Simmons | Kinder der Nacht | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 672 Seiten

Simmons Kinder der Nacht

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-20723-6
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 672 Seiten

ISBN: 978-3-641-20723-6
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Graf Dracula lebt! Tief in den unzugänglichen Regionen Rumäniens regt sich eine Macht, die das Ende der Welt, wie wir sie kennen, bedeuten kann …

Mit Kinder der Nacht legt der Autor der Bestseller „Im Auge des Winters“ und „Sommer der Nacht“ den ultimativen Vampir-Roman vor: düster, packend, nervenzerreißend – „Kinder der Nacht“ ist einer der spannendsten Romane, die überhaupt je geschrieben wurden.

Dan Simmons wurde 1948 in Illinois geboren. Nach dem Studium arbeitete er einige Jahre als Englischlehrer, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Simmons ist heute einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart. Seine Romane »Terror«, »Die Hyperion-Gesänge« und »Endymion« wurden zu internationalen Bestsellern, die Verfilmung von »Terror« ist eine der erfolgreichsten TV-Serien unserer Zeit. Der Autor lebt mit seiner Familie in Colorado.

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2


Der nächste Tag war für Begegnungen mit ›Offiziellen‹ der Übergangsregierung reserviert, überwiegend Mitglieder der erst jüngst zusammengeschusterten Nationalen Rettungsfront. Der Tag war so düster, dass die Straßenlaternen auf dem breiten Boulevardul N. Balcescu und dem Boulevardul Republicii angingen. Die Gebäude selbst waren nicht geheizt – jedenfalls nicht wahrnehmbar –, und die Männer und Frauen, mit denen wir uns unterhielten, sahen fast identisch aus in ihren zu großen, grauen Wollmänteln. Am Ende des Tages hatten wir mit einem Giurescu gesprochen, mit zwei Tismaneanus, einem Borosoiu, der, wie sich herausstellte, überhaupt kein Sprecher der neuen Regierung war – vielmehr wurde er Augenblicke, nachdem wir uns verabschiedet hatten, festgenommen –, sowie mit mehreren Generälen, darunter Popascu, Lupoi und Diurgiu, und zuletzt mit den tatsächlichen Staatsoberhäuptern, zu denen Petre Roman gehörte, der Premierminister der Übergangsregierung, sowie Ion Iliescu und Dumitru Mazilu, der unter der Regierung Ceausescu Präsident und Vizepräsident gewesen war.

Ihre Botschaft war einhellig: Wir hatten den Zuspruch der Nation, und jedwede Empfehlung für Hilfeleistungen, die wir an unsere verschiedenen Institutionen weitergeben konnten, würde man auf ewig zu schätzen wissen. Die Beamten behandelten mich ganz besonders zuvorkommend, weil sie meinen Namen kannten und ich eine unvorstellbare Menge Geld repräsentierte, aber selbst diese überaus höfliche Aufmerksamkeit hatte etwas Zerstreutes an sich. Sie waren wie Männer, die inmitten des Chaos schlafwandelten.

Als wir an diesem Abend zum Intercontinental zurückkehrten, wurden wir Zeugen, wie eine Menschenmenge – überwiegend Büroangestellte, die aus den Steinwaben der Innenstadt in ihren Feierabend strebten – drei Männer und eine Frau herumschubsten und verprügelten. Radu Fortuna lächelte und deutete auf die große Plaza vor dem Hotel, wo die Menschenmenge allmählich größer wurde. »Da … letzte Woche auf Universitätsplatz … als die Leute zum Demonstrieren und Singen kamen, ja? Panzer der Armee überfahren Menschen, erschießen noch mehr. Das da sind wahrscheinlich Spitzel von Securitate

Bevor der Bus vor dem Hotel anhielt, erhaschten wir noch einen flüchtigen Blick auf uniformierte Soldaten, die die mutmaßlichen Spitzel abführten, wobei sie sie mit Gewehrkolben antrieben, während die Menge sie weiterhin anspuckte und auf sie einschlug.

»Man kann kein Omelett backen, ohne ein paar Eier zu zerschlagen«, murmelte der Professor emeritus, worauf Pater O’Rourke ihn ungehalten musterte, während Radu Fortuna zustimmend kicherte.

»Man sollte meinen, Ceausescu wäre besser auf eine Belagerung vorbereitet gewesen«, sagte Dr. Aimslea an diesem Abend nach dem Essen. Wir waren im Speisesaal geblieben, weil es dort wärmer schien als in unseren Zimmern. Kellner und ein paar Militärs streiften unablässig durch den großen Raum. Die Reporter hatten ihr Abendessen hastig und mit größtmöglichem Lärm hinuntergeschlungen und waren kurz danach aufgebrochen, um sich dort zu vergnügen, wo sie trinken und sich gegenseitige zynische Sprüche an den Kopf werfen konnten.

Radu Fortuna leistete uns beim Kaffee Gesellschaft und ließ jetzt wieder einmal sein patentiertes Zahnlückengrinsen aufblitzen. »Sie möchten sehen, wie vorbereitet Ceausescu war?«

Ja, sagten Aimslea, Pater O’Rourke und ich, das würden wir gerne sehen. Carl Berry beschloss, auf sein Zimmer zu gehen, wo er versuchen wollte, ein Gespräch mit den Staaten zu bekommen, und Dr. Paxley folgte ihm und murmelte irgendwas von ›früh ins Bett‹.

Fortuna führte uns drei in die Kälte hinaus und durch dunkle Straßen bis zur rußgeschwärzten Fassade des Präsidentenpalastes. Ein Angehöriger der Miliz trat aus dem Schatten, hob ein AK-47 und bellte einen Befehl, aber Fortuna unterhielt sich leise mit ihm, und wir durften passieren.

Im Palast selbst brannte kein Licht, abgesehen von vereinzelten Feuern in Ölfässern, wo Angehörige der Miliz oder reguläre Soldaten schliefen oder sich zusammendrängten, um sich zu wärmen. Überall waren Möbelstücke verstreut, Vorhänge waren von sechs Meter hohen Fenstern heruntergerissen worden, Papiere lagen auf dem Boden verteilt, und die regelmäßigen Fliesen waren mit dunklen Schlieren verschmiert. Fortuna führte uns einen schmalen Flur entlang, durch eine Reihe privater Wohnräume, wie es schien, und blieb vor einer recht unauffälligen Wandschranktür stehen. In dem eineinhalb Meter breiten Schrank standen lediglich drei Laternen auf einem Fachboden. Fortuna zündete die Laternen an, gab eine Aimslea und eine mir und drückte dann auf eine Verzierung oben an der Rückwand. Eine Schiebetür glitt auf und gab den Blick auf eine Steintreppe frei.

»Mr. Trent«, begann Fortuna und betrachtete stirnrunzelnd meinen Gehstock und meine zitternden Greisenarme. Das Licht unserer Laternen warf rastlose Schatten an die Wände. Er streckte eine Hand nach der meinen aus. »Hier sind viele Stufen. Vielleicht …«

»Ich schaffe das schon«, sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen. Ich behielt die Laterne.

Radu Fortuna zuckte die Achseln und führte uns nach unten.

Die nächste halbe Stunde verbrachten wir wie in einem Traum, wie in einer Halluzination. Die Treppe stieg in hallende Kammern hinab, von denen ein Labyrinth weiterer Steintunnel und Treppen abzweigte. Fortuna führte uns tief in dieses Gewirr hinein; unsere Laternen spiegelten sich auf halbrunden Decken und glatten Steinen.

»Mein Gott«, murmelte Dr. Aimslea nach zehn Minuten, »die erstrecken sich ja kilometerweit.«

»Ja, ja«, lächelte Radu Fortuna. »Viele Kilometer.«

Es gab Lagerräume mit Regalen voller automatischer Waffen und Gasmasken, die an Haken hingen; es gab Kommandozentralen mit Rundfunkgeräten und Fernsehmonitoren, die stumm im Dunkeln standen, manche zerstört, als hätten Wahnsinnige mit Äxten ihre Wut daran ausgelassen, andere waren mit Plastikfolie zugedeckt und schienen nur darauf zu warten, dass man sie einschaltete; es gab Baracken mit Feldbetten und Öfen und Petroleumheizungen, die wir neidisch betrachteten. Einige der Baracken machten einen unberührten Eindruck, andere waren eindeutig Schauplatz panischer Evakuierungen oder gleichermaßen panischer Feuergefechte gewesen.

In einer dieser Kammern war überall Blut auf Wänden und Boden, doch die Schlieren wirkten im Licht unserer zischenden Laternen mehr schwarz als rot.

In den entlegeneren Ausläufern der Tunnel fanden wir Leichen, manche in Pfützen, die sich aus dem Wasser gebildet hatten, das durch Luken an der Decke heruntergetropft war, andere hinter hastig errichteten Barrikaden an den Kreuzungen der unterirdischen Gänge. In den Steinkorridoren roch es wie in einem Schlachthaus.

»Securitate«, sagte Fortuna und spie auf einen Mann im braunen Hemd, der mit dem Gesicht nach unten in einer Pfütze festgefroren war. »Sind wie Ratten hier heruntergeflohen, und wir haben sie wie Ratten erledigt. Sie verstehen?«

Pater O’Rourke kauerte eine Weile mit gesenktem Kopf neben einer der Leichen. Dann bekreuzigte er sich und stand auf. Sein Gesicht drückte weder Betroffenheit noch Ekel aus. Ich erinnerte mich, dass jemand gesagt hatte, der bärtige Priester sei in Vietnam gewesen.

Dr. Aimslea sagte: »Aber Ceausescu ist nicht in diese … Festung hier geflohen?«

»Nein.« Fortuna lächelte.

Der Doktor sah sich im zischenden Licht der Laternen um. »Aber warum denn nicht, um Himmels willen? Wenn er hier unten einen organisierten Widerstand aufgebaut hätte, hätte er monatelang durchhalten können.«

Fortuna zuckte mit den Achseln. »Stattdessen flüchtet das Monster per Hubschrauber. Er fliegte … nein … flog … er flog nach Tîrgoviste, siebzig Kilometer von hier entfernt, ja? Dort sehen andere ihn und seine Mistkuh von Frau in Auto einsteigen. Sie haben sie gefangen.«

Dr. Aimslea hielt die Laterne an den Eingang eines anderen Tunnels, aus dem jetzt ein grässlicher Gestank wehte. Der Doktor zog das Licht rasch wieder zurück. »Aber ich frage mich, warum …«

Fortuna kam näher, und der grelle Schein offenbarte eine alte Narbe an seinem Hals, die mir bis jetzt nicht aufgefallen war. »Sie sagen, sein … Berater … der Dunkle Ratgeber … hat ihm empfohlen, nicht hierherzukommen.« Er lächelte.

Pater O’Rourke sah den Rumänen an. »Der Dunkle Ratgeber? Hört sich an, als wäre der Teufel persönlich sein Berater gewesen.«

Radu Fortuna nickte.

Dr. Aimslea grunzte. »Und, ist dieser Teufel entkommen? Oder war es einer von den armen Kerlen, die wir da hinten gesehen haben?«

Unser Führer antwortete nicht, sondern betrat einen der vier Tunnel, die an dieser Stelle abzweigten. Eine Steintreppe führte nach oben. »Zum Nationaltheater«, sagte er leise und bedeutete uns, vorauszugehen. »Es ist beschädigt, aber nicht zerstört. Ihr Hotel liegt nebenan.«

Der Priester, der Doktor und ich begannen den Aufstieg, während das Licht der Laternen unsere Schatten zehn Meter hoch auf die gekrümmten Steinmauern über uns warf. Pater O’Rourke blieb stehen und sah auf Fortuna hinab. »Kommen Sie nicht mit?«

Der kleine Führer schüttelte lächelnd den Kopf. »Morgen wir bringen Sie dorthin, wo alles angefangen hat. Morgen wir gehen nach Transsilvanien.«

Dr. Aimslea lächelte dem Priester und mir zu. »Transsilvanien«, wiederholte er. »Der Schatten von Bela Lugosi.« Er drehte sich um und wollte etwas zu Fortuna sagen, aber der kleine Mann war nicht mehr da. Nicht einmal das Echo von Schritten oder der...


Simmons, Dan
Dan Simmons wurde 1948 in Illinois geboren. Nach dem Studium arbeitete er einige Jahre als Englischlehrer, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Simmons ist heute einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart. Seine Romane »Terror«, »Die Hyperion-Gesänge« und »Endymion« wurden zu internationalen Bestsellern, die Verfilmung von »Terror« ist eine der erfolgreichsten TV-Serien unserer Zeit. Der Autor lebt mit seiner Familie in Colorado.



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