Singer | Die Heilige des Trinkers | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Singer Die Heilige des Trinkers


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-311-70423-2
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-311-70423-2
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Am 30. Mai 1939 wurde er beerdigt - der bankrotte Schriftsteller, der sieben Jahre zuvor zu den bestbezahlten Journalisten Deutschlands gehört hatte: Joseph Roth. Viele waren gekommen. Aber nur eine wurde von Weinkrämpfen geschüttelt: Andrea Manga Bell, verheiratet mit dem designierten König des Duala-Volkes in Kamerun, Mutter zweier Kinder, gelernte Grafikerin, Hanseatin mit sehr dunkler Haut. Sie war Roths große Liebe, sein erotisches Ideal, Struktur seines Daseins, geistige Inspiration und unbezahlte Sekretärin. Die Schönheit aus gebildetem bürgerlichen Hause zog mit dem bald hoch verschuldeten Roth, den sie zugleich hässlich und unwiderstehlich fand, von Hotel zu Hotel. Konnte sie den Heimatlosen davor bewahren, seine Ängste und Zweifel in Alkohol zu ertränken? War sie, die nirgendwo- und überallhin gehörte, ihm eine Heimat? Die Geschichte dieser Liebe begann 1929 in einer Villa bei Berlin, als Joseph Roth sich in die gescheite Frau im quittengelben Badeanzug vernarrte und sie sich in ihn, den blauäugigen Schicksalserfinder mit den absurd schmalen Offiziershosen, den Juden aus einer Kleinstadt am äußersten Rand des österreichisch-ungarischen Reichs. Er war zärtlich und krankhaft eifersüchtig, wahrhaftig und verlogen, vergötterte und verleumdete sie. Und konnte ohne sie nicht leben. Diese Geschichte wurde noch nie erzählt.

Lea Singer, 1960 in München geboren, studierte Kunstgeschichte, Gesang, Musik- und Literaturwissenschaft. Mit ihren Romanen über historische Persönlichkeiten ist die promovierte Kunsthistorikerin ebenso erfolgreich wie mit ihren Sachbüchern, die sie als Eva Gesine Baur schreibt. Sie lebt in München und wurde mit dem Hannelore-Greve-Literaturpreis, dem Schwabinger Kunstpreis und dem Bodensee-Literaturpreis ausgezeichnet.
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1


Die Erdbeeren schwitzten. Ihre Oberfläche schimmerte schmierig feucht, und ihr helles Rot hatte sich bordeauxrot verfärbt. Schon um elf Uhr vormittags war es gewitterschwül gewesen bei dreißig Grad. Die Kellner schlichen über die fast leeren Caféterrassen, die frischen Topfblumen vor den Ladeflächen der Lieferwagen welkten, die Bettler bettelten nicht, die Erdnusshändler schrien nicht, die Hausfrauen schlurften schweigend nach Hause und die Buchverkäufer an der Seine schliefen auf ihren Klappstühlen. Ein Frühlingstag in Paris, der vorletzte Tag im Mai, an dem nichts war wie an einem Frühlingstag im Mai in Paris.

Als A. an diesem Dienstagnachmittag kurz nach zwei zur Metro hinabtauchte, den Spankorb mit den Erdbeeren in der linken Hand, dankbar für die Kühle, taumelte sie im Dunkel kurz.

Bin ich denn schon tot, dass ich unter die Erde muss?, hatte ihre Schwiegermutter sie gefragt, als A. ihr die Metro zeigen wollte, für die Schwiegermutter etwas Fremdes. Sie hatte sich geweigert, nur eine Stufe abwärtszugehen. Vierzig war die damals gewesen, klein und ehrfurchtgebietend. A. war jetzt siebenunddreißig und auf dem Weg zum Friedhof weit draußen in Thiais, kurz vor Orly. Auf dem Plan sah die Linie 7 aus wie ein gerader Strich Richtung Süden, als ginge es von dort schnurstracks weiter bis Marseille. Endstation, sagte die Frau von der Metro, fahren Sie einfach bis zur Endstation an der Porte d’Ivry. Von dort sind es mit der Straßenbahn und dann zu Fuß noch fünfzig Minuten. Nehmen Sie etwas mit für den Sitz, Arbeiterviertel, Sie wissen schon.

Endstation. Er hatte es mit diesem Zucken in den Mundwinkeln gesagt, dass er an einer Endstation zur Welt gekommen und aufgewachsen war, der letzten Station des Habsburger Reiches vor der russischen Grenze, ein Abseits. Vielleicht gefiel ihm das, weil er in der Mitte der Mitte Europas gelandet war, selbst Mittelpunkt einer Kopfelite, die sich um ihn drängte.

Hier draußen, wo die Banlieues an Felder grenzten, hätte die Luft leichter sein müssen. Sie drückte genauso wie in der Stadtmitte. Zwei Eingangstore in der Friedhofsmauer, nah beieinander, gleich streng, gleich grau. Sie nahm das rechte. Es war das falsche.

Am linken saß der Aufseher. Rodd, Schoseff, Rodd, wiederholte er und fuhr mit dem Finger seine Liste abwärts. Division 7.

Jüdische Abteilung?, fragte A.

Nein, katholische.

Sein Telefon klingelte. Warten Sie, ich habe eine Kundin, sagte er und legte den Hörer auf den Tisch. Kundin – färbte der Tod auf einen ab, wenn der Tote mit einem verwachsen war?

Geradeaus, sogar lang geradeaus, mindestens zehn Minuten, dann die siebte links, die erste rechts, dann wieder links, am Ende liegt es, ein Reihengrab, daneben ist alles noch leer.

Klang wie ein Angebot. An die Kundin.

Der Aufseher schielte auf den Erdbeerkorb, sagte aber nichts.

Sie wusste, dass der Cimetière de Thiais der zweitgrößte Friedhof war, den Paris verwaltete, und der jüngste, erst zehn Jahre alt, dass er an freies Land grenzte, also bisher nur ein Stück ummauerte Natur war. A. hielt die Hand über die Augen. Vor ihr gähnte eine Einöde aus Stein, bewohnt von ein paar weinenden Madonnen, Engeln, Christussen an weißen Kreuzen, grün war kaum etwas. Nur Grasnarben hatten Chancen zwischen den Grabplatten; doch entlang des Hauptwegs, eher eine Hauptstraße, standen Kastanien. Ihn hätte das an die Alleen im Prater erinnert. Je näher sie dem Grab kam, umso trostloser wurde es. Unkraut wucherte über die freien Plätze, auf den wenigen Gräbern dorrten alte Kränze vor sich hin, die getretenen Wege waren rissig. A. war früh dran. A., so hatte Joseph sie in seinen Notizbüchern oder Tagesnotizen genannt. In seinen Briefen war sie Frau Manga Bell, selbst wenn die Briefe an Freunde gerichtet waren, die sie gut kannten. Seine Ehefrau, die vor mehr als zehn Jahren lebend aus seinem Dasein verschwunden war und die kurze Liebe, eher eine Affäre, direkt danach, wurden immer bei ihren Vornamen genannt, Friedl und Sybil, nur sie nicht, dabei war er mit keiner Frau länger und enger zusammen gewesen, von der Mutter abgesehen.

Dort, wo die frisch ausgehobene Erde dampfte, standen nur ein paar junge Männer in weißen Reithosen, hohen Stiefeln, mit Tellermützen, strammen Jacken, die blanken Degen an der Seite, schräg über der Brust die schwarz-gelbe Schärpe. Ihre Gesichter waren eingefroren, trotz der dreißig Grad. Sie nahmen A. nicht wahr, eine, die so aussah wie sie, hatte nichts zu suchen am Grab eines Monarchisten. A. ging ein paar Meter weiter, als gehörte sie nicht dazu.

War die Eisenbahnüberführung, die das Gelände hier hinten durchschnitt, gebaut worden, bevor es Friedhof wurde oder erst danach? Ein Friedhof, auf dem auch Juden und Muslime bestattet wurden, brauchte keine Rücksichtnahme; es hieß, dort sollten sogar Clochards und andere namenlose Tote einen Platz finden.

Irgendeine Glocke schepperte vier Uhr, kurz danach hörte A. die anderen kommen. Offenbar hatten sie sich vor dem Eingangstor getroffen, der innerste Kreis jedenfalls, aber zu dem gehörte sie seit bald drei Jahren nicht mehr. Wer hatte den Sarg hier herausschaffen lassen? Von keinem der Intimen, die sich Taxis so weit hinaus leisten konnten oder Autos besaßen, war sie gefragt worden: Können wir Sie mitnehmen?

Vorneweg gingen zwei katholische Geistliche, vermutlich die beiden, die ihn seit Jahren hatten taufen wollen, einer, das wusste sie, war konvertierter Jude. Direkt dahinter schleppte sich Frau Zweig trauerschwer, als wäre sie die Witwe, rechts und links von ihr Josephs Nachbarn auf der Etage, Soma Morgenstern und Stefan Fischbein, der sich Fingal nannte, beide Juden. Mit Soma hatte A. im Deux Magots Witze gerissen über Josephs Besuche in der katholischen Sonntagsmesse. Wann er zurückkommt? Wenn der Messwein ausgetrunken ist. Friderike Zweig war übergetreten und wie Konvertierte oft katholischer als die echten Katholiken. Sie hatte offenbar über Soma und Fingal gesiegt. Hatte sie mehr gezahlt für die Beerdigung? Viel konnte es nicht gewesen sein, Thiais, das hatte A. vom Milchmann erfahren, war der billigste aller Friedhöfe. Wenig, das wusste sie aus eigener Erfahrung war für einen, der wie Fingal von der Hand in den Mund lebte, auch noch zu viel.

Von ihrem Platz aus konnte A. nur erahnen, wie viele hinter dem Sarg herschlichen, ein schwarzes Reptil, dessen Schwanz sich noch irgendwo in der Allee bewegte. Es wurde Zeit, näher ans Grab zu gehen, die Plätze mit guter Sicht waren begehrt. Soma hatte A. erspäht und zog sie ganz nach vorn, zwischen eine große dünne und eine kleine stämmige Frau.

Der Sarg war aus hellem Holz, golden verziert. Arg kurz kam er A. vor, wie für einen Halbwüchsigen, so klein war Joseph doch nicht gewesen. Beide Geistliche standen im weißen Messgewand am Rand der Grube, einer spritzte Weihwasser auf den Sarg. Wie ging es weiter? Als Protestantin kannte A. die katholischen Riten nicht. Ganz hinten erhob sich ein Jammern, jiddisches Jammern, es kam von dort, wo einige Männer mit Kippas oder Hüten und langen Bärten standen und andere, die nicht wollten, dass man ihnen die Zwangsvornamen Sara oder Israel im deutschen Pass ansah. Der andere im weißen Messgewand fing an, ein Gebet zu sprechen mit der künstlich hohen Stimme, die Fremdenführer sich angewöhnen, um durchzudringen. A. hörte, wie hinten einige nach einem Rebbe riefen. Es war kein Rabbiner da, der dem Geistlichen ins Wort gefallen wäre, aber es gab die Eisenbahn. Ein Güterzug ratterte dröhnend und pfeifend vorüber, der Mund des Geistlichen bewegte sich lautlos und der Zug ratterte dröhnend und pfeifend weiter; bis der letzte Wagen verhallt war, hatte der Geistliche den Mund wieder zugemacht.

Reden haben sie verboten, unverschämt, zischte ein Besucher neben A., der ein Monokel trug, machte einen Schritt auf Friderike Zweig zu und überreichte ihr einen Kranz mit schwarz-gelber Schleife. Otto stand drauf. Dann nahm er die Schaufel, hielt sie so hoch wie möglich und ließ eine Scholle auf dem Sarg bersten. Dem treuen Kämpfer der Monarchie im Namen seiner Majestät, Otto von Österreich, deklamierte er. Die mit den eingefrorenen Gesichtern traten im Gleichschritt an den Rand der Grube, salutierten, sagten dasselbe wie der mit dem Monokel und platzierten rechts, weit rechts einen wagenradgroßen Kranz mit schwarz-gelber Schleife. A.s Blick fiel auf die drei, nein, vier in Straßenanzügen mit Wut auf den Stirnen, den Dunkelgelockten kannte sie, viele kannten ihn, Egon Erwin Kisch war als Reporter ein Star und als Kommunist international aktiv. Er drängte sich vor und schrie: Im Namen deiner Kollegen vom Schutzverband deutscher Schriftsteller. Knallte seine Scholle auf den Sarg und schmiss einen Strauß roter Nelken hinterher.

Verlegen schwiegen jetzt alle, ein paar Männer mit Hut oder Kippa nutzten die Chance, schlängelten sich durch bis zum Grab und fingen an, flüsternd zu beten, während sich die Monarchisten und Kommunisten über das Grab hinweg anstarrten, feindliche Fronten und zwischendrin in ewigem Frieden der Tote.

Die große Dünne neben A. kicherte, die kleine Stämmige schwieg. A. wankte, als bebe die Erde. Endstation, sagte sie, Endstation, Liebster, warf den Korb mit den Erdbeeren in die Grube und verlor das Gleichgewicht. Die beiden Frauen umklammerten ihre Oberarme. Wir bringen sie besser nach hinten, sagte Soma Morgenstern.

Da stand sie allein, sah nicht mehr zu, wer was ins Grab warf, und ließ endlich alle an sich vorbeiziehen, die Menschen in Kutten und in teils speckig gewordenem schwarzem Festtagsgewand, die in Soutanen, die mit Orden an der Brust und die im...


Singer, Lea
Lea Singer, 1960 in München geboren, studierte Kunstgeschichte, Gesang, Musik- und Literaturwissenschaft. Mit ihren Romanen über historische Persönlichkeiten ist die promovierte Kunsthistorikerin ebenso erfolgreich wie mit ihren Sachbüchern, die sie als Eva Gesine Baur schreibt. Sie lebt in München und wurde mit dem Hannelore-Greve-Literaturpreis, dem Schwabinger Kunstpreis und dem Bodensee-Literaturpreis ausgezeichnet.



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