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E-Book, Deutsch, Band 2101, 64 Seiten

Reihe: Lassiter

Slade Lassiter 2101

Lassiter und das Wolfsmädchen
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-2164-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Lassiter und das Wolfsmädchen

E-Book, Deutsch, Band 2101, 64 Seiten

Reihe: Lassiter

ISBN: 978-3-8387-2164-4
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sie war schlau - nur eines begriff sie nicht: dass Lassiter ihr helfen wollte. Oder sie wollte es nicht begreifen. Es grenzte an ein Wunder, dass er sie überhaupt aufgespürt hatte. Und jetzt wollte sie ihm entwischen - hier, in der sonnendurchglühten Wüste von Arizona, vor der grandiosen Felsenkulisse des Monument Valley. Er kannte nicht einmal ihren Namen, deshalb hatte er sie für sich selbst 'Dolores' getauft. Die Zeitungen nannten sie das 'Wolfsmädchen', weil sie in der Wildnis gelebt hatte. Ihr wirklicher Name aber wurde geheim gehalten. Jäh donnerten Hufe los. Im nächsten Atemzug preschte sie aus einer Senke hervor, vornübergebeugt auf dem Rücken ihres Pferdes. Das lange schwarze Haar verhüllte einen großen Teil ihres Körpers.

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Endlich hatte er sie aufgescheucht.

Es war ein tagelanges gegenseitiges Belauern gewesen, und allem Anschein nach hatte sie die schwächeren Nerven. Das war beileibe nicht selbstverständlich. In diesen Zeiten des Umbruchs – man schrieb das Jahr 1885 – gab es Frauen, die härter waren als mancher Mann. Lassiter hatte es am eigenen Leib zu spüren bekommen, schon so manches Mal. Was die neue weibliche Härte betraf, konnte ebendies durchaus auch auf Dolores zutreffen. Immerhin hatte sie, dem Hörensagen nach, mindestens zwei Jahre in der Wildnis zugebracht. Nichts konnte Körper und Geist mehr stählen als eine derart extreme Erfahrung. Sie war in den Wäldern und in den Bergen gleichermaßen zu Hause wie hier in der Wüste. Allein deshalb musste sie sich in dem rauen Land mindestens genauso gut auskennen wie die Indianer. Vielleicht kannte sie sich sogar besser aus, denn selbst die roten Ureinwohner lebten nicht in den unwirtlichsten Gegenden, sondern eher dort, wo es Wasser und fruchtbaren Boden gab. Dolores aber war imstande, sich in einer Felsenhöhle zu verkriechen und auf rätselhafte Weise darin zu verschwinden, obwohl die Verfolger das Innere gründlichst durchsuchten und alle Ausgänge tagelang besetzt hielten.

Er aber hatte Dolores in die Enge getrieben. Immerhin. Darauf konnte er sich etwas einbilden. Bislang hatte das keiner geschafft. Ob es eine Erfolgsgarantie sein würde, war allerdings eine andere Frage. Die Brigade Sieben betrachtete ihn als ihren besten Mann, doch er selbst hasste Lobeshymnen, die auf ihn gesungen wurden. Er machte seinen Job so gut er konnte, und es war ihm unangenehm, wenn er für etwas in den Himmel gehoben wurde, was für ihn selbstverständlich war.

Vor drei Jahren war Dolores in New Mexico von Apachen entführt worden. Die indianischen Rebellen hatten alle Passagiere der Stage Coach umgebracht. Nur Dolores war am Leben geblieben, weil der Anführer der Rebellenbande sie zu seiner Squaw machen wollte. Dieser Anführer war Santano, ein Häuptlingssohn und glühender Gefolgsmann Geronimos. Es gab zwar keine Augenzeugen, die diese Gerüchte bestätigen konnten, doch die Tatsache, dass Dolores nicht unter den Toten des Überfalls gefunden worden war, und die Berichte, dass Santano und seine Bande ihre Raubzüge bis ins Navajo-Land im nördlichen Arizona ausdehnen sollten, waren Nährstoff für die abenteuerlichsten Erzählungen – Geschichten wie die des Wolfsmädchens Dolores, natürlich auf schauerlichste Weise ausgeschmückt.

Sie hatte selbst dazu beigetragen, eine geheimnisvolle Unbekannte zu bleiben.

Sie war inkognito gereist, hatte es irgendwie geschafft, ihren Namen nicht nennen zu müssen. So stand in der betreffenden Passagierliste von Wells Fargo lediglich der Vermerk »Lady aus Baltimore«. Eine Abschrift dieser Passagierliste existierte in der Postkutschenstation von Albuquerque, New Mexico, wo die Kutsche ihren letzten Aufenthalt gehabt hatte, bevor sie überfallen worden war. Normalerweise glaubte Lassiter solche Geschichten nicht. Aber in diesem Fall blieb ihm keine andere Wahl, weil er einen offiziellen Auftrag erhalten hatte, das Wolfsmädchen zu finden und an einen neutralen Ort in Washington DC zu bringen.

Der Auftrag gefiel ihm nicht.

Allein deshalb hatte er vor, ihn so schnell wie möglich zu erledigen.

Lassiter grinste und trommelte die Stiefelabsätze in die Flanken seines Grauschimmels. Das kräftige Tier preschte hinter dem Felsenhügel hervor, in dessen Schutz der Mann der Brigade Sieben die nackte Frau beobachtet hatte. Lange war er ihr gefolgt, ohne dass sie es mitbekommen hatte. Nun aber hatte sie ihn bemerkt. Es war, als hätte sie Augen im Hinterkopf, verborgen unter ihrer schwarzen Mähne. Vor allem aber hatte sie mit untrüglichem Instinkt erkannt, dass sie in ihrem Versteck in der Felsensenke nicht mehr sicher war. So ergriff sie die Flucht vor ihm – auch deshalb, weil er ihr nicht klarmachen konnte, dass sie von ihm nichts zu befürchten hatte. Es sei denn, sie fürchtete sich davor, ins zivilisierte Leben zurückzukehren.

Er würde sie einfangen, gewiss. Doch das war es auch, was ihm an diesem Auftrag missfiel. Vielleicht hatte sie gute Gründe, vor ihren Jägern zu fliehen. Es gebe ein nationales Interesse daran, die als Wolfsmädchen bekannte Frau zu retten, formulierte die Führung der Brigade Sieben hochtrabend den Auftrag, den sie Lassiter erteilt hatte. Den Indianern, denen genug Unrecht widerfahren war, sollte man in der Presse nicht länger unterstellen, sie seien blutrünstige Wilde, die – neben anderen Untaten – mit Vorliebe weiße Frauen entführten und als Sklavinnen hielten. Zum Abbau dieses Vorurteils leistete er im Namen der US-Regierung folglich einen bedeutenden Beitrag, wenn er das Wolfsmädchen einfing.

Aber er würde ihr keine Gewalt antun wie die Indianer oder die Kopfgeldjäger, die hinter ihr her waren.

Das graue Pferd streckte sich unter ihm, während er das Lasso vom Sattelzeug löste. Knapp hundert Yard war sie von ihm entfernt, und der Ausgang dieser Verfolgungsjagd hing einzig und allein davon ab, welches der beiden Pferde mehr Kraftreserven hatte. Ja, er würde das Wolfsmädchen einfangen wie ein halbwildes Tier, wenn es sein musste. Doch er hoffte, dass er nahe genug an sie herankommen würde, um sie zur Vernunft zu bringen.

In rasendem Rhythmus trommelten die Hufe der beiden Pferde über den Wüstenboden. Die Verfolgungsjagd musste auf große Entfernung zu hören sein. Das war es, was dem großen Mann ganz und gar nicht gefiel. Denn er rechnete fest damit, dass er selbst gleichfalls verfolgt wurde. Sein Aufbruch in Holbrook, dem Sitz des Apache County, war sehr wahrscheinlich beobachtet worden. Ein einsamer Reiter, der nicht nur die Stadt verließ, sondern auch noch die Wüstenroute einschlug, erregte zwangsläufig Aufmerksamkeit. Und es war kein Geheimnis, dass das Wolfsmädchen in diesem unwirtlichen Landstrich gesucht wurde. Entsprechend viele Fremde hielten sich in Holbrook auf.

Kopfgeldjäger.

Lassiter hegte wenig Zweifel daran, dass sie sich an seine Fersen geheftet hatten. Im Desert Inn Saloon in Holbrook hatte er den Navajo-Scout Snake Eye kennengelernt. Der verzweifelte Mann war erst zwei Wochen zuvor aus der US Army entlassen worden und hatte seine Zuflucht im Alkohol gesucht. Lassiter hatte ihm keinen Trost spenden können, denn im Zuge der Truppenreduzierungen war das Schicksal der Scouts eine traurige Tatsache. Während die meisten Soldaten in ihre früheren Berufe und zu ihren Familien zurückkehren konnten, gab es für die allermeisten Scouts kein Zurück. Von ihren Stammesbrüdern als Verräter verstoßen, waren sie auch bei den Weißen alles andere als willkommen.

Lassiter hatte Snake Eye lediglich die Genugtuung geben können, seinem früheren Arbeitgeber eins auszuwischen. Deshalb hatte er den Ex-Scout nicht lange überreden müssen. Snake Eyes hatte ihm geradezu genüsslich ein dienstliches Geheimnis verraten. So hatte er von Santano und seinen Apachen-Rebellen erzählt, die er bei seiner letzten Erkundung im Auftrag der Armee gesehen hatte. Die Apachen waren hinter dem Wolfsmädchen her gewesen, hatten die nackte weiße Wilde auch schon entdeckt, aber sie war wieder entkommen – ins Monument Valley! Es war ihr letzter Ausweg gewesen, und sie hatte nicht einen Atemzug lang gezögert, in die Wüste zu fliehen. Lassiter hatte sich mit einem ordentlichen Vorrat an Wasser und Proviant eingedeckt und sich an die beschriebene Position begeben. Dort hatte er nach einigem Suchen Reste von Spuren entdeckt. Die Verfolger unter Santano hatten entweder aufgegeben, oder Dolores hatte sie ausgetrickst.

Lassiter hatte sie im Morgengrauen unter einem Felsüberhang aufgespürt. Sie hatte ihr Nachtlager Hals über Kopf verlassen und war ihm entwischt. Doch er hatte sie im Auge behalten. Über Stunden hatte sie immer wieder versucht, ihm unbemerkt zu entkommen, aber er war ihr jedes Mal auf die Schliche gekommen. Jetzt hatte sie zum ersten Mal die Nerven verloren und die offene Flucht ergriffen.

Dafür hatte er nun selber die verdammten Kopfgeldjäger am Hals.

In kurzen Abständen drehte er sich im Sattel um, konnte aber niemanden entdecken. Da waren nur die staubtrockene Ebene und die mächtigen Tafelberge, deren senkrechte Felswände unter den Strahlen der tiefstehenden Sonne zu glühen schienen.

Er trommelte dem Grauen die Hacken in die Flanken, und das Pferd zeigte, welche Kraftreserven in ihm steckten. Lassiter stellte zufrieden fest, dass er aufholte. Und das Wolfsmädchen merkte es ebenfalls. Er sah, wie sich die Nackte weit nach vorn über die Mähne ihres Braunen beugte und ihn verzweifelt zu höherem Tempo anzutreiben versuchte. Doch der Grauschimmel war der Stärkere. Die Distanz schmolz unaufhaltsam zusammen. Lassiter warf die Schlinge des Lassos empor und begann, sie über dem Kopf kreisen zu lassen. Noch war es zu früh für einen gut gezielten Wurf, noch war er nicht nahe genug heran. Doch er kam ihr zusehends näher. In wenigen Augenblicken hatte er sie. Nur noch drei Pferdelängen trennten ihn von ihr.

Ein letztes Mal drehte er sich um, konnte aber noch immer keine Verfolger entdecken.

Er wandte sich wieder nach vorn, ließ das Lasso schneller kreisen.

Und glaubte, seinen Augen nicht zu trauen.

Die Reiterin war verschwunden.

Wie vom Erdboden verschluckt.

***

Reflexartig griff Lassiter in die Zügel, und er tat gut daran. Der Graue wieherte schrill und protestierend. Im selben Moment spürte er die Gefahr und streckte alle Viere vor. Seine Hufe schrammten über den felsigen Boden und wirbelten Staub und Gesteinssplitter empor. Dann stieg er auf die Hinterhand, als wollte er seinem Reiter einen besseren...



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