Simon | Der Neubauer | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

Simon Der Neubauer


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7017-4569-2
Verlag: Residenz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

ISBN: 978-3-7017-4569-2
Verlag: Residenz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Schlechten Menschen geht es immer gut' - mit diesem Motto und anderen zynischen Sprüchen hat sich der Erzähler zum bewunderten und verhassten Mittelpunkt einer gelangweilten Oberschichtclique gemacht. Keiner weiß, dass er von schlecht bezahlten Minijobs und einer außergewöhnlichen Gabe lebt: Alkohol macht ihn zum Gedankenleser. Ein Hochstapler, der die Dummheit der oberflächlichen Hipsterbande ausnützt, aber auch ein unwiderstehlicher Improvisationskünstler, der in der glamourösen Tarán seine Liebe findet und sich aus schierer Not in ein immer aberwitzigeres Lügennetzwerk verstrickt, in dem tätowierte Mafiabosse und wilde Verfolgungsjagden zum Alltag gehören. Dieser Drahtseilakt geht jedoch nur solange gut, bis der Neubauer auftaucht...

Cordula Simon, geboren 1986 in Graz. Studierte deutsche und russische Philologie in Graz und Odessa, wo sie von 2011 bis 2015 auch lebte. Mitglied der Literaturgruppe 'plattform' und Koordinatorin der Jugend-Literatur-Werkstatt Graz. Zahlreiche Veröffentlichungen u. a. in 'manuskripte', 'lichtungen', 'Zeit-Campus' sowie 'Fleisch'. 2013 Teilnahme an den '7. Tagen der deutschsprachigen Literatur'. Cordula Simon war Stipendiatin des Literarischen Colloquiums Berlin und erhielt für ihr Werk zahlreiche Preise. Bisher veröffentlichte sie drei vielbeachtete Romane: 'Der potemkinsche Hund' ( 2012), 'Ostrov Mogila' (2013), 'Wie man schlafen soll' (2016).
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1


Man gehe in eine möglichst teure Bar. So habe ich Wiesner gefunden. Die kleine Schildkröte. Er sieht immer aus, als würde er den Kopf einziehen. Wenn man Glück hat, kommt man nach dem Tod in eine Bar, in der man niemanden kennt. Oder noch wichtiger: in der man nicht erkannt wird. Eine Bar ist essenziell. Alkohol ist essentiell für einen Menschen mit meinen Fähigkeiten. Wiesner ist jedenfalls eine Schildkröte. Eine Schildkröte, die mit erstaunlich weicher Stimme einen Old fashioned bestellte. Man kann nicht danebenliegen, wenn man jemanden anspricht, der einen Old fashioned bestellt. Wiesner hat bezahlt, seine Freunde haben bezahlt, niemand hat bemerkt, dass meine Runde ausfiel. Auch wenn ich damals nicht so blank war wie jetzt. Wiesner: Das ist jemand, der versucht, mit allen Mitteln zu sein. Das richtige Näseln, die richtige Nonchalance.

Auf alle Fälle war der Mensch schwer zu enttäuschen, was wohl daran lag, dass er trotz seiner dreißig Jahre ein Würstchen geblieben war, das einen Erwachsenen anrufen möchte, wenn ihm die Nudeln anbrennen.

Wiesner gefunden zu haben, sollte sich als Glück erweisen. Gerade in der aktuellen Situation. Das ist das erste Mal, dass ich mit einer Reisetasche in der Hand an Wiesners Tür klingle. Ich habe vorher nicht angerufen. Das ist auch wichtig. Ein Notfall ist erst ein Notfall, wenn man zeigt, dass die Konventionen außer Kraft sind. Dass man auf die Annehmlichkeiten des einundzwanzigsten Jahrhunderts scheißen musste. Jawohl: musste. Schließlich ist es vonnöten, die Situation zu verkaufen. Keine schwarzen Löcher. Keine Lücken in den Erzählungen. Wiesner ist also unvorbereitet. Ich nicht minder. Die Tür geht auf und Wiesner ist überrascht. Wiesner öffnet die Tür und zieht den Kopf ein. Schildkröte, sag ich doch. Erst Freude, mich zu sehen. Die kleine Schildkröte freut sich immer, mich zu sehen. Dann der Blick auf die Reisetasche. Sie ist aus Leder, selbstverständlich. Sie sieht teuer aus. Was man zeigt, muss teuer aussehen und billig sein und keinesfalls umgekehrt. Kopf einziehen. Jaja, Wiesner eben. Kann ich hier schlafen? Ein paar Tage? Es ist ein Notfall. Wiesner stutzt kurz: Was ist passiert? Frag nicht. Damit sind wir hier auch schon fertig. Ich kenne Wiesner ausreichend lange, um sicher zu sein, dass er keine Fragen stellt. Ich hatte auch keine Zeit, mir eine Geschichte auszudenken. Vertrauen nennt man das. Wiesner vertraut darauf, dass ich wohl schon Gründe haben müsste. Das ist ausreichend. Ich habe Gründe. . Schließlich kann ich Wiesner ja wohl kaum erzählen, dass ich obdachlos bin. Das ist nicht die Welt, in der ich lebe. Das also nur so . Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten. Jedoch auch nichts zu sagen. Wiesner tritt zur Seite, ich betrete die Wohnung.

Zu lügen war gerade nicht notwendig. Wiesner selbst war kein guter Lügner. Er erlitt durch aufkeimendes Lachen dabei immer sofort Schiffbruch. Ich hatte meinen Mantel auf die Garderobe gehängt. Dieser verfluchte Winter würde endlich zu Ende gehen. Der naive Tropf. Niemals passiert etwas »einfach so«. Ja, klar, sicher. Ich habe Wiesner erforscht. Das ist recht einfach: Es gibt Mitspieler und es gibt Spielzeug. Wiesner ist Spielzeug. Wabbliges, schildkrötenhalsiges, schwammiges Spielzeug, das man sich schwer außerhalb einer Badewanne vorstellen kann. Zumindest, was das Soziale betrifft. Wiesners Fähigkeiten in anderen Bereichen sind nicht gering zu schätzen. Geldverlegenheiten waren ihm fremd.

Wiesner also zunächst in der Bar. Das sollte ich erklären. Es war so, dass das elende österreichische Proletenpack um ihn herum, alberner kleinstädtischer Landadel, mich einen Piefke nannte. Ihr habt ja keine Ahnung, wie ich mich ohne antrainiertes Hochdeutsch anhören würde. Aber man muss ja nur die richtigen Vorurteile haben. Alle Menschen mit bundesdeutschem Akzent sind Nazis, zum Beispiel. Und in Diskussionen nennt man Menschen, die einem widersprechen, prinzipiell Hitler.

»Wer einen Old fashioned trinkt, muss ein grässlicher Mensch sein.« Damit hatte ich ihn. Er lachte. Die Reaktion war vorhersehbar, obwohl ich noch nicht genug getrunken hatte, um alles vorherzusehen. Ich war nicht zum ersten Mal in der Bar. Man muss schon die Geduld haben, auf den richtigen Menschen zu warten. Auf eine Gruppe ekliger, sich kultiviert fühlender Mittzwanziger. Der Barkeeper fragte nach meinem Befinden. Schlechten Menschen geht es immer gut. Wiesner lachte wieder. Ich habe einen Old fashioned bestellt. Der Rattenschwanz an Oberschichtskiddies hielt das Maul. Wiesner war der Alphaschwan. Nur zu mir blickte er auf. Ich bin auch ein Stück größer als er. Ich habe ein wesentlich kräftigeres Kinn. Wiesner war eine graue Gestalt. Graue Augen, aschige Haare. Mein Haupthaar war auch dichter und wechselte, ebenso wie meine Augen, mit dem Lichteinfall die Farbe, ohne aber jemals fahl zu wirken. Ich könnte jeder sein. Wiesner war nur einer. Wiesners Haare hatten schon begonnen, am Kopf auszufallen und auf den Schultern wieder festzuwachsen. Wiesner hatte mit der Kreditkarte gewedelt.

Wenn man jemand um einen Gefallen bittet, suggeriert man, dass es ein Naheverhältnis gibt. Die Idee echter Freundschaft. Man legt nahe, dass derlei Gefälligkeiten auch umgekehrt möglich wären, dass man um etwas bitten, mehr noch, auf jemanden zählen könnte. Daher war es gut, auf Wiesners Couch zu sitzen. Das offensichtlich nicht kostengünstige Exemplar eines Weekenders neben mir. Es gäbe ein Problem. Und er, Wiesner, würde mir schrecklich zu Hilfe sein. Wiesner mochte den Eindruck, den wir in den beiden Jahren unserer Bekanntschaft in der Öffentlichkeit gemacht hatten. Die kleine Schildkröte würde diesen Eindruck um jeden Preis aufrechterhalten wollen. Es gäbe also ein Problem. Wiesner machte ein besorgtes Gesicht, und ich hoffte auf Whisky, um zu wissen, was in seinem Kopf vorging. Es sei besser für ihn, Wiesner, wenn er nicht wüsste, worum es geht. Ich jedenfalls müsste eine Zeitlang untertauchen. Sieh doch, kleine Schildkröte, wie ich auf dich achtgebe. Keine Gefahr für dich. Nur Kismet. Nichts sonst. Wiesner nickte langsam. Hast du Hunger? Ein Nicken meinerseits. Ich stellte meine treue alte Weinflasche auf den Tisch. Wiesner betrachtete das Etikett. Stellte sie auf ein Regal.

Wiesner ließ mich allein im Wohnzimmer sitzen. Wie geht es dir sonst? Abgesehen von dem nicht zu Beredenden? Ich machte, obwohl er mich nicht sehen konnte, die gleiche abwehrende Handbewegung wie immer: Schlechten Menschen geht es immer gut. Die Handbewegung eine Gewohnheit. Gewohnheiten dieser Art müssen gepflegt werden. Du siehst müde aus. Das war die höfliche Art zu sagen: Du siehst scheiße aus.

Ich kenne dieses Wohnzimmer schon zu gut von Partys. Die Bilder an den Wänden und die Skulpturen haben die Eltern für Wiesner gekauft. Da stand sogar eine mittelalterliche Maria auf einem Sockel. Geradezu ekelhaft das Teil. Rissiges Holz. Passt überhaupt nicht zu dem modernen, nüchternen Stil der restlichen Wohnung. Ebenso der Dekordildo aus Glas. Man wollte mit dem Kauf angeblich einen lokalen Künstler unterstützen. Wertanlage. Hatte Wiesner gesagt. Er traf diesbezüglich keine Entscheidungen selbst.

Wiesner war das typische Arztkind. Früher, als Ärzte noch übermäßig verdienten. Wiesner behauptete stets, verschreibungspflichtige Arzneimittel für jeden besorgen zu können. Aber bewiesen hatte er diese Fähigkeit nie. Seine Eltern bezahlten die Wohnung. Jedoch keine Mietwohnung, sondern Eigentum. Davon besaßen sie gewiss noch mehr. Sie bewohnten das Dachgeschoß eines Hauses in der Innenstadt, groß genug für sie und für Wiesner als Einzelkind. Er zeigte auch den für Einzelkinder typischen Egoismus. Für sein Studium wäre es eigentlich nicht notwendig gewesen, auszuziehen. Die Dachgeschoßwohnung war auch nicht weiter von der Geisteswissenschaftlichen Fakultät entfernt als diese hier. Die Einrichtung der Wohnung hatte ich Wiesner zu Anfang noch zugetraut, er kleidete sich auch zweifelsohne geschmackvoll, jedoch beschlich mich immer mehr der Gedanke, dass dies alles seiner Mutter zuzuschreiben war.

Die helle Wohnung hatte eine eigenartige Raumaufteilung. Am Ende der Rückwand des Wohnzimmers fand sich ein Durchgang zum Schlafzimmer, da beides an der Glasfront lag, und beide Räume hatten eine Tür zum Bad. Man musste also beide Badezimmertüren abschließen, wenn man nicht alleine in der Wohnung war und nicht beim Scheißen gestört werden wollte. Wiesner kam mit zwei Tellern zurück in den Raum. Kellnerische Fähigkeiten, beide Teller mit einer Hand zu tragen, hatte er selbstverständlich keine. Er stellte einen Teller vor mir auf den Wohnzimmertisch. Nur mit einer Gabel, keine Serviette. Nudelauflauf. Gelber, käsiger Nudelauflauf. Bei Wiesners Partys gab es immer Käseplatte mit verschiedenen Weinen. Und nun: Nudelauflauf, offensichtlich in der Mikrowelle aufgewärmt. Seine Mutter hätte ihn gebracht, sagte Wiesner, und ich erinnerte mich dunkel, dass ich einmal, bei einer dieser Partys, Wodka aus Wiesners Gefrierschrank geholt und gesehen hatte, dass die...



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