E-Book, Deutsch, Band 2, 190 Seiten
Reihe: Dennings
Sittmann Ein glasklarer Mord
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95441-180-1
Verlag: KBV Verlags- & Medien GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mosel-Krimi
E-Book, Deutsch, Band 2, 190 Seiten
Reihe: Dennings
ISBN: 978-3-95441-180-1
Verlag: KBV Verlags- & Medien GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
ANSGAR SITTMANN ... seit über zwanzig Jahren glücklich mit Heike verheiratet und stolzer Vater von Linda und Eric, ist am 10. November 1965 in Trier geboren. Dass er wegen seines Berufs zum Weltenbummler geworden ist und nach Aufenthalten in Brüssel, Islamabad, Paris und Washington DC nun wieder in Berlin lebt, liegt sicher an seinem ersten Auslandsaufenthalt und den prägenden Jahren in Fontainebleau von 1977 bis 1981. Die Verbundenheit zur Heimat ist ungebrochen, weswegen seine Hauptfigur, der Berliner Privatdetektiv Castor L. Dennings, immer wieder an der Mosel ermittelt.
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1. Kapitel
Na, Liebeskummer? Kann ich dir einen ausgeben?«
Das lag in der Nähe des Alexanderplatzes – unscheinbar und unattraktiv zwischen Supermarkt und Siebzigerjahre-Wohngebäude. Die schwarz getönten Scheiben, die keinen Blick in den Innenraum zuließen, waren nicht sonderlich einladend für eine Gaststätte. Ein unnötiges Relikt aus dunklen Zeiten, als Schwule noch gerne »175er« genannt wurden und gleichgeschlechtliche Liebe geächtet war. Damals hatte man sich noch auf Bahnhofsklos treffen müssen – oder eben in Kneipen wie dem : Promiskuität als ungewollte Folge bürgerlicher Moralvorstellungen.
Ich nippte missmutig an meinem Pastis. Jedem Tierchen sein Pläsierchen, , aber freiwillig in einem Anmachschuppen für Schwule? Niemals.
»Ich heiße Erich. Was trinkst’n du?«
Verdammt: Erich. Vorne Er, hinten Ich. Mieser Altherrenwitz, und trotzdem schoss er mir durch den Kopf. »Pastis«, antwortete ich einsilbig.
»Riecht wie Ouzo«, meinte Erich und saß nun auf dem Barhocker neben mir.
»Schmeckt auch so ähnlich«, versuchte ich freundlich zu antworten.
»Och! Tatsächlich? Detti«, rief er dem Barkeeper zu, »machste uns noch zwei von dem?« Dabei zeigte er auf mein Glas.
Nicht immer witzig, auf eigene Rechnung zu arbeiten, erst recht nicht als Schnüffler, der ein schickes Büro mit schicker Sekretärin in Mitte hatte und seit Wochen nur Kleinvieh bearbeitete, das kaum Mist machte. Das Geschäftskonto, identisch mit meinem Privatkonto, schwankte mittlerweile bedenklich.
Hasso von Stahlbeck, seines Zeichens Brandenburger Landadel und darüber hinaus Geschäftsführer einer florierenden Anwaltskanzlei in Potsdam, hatte mir den unappetitlichen Auftrag beschert, seinen Spross Goetz zu observieren, der ihm nicht ganz koscher vorkam. Dabei hatte sich dieser gerade mit Charlotte verlobt, der Tochter von Rudi Urbanski, Gastronom und Lokalpolitiker auf dem Sprung in den Landtag.
Tja, und am anderen Ende der Theke saß dieser Goetz und turtelte mit einem etwa gleichaltrigen jungen Mann in engem T-Shirt, das dessen Muskulatur vorzüglich zur Geltung brachte.
»Prost … äh ...?«
»Nenn mich Lemmy, Erich. Lemmy Caution. Stößchen.«
Erich spitzte beleidigt die Lippen. Er musste in meinem Alter sein, um die Sechzig. Nur hatte er den Kampf gegen den Hüftspeck offensichtlich viel früher aufgegeben, und sein Gesicht bildete ein nahezu perfektes Rund. Dann kannte er wohl die alten Krimis mit Eddie Constantine. .
Goetz stand auf, strich seinem Gefährten über die Wange und ging in Richtung Toilette.
»Ah! In den hast du dich verguckt? Lemmy Caution!«
»Nichts für ungut, Erich.« Ich legte einen Zehneuroschein auf die Theke, gab Erich einen Klaps auf den Po und folgte Goetz, misstrauisch beäugt von dessen Freund.
Goetz schüttelte gerade länglich am Pissoir, als ich ihm auf die Schulter klopfte.
»Mann! Haben Sie mich erschreckt!« Im Spiegel sah er, wie ich ihn musterte. »Ich bin nicht interessiert, verstehen Sie?«
»Ich auch nicht, Goetz.«
»Wieso … woher kennen Sie meinen Namen?«, fragte er verwundert.
»Von Ihrem Vater. Können wir reden? Draußen? Da riecht es angenehmer.«
Bevor Goetz antworten konnte, öffnete sich die Tür zur Toilette.
»Probleme, Goetz? Macht der Typ Ärger?« Der junge Mann im engen Shirt schaute mich eindringlich an.
»Nein. Danke, Samy, kein Grund zur Beunruhigung. Ich muss nur kurz mit ihm sprechen, draußen. Dann komme ich wieder.«
Unentschlossen ließ Samy seine Blicke zwischen mir und Goetz wandern. »Na gut. Ruf mich, wenn der Typ Stress macht.«
Wir verließen die Kneipe. Ich atmete tief durch. Ein traumhaft schöner Herbsttag an diesem 1. Oktober. Ich fischte eine Zigarette aus meiner Jacke und nahm einen kräftigen Zug.
»Also?«, fragte Goetz ungeduldig.
»Es gibt Menschen, die ein Problem damit hätten, wenn Sie schwul wären.«
Goetz lief rot an.
»Man hat mich beauftragt, das herauszufinden.«
»Wer?«
»Raten Sie mal. Sie sind verlobt mit einer hübschen, jungen Frau, deren Vater erfolgreicher Geschäftsmann und Politiker ist, und Sie selbst sind Jurist, als Anwalt im Kabinett Ihres Vaters tätig. Ein Bilderbuchensemble, oder? Southfork revisited. Selbst 2013 wäre Ihr Outing, gewollt oder ungewollt, ein Schlag ins Kontor für Ihnen nahestehende Menschen. In konservativen Kreisen rümpft man in solchen Fällen nicht nur heimlich die Nase.«
»Mein Vater? Mein eigener Vater lässt mich beschnüffeln? Ja?«
»Sie kombinieren voreilig. Es könnte auch Ihre Verlobte Charlotte sein. Ihr Schwiegervater in spe vielleicht. Oder jemand, der aus Ihren Neigungen Kapital schlagen kann, solange Sie nicht zu ihnen stehen und selbst alles verheimlichen.«
Goetz schüttelte ungläubig den Kopf. »Unfassbar. Ein Privatdetektiv lauert mir im auf. Und jetzt, Herr ...?«
»Namen sind austauschbar«, antwortete ich. Der Junge tat mir leid, und ich wusste plötzlich nicht mehr, warum ich überhaupt hier stand. Warum dieses Gespräch? Ich wusste Bescheid. Der Auftrag war erledigt, ich konnte Bericht erstatten. Ein paar leicht verdiente Hunderter und einige Verlierer. Keine Gewinner. Mir war völlig egal, wer seinen Schniedel wo reinsteckte.
»Okay, okay, Sie wollen Geld, stimmt’s? Schweigegeld?«
Ich griff nach einer weiteren Zigarette. Warum eigentlich nicht? Ob ich Geld von ihm oder seinem Vater bekam. Wo war der Unterschied? Im besten Fall bekam ich es von beiden.
»Geld, und Sie halten den Mund, einverstanden? Ich liebe Charlotte, und ich will sie auch heiraten. Manchmal brauche ich eben auch ...«
»Es reicht, ich bin nicht Ihr Beichtvater«, unterbrach ich ihn. »Leistung und Gegenleistung, Zug um Zug. Es war nicht meine Absicht, aber wenn Sie der Auffassung sind, mein Schweigen kaufen zu müssen und sich dann wohler fühlen, will ich Sie davon nicht abhalten.«
Der junge Mann öffnete seine Brieftasche und streckte mir zwei Hunderter entgegen. Ich nahm das Geld.
»Danke.«
»Und jetzt?«
»Und jetzt? Jetzt gehen wir beide nach Hause. Ich werde eine Flasche Bordeaux trinken und darüber nachdenken, ob ich käuflich bin. Und Sie machen Ihre Charlotte glücklich und stecken den Kopf in den Schönfelder. Und seien Sie vorsichtig. Sie sind angezählt.«
Goetz kniff die Lippen zusammen. »Ich weiß nicht, was ich von Ihnen halten soll.«
»Sagen Sie es mir nicht. Nur so viel: Sie sind keinen Deut besser. Verstehen Sie mich nicht falsch. Es interessiert mich nicht die Bohne, was Sie wann und wo wegstecken. Aber Sie bescheißen ein junges Mädchen, das sich vielleicht schon aufgeregt nach blütenweißen Brautkleidern umschaut. Entscheiden Sie selbst, wer von uns beiden integer ist. , einen schönen Abend noch.«
Was für ein unbefriedigender Tag. Was für ein Job. Genau genommen waren es eben diese Jobs, die mich über Wasser hielten. Seit wie vielen Jahren schon? Ja, einen gewissen Namen hatte ich mir gemacht, weswegen immer wieder mal ein lukrativer Auftrag an mich herangetragen wurde. Zu selten, wie ich fand.
Ich lief Richtung Werderscher Markt. Eine Gruppe gelangweilter Punks mit gelangweilten Hunden saß am Straßenrand, den Blickkontakt zu Passanten suchend, die vielleicht ein paar Münzen locker machen würden. Es war einer dieser frischen Spätsommerabende, die das Ende der warmen Jahreszeit ankündigten. Die ersten Blätter verfärbten sich. Spätestens beim nächsten Regen würden die Baumkronen kahler werden. Eine beschissene Zeit für Obdachlose.
»Hey, haste mal ‘n Euro?«, haute mich ein Mädchen an, das zu der bunten Gruppe gehörte.
»Brauchst du Geld für Gel?« Ich betrachtete ihre Frisur, die Haare, geformt zu gleichmäßigen Zacken, ragten gestärkt in den Abendhimmel.
»Idiot«, sagte sie und wollte abdrehen.
Ich hielt sie am dünnen Handgelenk fest. Zartgliedrige Finger, schwarz gefärbte Nägel, eine junge Haut. Wie alt mochte sie sein? Von zu Hause ausgebüchst, kaputtes Elternhaus? Oder einfach nur gelangweilte Göre auf der Suche nach Abenteuern? Beides war denkbar,...




