E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Siwik Aqua Tofana
Neuerscheinung
ISBN: 978-3-96661-894-6
Verlag: Karina Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-96661-894-6
Verlag: Karina Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Barbara Siwik,Jahrgang 1939, arbeitete nach dem Abitur ein Jahr in einem volkseigenen Bau-Betrieb der ehemaligen DDR zwecks politischer Umerziehung. Sie wollte eigentlich Germanistik studieren, erhielt aber aus politischen Gründen keinen Studienplatz. Deshalb absol-vierte sie ein sozialpädagogisches Fachschulstudium in West-Berlin (illegal). Drei Jahre war sie nacheinander als Erzieherin in einem Kinderheim in Calbe/Saale, in einem Kindergarten in Halle/Saale und zuletzt in der freien Kinderbetreuung tätig. Nach der Heirat und der Geburt ihrer drei Töchter absolvierte sie ein vierjähriges Fernstudium an der Fachschule für Bibliothekare in Leipzig. Es folgte eine langjährige Tätigkeit als Dipl. Bibliothekarin in der Stadtbibliothek Merseburg, die sie von 1991 bis 1999 auch leitete.Die Autorin ist in zahlreichen Anthologien mit Gedichten, Märchen und Erzählungen vertreten. 2008 gab der damalige Schmöker-Verlag Garbsen das Gedichtbändchen High-matt-Land satirische Gedichte heraus, das in Gemeinschaft mit dem Schriftstellerkollegen Wolfgang Reuter entstand. 2010 erschien im Fhl-Verlag Leipzig der Fantasy-Roman Das Erbe des Casparius, der 2015 im Sarturia-Verlag neu verlegt wurde. Noch im selben Jahr gab der Verlag die Roman-Fortsetzung Das Buch der magischen Sprüche heraus.Im Karina-Verlag Wien erschienen in 2016 das Buch Die Märchenweberin für kleine, größere und 'gewesene' Kinder, 2017 der Fantasy-Roman für jüngere Jugendliche Der Schatz aus der Truhe, 2018 der Familienroman Der unwegsame Pfad der Zeit und Das nicht Greifbare, Erzählungen am Rande des Möglichen.Barbara Siwik lebt in Braunsbedra bei Merseburg. Sie ist Mitglied des Verbandes deutscher Schriftsteller Sachsen-Anhalt.
Autoren/Hrsg.
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Vermutlich hatte sie recht. Er war zu alt, um noch einmal davonzulaufen. Es wurde Zeit, diese Sache abzuschließen – auf welche Art auch immer.
*
Clark und Kinderman erkannten den Mann im weißen Laborkittel sofort. Sein Gesicht entsprach dem auf der Green Card, die ja nicht ohne Grund alle zehn Jahre erneuert werden musste. Und wie es aussah, jobbte er auch nicht einfach so, sondern übte eine spezielle Tätigkeit aus, die Fachwissen verlangte. Kulissen malen beinhaltete sie gewiss nicht.
Sie erhoben sich zur Begrüßung aus den unbequemen Sesseln, die nicht für längeres Sitzen gedacht waren.
»Donald William Burger?«, forschte Clark freundlich.
Der Angesprochene nickte und hielt merklich Abstand zwischen sich und den Besuchern.
Clark stellte sich und Kinderman vor und fragte nach, ob es hier irgendwo eine Möglichkeit für ein ungestörtes Gespräch gäbe.
»Dieser Raum ist so gut wie jeder andere«, erklärte Burger.
»Dann setzen wir uns.« Kinderman schob einen dritten Sessel zurecht und machte eine auffordernde Geste.
Es half nichts: Burger musste sich zu den Männern setzen, wenn er sich nicht verdächtig machen wollte. Er beschloss, das Gespräch von sich aus zu eröffnen und fragte: »Wie haben Sie mich gefunden?«
»Das war nicht einfach«, gab Clark zu. »Aber als Suchdienst steht uns die Möglichkeit offen, Einsicht in die Archive und Unterlagen von USCIS zu nehmen.«
Die Erklärung klang beruhigend, auch sahen die beiden Männer nicht aus, als gehörten sie zur Sorte der Gentlemen mit den unsauberen Westen. Burgers Beklemmung legte sich.
Dennoch – was wollten sie von ihm? Er durfte die Gesprächsführung nicht aus der Hand geben. »Welchen Grund hatten Sie, mich ausfindig zu machen?«
Diesmal antwortete ihm Kinderman. »Unsere Institution erhielt eine Suchanfrage aus Deutschland, die zweite übrigens. Sie wurden schon einmal im Jahr 1996 gesucht – damals von ihrer Frau Sybille.«
Burger hatte das Gefühl, als sei ein Blitz neben ihm niedergegangen. Sein erstes, fast vergessenes Leben stand wieder vor ihm – darin hatte es eine Frau und eine Tochter gegeben und Sicherheiten.
›Nicht die Fassung verlieren‹, warnte ihn die innere Stimme. ›Lass nichts an dich heran.‹ Also fragte er mit freundlichem Interesse: »Und wer sucht mich diesmal?«
»Die Polizei von Frankfurt/Main«, sagte Clark.
Er hatte schnell erkannt, dass Donald Burger versuchte, in diesem Gespräch der Führende zu bleiben. Noch war er sich über den Grund dafür nicht im Klaren. Kinderman kam eher darauf, dass der Mann im weißen Kittel ihnen einfach nur misstraute. Deshalb versicherte er, es läge ihnen fern, sich in irgendeiner Weise in Burgers Leben zu drängen, aber es gäbe einige Dinge, die dieser wissen sollte. Nur deshalb seien sie hier.
Clark überlegte, ob er Burger mit der Todesnachricht von Frau und Tochter schonend oder ohne Umschweife konfrontieren solle und entschied sich für Letzteres. Aus welchen Gründen auch immer hatte der Mann seit fünfzehn Jahren keinen Kontakt zu seiner Familie aufgenommen – warum also besonderes Feingefühl an den Tag legen?
»Der Grund, weswegen wir Sie im Auftrag einer deutschen Behörde in den Staaten suchen, ist ernster Natur«, erklärte er. »Ihre Frau starb bereits vor etlichen Jahren in München und Ihre Tochter wurde vor kurzem in Frankfurt ermordet. Für den Mord gibt es bislang kein erkennbares Motiv, weshalb die deutschen Ermittler davon ausgehen, dass dieses Verbrechen etwas mit Ihrer Person zu tun haben könnte, soll heißen: Sie haben vermutlich Feinde, die durch den Mord an Ihrer Tochter eigentlich Sie treffen wollen.«
Das Bild von Sybille und Eliza verblasste vor Burgers innerem Auge, als ginge die Sonne im Zeitraffer unter. Sein erstes Leben war tot – endgültig. SIE hatten es geschafft, trotz allem ...
Schützen hatte er Frau und Tochter wollen, dadurch, dass er verschollen blieb. Oder war sein eigentlicher Beweggrund Selbstrettung gewesen? Im Unterbewusstsein trug er diesen Vorwurf der Feigheit seit Jahren mit sich herum.
Clark und Kinderman beobachteten den Mann: Die Nachricht erschütterte ihn sichtlich und – er schien den Grund für den Mord an seiner Tochter zu kennen.
»Haben Sie Feinde in Deutschland?«, brach Clark nach einer Weile das Schweigen.
Burger schüttelte den Kopf. »In Deutschland nicht, aber wahrscheinlich hier«, sagte er langsam. »Eine lange zurückliegende Geschichte.«
»Sie sind nicht verpflichtet, sie uns mitzuteilen«, warf Kinderman ein. »Ein schriftlicher Bericht an die Frankfurter Ermittler tut es auch. Die bestimmen ohnehin über das weitere Prozedere.«
Burger überlegte und entschied: »Ich werde Ihnen alles erzählen. Aber bitte nicht jetzt.«
»Gut. Treffen wir uns heute Abend im ›Double Tree‹ in der Lobby«, schlug Clark vor. »Das Hotel kennen Sie sicher, es ist nicht weit von der Walnut Street entfernt.«
Sie verabschiedeten sich und verließen das Verwaltungsgebäude.
»Welchen Eindruck machte er auf dich?«, fragte Paul.
Gary dachte nach. »Schwer zu sagen. Ich nehme dem Mann einerseits übel, dass er sich in all den Jahren nicht um einen Kontakt zu Frau und Tochter bemühte, andererseits kann ich mir ja über die Gründe, die ihn in dieser Hinsicht bewegten, kein Urteil erlauben – noch nicht.«
»Mir kommt Burger vor wie ein durch ein traumatisches Erlebnis in die Enge Getriebener«, erklärte Paul. »Ich bin gespannt auf seine Geschichte.«
»Und ich bin überzeugt, sie wird sich in einigen Punkten mit unseren Ermittlungen decken«, fügte Clark hinzu.
*
Wie ausgemacht, trafen sie sich in der Lobby, fanden dort jedoch keinen ruhigen Platz für ein Gespräch. Deshalb verlegte Clark die Unterhaltung kurzerhand in sein Hotelzimmer. Die private Atmosphäre wirkte entspannend. Donald Burger verlor sein Misstrauen endgültig.
»Ich würde mir gern Notizen machen«, erklärte Kinderman. »Die deutschen Ermittler erwarten von uns einen Bericht.«
Burger versicherte, das sei in Ordnung und fragte, wo er beginnen solle.
»Bei Ihrer Einreise in die Staaten«, schlug Clark vor.
Burger erzählte, er sei damals in einer Gaststätte in München mit einem Amerikaner ins Gespräch gekommen, der, wie sich herausstellte, das ›Everyman Theatre‹ in Baltimore leitete. »An die Einzelheiten der Unterhaltung erinnere ich mich nicht mehr. Wir sprachen jedenfalls über Bühnenbildgestaltung und irgendwann fragte der Mann, ob ich nicht Interesse hätte, bei ihm in Baltimore zu arbeiten.
Es ging mir nicht schlecht in München, aber es reizte mich auch, meinen beruflichen Horizont zu erweitern, deshalb sagte ich erfreut zu. Das erwies sich als sehr egoistische Entscheidung, denn ich bedachte nicht, dass meine Frau Sybille – infolge der Sprachbarriere – ihren Beruf als Schauspielerin hätte aufgeben müssen.«
»Und sah Ihre Frau das auch so?«, erkundigte sich Clark.
»Ja«, gab Burger zu. »Aber schließlich schoben wir die endgültige Entscheidung über eine Auswanderung hinaus, indem wir uns auf eine Probezeit für mich in Baltimore einigten.
An einem regnerischen Tag im Juni 1996 flog ich von München ab und erreichte Baltimore von New York aus am Abend des nächsten Tages. Auch dort ›it was raining cats and dogs‹ – in Deutschland sagt man, es goss ›wie aus Kübeln‹.
Zu meiner Erleichterung nahm mich ein Fluggast, der in Baltimore daheim war, in seine Obhut und setzte mich in einem kleinen Inn nahe dem Theater ab.«
Clark und Kinderman wechselten einen Blick des Einverständnisses: Sie hatten mit ihrer Vermutung richtiggelegen.
»Das ›Scotland Inn‹ machte einen soliden Eindruck«, fuhr Burger fort. »Der Eigentümer legte mir das Gästebuch vor, ich trug mich ein und erhielt den Zimmerschlüssel. Offenbar war dem freundlichen Mann auch an einem Gespräch mit dem Gast aus Deutschland gelegen und mir tat es gut zu reden.
Der Besitzer des Inn gab vor, sich in München ein wenig auszukennen und das schien zu stimmen. Er fragte, ob ich Familie hätte. Ich gab bereitwillig Auskunft, auch darüber, dass ich im ›Everyman Theatre‹ als Bühnenbildner arbeiten werde.«
»Und Ihnen kam nicht der Verdacht, dass der Mann Sie aushorchte?«, wunderte sich Kinderman.
Burger lächelte trüb. »Heute würde mir das nicht mehr passieren. Aber was wusste ich damals über die kriminelle Szene in Baltimore? Ich bestellte mir etwas zu essen aufs Zimmer, ging zu Bett und dort hätte ich bleiben sollen, vielleicht wäre dann alles anders gekommen.
Um Mitternacht wurde ich durch Lärmen und Schreien geweckt, hörte auch Schüsse. Rasch zog ich mich an, trat auf den Flur hinaus und schlich die Treppe hinunter. Ich sah, dass in der Lobby mehrere Männer miteinander rangen.
In meiner Jugend war ich ein guter Karatekämpfer und auch damals noch ausgezeichnet in Form. In völliger Verkennung der Sachlage, dass hier Kriminelle ihre Händel austrugen, warf ich mich zwischen zwei Männer und kam dem – wie ich meinte – Schwächeren zu Hilfe, indem ich mich mit einem Kerl anlegte, der um einiges größer war als ich.
Es gelang mir, ihn zu überwältigen, nur brach ich ihm dabei den linken Unterarm und das rechte Handgelenk. Er brüllte vor Wut und Schmerz wie ein wildes Tier. Sofort attackierten mich zwei weitere Kerle, das heißt – sie versuchten es. Ich schüttelte sie ab, wenn auch mit einigen Schwierigkeiten, und entkam auf die Straße. Die Männer folgten mir und schossen auf mich. Ich wurde an Schulter und Arm...




