E-Book, Deutsch, Band 2, 348 Seiten
Skalecki / Rist Elitewahn
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-8392-5788-3
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der 2. Fall für Malie Abendroth und Lioba Hanfstängl
E-Book, Deutsch, Band 2, 348 Seiten
Reihe: Malie Abendroth und Lioba Hanfstängl
ISBN: 978-3-8392-5788-3
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Dr. Liliane Skalecki, 1958 in Saarlouis geboren, studierte nach einer Banklehre Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Vorderasiatische Archäologie an der Universität des Saarlandes. Seit 2001 lebt sie mit ihrer Familie in Bremen. Sie schreibt für die Zeitschrift »Pferdesport Bremen« und veröffentlichte bisher Fachartikel, Sachbücher sowie Chroniken und Unternehmerdarstellungen. Biggi Rist, 1964 in Reutlingen geboren, arbeitete nach der Ausbildung an der Naturwissenschaftlich-technischen Akademie in Isny/Allgäu in der medizinischen Labordiagnostik und zwei Jahre in der Forschung. Als 7-jährige schrieb sie sich selbst Geschichten und ist Co-Autorin wissenschaftlicher Publikationen. Zwei Jahre lebte sie in Melbourne/Australien, bevor sie mit ihrem Mann nach Lilienthal zog. www.krimi-bremen.de
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Prolog
»Levin, Levin. Wach auf.«
Eine Hand rüttelte vorsichtig an seiner Schulter. Er lag auf der Seite, die angewinkelten Beine an den Bauch gezogen, den Kopf zur Brust geneigt. Wie ein Embryo. Schweiß lief ihm über das Gesicht, Speichel tropfte auf das schon durchnässte Kopfkissen. Wie oft hatte er seine Frau gebeten, ihn aus seinen Alpträumen zu befreien. Loswerden würde er die schrecklichen Bilder, die ihn nachts heimsuchten, nie. Es gab auch Nächte, in denen er selbst davon wach wurde. Oft konnte er sich zwingen, aus dem Traum herauszusteigen, so wie man einfach seinen Fernsehsessel verlassen kann, wenn der Film nicht gefällt. Manchmal versank er jedoch so tief in seinen Träumen, dass Moira Mühe hatte, ihn zu wecken.
Die Träume ähnelten einander. Während der Pubertät waren sie erstmals aufgetreten. Dann herrschte Ruhe. Keine wispernden Stimmen, keine Gesichter aus der Vergangenheit, die sich in seinen Schlaf schlichen. Viele Jahre lang waren seine Nächte traumlos geblieben. Moira und er hatten geheiratet, Mary und Phil waren zur Welt gekommen. Sein Geschäft wurde stetig ausgebaut, und er war zu großem Wohlstand gekommen. Doch jetzt, wo er, wie er es halb scherzhaft nannte, schon mit einem Bein in Olam Haba stand, plagten ihn die Träume wieder stärker. So, als wollten sie ihn an etwas erinnern.
»Bleib liegen. Ich bring dir einen Kaffee ans Bett. Ruh dich noch ein wenig aus. War es wieder so schlimm?«
Besorgt schaute Moira ihn an und strich ihm über die Stirn. Sie war aufgestanden und hatte ein Taschentuch geholt, mit dem sie ihm nun liebevoll über den Mund wischte.
»Nicht schlimmer als sonst. Nur vielleicht intensiver. Ich habe die Hitze regelrecht gespürt. Ich dachte, sie versengt mir das Gesicht.«
Moira schmunzelte.
»Du hattest dein Gesicht aber auch ganz schön tief ins Kopfkissen gedrückt.«
Dann wurde sie wieder ernst.
»Levin, es ist vorbei und alles ist gut. Nun ruh dich aus. Ich geh und hole Kaffee.«
Levin Goldmann richtete sich auf und lehnte sich an das gepolsterte Kopfteil des großen Bettes. Gedankenverloren betrachtete er seine runzeligen, von Altersflecken übersäten Hände, die auf der Bettdecke mit dem fröhlichen Kornblumenmuster lagen. Es wäre normal, jetzt, wo er die 90 schon überschritten hatte, dass er verstärkt an seine Kindheit zurückerinnert wurde, hatte ihm sein Freund und Psychiater Robert – Rob – Dillon erklärt.
»Ich kann dir Tabletten mitgeben, damit du besser schläfst«, hatte Rob angeboten, aber Levin hatte abgelehnt. Die Träume konnten ihn zwar aufregen, aber nicht mehr erschrecken. Der Wahnsinn und die damit verbundene Angst lagen Jahrzehnte zurück.
Heute war der Traum anders gewesen. Doch was war es, was ihn diesmal so extrem mitgenommen hatte? Levin schloss die Augen und ließ den Nachtmahr noch einmal Revue passieren. Laut und deutlich hörte er die Stimme seines Vaters Aaron, so, als stände er direkt neben seinem Bett.
»Levin, mein Junge. Wir wollen in die Stadt fahren. Ich will es nicht glauben, aber es heißt, die Synagoge wäre diesmal in Schutt und Asche gelegt worden. Das muss ich mit eigenen Augen sehen und mich vergewissern, dass es sich um eine gemeine Lüge handelt. Möchtest du mitkommen?«
Dunkel hatte sich Levin daran erinnert, dass ihr Gotteshaus schon zwei Jahre zuvor einmal in Brand gesteckt worden war. Sein Vater hatte damals eine große Summe Geld gespendet, damit die Schäden behoben werden konnten. 1936 war Levin zehn Jahre alt gewesen. 1936, das Jahr, in dem er zum ersten Mal einen runden Geburtstag gefeiert hatte. Seine Mutter Judith hatte viele Kinder eingeladen, doch nicht alle waren gekommen. Es war auch das Jahr gewesen, als sein bester Freund Albert das letzte Mal zu Levins Fest erschienen war.
Levin fuhr mit seinem Vater in die Stadt. Ein eiskalter Tag, der steile Weg bergab gefährlich glatt. Sein Vater Aaron saß konzentriert und mit grimmiger Miene hinter dem Steuer seines DKW F5 Meisterklasse, auf den er mächtig stolz war. Die Seiten in einem eleganten Eierschalenton, die übrige Karosserie tiefschwarz glänzend. Die ganze Zeit über schwieg Levin, hatte seine grüne Wollmütze tief ins Gesicht gezogen und die Hände in den gestrickten Fäustlingen geballt. Sein Vater war gekleidet, als wäre er zu einem wichtigen Empfang geladen. Dunkler Zweireiher, schwarzer Wollmantel und der unvermeidliche dunkelgraue Filzhut. Kurz bevor sie in die Sigismundstraße einbiegen wollten, bremste Aaron Goldmann den Wagen ab.
»Hier geht es nicht weiter, es ist alles abgesperrt. Wir parken am Rosgartenmuseum.«
Nachdem sein Vater den Wagen in der Rosgartenstraße abgestellt hatte, kletterte Levin vom Beifahrersitz, sah sich abwartend um, während Aaron den Wagen verschloss. Von allen Seiten strömten Menschen in Richtung Sigismundstraße, dick eingepackt in warme Mäntel, Wollschals vor den Gesichtern, aus denen rote Nasen lugten, die weiße Atemwölkchen hervorstießen. Es begann zu schneien, dicke Flocken fielen lautlos herab, versahen die Welt um Levin herum mit einem Puderzuckerüberzug.
»Entschuldigung, können Sie mir sagen, was geschehen ist? Wo wollen denn alle hin?«
»Wenn Sie das Spektakel noch miterleben wollen, beeilen Sie sich, die besten Plätze sind bestimmt schon weg. Wir dürfen ja alle nicht so nah ran.«
»Guter Mann, jetzt sagen Sie schon. Was passiert hier gerade?«
Der Mann, den Aaron angesprochen hatte, eilte jedoch mit schnellen Schritten weiter. Aaron blieb ihm auf den Fersen, Levin an der Hand hinter sich herzerrend, der Mühe hatte, mit den langen Schritten seines Vaters mitzuhalten.
Der Mann warf ihnen einen Blick über die Schulter zu.
»Die Synagoge ist in Brand gesteckt worden. Und nicht nur hier. Überall. Hören Sie denn kein Radio? Die Feuerwehr wollte zwar löschen, hat es sich dann aber wohl anders überlegt. Das heißt, man hat den Männern angeraten, es sein zu lassen. Jetzt ist alles einsturzgefährdet. Gleich wird gesprengt.«
Der Mann beschleunigte seine Schritte und verlor sich bald in der Menge.
Für einen Moment verharrte Aaron Goldmann, und Levin blieb mit klopfendem Herzen neben ihm stehen, sah angespannt zu seinem Vater auf. Was er sah, erschreckte ihn. Tränen schimmerten in den Augen seines Vaters, das hatte er noch nie erlebt. Der Anblick bereitete ihm Unbehagen. Nein, schlimmer, er verursachte Angst, die sich in seinem Inneren festfraß.
»Komm, mein Junge«, krächzte Aaron und fasste Levins Hand fester.
Vor ihnen hatten sich die Leute zu einer dichten Menschentraube zusammengedrängt. In geschlossener Einigkeit reckten alle die Köpfe, um die Sprengung aus gebührendem Abstand mitzuerleben. Vater und Sohn blieben vor einem geschlossenen Laden stehen. Levin begann, in seinem dicken Mantel zu schwitzen. Die Glut steckte noch in den Gemäuern der Synagoge, und ihre Wärme drang bis zu ihnen vor. Fast glaubte Levin, keine Luft zu bekommen. Luft, die vom Geruch der verbrannten Mauern geschwängert war. Er reckte den Kopf, um etwas zu sehen, was sich als sinnloses Unterfangen herausstellte, war er doch viel zu klein, um über die Menge hinwegzuschauen.
»Du bleibst hier stehen, und rührst dich nicht vom Fleck, hörst du Levin! Vielleicht kann ich es ja noch verhindern«, hörte er seinen Vater murmeln, dann drängte Aaron sich durch die Menge und war in wenigen Augenblicken aus Levins Blickfeld verschwunden.
Levin blieb angsterfüllt zurück. Wie konnte ihn sein Vater einfach hier alleine lassen? An die Hausmauer gedrückt, stand er stocksteif und mit aufgerissenen Augen da. Keine 20 Sekunden später ertönte eine laute Stimme durch ein Sprachrohr, die klar und deutlich bis zu dem Jungen herüberdrang.
»Achtung, Achtung! Hier spricht Adolf Irmlein, SS-Verfügungstruppe Radolfzell. Bleiben Sie hinter der Absperrung! Die Sprengung erfolgt in einer Minute.«
Die Sätze wurden noch zweimal wiederholt. Die Leute, die vor Levin standen, hielten sich die Ohren zu.
Wo war sein Vater denn hin? Und warum kam er nicht wieder? Hoffentlich war er nicht zu nahe an die Synagoge herangegangen.
Levin war hin- und hergerissen. Einerseits konnte er nicht verstehen, warum ihr Gotteshaus überhaupt zerstört wurde, bei diesem Gedanken erfasste ihn eine tiefe Wut, die die Angst zurückdrängte. Andererseits hatte er noch nie eine Sprengung erlebt. Eigentlich ganz schön spannend. Ob er in der letzten Reihe überhaupt etwas davon mitbekam? Die Frage wurde im selben Augenblick beantwortet. Ein ohrenbetäubender Knall zerriss die Luft, gleich darauf ein zweiter. Levin konnte die Druckwelle spüren, der Boden unter seinen Füßen vibrierte, dichter Qualm und zu Staub zerriebenes Gestein vereinigten sich und stiegen in einer riesigen Wolke in den Himmel. Menschen klatschten Beifall, manche johlten sogar.
Noch vor Schreck zitternd, hüpfte Levin von einem Bein auf das andere. Sein Blick irrte suchend umher in der Hoffnung, das Gesicht seines Vaters zu erhaschen. Die Menge begann sich zu teilen, und endlich sah Levin erleichtert seinen Vater auf sich zueilen. Aaron Goldmann sah aus wie ein Gespenst. Zementstaub bedeckte seinen Hut, seinen Mantel, sein Gesicht, das, wie es Levin vorkam, mit einem Mal gealtert schien. Grau und gebrochen. Wortlos nahm sein Vater ihn an die Hand, und schweigend gingen sie zum Wagen. Ein...




