakrauch geradezu aromatisch.«
»Heute mehren sich die Hinweise, dass er schädlich sein soll.«
Der Oldtimer lachte und hustete krächzend. Dann sagte er wegwerfend: »Darüber können unsere Kollegen von der schreibenden Zunft noch so viel räsonieren, mir machen sie damit keine Angst mehr. Wenn ein Mann hundert geworden ist, mein Junge, schwindet die Bedeutung vieler Dinge.«
»Ich denke, das kann ich begreifen, obwohl mir Ihre Lebenserfahrung fehlt, Jack.« Jasper Trenton klopfte mit dem Ende des Kugelschreibers auf den Block. »Ich nehme aber an, das Geheimnis hat für Sie nichts von seiner Bedeutung verloren.«
Der Hundertjährige lachte wieder. »So bringt man einen Schwadroneur zurück zum Thema, nicht wahr?« Er nickte, schloss die Augen und öffnete sie wieder. »All right, das Geheimnis Nummer eins.«
»Gibt es zwei?«, warf Trenton erstaunt ein.
Der alte Mann lächelte wissend. »Darauf komme ich gleich. Werden Sie bloß nicht ungeduldig, mein Lieber. Sagen wir mal so: Das Geheimnis besteht aus zwei Teilen. Beide sind schnell erzählt. Teil eins: Die Brigade Sieben hat es wirklich gegeben. Viele haben es vermutet, aber alle, die dazugehörten, haben dichtgehalten. Denn jeder wusste, dass das Leben der anderen in Gefahr geraten konnte. Und es hat geklappt. Die Brigade Sieben war das, was man heute ein Erfolgsmodell nennen würde.«
»Eine frühe Form des FBI?«
Der alte Mann wiegte den Kopf. »Vielleicht in einigen Teilbereichen. Aber … nein, das heutige FBI ist eine viel weitreichendere und mächtigere Institution.«
»Kommen wir auf Lassiter zurück.« Jasper Trenton schrieb, während er redete, notierte das eben Gehörte und stellte bereits die nächste Frage: »Und Lassiter selbst? Verkörperte er nicht die Brigade Sieben? War er nicht der beste Agent dieses geheimen Dienstes?«
Der Hundertjährige nickte bedächtig. »Nun, ich selbst habe viel dazu beigetragen, ihn auf diesen Sockel zu heben. Aber es entsprach alles der Wahrheit. Lassiter war die Brigade Sieben – in der besten Bedeutung dieser Redewendung.«
»Das darf ich also in meinem Artikel schreiben?«
»Aber ja. Deshalb habe ich Sie ja hergebeten.«
Während er sich weiter Notizen machte, fragte Jasper Trenton: »Leben Sie hier in St. Louis, Jack?«
»Würde ich Sie dann in einem Hotelzimmer empfangen?«
»Nun, vielleicht möchten Sie Ihre Privatsphäre schützen.«
Der Oldtimer seufzte wie nach einer schweren Anstrengung. Er erzeugte neue bleigraue Wolken und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ach, wissen Sie, Jasper, wenn man hundert Jahre alt wird, schmilzt die sogenannte Privatsphäre sehr zusammen und spielt keine große Rolle mehr. Warten Sie nur ab, dann schaut meine Krankenschwester herein und zetert wegen der Zigarre.« Er zwinkerte dem Journalisten zu. »Sie hat bis heute noch nicht herausgekriegt, wo ich meine geliebte Havanna verstecke.«
Jasper Trenton lachte leise. »Aber das Geheimnis werden Sie heute nicht preisgeben, nicht wahr?«
»Wenn Sie mir versprechen, es erst nach meinem Tod weiterzuerzählen …« Der alte Mann stimmte in das Lachen des Journalisten ein und wurde gleich darauf ernst. »Was meinen Wohnort betrifft, nur so viel: Ich lebe auf dem Land, in Ruhe und Abgeschiedenheit, aber mit genügend Menschen in meiner Nähe, die mir helfen, wenn Not am Mann ist.«
»Ihre Krankenschwester ist einer dieser Menschen.«
»Richtig. Aber versuchen Sie nicht, sie auszuhorchen. Erstens wird sie Ihnen nichts verraten, und zweitens gibt es in meinem Leben sowieso nichts Aufregendes mehr.«
»Nicht mal das Geheimnis, Teil zwei?«
»O, das wäre vielleicht eine Ausnahme. Deshalb muss ich darüber in aller Ruhe und Gelassenheit erzählen. Passen Sie ein bisschen auf mich auf, Jasper, damit mein Herz nicht verrückt spielt und mich womöglich im Stich lässt. Sollten Sie erste Anzeichen erkennen, rufen Sie Abigail, meine Krankenschwester. Sie hält sich im Nebenzimmer auf. Sie weiß, was sie mir im Notfall verabreichen muss.«
»Sie können sich auf mich verlassen«, sagte Jasper Trenton, und feierlich fügte er hinzu: »Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet, dass Sie die Belastung dieses Gesprächs auf sich nehmen, Mister Slade.«
Der berühmte Autor lächelte gerührt. »Machen Sie sich keine Sorgen, Jasper. Es ist übrigens ein interessanter Zufall, dass das Geheimnis Nummer zwei mit einer Kollegin von Ihnen zu tun hat. Sie arbeitete damals ebenfalls für die Chicago Tribune. Ihr Name ist Josephine Hamilton. Wir nannten sie Josie …«
»Josephine Hamilton!«, rief Jasper Trenton begeistert, dämpfte seinen Ausbruch aber sofort wieder. Behutsam sprach er weiter. »Ich habe Artikel von ihr im Archiv gefunden.«
Der Hundertjährige nickte. »Wir drei – Lassiter, Josie und ich – nahmen damals gemeinsam an einem Wagenzug teil. Es handelte sich um einen hochbrisanten Auftrag, den Lassiter für die Brigade Sieben auszuführen hatte. Mit einem von uns dreien geschah etwas, worüber ich noch nie berichtet habe. Es begann im Juni achtzehnhundertfünfundachtzig in Fort Pierre, South Dakota …«
***
Fort Pierre, South Dakota, im Juni 1885
Eine riesige Staubwolke schwebte über dem Gelände am Westufer des Missouri, aufgewirbelt von Hunderten von Hufen und eisenbereiften Wagenrädern. Wendige Reiter wiesen schwerfälligen Ochsengespannen und Planwagen ihre Positionen zu. Die Peitschen der Wagenlenker knallten. Anweisungen und Kommandos, aber auch Flüche, waren zu hören und wehten als Wortfetzen über den breiten Fluss – von rauen Männerstimmen überwiegend. Aber auch einige Frauenstimmen befanden sich darunter.
Lassiter beobachtete das Geschehen von einer Anhöhe südöstlich der Stadt Fort Pierre. Er hatte seinen Braunen auf diesen Hügel gelenkt, von dem man wusste, dass schon so mancher Armee-Offizier hier Ausschau nach feindseligen Indianern gehalten und taktische Überlegungen angestellt hatte. Immer mehr Land westlich des Stroms hatte man den heimischen Stämmen abgenommen. Mit Verträgen waren Sioux, Cheyenne und Arapahoe aber nur vorübergehend ruhiggestellt worden. Denn diese Zusicherungen der Regierung in Washington waren das Papier nicht wert gewesen, auf dem sie niedergeschrieben und besiegelt worden waren.
Schließlich hatten Siedler, Spekulanten und Glücksritter allem die Krone aufgesetzt, indem sie in wahren Heerscharen in die Black Hills von Dakota geströmt waren, nachdem dort Gold gefunden worden war. Ausgerechnet General George Armstrong Custer und seine Männer von der Seventh Cavalry waren bei einem Erkundungsfeldzug auf das Gold gestoßen und hatten die Nachricht ordnungsgemäß an Armeeführung und Regierung weitergegeben. Auf dem Weg nach Washington musste es indessen so manche undichte Stelle gegeben haben. Deshalb, oder aus anderen Quellen gespeist, hatte sich die Nachricht wie ein Lauffeuer ausgebreitet.
Das Ergebnis war ein Goldrausch gewesen – sowie die Gründung des Digger-Camps Deadwood in den Black Hills und damit in einem Gebiet, das den Indianern vertraglich als Eigentum zugeschrieben worden war. Aus dem wüsten Goldgräber-Camp war mittlerweile eine aufstrebende, blühende Stadt geworden, allerdings mehr denn je bedroht von Indianern, die sich mit Wortbruch und Enteignung nicht abfinden wollten und sich überdies standhaft weigerten, in die für sie vorgesehenen Reservationen zu ziehen.
Sitting Bull und eine gewaltige Streitmacht der vereinigten Indianerstämme hatten Custer und seine siebte Kavallerie in der blutigen Schlacht am Little Big Horn River vernichtend geschlagen. Das war vor neun Jahren gewesen, und seither träumten junge Krieger der damals beteiligten Stämme von einem zweiten, ähnlich vernichtenden Schlag gegen die weißen Eindringlinge. Grey Wolf, ein kriegserfahrener und mit dreiunddreißig Jahren noch relativ junger Häuptling der...




