E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Simon Die Tränen des Kardinals
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-946734-40-6
Verlag: edition krimi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Verschwörungsthriller
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-946734-40-6
Verlag: edition krimi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Heinz-Joachim Simon (? 2020) lebte in der Nähe von Stuttgart und ging in seinen Romanen vielfach der Frage nach, warum die deutsche Geschichte immer wieder auf Abwege geriet. Simon war Markenberater und Inhaber einer renommierten Werbeagentur und Verfasser zahlreicher Sachbücher zur Unternehmensführung. In zahlreichen kriminalistischen und historischen Romanen demonstrierte er sein mannigfaltiges historisches und literarisches Wissen, ohne jedoch den Unterhaltungswert zu vernachlässigen.
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2
Die alten Götter haben Rom nie verlassen
Marcello hing am Telefon, als ich das Büro betrat. Ich ging an die große Tafel, nahm ein Stück Kreide und schrieb eine Reihe von Namen auf:
-
Casardi
-
Domus
-
Kaczinski
-
Wischnewski
-
Johannes Paul II.
Den Namen des Papstes schrieb ich nur auf, weil ich mich auch dem Unmöglichen nicht verschließen wollte und er der Boss des ganzen Vereins war. Verbindungen konnte ich zwischen den Namen noch nicht herstellen. Ich war mir ziemlich sicher, dass noch eine Menge Namen dazukommen würden. Marcello legte den Hörer auf.
„Der Leiter des Archivs scheint tatsächlich in Ordnung zu sein. Sein Leumund ist so makellos wie ein Kinderpopo. Er hat Altertumswissenschaft studiert, ein paar Jahre als Archäologe gearbeitet und in Herculaneum nach Scherben gesucht. Davon lässt sich kaum eine Familie ernähren. Er hat sich dann als Archivar im Vatikan beworben. Verheiratet, zwei Jungen. Studieren beide in Bologna.“
„Was studieren die beiden?“
„Archäologie.“
„Ach nein.“
„Hältst du das für eine Spur?“
„Nicht wirklich.“
Ich schnappte mir das Telefon und rief Montebello an. Er war Chef der römischen Kriminalpolizei. Bei der Aufklärung des Mordes an Johannes Paul I. war er mir eine große Hilfe gewesen. Als ich mich meldete, knurrte er: „Habe schon gehört, dass du dich wieder in Rom herumtreibst.“
„Kann ich mal vorbeikommen?“
„Hm, hab viel zu tun.“
„Ich gebe ein Essen aus.“
„Schön. Treffen wir uns doch im Alfredo, am Augustusgrab. Sagen wir um 12.30 Uhr.“
„In Ordnung. Im Alfredo, du Feinschmecker!“
„Ich hätte auch das Hassler vorschlagen können!“
Er lachte und legte auf.
„Was versprichst du dir davon?“, fragte Marcello.
„Ich will mal ein bisschen herumhorchen, was hier so läuft. Wenn einer Bescheid weiß, dann Montebello.“
Das Alfredo war berühmt für sein cremiges Pastagericht, eben „Fettuccine Alfredo“. Eine Kalorienbombe. Fast jede Berühmtheit, die sich in Rom aufhielt, wurde ins Alfredo geführt. Der Besitzer hatte zwar mehrmals gewechselt, aber der Name war geblieben. In den sechziger Jahren wurde jeder amerikanische Schauspieler im Alfredo gesehen, von Frank Sinatra über Dean Martin bis zu Gregory Peck und Audrey Hepburn.
Bevor ich abzog, instruierte ich Marcello noch einmal über unser weiteres Vorgehen.
„Kümmere dich um die Söhne von Casardi. Auch um ihre Freundschaften. Welche Lokalitäten sie besuchen, Freundinnen usw.“
Marcello schnitt eine Grimasse.
„Wann willst du Ergebnisse? Im nächsten Jahrhundert?“, erwiderte er nicht gerade begeistert.
Ehe wir das ausdiskutieren konnten, stürmte Maja ins Büro. Aus ihren schönen dunklen Augen sprühten Funken. Mein Gott, wie ich diese Frau liebte! Und doch hatte ich sie verloren. Jeder andere hätte für sie den Paris gespielt. Ich war ein Idiot, dass ich ihre Liebe aufs Spiel gesetzt hatte.
„Wir hatten vereinbart, dass wir uns ein halbes Jahr nicht sehen! Und nun tauchst du nach vier Wochen wieder in Rom auf!“, fauchte sie.
Es war eine Augenweide, sie zornig zu sehen. Ihr Haar trug sie wieder länger. Es fiel ihr schwarz wie ein Wasserfall bis auf die Taille. Sie hatte ein schmales Gesicht, eine klassische Nase wie bei guten griechischen Statuen und die entzückendsten Grübchen auf den Wangen. Zweifellos war sie eine der schönsten Frauen Roms – und das will etwas heißen, denn Rom hatte eine Menge Töchter von der Klasse der Cardinale oder Loren.
„Ich hau dann mal ab und trinke drüben im Canova einen Caffè freddo!“, sagte Marcello. Ich fand es nicht sehr kameradschaftlich. Nun würde sich Maja nicht mehr zurückhalten.
„Ich bin ja auch nicht bei dir in Trastevere aufgetaucht! Du bist hier! Ich habe in Rom einen interessanten Auftrag zu erledigen.“
„Meine Eltern sind schwer beleidigt, dass du dich nicht bei ihnen sehen lässt.“
„Ja, was denn nun? Dann wäre ich ja mit dir zusammengestoßen. Erst klagst du, dass ich in Rom auftauche und dann beschwerst du dich, dass ich nicht deine Eltern besuche. Verstehe einer deine Logik!“
Sie stutzte. Ihre Miene entspannte sich. Sie beäugte mich, als wäre sie ein Greifvogel und ich eine Maus. Warum fühlte ich mich ihr im Streit immer unterlegen?
„In Rom wirkst du lockerer als in Hamburg“, sagte sie mit verträumter Stimme. Ich atmete auf. Den ersten Sturm hatte ich überstanden.
„Das kommt dir nur so vor“, erwiderte ich sanft. „Hier ist das Licht heller. Die Luft ist samtig und es regnet auch keine Bindfäden“, fuhr ich lammfromm fort und versuchte einfühlsam ihrer Stimmung Rechnung zu tragen.
„Ist dein neuer Auftrag so gefährlich wie der letzte?“
„Keine Ahnung! Ich stehe ganz am Anfang.“
„Deine Aufträge sind immer gefährlich!“, sagte sie nun wieder eine Spur schärfer.
„Manchmal. Aber das wusstest du von Anfang an.“
„Immer warst du weg!“, quengelte sie. „Immer hast du nur deine Gedanken bei deinen Fällen gehabt. Ich existierte gar nicht für dich. Und wenn du mal nicht als Detektiv gearbeitet hast, kümmertest du dich um dein Sportstudio oder zogst mit deinen Sportfreunden herum.“
Der Hauch von versöhnlicher Stimmung war wieder dahin.
„Das haben wir schon oft genug besprochen.“
„Hast du eine Neue?“
Ihre Augen waren nur noch einen Spalt breit offen.
„Eine Neue? Ich habe mich noch nicht von dir erholt“, platzte ich heraus. Ich hätte mir selbst in den Hintern treten können.
„Du bist kein Mann, der ohne Frauen sein kann“, sagte sie mit lauerndem Blick. Sie saß auf Marcellos Schreibtisch und wippte mit ihren Beinen. „Ach, Serge, du hättest mich nie in das kalte, nasse Hamburg verschleppen dürfen.“
Was sollte das nun wieder? Hamburg war eine der schönsten Städte Deutschlands. An das Wetter konnte man sich gewöhnen.
„Du bist freiwillig mitgekommen!“
„Weil ich dich so geliebt habe.“
Was nichts anderes hieß, als dass dies nicht mehr der Fall war?
„Du hattest versprochen, dass du wenigstens die Hälfte des Jahres in Rom arbeiten würdest.“
Wir hatten uns dies alles schon tausendmal an den Kopf geworfen.
„Es war nicht abzusehen, dass sich Marcello so schnell einarbeiten würde. Und solche Jahrhundertfälle wie die Aufklärung des Papsttodes hat man nicht jedes Jahr.“
„Rasieren könntest du dich auch mal wieder! Wir sind hier in einem zivilisierten Land. Du siehst aus wie ein Bandito.“
„Ich soll dich von Iphigenie grüßen. Sie meint auch, ich verwildere langsam“, erwiderte ich lachend.
„Hast du mit ihr etwas angefangen?“
Sie bekam einen verbissenen Zug um den Mund, den ich gar nicht mochte.
„Rede keinen Unsinn! Sie ist deine Freundin.“
„Ich traue dir alles zu. Sie mag dich. Ich weiß es. Würde sie es sonst mit einem so chaotischen Chef wie dir aushalten?“
„Du redest Unsinn! Hast du sonst noch etwas an mir auszusetzen? Dann raus damit! Ich habe eine wichtige Verabredung mit Kommissar Montebello.“
„Du hast dich nicht verändert!“, klagte sie mit bitterem Ton. „Ich habe gehofft, dass du begreifen würdest, wie ernst es mir mit der Trennung ist, wenn du deinen abscheulichen Beruf nicht aufgibst.“
Es klang nun gar nicht mehr versöhnlich.
„Soll ich Pizzabäcker werden? Du musst mich schon so nehmen, wie ich bin. Du kannst aus mir keinen Hauskater machen.“
„Du bist ein Narr, Serge Christiansen!“, erwiderte sie, sprang vom Schreibtisch und stürmte aus dem Büro. Sie ließ mich mit der Frage zurück, ob mir nur die Option blieb, mich kastrieren zu lassen. Ich stöhnte, stand auf und ging ans Fenster. Sie bestieg gerade ihre Vespa. Mit wehenden Haaren fuhr sie davon. Ich muss ihr sagen, dass sie sich einen Helm aufsetzen soll, dachte ich besorgt.
Ich ging hinunter und über die Straße und setzte mich zu Marcello, der vor dem Café Canova saß.
„Ist schlecht gelaufen, was?“
„Keine Ahnung, was ihr Auftritt sollte. Verbessert hat er die Situation nicht. Wir haben uns nur das an den Kopf geworfen, was wir schon tausendmal durchgehechelt haben.“
„Du hast es vermasselt.“
„Was vermasselt?“
„Sie wollte, dass du ihr einen Grund gibst, euren Streit zu beenden. Einen kleinen winzigen Grund, der sie hoffen lässt.“
„Sie wollte die Kapitulation. Wenn ich ihr nachgeben würde, wärst du deinen Partner...




