E-Book, Deutsch, Band 4, 224 Seiten
Reihe: Dennings
Sittmann Mordsache Mosel
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-95441-729-2
Verlag: KBV
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 4, 224 Seiten
Reihe: Dennings
ISBN: 978-3-95441-729-2
Verlag: KBV
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ansgar Sittmann, 1965 in Trier geboren, lebt und arbeitet seit Sommer 2013 in Berlin, nachdem er zuvor 9 Jahre im Ausland tätig war. Als passionierter Leser von franko-belgischen Comics sowie Krimis aller Art gilt seine Leidenschaft dem Schreiben. Die Verbundenheit zur Heimat ist ungebrochen, weswegen seine Hauptfigur, der Berliner Privatdetektiv Castor L. Dennings, immer wieder an der Mosel ermittelt. Mit Band 4 'Mordsache Mosel' wird die erfolgreiche Reihe bei KBV fortgeführt.
Autoren/Hrsg.
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1. Kapitel
»Bam! Bam! Bam!«
Es klang wie das gewaltige Röhren eines brunftigen Zehnenders, der seine Konkurrenten stimmgewaltig verscheucht. Es klang nicht wie eine männliche Stimme.
»Bam! Bam! Bam!«
War es das sechste Bam!, jetzt schon etwas aufgeregter und ungeduldiger, das meinem Nachmittagsschlaf ein endgültiges Ende bereitete, oder waren ihm noch einige vorausgegangen, die unbewusst meine Träume beeinflusst hatten? Die sechste Staffel von Game of Thrones hatte ich offenkundig noch nicht verdaut. Im Traum wurde ich von untoten Wesen verfolgt, leider verfügten weder meine Browning noch meine Sig Sauer über die adäquate Munition, um der Massen Herr zu werden, und nur Hodor war es zu verdanken, dass mir ein kleiner Vorsprung eingeräumt wurde, bevor die Untoten den armen Riesen überrannten.
»Bam! Bam! Bam!«
So wie sich Hodors Wortschatz auf seinen eigenen Namen beschränkte, verzichtete der Bursche in der Fußgängerzone unter mir genauso auf völlig überwertete Satzbestandteile wie Prädikat und Objekt, vorausgesetzt bei Bam! handelte es sich um das Subjekt. Ein ärgerliches zudem, denn es hatte mich nun endgültig um den Schlaf gebracht und der Hoffnung beraubt, doch noch ohne Kopfschmerzen aufzuwachen. Sie hatten sich am frühen Morgen eingestellt, erst nur leicht. Ein verspannter Nacken nach einer Nacht, die ich hinter dem Steuer meines Mini Cooper mit Observieren verbracht hatte. Dummerweise hatte ich von einem Schmerzmittel abgesehen.
»Bam! Bam! Bam!«
Es wurde heikel. Andere Stimmen konkurrierten zunehmend mit dem penetranten Krawallmacher. Eine kreischende Frau schrie um Hilfe, ein Kind weinte, nervöse Männer riefen nach der Polizei und verpassten dem verwirrten Geist ein paar Eigennamen, von denen Arschgesicht noch einer der mildesten war.
»Bam! Bam! Bam!«
Endlich ertönte das Martinshorn. Autotüren wurden auf- und zugestoßen.
»Polizei! Nehmen Sie die Waffe runter!«
»Bam …«
Na also. Die Energie erlosch. Nur noch ein enttäuschtes Bam.
»Nehmen Sie die Waffe runter! Sofort!«
»Bitch!«
Bam und Bitch. Erinnerte mich an Sundance und Butch.
»Runter mit der Waffe!« Die Stimme des Polizisten überschlug sich. Die Lage schien zu eskalieren. Ich schwang meine Beine vom Sofa und griff nach meiner Hose, die über dem Bürostuhl hing. Es war ein heißer Junitag, und ich hatte nackt bei offenem Fenster geschlafen. Das verschwitzte Hemd lag auf dem Boden und wartete darauf, gewaschen zu werden. Ich zog es über, auch wenn mich bereits getragene Wäsche, selbst die eigene, anwiderte.
Nur drei Schritte trennten mich vom Fenster und dem denkwürdigen Spektakel in der Liebfrauenstraße am Rande von Triers belebter Fußgängerzone. Nur drei Schritte bis zum traurigen Showdown, der mich an einen ähnlichen Vorfall im Sommer 2013 in Berlin erinnerte. Damals erschoss ein überforderter Polizist einen mit Messer bewaffneten, nackten Mann im Neptunbrunnen. Das Video ging in den sozialen Netzwerken viral.
Später fragte ich mich, ob vielleicht die Nachmittagssonne die Beamten derart geblendet hatte, dass einer von ihnen die Nerven verlor.
Mit Hodor hatte der Mann keine Ähnlichkeit. Dass er neben der Spur lief, belegte nicht nur sein begrenzter Wortschatz. Seine Kleidung war genauso gewöhnungsbedürftig: Die Beine seiner groben, olivgrünen Cordhose steckten in gelben, verdreckten Gummistiefeln, ein weites graues Sweat-Shirt mit der Aufschrift Yale umhüllte seinen massigen Oberkörper. Das Gesicht war anständig gepflegt, sonnengegerbt, grauer Dreitagebart, grobschlächtig. Ein kurz geschorener, grauer Haarkranz umrahmte die leuchtend rote Glatze. Mitte, vielleicht Ende fünfzig. Die Ohren standen auffällig ab. Der Grund dafür ließ sich schnell ausmachen: Er trug auf beiden Seiten unverschämt große Hörgeräte, Kassengeräte aus der Steinzeit. Die linke Hand hatte er zu einer mächtigen Faust geballt, in der rechten hielt er eine Pistole, mit der er unentwegt herumfuchtelte.
Zwei Schritte von ihm entfernt lag ein junger Mann auf dem Boden, gestützt von seiner hysterisch schreienden Thusnelda. Er hielt sich wimmernd den Zinken, seine Unterlippe blutete. Ich konnte nur mutmaßen, dass er sich mit dem Pistolero angelegt hatte und vor seiner Freundin als todesmutiger Retter punkten wollte, um dann Bekanntschaft mit der Urgewalt der Faust des Schrats zu machen.
»Bam! Bam! Bam!«
Er hatte sich wieder gefangen, leider, und röhrte furchterregend. Dann kniff er die Augen zusammen, hob seine Waffe und richtete sie auf die Polizisten. Vielleicht wurden sie geblendet. Wer weiß.
Ich jedenfalls konnte es deutlich erkennen, zwei Stockwerke darüber: Die rote Plastikkappe am Ende des Laufs entlarvte die Waffe als Spielzeugpistole.
»Das ist ein Spielzeug!«, brüllte ich den Beamten entgegen. Zwei von ihnen schauten entgeistert in meine Richtung, der Mann in den Gummistiefeln zog irritiert eine Schnute, um dann zu einem letzten Bam auszuholen.
»Bam …«
Es erstickte sofort und wurde übertönt vom Knall einer Dienstwaffe. Er stand noch wenige Sekunden, mit aufgerissenen Augen, Blut sickerte aus der Stirn. Kopfschuss. Schließlich brach er zusammen und kippte um.
»Scheiße …«, fluchte ich und rannte ins Bad, wusch eilig mein Gesicht, zog Strümpfe und Schuhe an und verließ die Wohnung.
Binnen weniger Sekunden hatte sich eine Menschentraube gebildet, die die Beamten vergeblich aufzulösen versuchten. Der Schütze, blass wie ein Leichentuch, lehnte an der Motorhaube des Dienstwagens, seine Arme baumelten kraftlos bis zu den Knien, die Waffe noch in der Hand, auf den Boden gerichtet. Die beschäftigten Kollegen konnten sich nicht um ihn kümmern und warteten auf Verstärkung, die schon bald eintraf. Zwei Krankenwagen, eine weitere Streife und drei zivile Fahrzeuge mit Blaulicht auf dem Dach.
Einer der ersten am Tatort war mein alter Bekannter Hauptkommissar Roller, ein ehrgeiziger, junger Kriminalbeamter, der kontinuierlich die Hierarchieleiter emporkletterte. Er war mir ein bisschen zu glatt, kein Vergleich zum Pensionär Rosshaupt, der sogar unter den Berliner Ganoven einen guten Ruf genoss und den Privaten wie mir, jedenfalls den rechtschaffenen Privaten, ihren Lebensraum ließ und gelegentliche Kooperationen nicht scheute. Roller hatte da schon stärkere Berührungsängste. Der Gedanke, dass neben der Staatsgewalt andere Akteure existierten, die in der Verbrechensbekämpfung mitmischten, rief allergische Reaktionen bei ihm hervor. Immerhin hatte er sich mit meiner Existenz arrangiert. Seitdem ich Berlin den Rücken gekehrt hatte und an der Mosel ermittelte, hatte ich zur Aufklärung einiger Verbrechen beigetragen, die seine Reputation beflügelten. Die Dankbarkeit eines Beamten war unglaublich wertvoll für einen Schnüffler wie mich.
Kriminaltechnik und Ärzte erledigten routiniert ihre Arbeit, Zeugenaussagen wurden aufgenommen, der Schütze psychologisch betreut. Roller kniete neben der Leiche und durchforstete die Hosentaschen. Irgendwie musste er meine prüfenden Blicke gespürt haben. Während er eine Geldbörse aus der Gesäßtasche des Toten bugsierte, drehte er sich plötzlich in meine Richtung.
»Dennings?« Er stand auf und schaute mich ungläubig an. »Was machen Sie denn hier?«
»Ich freue mich auch, Sie zu sehen, Kommissar«, antwortete ich mit einem aufgesetzten Lächeln. Dass ein Mensch vor meinen Augen getötet wurde, gehörte nicht gerade zu meinem detektivischen Standard. »Andere Umstände wären mir natürlich lieber gewesen.«
»Das beantwortet nicht meine Frage.« Roller brauchte immer eine kurze Eingewöhnungsphase, wenn er mein Antlitz wahrnahm, und ließ erst einmal den knallharten Bullen raushängen. Der Dirty Roller aus der Mosel-Metropole. Nur ohne Magnum und ohne Clint Eastwoods angeborene Coolness.
»Stimmt. Ich wohne hier, Kommissar, und habe das Drama leider live und in Farbe mitbekommen.«
»Sie wohnen hier?«, fragte er verdutzt. »Dann bin ich nicht auf dem neuesten Stand. Hatten Sie nicht ein Haus in Wasserbillig gekauft?«
»Das ist passé«, erklärte ich wahrheitsgemäß. »Verkauft, sogar mit Gewinn. Nathalie, meine Sekretärin, Sie kennen sie doch?«
Roller lief rot an. Mit hübschen Frauen hatte er ein seltsames Problem. Er nickte.
»Nun, sie hat mir die Pistole auf die Brust gesetzt. Sie habe ja nichts gegen Landleben, für eine gewisse Zeit jedenfalls. Aber auf die Dauer falle ihr die Decke auf den Kopf, hat sie gesagt. Und außerdem hasse sie es, jeden Tag von Trier nach Wasserbillig zu fahren. So toll sei ihr Gehalt nun auch wieder nicht. Nett, was? Entweder wir verlegen das Büro nach Trier, meinte sie knallhart, oder sie kehrt nach Berlin zurück. Sie sei noch jung genug, um von Neuem anzufangen.«
»Interessant.« Roller schaute sich um. »Und jetzt wohnen Sie also hier in der Nähe?«
Ich zeigte nach oben. »Hier, im zweiten Stock, direkt über uns. Deswegen hatte ich ja quasi den Logenplatz. Bei Dennings sitzen Sie in der ersten Reihe.«
Roller grübelte und kniff die Augen zusammen. »Die Adresse sagt mir irgendwie etwas«, murmelte er.
»Wahrscheinlich«, bestätigte ich. »Ist noch gar nicht so lange her, mein Freund....




