E-Book, Deutsch, 432 Seiten
Skalecki Der Bildersammler
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-641-31435-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
ISBN: 978-3-641-31435-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
»Liliane Skalecki gelingt mit ›Der Bildersammler‹ ein starker Thriller, der den Leser von Beginn an in seinen Bann zieht.« Thomas Gisbertz, Krimi-Couch
Autoren/Hrsg.
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Prolog
Das Erste, was in ihr Bewusstsein dringt, ist diese Melodie. Langsam tragen sie die Töne, einer am Strand auslaufenden Meereswelle gleich, heraus aus ihrem Dämmerzustand. Sie sieht ihn, seine Finger berühren leicht wie der Flügelschlag eines Schmetterlings die Tasten des Pianos. Er braucht keine Noten, die Melodie lebt in seinem Kopf, in seinen Fingern. Der letzte Ton verklingt, er erhebt sich, kommt auf sie zu. Sie sieht sein Gesicht nicht, seine Hände halten eine Fotokamera, die seine Züge verdeckt. Sie starrt in das Objektiv. Jetzt ertönt die Musik aus Lautsprechern, erfüllt den Raum bis in die letzte Ecke. »Eine Erinnerung an Paris«, sagt er. »An mein erstes Mal.«
Die Melodie wird von einer sanften Leichtigkeit und einer unendlichen Trauer zugleich getragen. Leichtigkeit und Trauer, Himmel und Hölle, Frohsinn und Schmerz, Hoffnung und Grauen. Am Ende überwiegt immer das Grauen, es folgt der Schmerz, am Ende steht die Hölle. Das weiß sie jetzt.
Er nähert sich, drückt auf den Auslöser. Ein Blitz flammt auf. Warum tut er das? Ein erster Test? Sie ist wie blind, kann sich nicht mehr orientieren. Kein Oben, kein Unten, sie verliert sich in einer Schwerelosigkeit, fällt in ein tiefes schwarzes Loch. Die Hölle.
Das Wort setzt sich qualvoll in ihrem Schädel fest, während sie sich zwingt, dem traumähnlichen Zustand endlich zu entkommen, wieder in die Wirklichkeit zurückzukehren. Noch halb benommen, stemmt sie die Hände auf der Liegefläche ab und bringt sich schwerfällig in eine sitzende Position. Ihr Körper schmerzt vom Kopf bis in die Zehenspitzen. Ein schaler Geschmack erfüllt ihren Mund, in dem ihre Zunge wie ein kleines Pelztier Zähne, Gaumen und die weichen, schleimigen Innenwände ihrer Wangen abtastet. Sie verspürt großen Durst, ihr Blick eilt wirr umher, auf der Suche nach einer Flasche Wasser, einem Glas. Ein plötzlicher Schwindel erfasst sie, sie muss die Augen schließen.
Was ist mit ihr passiert? Sie kann sich nicht erinnern. Wann ist sie zu Bett gegangen? Wie lange hat sie geschlafen? Mühsam öffnet sie die Augen wieder, hält Ausschau nach der kleinen Uhr auf ihrem Nachttisch, doch sie kann sie nicht entdecken. Wo ist sie? Sie konzentriert sich und nimmt im diffusen Dunkel des Raums schemenhaft eine Zimmertür, Bücherregale, die lange niedrige Anrichte, die eine Wandseite komplett einnimmt, wahr. Sein Arbeitszimmer.
Die Erkenntnis, dass sie nicht in ihrem Schlafzimmer aufgewacht ist, trifft sie wie ein Faustschlag und katapultiert sie endgültig in die Realität. Ihre Erinnerung kehrt augenblicklich zurück. Sie hatten gestern Abend zusammen gegessen. Er hat etwas aus diesem französischen Bistro mitgebracht. Sie schmeckt plötzlich den mit Zitrone gedünsteten Lachs auf ihrer Zunge. Dazu zwei Flaschen Wein, rot und weiß. Sie hatte sich für weiß entschieden und dem trockenen Chardonnay ordentlich zugesprochen. Sich Mut angetrunken. Irgendwann hatte sie bemerkt, dass nur noch sie redete. Sie hatte endlich entschlossen die Fragen gestellt, die ihr unter den Nägeln brannten. Die, von denen sie hoffte, er würde sie mit einem Lachen abtun, würde ihre Zweifel, ihre Ängste zerstreuen. Er aber hatte sie nur angeschaut und intensiv gemustert. Und dann, es schaudert sie bei der Erinnerung, hatte sich der Ausdruck seiner Augen verändert. Ein merkwürdiger, abwesender Blick, als würde er in sein tiefstes Ich hineinschauen. Eine nie gekannte Unruhe hatte sie erfüllt. Als er auf ihre vorsichtige Frage, was los sei, weiterhin abwesend geschwiegen hatte, war die Unruhe einer unbeschreibliche Panik gewichen.
Am liebsten wäre sie aufgestanden und verschwunden, doch sie war wie gelähmt sitzen geblieben, konnte sich nicht rühren. Und dann … Sie war zu Tode erschrocken, als er ganz plötzlich mit klarem Blick das Wort an sie richtete. »Meine Vollendung, mein Meisterwerk.« Sie hatte lachen wollen, doch das Lachen war ihr im Hals stecken geblieben.
Weiter reicht ihre Erinnerung nicht mehr. Da war . Er muss ihr etwas ins Essen oder in den Wein gemischt haben. Ihr wird speiübel bei dem Gedanken, was er mit ihr womöglich vorhat.
Endlich kehren ihre Lebensgeister zurück. Noch verweigert ihr Körper den Gehorsam. Wie festgewurzelt sitzt sie da, ihre Hände ertasten etwas Weiches, Samtiges. . Die altmodische Récamiere. Er muss sie in sein Arbeitszimmer transportiert und sie daraufgelegt haben. Sie fröstelt, als sie an die Szenerie denkt. Das Sofa, die junge Frau. Saskia. Der erschrockene Ausdruck in deren Gesicht. Sie hatte Saskia noch viel Spaß gewünscht.
Ein kalter Schauer durchfährt sie, nicht nur aufgrund dieser Erinnerung. Sie friert. Automatisch berührt die rechte Hand ihren Körper. Die Oberschenkel, den Bauch, die Brust. Was sie spürt, ist feinster Stoff. Seide, vermutet sie. Sie trägt ein Gewand aus Seide, das ihr bis zu den Knöcheln reicht und unterhalb des Halsansatzes in einem Bündchen endet. Kein Wunder, dass sie, derart leicht bekleidet, friert. Er hat sie ausgezogen, er hat sie angezogen.
Die Musik wird eindringlicher. Es fällt ihr wieder ein. , Eric Satie, hat er ihr mit einem fast mitleidigen Lächeln erklärt. .
Jetzt ist sie hellwach, ihr Körper wird von plötzlicher Panik geflutet. Was hat er vor?
Sie muss Ruhe bewahren, und sie muss hier raus. Entschlossen setzt sie ihre nackten Füße auf den Boden, steht auf. Im ersten Moment geben ihre Beine nach, sie muss sich wieder hinsetzen. Beim zweiten Versuch bleibt sie stabil stehen, wagt ein, zwei Schritte. Ihre Muskeln versehen wieder ihren Dienst. In die Musik, die ihr plötzlich bedrohlich erscheint, mischt sich ein leises und doch aufdringliches Geräusch. Sie verharrt in ihrer Bewegung, lauscht, kann es jedoch nicht zuordnen. Weiter in Richtung Zimmertür. Links davon ist der Lichtschalter. Jäh wird der Raum in Helligkeit getaucht. Sämtliche Lichtquellen hängen an diesem einen Schalter, die Deckenbeleuchtung, die Lampen über den einzelnen Bücherregalen seiner Bibliothek und die Lichtleiste an der Wand mit der Anrichte aus Teakholz.
Das Geräusch, das eben an ihre Ohren gedrungen ist, vervielfältigt sich zu einem unruhigen, beunruhigenden Zischen. Ihr Blick geht ruckartig zu dem hölzernen Möbel. Nur mit Mühe kann sie einen Schrei unterdrücken. Ungläubig starrt sie auf das, was er dort aufgebaut hat. Wie in Trance nähert sie sich und bleibt stehen. Vier Terrarien. Über ihnen Speziallampen, von denen ein kaum wahrnehmbares Licht und wohlige Wärme ausgehen. In drei der vier Glaskästen, die oben mit einem engmaschigen Drahtgitter abgedeckt sind, entdeckt sie mehrere Schlangen, die sich, offenbar durch das plötzliche grelle Licht gestört, am Boden winden.
Mit einer Mischung aus Angst und gleichzeitiger Faszination beobachtet sie zwei Tiere, die sich an der vorderen gläsernen Wand aufrichten, um dann in ihrer Bewegung zu verharren. Ihre Körper sind silbrig-grün mit dunklen Punkten und schimmern unter der Lampe. Sie wagt kaum zu atmen, ist wie gebannt vom geradezu hypnotischen Blick der winzigen Augen. Erst die hervorschnellende züngelnde Zunge eines der Reptilien löst die Starre, mit der sie vor den Terrarien steht.
Die Ruhe, die sie zu bewahren versucht hat, weicht dem puren Grauen. Sie muss endlich weg von hier, darf keine Zeit mehr verlieren. Statt zu rennen, wie es ihr Inneres befiehlt, setzt sie langsam und vorsichtig einen Schritt nach dem anderen in Richtung Tür. Sie möchte vermeiden, die Schlangen durch abrupte Bewegungen weiter aufzuscheuchen. Gereizt und aggressiv könnten sie versuchen, aus ihrem Gefängnis auszubrechen, so ihre Befürchtung. Wenn dann die Tür verschlossen wäre …
Schweißgebadet erreicht sie den Ausgang. Die wenigen Meter haben ausgereicht, ihren fröstelnden Körper in einen Glutofen zu verwandeln. Sie drückt die Klinke herunter, betet, dass die Tür nicht abgeschlossen ist. Knarzend öffnet sie sich. Ein letzter gehetzter Blick bleibt im Zimmer an den Terrarien hängen. Trotz aller Vorsicht sind die Schlangen unruhig geworden. Die zusätzlichen Glühlampen haben mittlerweile ebenfalls ihre Wärme abgegeben, und die Reptilien sind endgültig erwacht. Ihre Leiber winden sich am Boden, scheinen sich ineinander verknoten zu wollen.
Alle Vorsicht ist nun vergessen. Sie stürzt aus dem Zimmer, rennt in den Flur und bleibt Sekunden später entsetzt stehen. Er erwartet sie am obersten Treppenabsatz. Nur siebzehn Stufen, dann wäre sie in der unteren Eingangshalle, von dort wenige Meter zur Haustür. Sie könnte fliehen, schreien, um Hilfe betteln, gerettet werden. Doch sie ist wie gelähmt.
»Du hast meine Schönen entdeckt? Eine wahre Zierde ihrer Spezies.« Er hält sie brutal am Handgelenk fest.
Hat er schon immer so geschwollen geredet? Ihr Kampfgeist erwacht. Wütend stampft sie mit dem Fuß auf.
»Lass los, du tust mir weh. Warum hast du mich betäubt? Was soll das Ganze? Das Sofa? Das dämliche Gewand? Was hast du mit mir vor?« Die letzten Worte schreit sie ihm laut ins Gesicht.
Gelassen wischt er sich ein Speicheltröpfchen vom Kinn. », hast du es dir nicht immer gewünscht? Habe ich etwa vergessen, es dir zu sagen? Ich glaube kaum. Mit dir werde ich mein Werk vollenden. Und du brauchst gar nicht zu schreien, es hört dich niemand, wir sind allein im Haus. Gönn mir noch ein wenig Zeit, das Arrangement muss perfekt werden. Also, husch, husch, zurück in...




