E-Book, Deutsch, Band 2095, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
Slade Lassiter 2095
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-2121-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lassiter und der Knochenzauber
E-Book, Deutsch, Band 2095, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
ISBN: 978-3-8387-2121-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die zerklüfteten Felsen im Cochise County boten der alten Hütte ausgezeichneten Schutz vor dem Wetter. Doch Katastrophen, die sich auf Beinen näherten, konnte sie nicht abwehren: Wo am Nachmittag noch friedliche Stille geherrscht hatte, dominierte nun das Schweigen des Todes. Die Hüttentür stand offen. Auf der Schwelle lag eine in Hirschleder gekleidete Frau. Ihr Name war Moira Sly Fox. Man sah ihr die indianische Herkunft nicht unbedingt an. In Baumwolle gekleidet wäre sie als Mexikanerin durchgegangen. Vor der Hütte lag ein junger Mann. Er sah schon eher wie ein Apache aus. Sein Haar war lang und blauschwarz. Ein rotes Stirnband hielt es zusammen. Fliegen summten um seinen Kopf. Sein Blut hatte sie angelockt.
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Etwa dreißig Schritte von der Hütte entfernt graste ein geschecktes Indianerpony. Das zweite Pferd, ein Brauner, war nicht mehr zu sehen. Es hatte längst Reißaus genommen.
Die Sonne sank dem Horizont entgegen. Die Felsen warfen lange Schatten. Vor dem Blau des Himmels kreisten Geier. Ein Raubvogel fegte über das Hüttendach hinweg. Er beschrieb einen Kreis, kehrte zurück, ließ sich lautlos auf dem Dach nieder und beäugte den leblosen Mann.
Die Frau regte sich nun.
Sie drehte sich stöhnend auf den Rücken, blieb eine Weile liegen und schnappte nach Luft. Schließlich griff sie mit schmerzverzerrter Miene in den Ausschnitt ihres Oberteils und zog ein Amulett hervor, das an einer dünnen silbernen Kette an ihrem Hals hing.
Meine Rettung. Moira richtete sie sich mit einem Seufzer auf. Sie schaute sich das Amulett genauer an. Es zeigte den Heiligen Francisco, der mit den Tieren sprechen konnte. Ein Weißer namens Lassiter hatte es ihr geschenkt, als sie ein Kind gewesen war. Nun war das Amulett grässlich verbogen.
Ein merkwürdiges Gefühl beschlich Moira. Obwohl die Sonne ihr genau ins Gesicht geschienen hatte, glaubte sie zu wissen, wie der Mann aussah, der auf sie geschossen hatte: Er war muskulös, untersetzt, brünett, und hatte attraktive Züge. Bildete sie sich alles nur ein oder war sie ihm schon einmal begegnet?
Seine Kugel hatte das Amulett getroffen, es aber nicht durchschlagen. Sie erinnerte sich an einen dumpfen Schmerz im Brustkorb und den Gedanken: Ich bin tot.
Sie war aber nicht gestorben. Moira stöhnte leise. Wenn sie auf die Stelle drückte, an der das Amulett gesessen hatte, tanzten Funken vor ihren Augen.
Dann fiel ihr etwas ein. Sie tastete den Boden ab, bis sie Onkel Grey Eagles Colt fand. Sie hatte ihn in der Hand gehalten, als sie zu Boden gegangen war.
Sie zog sich am Türrahmen hoch, bis sie halbwegs auf den Beinen stand. Ihre Knie schlotterten. Mit zerzauster Mähne schaute sie in die untergehende rote Sonne.
Gott, war ihr schwindlig. Und übel. Allmählich kam sie aber wieder richtig zu sich.
Ihr Verstand klärte sich, kehrte ins Licht zurück. Moiras Blick löste sich vom Nichts. Er wanderte durch den Schatten, den die Hütte warf, zu der regungslosen Gestalt im Staub.
Jetzt erst erinnerte sie sich an alle Einzelheiten des Geschehenen. Es überkam sie wie ein Blitz! Ein tödlicher Schreck löschte für Sekunden alles andere aus.
»Jackie …« Sie löste sich vom Türrahmen, stand wankend da und strich sich die Strähnen aus dem Gesicht. Die Abendröte verdunkelte ihre Wangen. Ein heimlicher Beobachter hätte nun die Indianerin in ihr gesehen. Ihre schwarzen Augen blitzten. Ein Sturm wühlte ihre Seele auf.
»Jackie …« Sie vergaß ihre Erziehung und verwünschte die Männer, die Jackie getötet hatten. »Ich kriege euch, ihr Hunde! Ich kriege euch!«
Die sie umgebende Stille hatte etwas Fürchterliches.
Moira war zu einem neuen Leben erwacht, doch auf ihren Vetter warteten die Geier. Die hässlichen Biester kreisten über ihr und beäugten sie. Sie warteten auf ihr schauriges Mahl.
Moira schüttelte sich. Über ihr rauschte es.
Sie trat aus dem Haus, drehte sich um. Der zweite Geier setzte gerade auf dem Dach zur Landung an. Moira hob den Colt und drückte ab. Der Schuss ließ die Aasfresser mit lautem Gekrächz in die Luft springen und entfliehen.
Moira ging einige Schritte auf Jackie zu, dann geriet sie ins Wanken und fiel auf die Knie. Der Schmerz in der Brust machte ihr heftig zu schaffen. Doch der Zorn trieb sie voran. Sie kroch auf Händen und Füßen sie zu dem Jungen hin. Vor zwei Tagen waren sie aus dem Stammesgebiet aufgebrochen, um Grey Eagles letzten Willen zu erfüllen …
Das Loch in Jackies Weste und der blutige Riss in seiner Brust vertrieben Moiras letzte Hoffnung. Sie schluchzte. In stiller Verzweiflung packte sie die Schultern ihres Vetters und musterte sein Gesicht. Er hatte nur fünfzehn Sommer gesehen und war seit dem Tod seines Vaters eine Waise. Sein Gesicht war bleich und schmutzig, doch selbst im Tod zeigte es, was aus ihm hätte werden können: Jackie zierten die verwegenen Züge ihres gemeinsamen Großvaters. Es war für Moira ein beklemmendes Gefühl, in ein so hübsches Gesicht zu schauen und zu wissen, dass es einem Toten gehörte.
Ihr Kopf sank auf Jackies Brust. »Warum, verdammt, bin ich nur davon gekommen?«, murmelte sie.
Ein plötzliches Röcheln ließ sie hochfahren.
Moira riss die Augen auf und schaute Jackie ungläubig an. Jähe Hoffnung keimte in ihr auf. Sie beugte sich über ihn. »Jackie! Das ist doch …! Jackie! Lebst du noch?« Sie küsste ihn auf die Wangen und schüttelte ihn. »Herr im Himmel, wenn es dich wirklich gibt … Gib mir ein Zeichen … Jackie! Du darfst nicht tot sein! Jackie? Hörst du mich?«
Jackie rührte sich nicht. Hatte sie sich geirrt? Hatte die Einbildung ihr etwas vorgegaukelt?
Moira sprang auf. Sie eilte auf unsicheren Beinen in die Hütte und stürzte sich auf ihre Satteltaschen, die über der Lehne eines Stuhls hingen. Und ihre Feldflaschen! Sie flößte Jackie einen Schluck Wasser ein, das er zu ihrer großen Freude schluckte. Dann zuckten seine Beine.
»Moira?« Jackie öffnete die Augen. Sein Blick irrte umher, dann schien er Moira zu erkennen. Er stöhnte lange und anhaltend. Dann: »Wo sind wir? Was ist passiert?« Bevor Moira antworten konnte, fügte er hinzu: »Ach ja … Ach, ja!«
Moira jauchzte freudig, doch sie hatte noch immer Angst, er könne unter ihren Händen sterben.
»Sie haben gedacht, wir sind tot«, wisperte sie aufgeregt. »Der eine Kerl hat auf mich geschossen, als ich den anderen aus dem Sattel holen wollte. Das hier hat mir das Leben gerettet.« Sie hielt ihm das Amulett unter die Nase. »Ich glaube, ich bin nicht ernstlich verletzt. Ich habe zwar noch nicht nachgeschaut, aber ich sehe nicht mehr als einen Bluterguss. Er tut weh. Das Atmen fällt mir schwer, aber das gibt sich wieder.« Sie beugte sich erneut über ihn und küsste seine Wangen. »Ach, Jackie, du weißt ja nicht, wie froh ich bin, dass du noch lebst …« Sie richtete sich wieder auf. »Aber du bist verwundet. Ich glaube, du bist sogar schwer verwundet! Eine Kugel steckt in deiner Brust … Ich habe Angst, dass du stirbst, wenn ich dich bewege. Was soll ich nur tun?«
»Bring mich erst mal in die Hütte«, sagte Jackie. Er schloss die Augen als müsse er nachdenken.
»Oh, Gott, das tu ich nur sehr ungern«, erwiderte Moira. »Aber du hast Recht. Du kannst hier nicht liegen bleiben. Hier gibt es Raubtiere. Wenn es nur gutgeht …«
»Fürchte dich nicht, werte Base«, sagte Jackie. Er war manchmal salbungsvoll, speziell in gefährlichen Situationen. »Manitou hat es bisher gut mit mir gemeint. Wenn auf deinen Gott ebenfalls Verlass ist, wird er uns schon beistehen.«
»Er ist auch dein Gott, Jackie.« Moira überlegte, wie sie den Jungen am besten transportieren konnte. »Wir waren doch auf der gleichen Schule … Du bist doch wohl nicht heimlich Heide geblieben, hm?«
»Es kann nie schaden, auch Manitou um Hilfe zu bitten«, sagte Jackie. »Gibt es ihn nicht, ist es ja nicht schlimm. Gibt es ihn aber doch, kann es für uns nur gut sein.« Er hustete und stöhnte. »Wir kriegen es schon hin … Ich will Rache an den Kerlen nehmen, die uns überfallen haben … Wer war das überhaupt – und was wollten sie?«
Moira zuckte die Achseln. Fragen dieser Art stellte sie sich jetzt nicht. Es gab Weiße, die Indianer hassten, weil sie Indianer waren. Solche Menschen brauchten kein Motiv. Außerdem fühlte sie sich so elend, dass es ihr schon schwerfiel, ohne komplizierte Gedanken auf den Beinen zu bleiben.
In einer Hinsicht war sie sich aber mit Jackie einig: Ihr Verlangen nach Rache verlieh ihr Kraft. Sie biss die Zähne zusammen und zerrte den Jungen Stück für Stück zur Hütte. Dann über die Schwelle, zu dem Deckenlager hin, das sie sich bereitet hatten, bevor die Banditen gekommen waren.
Sie gab Jackie erneut zu trinken. Dann löschte sie ihren eigenen Durst.
»Hast du sie erkannt?«, fragte Jackie.
»Nein.« Moira schüttelte den Kopf. »Ich weiß nur, dass es zwei waren. Die Sonne schien mir ins Gesicht. Es ging alles so schnell. Es erinnere mich nur an Schemen.« Ihr fiel das Gefühl ein, dass sie beim Betasten des Amuletts gehabt hatte.
Moira erzählte Jackie ihre Empfindungen; dass einer der Banditen möglicherweise so und so aussah. »Außerdem habe ich sein Pferd gesehen. Es war ein Grauschimmel. Er hatte schwarze Satteltaschen … mit einem Zeichen.«
»Was für ein Zeichen?«
»So ein Ding aus Metall. Ich kann es nicht beschreiben. Aber ich erkenne es bestimmt wieder.«
Jackie nickte zufrieden. Dann stöhnte er. »Die Kugel muss raus«, sagte er. »Und zwar noch heute!« Er hob den Blick. Seine schwarzen Augen waren voller Zuversicht. »Du musst zum Sheep Camp reiten … Sag den Jungs, die dort lagern, was passiert ist und dass ich ihre Hilfe brauche. Du bist eine gute Reiterin. Du kannst in drei Stunden da sein. Sah ihnen, sie sollen sofort herkommen. Sie werden mich versorgen und irgendetwas basteln, um mich zum weißen Doktor nach Cochise zu bringen …«
Moira nickte. »Und?«
»Verliere keine Zeit. Wenn die Jungs Bescheid wissen, reite sofort nach Cochise weiter. Sag dem Marshal, was passiert ist. Beschreibe ihm die Banditen so gut, wie du kannst. Wenn ich nach Cochise komme, erfüllen wir den letzten...




