E-Book, Deutsch, 168 Seiten
Simon Mondkälber
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-99120-051-2
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 168 Seiten
ISBN: 978-3-99120-051-2
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
CORDULA SIMON wurde 1986 in Graz geboren, wo sie nach einem längeren Aufenthalt in Odessa (UKR) wieder lebt. Neben Studien zur deutschen und russischen Philologie sowie Gender Studies gehören Medienlinguistik, mediale Literarizität und Radikalisierungsprävention zu ihren wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkten. Sie ist Mitglied der GAV und leitet Workshops für die Jugend-Literatur-Werkstatt Graz. Für ihre Literatur wurde sie mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet.
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Der selbsternannte Mineraloge referierte über den Unterschied von gepresstem Stein, einerseits Korunde wie Saphire und Rubine und Ablagerungen wie Süßwasserschwämme, die mit ihren hohlen Kieselnadeln Erdschichten trennten und gepresst Feuerstein ergaben. Kein Feuerstein ohne Wasser, kein Feuerstein ohne Glasschwämme – wie kurios, dass man für Feuer Wasser brauchte. Für leuchtende Krebse wahre Kristallpaläste oder gar Grabkammern, wenn sie zu dick dafür werden. Dieses zauberhafte Bild der Krebse zerdonnerte er mit einem einzigen Wort: »Seuchenkörper.«
Ein einzelner Seuchenkörper könne eine derartige, versteinernde Veränderung des Bodens herbeiführen. In solchen Momenten dachte mein Körper jedoch die Gedanken deutlicher als mein Geist: Ich wischte die triefenden Hände an meiner Hose ab. Der bedauernswerte indische Junge, dachte ich. Das Wort »Seuchenkörper« ließ mich an ihn denken, vielleicht, weil er die Spinnenplage gebracht hatte.
Auch hätte jener Selbsternannte selbst allzu gerne gewusst, wie all dies in echten Farben ausgesehen hatte, denn er habe sogar begonnen, grünstichig zu sehen, durch das Rot der spektakulären und beeindruckenden Sonnenuntergänge. Wie Weintraub immer sagt, man sehe nur, was man erwarte, das Gehirn sagt rot, dann grün zu sehen, zeugt davon, dass mit dem Selbsternannten etwas falsch sein musste. [Diese letzte Einschätzung über den besagten Journalisten stammt nicht von Dr. Weintraub. Auch wenn klar ist, dass die Erwartung großen Einfluss hat: Wir sehen, was wir erwarten, weil wir bereits etwas gesehen haben. Der Verstand kann nur entscheiden, genauer hinzusehen, wenn unsere Erwartungshaltung nicht zu ausgeprägt ist. Anmerkung: Dr. Weintraub]
Von diesen Farben hatte er jedoch kaum erzählt, sondern nur davon, dass nachts sämtliche Tiere das Lager umkreisten und dass er hätte glauben können zu ersticken, hätten nicht die Todesschreie von Tieren davon gezeugt, dass der Sauerstoff zum Schreien wohl auch für den Schlaf ausreichen müsste. Dies brachte Emotschka zum Weinen. Gideon schwätzte so lange, dass ich zu dem Schluss kam, vom Standpunkt der Physik könne Sprache nicht von Lärm und Rauschen unterschieden werden. Vom Standpunkt meiner Seele aus auch nicht.
War Besuch da, schlief der Schatten oft regungslos in jenem Korb mit Heu, während Oskar den Platz auf Irinas Kleid zurückerobert hatte, auch wenn es nach dem anderen roch. An einem Abend schnitt sie den Saum ihres Kleides ab, um Oskar nicht zu wecken, erhob sich und komplimentierte Gideon, Birne und die immer noch heulende Emotschka zur Tür hinaus, zur Tür hinaus. Dann drehte sie sich zu uns um. Sie müsse uns etwas zeigen, sagte sie mit Grabesstimme.
Oskar, ignorant gegenüber all der Rücksicht, die man ihm erteilte, hopste auf das Parkett, pausierte, forschend, als sei er bereit, vor etwas zu flüchten. Ich streckte meine Hand aus, doch er blieb regungslos, blickte mich aus gelben Augen an. Doch sein Blick folgte in Wahrheit Irina, die vom Tischlein neben der Tür eine Statue ergriff – einen steinernen Oskar. Nicht, wie der Heimkehrer, abgemagert, sondern in voller Leibespracht, wie man ihn vor seinem Champagnerglas liegend vorgefunden hätte. Sie winkte mir mit einem Buch, das betitelt war mit Graue Magie, es ginge um die Wissenschaft hinter jenem, was uns magisch erscheine. Das Übernatürliche ähnelte uns nur zufällig und derartige Grimoires konnte man sich einfach nach Hause kommen lassen. Es gab keine Geheimnisse mehr auf der Welt, anders als in jener Zeit, als Bücher per Hand geschrieben wurden und rar und teuer waren. Da glaubte man ja auch, glauben zu müssen, was da geheimnisvollerweise stand, bloß weil es da stand. Sie sagte das mit immer feuchter werdenden Augen, glasig wie Vodka.
An einer Hand zog sie mich durch das Haus hinaus zur Terrassentür, und ich staunte, fragte mich, wie lange ich nicht mehr hierhergekommen war, wie überwuchert der Garten sich zeigte und trauerte um verlorene Zeit, während draußen laut etwas knatterte. Mochte es ein wild gewordenes Maschinengewehr oder dieses Motorrad sein, warum kann der Motorradfahrer sich nicht einfach totfahren? Und wenn ihm die Fliehkräfte die Augen aus dem Kopf drückten, bevor er den Tod spürte, er den Kopf am Bersten glauben müsste, wenn er sich überschlug, wenn nur Stille wäre. [Bei dem Knattern handelte es sich um ein Maschinengewehr. Anmerkung: Dr. Weintraub] Ich fluchte, während mir urwaldgleich scharfe Zweige ins Gesicht schlugen, und ich musste an das dunkle flämische Bild denken, das neben der Küchentür hing, auf dem ebensolche Zweige abgebildet waren, einer der Monde hatte nun auch ein blutig-rotes Gesicht aufgezogen.
Dann schwiegen die Kanonen auf der Straße draußen still, und befreit durch einen kurzen Blick auf den weiten Sternenhimmel wurde Irina ruhig. Sie hob einen Zweig hoch mit einer allerletzten Kirschblüte daran – konnte der Frühling schon wieder zu Ende sein? Hatte ich geschlafen? Sie hielt ihn vorsichtig in das Wasser unseres kleinen, stillen Teiches. [Der Wechsel zwischen nicht folgerichtigen Jahreszeiten ist bereits in vielen Gebieten des Kontinentes ein Problem. In Wetterberichten versuchte man neue Unterteilungen von Frühlings- und Spätlingswetter jeder einzelnen Jahreszeit, wie zum Beispiel Frühlingswinter und Spätlingsherbst, dafür hieß der Frühling nun Grauling und es gab Frühlingsgrauling und Spätlingsgrauling in den Wetteranmerkungen der Zeitungen, jedoch setzte sich diese Sprechweise nicht durch, nebenher der Sprachrat Kampfschriften dagegen verfasste, abgedruckt in der Weintraub Druckanstalt für akademische Schriften. Anmerkung: Dr. Weintraub]
»Es würde die Kunstwelt korrumpieren«, sagte sie mit einem Schlucken. Die neumondliche Gezeitenwucht habe den indischen Jungen angespült, behauptete sie, der zur versteinernden Bodenveränderung geführt hatte. Seuchenkörper, flüsterte ich in mich hinein.
Dann hielt sie mir den Zweig hin, auf dem zart, geradezu durchsichtig die letzten Kirschblüten aus Stein waren. Eine Mineralquelle, satt durchzogen mit Kieselsäure, die Blätter wie Zweige Molekül für Molekül, Atom für Atom in Stein verwandelt. Das ist, was mit unserem Oskar passiert war. Das Tier, das sich in den letzten Wochen von Irina liebkosen ließ, war nur ein impertinenter Scharlatan. Oskar war nicht einfach in den Teich gefallen, er war in den versteinernden Teich gefallen. Sie erzählte es wie ein Kind, das alles weiß, was es über die Welt zu wissen gibt. Oskar der Zweite, wie wir ihn fürderhin nannten, saß in der Terrassentür und wagte nicht näher zu kommen. Unser kleiner Schatten betrat den Garten seit seiner Schussverletzung ohnehin nicht mehr. Man konnte es sich nicht mehr ausdenken! Zwar stimmte ich ihr zu, dass der Junge dafür die Ursache war, aber mit dem Zweitmond hatte dies rein gar nichts zu tun. [Möglicherweise hat es mit dem Mond, nicht jedoch mit einem »Seuchenkörper« zu tun. Anmerkung: Dr. Weintraub]
Jevgenij nickte, kein Wort zu irgendwem, wies er uns an, schenkte mir dazu ein halbes Lächeln, ganz süffisant. Irina wedelte mit dem offensichtlich abnehmbaren Geweih des versteinerten Wolpertingers zur guten Nacht: In Zeiten des Krieges brauche man die Kunst umso mehr. Dabei war der Krieg noch gar nicht da. Dann brachte Irina ihre Kopfschmerzen und schmutzigen Füße ins Bett. Oskar der Zweite würde sich unter ihrer Bettdecke zusammenrollen. In den nächsten Tagen würden sämtliche Blüten erfrieren.
21 – Ein entflogenes Wort
Eines Abends, ich war bereits zu Bett gegangen, spürte ich, wie der Schlüssel meiner Zimmertür sich von selbst im Schloss drehte, der Bolzen glitt zurück, die Tür schwang sacht auf. Ich kroch mit kalten Füßen aus dem Bett. Auch alle anderen Türen im Haus waren aufgeschwungen. Ich dachte, nun sei das Gewitter endlich da, glaubte, meinen Kanari flattern zu hören, schob das Tuch über dem Käfig ein wenig zur Seite, und ein Windstoß warf ihn im Käfig hin und her, bis er auf dem Zeitungspapier am Boden aufschlug. Vorsichtig öffnete ich die Käfigtür und nahm ihn heraus.
Ich schlich, mein totes Vögelchen in Händen, die Treppe hinunter und sah durch die offene Tür Kommissar Schmetterling sitzen, oh, er könnte gleich den Mord an meinem Vögelchen aufklären. Er sprach mit Irina darüber, dass Mona ganz aufgelöst sei, eben eine echte Emotschka, denn ihre Mutter, die nur ich Frau Birne nannte, habe den Zeh ins Wasser unseres Gartenteichs gesteckt, und sie habe sie stützen müssen, als sie ihn herauszog, er war ganz aus Stein. Ich wunderte mich: Frau Birne war doch niemals in unserem Garten oder an unserem Teichlein gewesen.
Oskar der Zweite war gerade auf dem Weg nach draußen gewesen, als der Wind die Tür so laut zuschlug, dass Oskar der Zweite einen erschrockenen Hopser machte. Oskar der Zweite sprang, oder eher durchwanderte, all jene anmutigen Bewegungen, die einen Sprung vorgesehen hatten, rührte sich aber in Wahrheit keinen Millimeter, worauf ich über seinen Körper stolperte wie über den boshaft vorgestreckten Fuß des Schicksals. Er blickte dümmlich bis verwirrt und reagierte nicht darauf, sondern schlich auf Irina zu, damit ihm die Tür wieder geöffnet wurde, während ich auf dem Fußboden lag, sicher, dass mein Genick den Sturz auf die Holzdielen nicht verkraftet hatte.
Plötzlich sah ich Irina, leuchtend zwischen Bäumen, und nur in der Ferne war Dunkelheit, eine Wand, elektrische Lichter unter Laub, und sie schlang ihre Arme um ein Reh, liebkoste es hinter den Ohren, Oskar der Zweite warf ihnen einen verächtlichen Blick zu. Natürlich war mir klar, dass ich träumte. Die Hufe des Rehs klapperten auf dem Parkett und den Fliesen der Küche, und schließlich war alles...




