E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Sirtakis Tanzende Herzen
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95609-248-0
Verlag: el!es-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Liebesroman
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-95609-248-0
Verlag: el!es-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hanna hatte vor Jahren einen Unfall und sitzt seitdem im Rollstuhl. Als Seminarleiterin ist sie sehr erfolgreich und eigentlich ganz zufrieden, doch ihre beste Freundin Olivia sieht das anders, denn was Hanna noch fehlt, ist eine Liebesbeziehung. Kurzerhand engagiert Olivia eine "Berührerin für behinderte Menschen" für Hanna, die von dieser Idee nicht sehr begeistert ist – aber als sie die "Berührerin" näher kennenlernt, ändert sich das. Nach einigen glücklichen Tagen wird Hanna jedoch jäh aus dem siebten Himmel gerissen, als ihre Geliebte sie plötzlich wutentbrannt verlässt und Hanna die Schuld dafür gibt ...
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1
»Jemand fehlt da«, murmelte Hanna. Noch einmal zählte sie unauffällig die im Raum anwesenden Personen.
Es war die erste Stunde eines neuen Seminars, und das bedeutete, sie war ohnehin ziemlich aufgeregt, auch wenn sie schon seit Jahren Motivations- und Anti-Aggressionsseminare gab. Wenn dann auch noch etwas nicht glattlief, weil beispielsweise eine Person, die sie erwartet hatte, nicht kam und Hanna nicht wissen konnte, ob sie noch kommen würde, steigerte sich diese Aufregung noch.
Sie wusste selbst, dass sie als Seminarleiterin entspannter hätte sein sollen, aber das hatte sie in all den Jahren nicht geschafft. Vielleicht waren ihre Seminare deshalb so erfolgreich. Es wurde niemals Routine, war immer wieder eine neue Herausforderung.
Dass sie viel durchgemacht hatte, sahen andere schon daran, dass sie im Rollstuhl saß. Manchmal sah sie die Überraschung in den Augen der Menschen, wenn sie hereintraten, weil sie nicht damit gerechnet hatten, dass ihre Seminarleiterin behindert sein würde. Oftmals wurde das dann jedoch von einer gewissen Erleichterung abgelöst. Sie würde verstehen.
Mit einem letzten Blick sah Hanna auf die Uhr. Es war Zeit.
»Ich darf Sie ganz herzlich zu diesem Seminar begrüßen«, begann sie mit einem einladenden Lächeln. »Ich weiß, es war ganz sicher nicht leicht für Sie hierherzukommen.« Ihre Augen musterten einen nach dem anderen verständnisvoll. »Aber glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass es sich lohnen wird. Manche Probleme sind sichtbar«, sie wies mit einer Hand auf ihren Rollstuhl, »andere nicht so. Das heißt aber nicht, dass sie weniger wichtig sind.« Sie lächelte noch ein wenig mehr. »Ich frage mich zum Beispiel, was Sie gedacht haben, als Sie hier hereingekommen sind und mich gesehen haben.«
Einige der Anwesenden blickten verlegen zur Seite, versuchten den Augenkontakt mit Hanna zu vermeiden, andere jedoch taten genau das Gegenteil, schauten ihr geradezu frech ins Gesicht. So bekam sie schon einen ersten Eindruck, wen sie wie würde behandeln müssen.
»Mein Anblick hat Sie in der einen oder anderen Weise provoziert«, stellte sie fachkundig fest. »Das kann man gar nicht verhindern. Und deshalb führt das auch gleich zu unserem ersten Thema.«
Mit einer praktisch unsichtbaren Bewegung drückte sie auf die Fernbedienung in ihrer Hand, die mit ihrem Laptop verbunden war, und schon beamte es einen Titel an die weiße Wand hinter ihr. Warum lassen wir uns so schnell provozieren? Anti-Aggressionstraining mit Hanna Freivogel.
»Ich fühle mich nicht von Ihnen provoziert«, bemerkte ein Teilnehmer sofort. »Kann ich jetzt wieder gehen?« Er lachte und blickte um Aufmerksamkeit heischend in die Runde.
Einige der anderen lachten mit ihm, andere blickten ihn geradezu strafend an. Vielleicht hatten sie dieselbe Idee gehabt, wollten es aber nicht zugeben.
»Sie können jederzeit gehen.« Hanna blickte ihm offen ins Gesicht. »Das ist kein Gefängnis hier. Aber ich verspreche Ihnen: Sie verpassen was.« Ihre Augen blitzten schelmisch, als sie hinzufügte: »Und wollen Sie nicht vielleicht wissen, was Sie verpassen?«
Nun lachten die meisten. Der junge Mann, der sich durch seine Bemerkung Hanna gegenüber hatte produzieren wollen, verzog jedoch nur das Gesicht.
»Ich heiße Freivogel«, fuhr Hanna vergnügt fort, »und deshalb bitte ich Sie, sich ebenfalls frei wie ein Vogel zu fühlen. Das wird zu den besten Ergebnissen führen. Zwang und Druck führen genau zu dem, was wir hier alle loswerden wollen: zu Aggressionen.«
Nun konnte sich kaum jemand im Raum mehr dagegen wehren zu nicken. Sie alle wussten offensichtlich, wovon Hanna sprach.
In diesem Moment wurde von außen energisch die Tür aufgerissen. »Miércoles! Mist aber auch. Warum nur muss ich so einen doofen, saublöden Kurs besuchen?« Eine Frau ließ die Tür hinter sich laut ins Schloss knallen, bevor sie bemerkte, dass der Raum voller Leute war, die sie alle anstarrten.
Eine Sekunde lang herrschte absolute Stille, bevor Hanna freundlich sagte: »Sie müssen Frau Gonzales sein. Sie sind die Letzte auf meiner Liste, die noch fehlt.«
»Ja . . . ähm.« Dunkle Augen blickten Hanna an, glitten über ihren Rollstuhl. »Das bin ich. Emilia Gonzales.«
»Der Rollstuhl war gerade schon unser Thema«, erklärte Hanna zuvorkommend. »Fühlen Sie sich durch mich provoziert? Oder durch meinen Rollstuhl?«
»Wie? Was? Nein, natürlich nicht.« Emilias schwarze Augenbrauen zogen sich zusammen. »Warum sollte ich?«
»Dann wollten Sie also uns provozieren? Durch Ihren Auftritt eben?«, fragte Hanna.
Verdutzt starrte Emilia sie an. »Nein, ich . . . ich habe mich nur darüber geärgert . . .« Sie holte tief Luft. »Ich bin zu spät. Wegen so einem boludo, so einem Hohlkopf bin ich zu spät.« Theatralisch warf sie die Hände in die Höhe.
»Das ist wahr«, bestätigte Hanna. »Sie sind zu spät. Weshalb Sie das Seminar nun gestört haben. Würden Sie uns vielleicht jetzt erlauben weiterzumachen? Möglicherweise ist das ja auch für Sie nützlich.«
Emilia sah immer noch etwas verdattert aus, zog sich dann aber einen Stuhl heran und setzte sich.
»Sehen Sie?«, fuhr Hanna nun wieder an alle gewandt fort. »Provokationen lassen sich oft gar nicht vermeiden. Sie überfallen uns manchmal genauso überraschend wie Frau Gonzales hier«, besänftigend lächelte sie Emilia an, »ohne dass wir etwas dagegen tun können.« Ihr Blick verharrte noch einen Moment auf der attraktiven Südländerin mit der olivfarbenen Haut. »Und genauso unvermeidlich war es wohl, dass dieser Hohlkopf, wie Sie ihn nannten, Sie aufgehalten hat. Deshalb sollten Sie sich jetzt nicht mehr darüber ärgern.«
»Sie haben gut reden«, murmelte Emilia mehr als sie sprach.
Dennoch hatte Hanna es verstanden. »Glauben Sie wirklich?«, fragte sie zurück. Langsam rollte sie auf Emilia zu. »Denken Sie nicht, dass ich einiges habe, worüber ich mich ärgern könnte?«
Da Hanna mit ihrem Rollstuhl direkt vor ihr stehengeblieben war, hatte Emilia kaum eine andere Wahl als sie anzusehen. Sie hob den Blick, und erneut wurde er von den Rädern und dem Gestell abgelenkt, das Hannas Beine ersetzen musste. »Das . . . ähm . . . ja . . . sicher«, erwiderte sie undeutlich.
»Ich will damit nicht sagen, dass dein Ärger weniger wert ist als meiner.« Wieder lächelte Hanna sie an. Dann hob sie den Kopf und sprach lauter in den Raum hinein. »Gerade merke ich, dass ich noch etwas vergessen habe. Im Allgemeinen schlage ich immer vor, dass wir uns in meinen Seminaren duzen. Wenn das für alle in Ordnung ist.«
Zustimmendes Gemurmel erhob sich von allen Seiten.
»Für dich auch, Emilia?«, fragte Hanna noch einmal nach und ließ ihren Blick sinken, um Emilia wieder anschauen zu können.
Wunderschöne dunkelbraune Augen wagten sich langsam hinter den schulterlangen, ebenso dunklen Haaren hervor, die sie bislang verdeckt hatten, weil Emilia sie wie einen Vorhang nach vorn hatte fallen lassen.
Kurz stutzte Hanna. Puh, was für Augen. Funkelnd wie Edelsteine und voller Energie. Fast musste sie innerlich lachen. Ja, die Energie hatten sie alle schon bei ihrem ersten Auftritt gespürt.
Emilia schluckte. »Ja . . . ja. Ist okay.«
»Dann wollen wir mal weitermachen«, kündigte Hanna an, verabschiedete sich von Emilia mit einem Nicken, drehte ihren Rollstuhl um und rollte auf ihren Platz neben dem Laptop zurück. »Das war jetzt wirklich ein gutes Beispiel für Aggressionen, die durch Provokationen ausgelöst werden«, fuhr sie währenddessen fort. »Wir ärgern uns über irgendeinen Hohlkopf –«
»Ha!«
Mit einem fragenden Blick drehte Hanna ihren Rollstuhl so, dass sie in die Richtung blickte, aus der dieser Ausbruch gekommen war. Da folgte noch ein Fluch, und eine Tasche wurde mit einem lauten Knall auf den Tisch geworfen. Wer anders konnte das sein als Emilia?
»Erst einmal tief durchatmen und ankommen, Emilia.« Hanna schenkte Emilia einen sanften Blick. »Lass dir von diesem Hohlkopf doch nicht den Tag verderben. Das schadet nur dir selbst. Ihm ist das völlig egal. Wahrscheinlich hat er es längst vergessen.«
»Ja, wahrscheinlich!« Emilia warf aufstöhnend den Kopf in den Nacken. »Und ich soll mich jetzt einfach so beruhigen? Du hast doch keine Ahnung!« Ihre dunklen Augen schossen selbst durch den ganzen Raum Blitze auf Hanna.
Was für eine Frau, dachte Hanna und fühlte sich wie bei etwas Verbotenem ertappt. Auf eine gewisse Art war es das wohl auch. Schließlich war Emilia eine Seminarteilnehmerin und sie selbst die Seminarleiterin. Da sollte sie mehr Distanz bewahren.
Und doch konnte sie sich nicht ganz von Emilias Anblick losreißen. Wie war das noch mal mit den Provokationen? dachte sie innerlich über sich selbst den Kopf schüttelnd. Sie mag ein Traum von einer Frau sein, aber das hat mich im Moment nicht zu interessieren. Sonst könnte das zum Alptraum werden.
Es schien, als würde gerade ein Vulkanausbruch in Emilia toben. Ihr ganzer Körper zitterte, weil sie ihn zu unterdrücken versuchte.
»Das denken wir immer«, bemerkte Hanna ruhig. »Dass die anderen von dem, was in uns vorgeht, keine Ahnung haben. Aber wie sollen sie das, wenn wir es ihnen nicht sagen? Niemand kann Gedankenlesen.« Sie beugte sich leicht in ihrem Rollstuhl vor. »Also sag mir doch: Wovon habe ich keine Ahnung?«
Abwartend lehnte sie sich zurück. In so einer Situation war der einzige Weg, ganz ruhig zu bleiben. Ruhe war stets das oberste Gebot. Die anderen kommen lassen. Ihnen die Chance geben, das...




