Wucherpfennig SJ | Im Anfang waren Viele | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 68, 312 Seiten

Reihe: Stuttgarter Biblische Aufsatzbände (SBAB)

Wucherpfennig SJ Im Anfang waren Viele

Das Zeugnis Jesu in seiner neutestamentlichen und nachneutestamentlichen Rezeption
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-460-51079-1
Verlag: Verlag Katholisches Bibelwerk
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Das Zeugnis Jesu in seiner neutestamentlichen und nachneutestamentlichen Rezeption

E-Book, Deutsch, Band 68, 312 Seiten

Reihe: Stuttgarter Biblische Aufsatzbände (SBAB)

ISBN: 978-3-460-51079-1
Verlag: Verlag Katholisches Bibelwerk
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die hier gesammelten Untersuchungen konzentrieren sich auf das Matthäusevangelium und auf das Johannesevangelium mit seinen Beziehungen zu Markus und mit seinen Haftpunkten für eine gnostische Auslegung im 2. Jahrhundert. Im letzten Abschnitt blicken Untersuchungen zur Apostelgeschichte und zu Paulus auch über die Evangelien hinaus.

Ansgar Wucherpfennig SJ, seit 2002 zunächst Dozent und seit 2008 Professor für Exegese des Neuen Testaments an der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main. 2006 und 2009 Gastdozent am Päpstlichen Bibelinstitut in Rom.
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Jesus mehr als Salomo


Im Stammbaum des Matthäus


713 Der Stammbaum Jesu am Anfang des Matthäusevangeliums lässt sich bekanntlich in drei Abschnitte einteilen, von Abraham bis zu David, von David bis zu Jojachin in der babylonischen Gefangenschaft und von Jojachin bis zu Josef. So hält es auch der kommentierende Vers nach dem Stammbaum fest (Mt 1,16):

Alle Generationen also von Abraham bis David sind vierzehn Generationen, und von David bis zur Gefangenschaft Babylons vierzehn Generationen und von der Gefangenschaft Babylons bis zu Christus vierzehn Generationen.

Der Stammbaum wirft viele Fragen auf1. Eine seltener behandelte Frage ist, auf welche Vorlagen er eigentlich zurückgreift und wie er sie bearbeitet hat. Doch es ist eine Schlüsselfrage: Dem Stammbaum bei Matthäus liegen m. E. Quellen aus der Schrift zugrunde, die für seine Leser identifizierbar waren. Die Auswahl der Namen folgt daher einer erkennbaren Strategie2. Sie will den Lesern Jesus als legitimen Nachkommen Davids vorstellen, der aber zugleich mehr als ein Sohn Davids ist. Jesus ist mehr als Salomo, wie er selbst im Matthäusevangelium sagt3. Dies soll der vorliegende Kurzbeitrag zeigen. 714

1.Mögliche Quellen des Stammbaums


Woher stammen die Namen der 40 Väter4 und 5 Mütter im Stammbaum? Sie könnten in einem Dokument gestanden haben, das dem Matthäusevangelium vorlag. Als solches käme etwa ein Stammbaum der Familie Jesu infrage. Dies wird allerdings in der Literatur kaum noch angenommen5. Die Väterexegese der ersten Jahrhunderte ging davon noch selbstverständlich aus6, so etwa Julius Africanus, der Bibliothekar des römischen Pantheon. Eine andere Variante der Annahme eines vorliegenden Dokumentes findet sich bei Raymond Brown. Er vermutete, dass eine volkstümlich verbreitete Genealogie des Hauses Davids Vorlage für den dritten Abschnitt des Stammbaums war7. Doch die Erwartung eines leiblichen Davididen als Messias lässt sich im zeitgenössischen Judentum nicht sicher nachweisen. Die Psalmen Salomos erwarten den Messias als Sohn Davids. Aber auch dort ist damit nicht notwendigerweise ein leiblicher Nachkomme Davids gemeint. »Sohn Davids« ist vielmehr ein Ehrentitel8. Selbst bei Matthäus müssen die Schriftgelehrten ja erst auf einen eigenen Forschungsauftrag von König Herodes hin herausfinden, dass der Messias in der Davidstadt Bethlehem geboren wird9.

Am plausibelsten ist die Annahme, dass der Stammbaum bei Matthäus von einem solchen David-Stammbaum abhängig sei, für seinen dritten Abschnitt. Dort gibt es tatsächlich für die meisten Namen keine biblische oder andere erhaltene Vorlage mehr. Der an zweiter Stelle genannte Serubbabel ist der letzte Name, der noch in der Schrift erwähnt ist10. Dass 715 sich mit Serubbabel messianische Erwartungen verbunden haben, ist bereits in der Schrift belegt. Der Prophet Haggai bezeichnet ihn »als Siegelring des Herrn« (2,23)11. Diese Erwartungen lassen sich offensichtlich über Jesus Sirach 49,11 bis in die rabbinische Zeit hinein weiter verfolgen12. Der Stammbaum lässt hier auch eine Systematisierung erkennen. Serubabbel ist der erste Heimkehrer aus dem Exil (Esra 2,2). Jesus ist der Zwölfte in der Reihe nach Serubbabel13. Hier könnte im Stammbaum also noch am ehesten die Erwartung eines bestimmten Nachfolgers Davids belegt sein. Sie könnte sowohl in der Familie Jesu als auch in bestimmten Kreisen des Volkes präsent gewesen sein.

Die Namen zwischen Serubbabel und Jesus sind nirgendwo anders belegt. Die griechischen Namen sind offensichtlich alle hebräischer Herkunft: Abihud, Eljakim, Azor, Zadok, Achim, Eliud, Eleazar und Mattan14. Man hat daher gelegentlich gemeint, es würde sich hier um Phantasienamen handeln. Das muss aber nicht sein. Sie könnten aus einer schriftlichen Vorlage stammen. Wenn dies der Fall ist, wäre sie verloren gegangen.

Eine zweite Möglichkeit wäre, dass die Namen des Stammbaums aus dem Ablauf der Geschichtsbücher exzerpiert worden sind. Dies legt sich wohl vor allem im ersten und zweiten Abschnitt nahe. Für die ersten Namen folgt der Stammbaum der Trias der Väter Israels: Abraham, Isaak und Jakob. Juda und seine Brüder und auch die beiden Söhne Judas, Perez und Serach, ließen sich aus dem Geschichtsablauf des Buches Genesis leicht herausschreiben. Dies ergäbe auch eine plausible Erklärung für die drei Frauen, die in diesem ersten Abschnitt in den Ablauf eingefügt sind. Tamar, Rachab und Rut sind alle drei heidnischer Herkunft. Mit den drei Frauen sind in den Geschichtsbüchern besondere Erzählungen verbunden: Die Kanaanäerin Tamar wird durch ihre List gegenüber Juda zur Stammmutter Davids15. Die Dirne aus Jericho Rachab gewährt den Kundschaftern des israelischen Heeres Unterschlupf16. Die Moabiterin 716 Rut wird als Witwe von Boas in die Leviratsehe aufgenommen17. Ihre Zahl drei entspricht der Zahl der drei Erzmütter Israels, Sara, Rebekka und Rachel. Möglicherweise hat der Stammbaum in diesem Abschnitt hier also absichtlich drei heidnische Mütter genannt. Dann öffnen sie hier die Perspektive einer rein nationalen Messiaserwartung. Der Fall Batschebas ist komplizierter, wie sich noch zeigen wird. Sie wird ja auch nicht selbst mit Namen genannt, sondern nur ihr legitimer Ehemann Urija.

Vorausgesetzt dass die Namen aus den Geschichtsbüchern exzerpiert wären, würden sich aber spätestens von Aram an Probleme ergeben. Sein Vater Hezron ist im Buch Genesis noch als Sohn des Perez genannt (46,12). Aram aber findet sich nicht in den Geschichtsbüchern18. Amminadab (1,4) ließe sich im Buch Exodus möglicherweise mit dem Vater von Elischeba, der Frau Aarons, identifizieren (Ex 6,23). Ein Priester mit dem Namen Nachschon bringt als erstes das Opfer im Zeltheiligtum dar (Num 7,12). Zwei Namen stammen hier also möglicherweise aus priesterlichem Zusammenhang19. Salmon, Boas und Obed sind jedoch weder im Pentateuch, noch im Buch der Richter oder in den Samuelbüchern genannt. Erst die Namen der Söhne Davids im zweiten Abschnitt lassen sich wieder in den Königsbüchern finden. Sie wären mühsam aus dem Geschichtsverlauf heraus zu exzerpieren gewesen. Diese Möglichkeit legt sich daher weniger nahe.

Viel näher liegt, dass der Stammbaum von Juda an einer bereits vorhandenen Liste folgt. Eine solche findet sich in 1 Chr 2,10: »Ram zeugte Amminadab, Amminadab zeugte Nachschon, den Anführer der Söhne Judas20, Nachschon zeugte Salmon, Salmon zeugte Boas, Boas zeugte Obed, Obed zeugte Isai.«

Diese Liste ist eigentlich mit »Stammbaum« nur ungenau bezeichnet. Thomas Hieke hat in seiner Untersuchung der Genealogien im Buch Genesis gezeigt, dass ein Stammbaum Verzweigungen voraussetzt: Geschwister, Ehepartner und verschiedene Kombinationen werden genannt. Nach der formkritischen Terminologie, der sich Hieke anschließt, ist diese 717 Väterliste eine »Genealogie«21. Genauer handelt es sich um eine »lineare Genealogie«, die nur die Väternamen nennt. Sie hat die gleiche sprachliche Form wie bei Matthäus22. Auch der Stammbaum Jesu ist eine lineare Genealogie. Er folgt in diesem Abschnitt der Vorlage von 1 Chr 2,10–1323. Dem ersten Buch der Chronik gehen neun Kapitel an Genealogien unterschiedlichen Typs voran. Dort findet sich im dritten Kapitel auch eine Vorlage für die Namen des zweiten Abschnitts. Hier lässt sich am plausibelsten eine Quelle für die Namen der Genealogie bei Matthäus annehmen. Sie sind nicht aus den Geschichtsbüchern, sondern aus den Genealogien der Chronikbücher exzerpiert24.

2.Die Bearbeitung der Quellen


Wie ist die Quelle aus dem Ersten Chronikbuch in der Genealogie nach Matthäus aufgegriffen worden? Der zweite Abschnitt der Genealogie ist für die Frage nach der Verarbeitung seiner Quelle besonders interessant. Die Quelle stammt hier aus dem 3. Kapitel des Ersten Chronikbuches. Darin sind ab 3,1 die Söhne und Nachkommen Davids aufgelistet. Der Abschnitt war also für Matthäus und für seine Leser leicht ausfindig zu machen25. Darin lassen sich segmentäre und lineare genealogische Abschnitte unterscheiden. Lineare Abschnitte laufen eine einzige Linie entlang, gewöhnlich patrilinear die der Väter. Segmentäre Abschnitte enthalten unterschiedliche Verzweigungen26. Sie nennen Geschwister, 718 Hochzeiten, Kindeskinder oder fügen...



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