E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Singer Der Opernheld
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-455-81008-0
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-455-81008-0
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wenn die Liebe zur italienischen Oper so mächtig wird, dass nichts anderes mehr in deinem Kopf Platz hat, dann musst du dieser Liebe folgen. Moritz Redder hat sich entschieden: Sein Leben gehört der Oper.
Moritz Redder, erfolgreicher Jurist, führt ein geordnetes Dasein und kennt keine Unwägbarkeiten. Als aber durch eine Erbschaft die Musik Einzug in sein Leben hält, verändert sich alles. Die italienische Oper erobert ihn im Sturm: zuerst sein Herz und dann seinen Verstand. Sie erweckt ihn zum Leben und lässt ihn an die besungenen Ideale glauben - bedingungslose Liebe, lodernde Leidenschaft, Heldenmut. Moritz Redder verliert keine Zeit: Er reist nach Italien und nennt sich fortan Maurizio Salvatore. Die Liebe zur Oper und zu den Sängerinnen wird zur Obsession. Der Magie der Oper verfallen, verliert er sich selbst immer mehr und findet doch zuletzt ein Glück, das er eigentlich gar nicht suchte.
"Lea Singer versteht es, aus ihren Recherchen Honig zu saugen." NDR
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Rom
März 2010 Es gibt ein Geheimnis, das mehr beglückt als alle anderen: zu wissen, dass diejenigen, die einen für verrückt halten, arme Irre sind. Sie erkennen den Erleuchteten nicht. Sie ahnen nicht, was er ihnen voraushat. Helligkeit am dunkelsten Ort, ungeachtet jeder Demütigung, und Freiheit, selbst in der Zwangsjacke; vor allem aber Dankbarkeit dafür, der Erleuchtung teilhaftig geworden zu sein. Dieses Glück konnte Maurizio Salvatore keiner mehr nehmen. Geboren als Moritz Redder in einer süddeutschen Mittelstadt am 3. November 1971, einhundertsiebzig Jahre nach Bellini, ziemlich genau auf demselben Längengrad wie Verdi, war er entschlossen, am 24. November 2024, hundert Jahre nach Puccini, zu sterben. Ein relativ früher Tod für die Maßstäbe der westlichen Welt des 21. Jahrhunderts, aber die Vorstellung eines späten, womöglich sanften Todes schmeckte ihm schal. Dumm war dieser Wunsch, im Schlaf zu sterben und den Höhepunkt des Lebens zu versäumen, vor dem sich die meisten fürchteten, anstatt ihn zu einem grandiosen Finale zu gestalten. Maurizio bedachte bereits genau die Umstände seiner letzten Szene und des endgültigen Abtritts von der Bühne. Musik und Beleuchtung konnte er programmieren, doch die Todesart, sollte er sich nicht für den Freitod entscheiden, lag nicht allein in seiner Hand. Ein Trinker konnte sich andante, presto oder prestissimo zu Tode trinken, ein solches Ende aber passte in keine Oper, höchstens in eine, die Salvatore nicht als solche bezeichnet hätte. Bellini war, was den letzten Akt seines Daseins anging, vorbildlich gewesen. Ein Mann der Oper bis zum Tod und über ihn hinaus. Umraunt war sein frühes Ableben mit dreiunddreißig, Mord schien wahrscheinlich. Als Mörder waren Hunderte in Frage gekommen: Ehemänner, Verlobte, Liebhaber, von ihren Frauen, Bräuten, Freundinnen mit Bellini hintergangen, im Bett, hinter den Gardinen der Logen, auf den Chaiselongues irgendwelcher Hotels zwischen Palermo und Paris, vielleicht auch nur im Kopf. So zu sterben setzte freilich eine Karriere als Verführer voraus, und an der gebrach es Maurizio mit über achtunddreißig Jahren noch immer. Maurizio Salvatore war guter Stimmung, was außer ihm in dieser Situation kaum einer gewesen wäre. Ein Mann seines Alters und seiner Ansprüche schlief ungern in einem Zimmer mit Männern eingesperrt, die ihn als das behandelten, was er war, ein Fremder. Ein Mann, der vor ein paar Jahren seinen ersten Achtzylinder abbezahlt hatte und die Eigentumswohnung zur Hälfte, war es nicht gewohnt, die Dusche mit so vielen zu teilen, dass er meist kein heißes Wasser mehr abkriegte. Die anderen Männer hier tuschelten über ihn und mieden es, ihm nahe zu kommen. Sie verließen die Dusche oder blieben ihr fern, wenn er sie betrat. Vielleicht ahnten sie, schon weil er fast immer lächelte, dass er über irgendein verborgenes Vermögen verfügte, und waren verärgert, nichts Näheres darüber herausfinden zu können. Vielleicht fürchteten sie sich auch vor ihm. Es war durchaus möglich, dass sie erfahren hatten, warum er hier gelandet war. Die Vorstellung, gefürchtet zu werden, behagte Salvatore und tröstete ihn über sein Äußeres hinweg: Die Haut blass, die Brauen aschblond, die Wimpern beige, auch das gekrauste Haupthaar beige. Einer aus der Schule hatte gesagt, es schaue aus wie das Haar an seinen Eiern. Den Entschluss, es schwarz zu färben, bereute Salvatore nicht, aber dass es nun am Ansatz beige herauswuchs, war ihm peinlich. Brusthaar besaß er gar keines. Die Augen waren von undefinierbarer Farbe, bräunlich wäre wohl alles, was einem Menschen dazu eingefallen wäre, der sie für einen Steckbrief beschreiben sollte. Der Schulfreund hatte sie als bierfarben bezeichnet. Die Iris des rechten Auges war trüb. Vor sich selbst gab Salvatore zu, dass er von Kopf bis Fuß harmlos aussah. Gähnte ihn sein Wesen aus dem Spiegel über dem Waschbecken an, schnitt er sein gefährliches Gesicht, zog die Brauen zusammen, schob das Kinn vor und ließ den Blick funkeln, bedrohlich natürlich. An dem Tag, an dem geschah, was er befürchtet hatte, roch es wie immer, seit er sich hier gezwungenermaßen aufhielt, nämlich seit Ende Februar 2010. Es roch nach der Feuchtigkeit in der Mauer, dem Bodenputzmittel, das er aus diesen langen, dunklen generi-misti-Läden mit Chenillekordeln in der offenen Tür kannte, und nach Ammoniak; nur mittags legte sich der Duft von Knoblauch über alles, oft vermischt mit dem gekochter Tomaten. Welchem Umstand die Ammoniaknote zu verdanken war, wusste Maurizio. Die Toiletten im Hause befanden sich in einem beklagenswerten Zustand. Er beklagte ihn nicht. Dorthin auszutreten hieß eine Rückreise anzutreten, mehr als dreißig Jahre zurück, hieß, sich mit Kletten an den Strümpfen im Bauernhaus der rumänischen Urgroßmutter durch den dunklen Gang zum Plumpsklo zu tasten, dort im beißenden Gestank über der Verwesung zu thronen, die Leben gären ließ, über den Dämonen im Abgrund, die nach seinem nackten Hintern griffen, schaudernd diese Prüfung zu überstehen und dann wieder in den Sommertag zurückzukehren, der tat, als wäre nichts geschehen. Bemitleidenswert nur diejenigen, die keine Reisen dieser Art kannten, Exkursionen auf die Gipfel, in die Täler der Erregung, organisiert und finanziert von nichts als der Phantasie. Salvatore erinnerte sich genau an die Jahre, Jahrzehnte, in denen er zu den Armen gehört hatte. Als Kind hatte er wie jeder über Einbildungskräfte verfügt, die ihn überall hintrugen. Dann aber war es ihm ergangen wie Millionen anderer, früher oder später. Hatten die Eltern oder die Grundschullehrer das Einbildungskraftwerk nicht zerstört, dann übernahmen das später Ausbilder, Geistliche irgendeiner Sorte, Vorgesetzte, Karriereberater, Anlageberater, oft auch sogenannte Lebenspartner, alle mit demselben Argument, egal ob sie es Realismus oder Pragmatismus nannten oder behaupteten, Phantasterei sei eine Art von Lüge, ein Versuch, sich der Wirklichkeit und damit der Verantwortlichkeit zu entziehen; eine sichere Voraussetzung dafür, zu scheitern. In seinem Fall hatten bereits der Vater und die erste Klassenlehrerin ihre Energien gebündelt, ihm seine Phantasien auszutreiben. Ihm, einem Kind, das seine Wunde am Knie damit erklärte, es habe einem ausgehungerten Fuchs erlaubt, sich ein Stück von ihm abzubeißen, das erzählte, nachts habe ihn eine Königin mit Haaren aus echtem Gold besucht, das behauptete, seinen Rucksack auf dem Heimweg von der Schule einem Waisenmädchen geschenkt zu haben. Maurizio erinnerte sich genau an den Abend, als er noch einmal aus dem Bett gestiegen war, um im Badezimmer aus dem Wasserhahn zu trinken, und seinen Vater hörte, wie er auf die Mutter einredete. Der Junge werde im Gefängnis enden, sagte er, wenn er nicht, mit welchen Maßnahmen auch immer, zur Vernunft gebracht werde. Zurück im Bett hatte Moritz den Drachen und die schwarze Fee, die im Furnier seines Kleiderschrankes lebten, gefragt, was Vernunft eigentlich sei. Sie hatten gesagt, das sei eine Erfindung von Erwachsenen. Anfangs hatte er sich im Stillen Krankheiten überlegt, die für seine Lehrerin in Frage kämen, wenn sie ihm erneut vor den anderen erklärte, seine Phantasiegeburten seien Teufelswerk und Zeichen eines verdorbenen Charakters. Auf Dauer aber waren die Exorzisten erfolgreich gewesen. Moritz Redder war geworden, was er werden sollte. Ein Abiturient wie jeder andere, der mit zehn Fingern seinen Laptop bediente und konsequent jedes Innehalten vermied, in dem vielleicht wieder die Dämonen aufgestiegen wären, ein Student wie jeder andere, der nicht Erfahrungen, sondern Punkte sammelte, ein Absolvent wie jeder andere, der mit perfektem Business-Englisch vergessen ließ, dass er nichts zu sagen hatte. Gerade dreißig Jahre alt, war er bereits einer dieser Männer, mit denen für alles Mittelmäßige geworben werden kann: für eine Krankenversicherung, einen umweltfreundlichen Mittelklassewagen, eine neue Software oder einen Vitamindrink. Seine Innenwelt war übersichtlich, ausgeleuchtet und bis in den hintersten Winkel steril. Das wusste Maurizio Salvatore jedoch erst seit seiner Erleuchtung. Davor war es ihm keineswegs so erschienen. Es hatte in seinem Leben keine Fragezeichen gegeben, und er hatte nichts vermisst, weil er gar nicht wusste, was er hätte vermissen können. Er hatte über das gesamte Instrumentarium verfügt, um überall und jederzeit seinen Adrenalinspiegel hochzujagen. Was waren Emotionen denn sonst schon? Wer dafür zahlte, konnte sie sich von jedem Bildschirm holen. Wie Milliarden anderer auf dem Planeten wusste er Knöpfe, Tasten und Displays routiniert zu bedienen und bekam frei Haus geliefert, was als Phantasieersatz, zuweilen unter der Bezeichnung Fantasy, auf dem Markt war. Wenn Maurizio Salvatore diesen Moritz Redder vor sich sah, der er einmal gewesen war, lachte er. Auch an diesem Tag im Frühling lachte er. Die Ärztin, die im Flur vorbeiging, sah herein und schüttelte mit Betschwester-miene den Kopf. Er kannte das und lachte leise weiter. Es war ein Götterfunken gewesen, der in ihm die Erleuchtung ausgelöst hatte. Ein Götterfunken, wie ihn jeder Erlöser verhieß, der auf dem Planeten Seelen kaufte, ob er einer Kirche oder Sekte angehörte, die Rettung mit Mitteln der Technik, der Wissenschaft, der Diätetik oder der Esoterik verhieß. Maurizio wusste aber, dass der Funke nur von einem Gestirn kommen konnte, einem einzigen Gestirn, das über allen stand, Lichtjahre entfernt von den Seelenkäufern, trotzdem für jeden da, der es wahrzunehmen vermochte. Er hatte aufgehört, anderen davon zu erzählen. Sie verstanden ihn nicht. Er hatte eingesehen, dass seine Religion zu kostbar war, um mit missionarischem Eifer besudelt zu werden. Erlöse...




