Simon | Luna Llena | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 187 Seiten

Simon Luna Llena


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-03762-995-6
Verlag: Bilgerverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 187 Seiten

ISBN: 978-3-03762-995-6
Verlag: Bilgerverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



«Luna Llena» ist eine liebevoll erzählte Geschichte über Menschlichkeit, Freundschaft und kleines Glück. Drama und gefühlvolle Burleske, in der sich ein Haufen unattraktiver, nicht verheirateter Individualistinnen und Individualisten zusammen-schliessen, um einen gemütskranken Bodybuilder vor der Selbstauflösung zu retten.

Christoph Simon wurde am 6. August 1972 in Langnau im Emmental geboren. Er besuchte das Gymnasium in Thun und die Jazz-Schule in Bern. In der Folge bereiste er Israel, Jordanien, Ägypten, Polen, Südamerika, London und New York. Heute lebt er in Bern. Neben zwei weiteren Romanen schrieb er einen Porsaband, und er tritt solo mit einem Bühnenprogramm vors Publikum. Dazu wurde er mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem »Salzburger Stier«.
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1


Rahel Königs Gelateria Luna Llena an der Scheibenstrasse waren sieben mal vier Meter Parkett, vollgestellt mit Holztischen, Stühlen, einem abgewetzten Sofa, der ägyptischen Palme beim Eingang, einem mexikanischen Kaktus beim Ausgang und einem türkisfarbenen Eiskasten, an dessen transparenter Kunststoffwand sich die Leute die Nasenspitze abfroren, wenn sie die Eissorten begutachteten. Neben dem Eiskasten stützten sich Gewohnheitstrinker auf die Bar, schoben halbleere Biergläser von der einen in die andere Hand und suchten ein Gespräch mit Rahel König, wer’s schafft zehn Franken. Wieder andere untersuchten den Zigarettenautomaten im Flur auf liegengebliebenes Rückgeld oder tappten die enge Treppe hinunter in den Keller zu Rahels Bruder, Kurt König, der hier Eis produzierte und lauthals «Da muss ich protestieren!» rief, wenn unhygienisches Volk ihm beim Austüfteln eines neuen Rezepts Gesellschaft leisten wollte. Neben biologischem Erstklasse-Speiseeis gab’s im Luna Llena Focaccias, Salatteller, Kleinigkeiten aus der Konditorei und Alkohol, das ganze Sortiment. Die Gelateria war keine Goldmine, aber immerhin rentabel, und die Qualität des Angebots war etwas, auf das die Königs stolz sein konnten.

Jeden Morgen hinkte Rahel übellaunig und gereizt zur Tür herein. Sie ging unverzüglich hinter die Bar, wo sie die Eisbecher sortierte, die Kaffeemaschine bediente und Focaccias zubereitete. Sie arbeitete von acht Uhr morgens bis nachts halb eins, Punkt Mitternacht rief sie: «Raus jetzt, ab nach Hause!», und über die Theke flog ein feuchter Lappen. Rahel König war eine äusserlich ganz und gar unscheinbare Frau, wenn man von ihrer Gehbehinderung absah, die so zustande gekommen war: Vater König am Lenkrad hatte sich nach hinten gedreht, den Schnuller zurück in Klein-Rahels Mund gesteckt und den Wagen an einen Brückenpfeiler gesetzt. Klein-Rahel hatte fünf Stunden auf dem Operationstisch gelegen und jahrelang keinen Fuss in ein Auto gebracht. Der Vater war noch am Unfallort gestorben.

In der ganzen Zeit, die Fisch dort kellnerte – immer auf Rollschuhen –, fragte ihn Rahel nicht ein einziges Mal, ob ihm die Kellnerei gefalle oder ob ihn die Kundschaft ermüde. Mit den Leuten vom Service – Fisch und Schmied und Teilzeitkräfte, die häufig wechselten, weil sie mit Rahel nicht zurechtkamen –, verständigte sie sich, indem sie ihnen bestimmte Blicke zuwarf. Dieser Blick sagte ihnen, dass sie an Tisch soundso einkassieren, jener Blick, dass sie schneller, aufmerksamer bedienen sollten. Sobald ein Gast nur leicht die Karte berührte, kriegte Rahel es mit und dirigierte jemanden dorthin. Sie war unfreundlich und ungesellig, aber Fisch liess sich nicht einschüchtern.

«Willst du hören, was Tisch drei über Kurts Zitronensorbet gesagt hat?» fragte Fisch zwei Monate nach seinem ersten Arbeitstag, gewillt, eine Plauderei anzufangen.

Rahel musterte ihn argwöhnisch.

«Sie finden es ausgezeichnet.» Er wagte einen kühnen Vorstoss. «Habe gehört, der Kauf der Gelateria soll deinen Bruder und dich das ganze Erbe gekostet haben.»

Rahel starrte ihn an. «An Tisch sieben fehlt ein Stuhl», sagte sie schliesslich.

«Anscheinend hat deine Chefin noch keinen gefunden, der ihr mal die Meinung sagt», meinte Jost Matter, Vorarbeiter Bau und Bodybuilder, regelmässiger Gast in der Gelateria und jemand, mit dem Fisch über alles mögliche redete. Jost und Fisch hatten zusammen auf Baustellen gearbeitet (in La-Chaux-de-Fonds, nahe der französischen Grenze, wo sie im Nieselregen die Schubkarre schoben für Leute, die mit Zigarettenschmuggel hinzuverdient hatten und sich nun ein Haus bauen konnten), bevor Fisch Rollschuhläufer und Kellner geworden war.

«Also, du würdest Rahel so richtig auf die Finger klopfen?» fragte Fisch, der sich hingesetzt hatte, um einen Espresso zu trinken.

«Klar würde ich das», behauptete Jost Matter. «Hinschmeissen würde ich den Job. Weiss nicht, was dir daran so gefällt.» Er winkte Rahel und zeigte auf sein leeres Glas. «Jedenfalls, an meine Taube kommt deine Chefin nicht ran. Keine wie meine. Wie findest du sie?»

«Wie finde ich wen?»

«Alexandra. Meine Taube.» Jost drückte Fisch ein Automatenfoto in die Hand. «Treuhänderin bei Rossi. Macht die Buchhaltung der Gelateria …»

Fisch blickte auf das makellose, feingeschnittene Gesicht einer jungen Frau. «Ich kenne Alexandra.» Er schob das Foto zurück. «Bringt den Königs bei, wie das Geld in der Kasse bleibt. Woher kennst du sie?»

«Jogging an der Aare, vor ein paar Wochen.» Jost klaubte das Foto vom Tisch und betrachtete es eingehend. Er raunte etwas, das Fisch ziemlich überraschte. «Du verstehst nicht, wie befriedigend es ist, geliebt zu werden.»

Fisch betrachtete Jost. Ein gedrungener, verschwitzt riechender Mann, der beim Krafttraining zu weit gegangen war. «Erzähl mal», zog Fisch ihn auf, «was Alexandra gemeint hat, als sie dich zum ersten Mal nackt gesehen hat.»

«Im Ernst?» Jost konnte nicht über sich selbst lachen, sowenig wie über andere. Er lachte nur in schlechten Filmen. Nachdem er einen Augenblick über die Frage nachgedacht hatte: «Was sie gesagt hat, war … dass ich rieche. Gut rieche.»

«Dein Geruch gefällt ihr, Jost?»

«Was sollte sie gegen meinen Geruch haben?»

«Nichts, Sportsfreund.»

Rahel rief: «Mineral für Tisch zwei!» Warf Fisch über die Theke hinweg einen scharfen Blick zu.

Jost hob angewidert den Kopf. «So sollte mein Chef mit mir umspringen.»

Fisch zuckte die Schultern. Seine Gedanken schweiften zurück zu Bianca, der schielenden Taschendiebin, die abgereist war, als er gerade angefangen hatte, sich grossartig zu fühlen. «Vielleicht will ich einfach feststellen, wieviel Mühsal die menschliche Seele ertragen kann, ohne zu verrecken», sagte er.

Ungefähr ein Jahr nach seinem ersten Arbeitstag gewann Fisch Rahels Vertrauen. Im Keller barst eine Wasserleitung. Kurt König kam händeringend heraufgestürmt und stürzte mit Geschirrtüchern bewaffnet in den Keller zurück. Fisch organisierte Absaugpumpen und Blastrocknungsgeräte, telefonierte mit der Versicherung und füllte das Schadensformular aus. Als er am nächsten Morgen ins Luna Llena kam, sass Rahel über einen Katalog gebeugt. Sie schaute nicht auf, als sie sagte: «Wir brauchen ein neues Fass für die Palme beim Eingang. Was hältst du von dem da? Zu gross?»

2


Die Geschwister König teilten sich mit Felix Bodmer eine helle, geräumige Wohnung in einem baufälligen Vorkriegshaus am Waffenweg, einer kurzen Strasse, die im Norden ungefähr bei der Gelateria beginnt und im Süden in den Schützenweg mündet.

Es war ein warmer Augustabend im Jahr 2000. Im Treppenhaus zur Wohnung der Königs roch es nach Tomatensauce, feuchtem Hund, Zigarettenrauch und Dingen, die Alexandra nicht sofort zuordnen konnte. Alexandra Jenk, diplomierte Treuhänderin, zweiundzwanzig Jahre alt, Jost Matters «Taube», bildhübsch, schminksicher und hintergründig, in Basel aufgewachsen und gestraft mit jenem Sprachfehler, der es ihr unmöglich machte, ein kratzendes, bernisches CH zu sprechen («Alex, sag Charakterchopf!» –« Karakterkopf …»), stieg die Stufen hinauf und trat in die Wohnung. Rahel sass in der Küche, ihr üblicher Aufenthaltsort, wenn die Gelateria geschlossen hatte. Sie ging nörgelnd Rechnungen und Prospekte durch, während Kurt und Bodmer vom Fernsehsessel aus ins Weltgeschehen eingriffen.

Alexandra grüsste recht unfreundlich – sie wusste, wie sehr es Rahel ärgerte, wenn man sie merken liess, dass man sie mochte – und legte eine persönliche Einladung für ihr Wohnungseinweihungsfest auf den Stapel unerledigter Post. Alexandra lebte in der verkehrsreichen, lauten Rodtmattstrasse, allerdings nur noch wenige Tage, denn Jost hatte sie nach langem Hin und Her endlich überredet, zu ihm an den verkehrsarmen Schützenweg zu ziehen. Die Regale waren zerlegt, die Bilder abgehängt, die Kartons beschriftet – alles bereit zum Umzug.

Rahel blickte skeptisch auf die Einladung. «Und du erwartest, dass ich an dieses Fest gehe und mich vergnüge?»

«Das tu ich.» Alexandra nahm Eiswürfel und Schweppes aus dem Kühlschrank, ein Glas vom Hängebord und schenkte sich ein. Aus dem Wohnzimmer drangen Stimmen. Sie erkundigte sich nach Kurt.

«Frag ihn doch selbst.» Mit einer Handbewegung scheuchte Rahel Alexandra aus der Küche.

«Alex!» rief Kurt erfreut, als sie im Wohnzimmer auftauchte. «Komm rein, setz dich!» Mit betroffener Stimme: «Du bist dünn angezogen, Alex. Du wirst dich erkälten.» Kurt König, weit in...



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