E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Sinclair Die Ballerina von Paris
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-8412-1698-4
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-8412-1698-4
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Tänzerin am Ufer der Seine.
Seit dem Tod ihres Verlobten ist Lily das erste Mal wieder in Paris. Hier lernt sie den Komponisten Yves kennen, der an einem Stück über eine russische Tänzerin arbeitet. Yves ist fasziniert von der verletzlichen Lily und hofft auf Inspiration - schließlich war sie selbst einmal eine gefeierte Ballerina. Zunächst weigert sich Lily, denn seit dem Tod ihres Verlobten hat sie nie wieder getanzt. Als sie jedoch eine ungeahnte Verbindung zu der russischen Ballerina Viktoria Budian entdeckt, die 1917 in Paris lebte, steht sie vor der Frage: Kann man die Leidenschaft seines Lebens einfach aufgeben?
Alli Sinclair verbrachte lange Zeit in Nepal, Argentinien und Peru. Ihre große Leidenschaft ist das Tanzen. Für ihre Bücher wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Bei Rütten & Loening ist ihr Buch 'Die spanische Tänzerin' lieferbar.
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Kapitel 1
Lily legte ein Bein auf die Balkonbrüstung, beugte sich langsam vor und dehnte ihre Muskeln. Ihr Blick wanderte über den Boulevard Saint-Germain zu ihren Füßen. Der Duft von Kaffee und frischgebackenem Brot stieg ihr in die Nase, und ihr Magen begann zu knurren. Unten in den Bäumen raschelte eine leichte Brise und ließ das Laub im Sonnenlicht flimmern. Auf dem Boulevard besuchten Einheimische und Touristen die kleinen Boutiquen, betraten Buchläden oder ließen sich in einem der zahlreichen Cafés zu einer ausgedehnten Mittagspause nieder.
Lily spürte, wie gut ihr die warme Herbstsonne tat. Sie krümmte ihre Zehen und spreizte sie wieder, konzentrierte sich auf jeden Muskel. Dann wiederholte sie die Übungen mit dem anderen Bein. Anschließend nahm sie die erste Position ein und ging mit den Armen alle Positionen durch, von der ersten bis zur fünften.
Zwar widerstrebte es ihr, die Schmerzen in ihrem Rücken mit ihren geliebten Ballettübungen in Schach zu halten, doch es war nicht zu leugnen, dass die Bewegungen, die sie fast ihr Leben lang durchexerziert hatte, enorm hilfreich waren. Es blieb ihr auch nichts anderes übrig, denn seit ihrer Ankunft in Paris hatte sie feststellen müssen, dass es ihr körperlich – und seelisch – doch noch nicht wieder so gutging, wie sie angenommen hatte.
Sie beendete ihre Übungen, stützte die Ellbogen auf die Balkonbrüstung und betrachtete das Stadtviertel unter ihr. Ganze Lichtjahre schien Paris von dem kleinen Rutherford Creek in Australien entfernt, wo sie einen großen Teil ihres Lebens verbracht hatte. Eigentlich war es unfassbar, dass ein Mädchen wie sie, das außer Rutherford Creek nicht viel gekannt, den Kopf aber voller Flausen gehabt hatte, vom berühmten Australian Ballet in Melbourne angenommen worden war. Noch erstaunlicher war ihre nächste Station gewesen, ein Engagement bei einer der angesehensten Tanzkompanien Europas, der Bohème Ballet Company von Paris. Als man in ihrer Heimat von diesem Angebot aus Paris erfuhr, war sie von Zeitungsreportern interviewt worden. Doch seit dem Unfall weigerte sie sich, mit Reportern zu sprechen. Trotzdem riefen sie weiter an, in der Hoffnung, irgendwann würde sie sich vielleicht doch noch über den Abend des Unfalls äußern.
Mit einem Seufzer stieß sie sich von der Brüstung ab. Es hatte sie große Überwindung gekostet, erneut ein Flugzeug nach Paris zu besteigen. Deshalb wäre es unsinnig, sich nun in einem gemieteten Apartment zu verstecken. Es würde sie auch nicht zum Ziel ihrer Reise führen. Zwar wäre sie überall lieber als in der Stadt, in der ihr Leben zerstört worden war, aber sie hatte keine andere Wahl. Man musste sich seinen Dämonen stellen. Verkrochen hatte sie sich lange genug. Und dabei hatte ihr einmal die Welt zu Füßen gelegen.
Lily kehrte in ihr Zimmer zurück, steckte den Fotoapparat in ihren Rucksack und verließ das Haus. Sie wollte das weiche Licht des Herbsttags nutzen und im Jardin Marco Polo fotografieren.
Im Park angekommen, blieb sie bei dem monumentalen Springbrunnen stehen und betrachtete die vier spärlich bekleideten Frauenfiguren aus Bronze, die eine riesige Himmelssphäre mit einer Erdkugel darin hochstemmten. Ihre Gesichter verrieten die Anstrengung, die es sie kostete. Es war eine phantastische Skulptur, der Bildhauer musste ein Genie gewesen sein.
Lily fotografierte den Brunnen aus mehreren Blickwinkeln und wählte ihre Bildausschnitte lange und mit Bedacht, nur um noch ein wenig Zeit zu schinden. Sie wünschte, das Kraftvolle, das von den Brunnenfiguren ausging, würde auf sie abfärben; denn hier in Paris schien ihr Leid erneut übermächtig zu werden. Jede Ecke erinnerte sie an Aiden, immer wieder sah sie die Bilder des Unfalls vor sich – und ihre Schwester, die sie hätte trösten können, wollte nichts mehr von ihr wissen.
Sie ging die Fotos auf dem kleinen Display der Kamera durch und war zufrieden. Seit sie das Ballett aufgegeben hatte, half ihr die Fotografie, mit den langen unausgefüllten Tagen fertigzuwerden. Zudem gab sie ihr das Gefühl, etwas kontrollieren zu können, wohingegen alles andere in ihrem Leben zunehmend aus den Fugen geriet. Wenn ihr ein Blickwinkel nicht gefiel oder ein Motiv unscharf geworden war, konnte sie das Bild löschen und neu aufnehmen. Das Leben ließ sich nicht so einfach korrigieren. Und doch würde sie es versuchen. Sie würde noch einmal zu ihrer Schwester gehen – die ihr wahrscheinlich die Tür vor der Nase zuschlagen würde. Wieder einmal.
Lily fotografierte weiter. Endlich einmal hatte sie andere Motive als die rote Erde und die bewaldeten Hügel rund um Rutherford Creek.
Wie oft hatte ihre Mutter sie gedrängt, wieder in die Welt hinauszugehen und auf eigenen Füßen zu stehen. Lily fand, dass sie zu hart mit ihr war, auch wenn sie vielleicht recht hatte. Welche Mutter wollte schon zusehen, wie sich ihre ehemals erfolgreiche neunundzwanzigjährige Tochter in einem kleinen australischen Nest verkroch?
Lily schloss die Augen, hielt ihr Gesicht in die Sonne und atmete tief ein und aus. Sie musste ruhiger werden, sich sammeln und auf die Begegnung mit Natalie vorbereiten.
Um sich noch eine Weile vor der Abfuhr zu drücken, die ihre Schwester ihr wieder erteilen würde, konzentrierte sie sich auf die Farben des herbstlichen Parks. Die letzten gelben, roten und bronzefarbenen Blätter klammerten sich an die Zweige der Bäume und wurden von der nächsten Brise zu Boden geweht. Dieser ruhige gepflegte Fleck inmitten der hohen Pariser Gebäude war ganz anders als der verwilderte Park zu Hause in Rutherford Creek, und doch konnte Lily sich vorstellen, wie sie und Natalie hier als Kinder glücklich lachend durch das bunte Herbstlaub gewatet wären, beide noch unbefangen in der Unschuld ihrer jungen Jahre. Aber diese Zeit war lange vorbei und würde auch nicht wiederkehren, ganz gleich, wie sehr sie sich das wünschen mochte.
Lily verjagte ihre wehmütigen Gedanken. Sie betrachtete die kleinen Gruppen Jugendlicher, die auf dem Weg über die breiten Kieswege auf ihren Handys tippten, die älteren Paare, die Arm in Arm spazierten, die Mütter mit kleinen Kindern. Jeder war in Bewegung, mit Ausnahme des Mannes, der nicht weit entfernt allein auf einer Parkbank saß.
Er machte Lily neugierig. Sein olivfarbener Teint bot einen hübschen Kontrast zum milden Licht des Tages, und sein brünettes, schulterlanges Haar sah aus, als wäre er mit den Fingern durchgefahren. Doch vor allem fiel ihr auf, dass er in die Ferne starrte, mit einem Stift in der Hand und einem Notizblock auf den Knien. Er wirkte so fokussiert, als hinge einiges von dem ab, was er gerade tat. Oder vielmehr nicht tat.
Es juckte Lily in den Fingern, diesen gutaussehenden Mann mit seinem starren Blick zu fotografieren, doch sie wollte ihn nicht stören oder gar verärgern. Obwohl er nicht den Eindruck machte, dass ihn die Blicke anderer Leute interessierten.
Ein arroganter Mann, dachte Lily und schalt sich sofort für den Gedanken. Jahrelang hatte man sie nur aufgrund ihres Aussehens und ihrer Bewegungen beurteilt, und nun tat sie das Gleiche bei diesem Fremden. Schuldbewusst wollte sie sich abwenden, doch in dem Moment drehte er den Kopf zu ihr um. Ihre Blicke trafen sich, seine Miene blieb ausdruckslos.
Auf der anderen Seite des Wegs stand eine freie Bank im Schatten eines Baums. Lily ließ sich darauf nieder und wühlte eine Flasche Wasser aus ihrem vollgepackten Rucksack hervor. Sie nahm einen Schluck und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den großen Springbrunnen. Die Skulpturen waren ein Meisterwerk, nicht nur die Frauenfiguren, sondern auch die gewaltigen Bronzepferde, die sich mit den Vorderbeinen aus dem Wasser erhoben. Die Körper der Tiere waren so detailgetreu, wirkten so lebensecht, dass man glauben konnte, gleich würden sie über die Einfassung des Brunnenbeckens springen.
Der attraktive Mann mit den verwuschelten Haaren hatte sich über seinen Block gebeugt und wie ein Wilder zu schreiben begonnen. Das, was ihn blockiert hatte, war offenbar verschwunden. Dann und wann sah er Lily an, wieder mit unbewegter Miene, ehe er sich erneut seiner Eingebung überließ und sein Stift wieder über das Papier flog. Am liebsten hätte sie ihn gefragt, was er Wichtiges schreibe, doch dazu fehlte ihr der Mut.
Lily stand auf. Die Sonne war hinter einer Wolkenbank verschwunden, die langsam einen verdächtigen Stich ins Gräuliche bekam. Fröstelnd packte sie ihren Fotoapparat ein. Sie musste sich zum Théâtre du Châtelet aufmachen, wo Natalie mit der Bohème Ballet Company probte – derselben Tanzkompanie, der Aiden und sie selbst einmal angehört hatten. Sie nahm ihren Rucksack auf den Rücken und warf dem Mann auf der anderen Bank einen letzten Blick zu. Er kaute beim Schreiben an seiner Lippe, und Lily wunderte sich, dass er noch keinen Krampf in der Hand bekommen hatte.
Reiß dich zusammen, Lily, du hast jetzt lange genug getrödelt.
Nach einem tiefen Atemzug durchquerte sie den Park und lief über den Boulevard Saint-Michel zur Seine. In der Mitte des Pont au Change blieb sie noch einmal stehen und stützte sich auf das Geländer.
Am Ufer erhob sich die jahrhundertealte Conciergerie. Dunkle Wolken zogen über die grauen Türme hinweg. Die Conciergerie war einmal ein Palast gewesen, den man während der Französischen Revolution zu einem Gefängnis umfunktioniert hatte, die letzte Station auf dem Weg zum Schafott. Die berühmteste Insassin war Marie Antoinette gewesen. Lily bezweifelte, dass die Königin Frankreichs sich ihr Leben so vorgestellt hatte, genau wie sie selbst sich nie...




