Simenon | Tante Jeanne | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 71, 224 Seiten

Reihe: Die großen Romane

Simenon Tante Jeanne

Roman
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-455-01343-6
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, Band 71, 224 Seiten

Reihe: Die großen Romane

ISBN: 978-3-455-01343-6
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Frau kehrt zurück in ihre Heimat - und erfindet sich neu Jeanne ist mit einundzwanzig aus dem Elternhaus gezogen, hat mit ihrem Mann die Welt bereist und wünscht sich nun einen ruhigen Lebensabend. Doch der Zeitpunkt der Rückkehr in ihren Heimatort ist alles andere als glücklich gewählt: Ihr Bruder hat sich just kurz vor ihrem Eintreffen am Dachboden seines Hauses erhängt. Jeanne übernimmt in der Familie das Ruder und findet so alles andere als die ersehnte Ruhe - aber eine neue Aufgabe. Ein besonderer Simenon, der positiv stimmt.

Georges Simenon, geboren am 13. Februar 1903 im belgischen Lüttich, gestorben am 4. September 1989 in Lausanne, gilt als der »meistgelesene, meistübersetzte, meistverfilmte, in einem Wort: der erfolgreichste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts« (Die Zeit). Seine erstaunliche literarische Produktivität (75 Maigret-Romane, 117 weitere Romane und mehr als 150 Erzählungen), viele Ortswechsel und unzählige Frauen bestimmten sein Leben. Rastlos bereiste er die Welt, immer auf der Suche nach dem, »was bei allen Menschen gleich ist«. Das macht seine Bücher bis heute so zeitlos.
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Titelseite
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Über Georges Simenon
Impressum


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Später sollte sie sich noch an kleinste Einzelheiten, an einzelne Bewegungen und Handgriffe erinnern, nicht aber an deren genaue Reihenfolge. Wohl sah sie sich noch in dem etwas diffusen Sonnenlicht um zehn Uhr morgens den Türklopfer betätigen; da war sie noch eine alte Frau gewesen, die nicht mehr konnte, die um Gnade bettelte, einem streunenden Hund vergleichbar, der in Erwartung von Schlägen oder einem Löffel Suppe unentschlossen an der Schwelle eines Bauernhauses stehen bleibt, und vielleicht hatte sie sich noch leerer, noch schwindliger gefühlt, als sie dick und atemlos ihrer kleinen dunkelhaarigen Schwägerin die Treppe hinauf Gott weiß wohin folgte.

Aber warum hatte sie anschließend Louise das Glas Wasser, das Alice gebracht hatte, ins Gesicht geschüttet, anstatt es ihr zu trinken zu geben? Das war ein Reflex gewesen; irgendetwas in dem zuckenden Gesicht von Louise, die die Wand mit ihren Fingernägeln bearbeitete, hatte ihn ausgelöst.

Und die andere, die Schwiegertochter, die unter ihrem schwarzen Kleid nackt zu sein schien – und es bestimmt auch war – und die sich bis zu dieser Stunde weder gekämmt noch gewaschen hatte, hielt sich die Augen mit der linken Hand zu und streckte ihr mit der rechten Hand ein Küchenmesser entgegen. Sobald Jeanne es an sich genommen hatte, rannte Alice zur Treppe und rief:

»Ich kann keinen Toten sehen! Das halte ich nicht aus!«

»Rufen Sie wenigstens einen Arzt.«

»Doktor Bernard?«

»Irgendeinen Arzt. Einen, der schnell hier sein kann.«

Alice war offenbar sofort ans Telefon gestürzt, denn in der ersten Etage hörte man den Säugling weiter unentwegt schreien, was darauf schließen ließ, dass seine Mutter an ihm vorbei direkt ins Erdgeschoss gerannt war. Nachdem sie, wie Jeanne später erfuhr, vom Esszimmer aus telefoniert hatte, hielt es sie nicht länger im Haus, und sie war auf die Straße hinausgelaufen, um dort auf den Arzt zu warten.

Nach dem Guss mit dem kalten Wasser hatte Louises Gesicht einen Ausdruck von Fassungslosigkeit angenommen, der fast komisch wirkte. Einen kurzen Augenblick war Hass in ihren Augen aufgeglommen wie bei einem kleinen Mädchen, das Schläge bekommen hat. Sie hatte den Raum nicht sofort verlassen, war eine Zeit lang gegen die Wand gepresst stehen geblieben. Erst als Roberts Leiche ausgestreckt auf dem Boden lag und Jeanne sich umdrehte, um etwas zu sagen, stellte sie fest, dass sie mit dem Toten allein war.

Sie war ganz ruhig gewesen, hatte nicht das Gefühl gehabt, denken, überlegen, Entscheidungen treffen zu müssen. Sie hatte gehandelt, als habe man ihr vorgeschrieben, was sie zu tun habe. In einer Ecke des Dachbodens hatte hinter einem Stoß Bücher ein alter verrosteter Spiegel mit schwarz-goldenem Rahmen gelegen. Als sie ihn hervorholen wollte, musste sie feststellen, dass er viel schwerer war als vermutet. Mit Müh und Not hatte sie ihn zu ihrem Bruder hinübergezerrt, dabei einen Stapel Bücher umgestoßen und ihn dann schräg vor die violetten Lippen von Robert gehalten.

Unmittelbar darauf waren Schritte im Treppenhaus zu hören gewesen, schnelle, gleichmäßige, beruhigende Männerschritte. Eine Stimme sagte:

»Ich finde den Weg schon. Kümmern Sie sich um das Kind.«

Erst da nahm der Name, den sie gerade eben gehört hatte, vor ihrem inneren Auge Gestalt an. Früher war bei ihnen über lange Jahre ein Kellermeister beschäftigt gewesen. Er hatte eine Knollennase und hieß Bernard, doch aus unerfindlichen Gründen hatten sie ihn als Kinder Babylas genannt. Er war sehr klein, breit und dick, trug immer Hosen, die ihm zu weit waren und bei denen der Hosenboden bis auf die Schenkel hing, wodurch seine Beine noch kürzer wirkten. War Babylas nicht der Name eines dressierten Schweins gewesen, das sie mal im Zirkus gesehen hatten?

Er hatte am Stadtrand in der Nähe von Chêne Vert gewohnt und hatte sechs oder sieben Kinder gehabt, die ihn manchmal abends nach der Arbeit abholen kamen.

Als sie den Doktor sah, wusste sie, dass er eins dieser Kinder gewesen war. Bei ihrem Weggang war er noch ein kleiner Junge gewesen. Sein Vorname lag ihr auf der Zunge.

»Ich glaube, er ist tot, Doktor. Ich hielt es für besser, ihn vom Strick zu schneiden. Dabei konnte ich allerdings nicht verhindern, dass er mir wegrutschte und sein Kopf auf dem Fußboden aufschlug. Aber ich glaube, das ist nicht mehr wichtig.«

Er musste um die vierzig Jahre alt sein, und im Gegensatz zu seinem Vater war er groß und mager, hatte aber die gleichen blonden Haare wie Babylas. Er kniete sich auf den Fußboden und stellte seine Arzttasche neben sich. Obwohl er sich nicht um Jeanne kümmerte, sie nicht einmal gegrüßt hatte, wagte sie zu fragen:

»Sie sind doch Charles Bernard, nicht wahr?«

Der Name war ihr plötzlich eingefallen. Der Arzt nickte und warf ihr, während er sein Stethoskop ansetzte, einen schnellen Blick zu.

»Ich bin seine Schwester, Jeanne«, erklärte sie. »Ich bin heute Morgen angekommen, genauer gesagt gestern mit dem Abendzug, wollte aber hier nicht stören und habe im Anneau d’Or übernachtet.«

Plötzlich kam ihr in den Sinn, dass sie ja schon am Vorabend bei ihrem Bruder hätte anklopfen können und ihn dann noch lebend angetroffen hätte. In Gedanken sah sie wieder den halb erleuchteten Speisesaal vor sich und Raphaël, der ihr zu trinken gebracht hatte, und sie bekam ein schlechtes Gewissen, weil sie an die beiden Glas Cognac denken musste.

»Da ist nichts mehr zu machen«, stellte der Doktor fest und richtete sich auf. »Er ist schon länger als eine Stunde tot.«

»Er ist bestimmt hier heraufgestiegen, als meine Schwägerin auf dem Weg zur Kirche war.«

Das Babygeschrei war immer noch zu hören. Der Doktor runzelte unmerklich die Stirn und warf einen Blick in Richtung Treppenhaus.

»Louise war eben noch mit mir hier oben«, erklärte Jeanne. »Sie hat einen schweren Schock.«

»Wir gehen besser nach unten. Wissen Sie, ob er eine Nachricht hinterlassen hat?«

Von dem Zettel, unter dem Leichnam, war nur eine Ecke zu sehen. Es gelang ihr, ihn so weit hervorzuziehen, dass man das Wort »Verzeihung« lesen konnte.

Charles Bernards Verhalten überraschte sie zunächst nicht, weil das Geschrei in der ersten Etage, das durch das Echo von den Hauswänden doppelt und dreifach zurückhallte, zu sehr an ihren Nerven zerrte.

Der Arzt war ein kühler, beherrschter Mann mit gemessenen Bewegungen und zurückhaltend in seinen Gefühlsäußerungen. Er war zwar ein Sohn von Babylas, hatte die ganze Familie gekannt, als Kind im Hof des Hauses gespielt und sich bestimmt wie die anderen hinter den Weinfässern versteckt, aber er hatte sich eben überhaupt nicht überrascht gezeigt, dass Robert Martineau sich auf seinem Dachboden erhängt hatte. Die knappe letzte Nachricht des Toten hatte ihn nicht mit der Wimper zucken lassen. Seine Miene hatte sich nur kaum erkennbar verfinstert, wie bei einem Menschen, der ein unglückliches Ereignis vorausgesehen hatte, das nun eingetroffen war.

Hatte er sich denn nicht gewundert, Alice auf der Straße und Louise nicht bei ihrem Mann zu finden?

Es überraschte ihn offensichtlich auch nicht, Jeanne nach so vielen Jahren und unter derart ungewöhnlichen Umständen wiederzusehen.

Er wiederholte:

»Gehen wir nach unten.«

In der ersten Etage öffnete er, ohne zu fragen, die Tür des Zimmers, aus dem das Kindergeschrei kam. Die Mutter lag bäuchlings auf dem ungemachten Bett, hatte das Gesicht in die Kissen vergraben und die Finger in die Ohren gesteckt, während sich das Kind, das an die Gitterstäbe seines Bettes gebunden war, die Lunge aus dem Hals schrie.

Jeanne nahm den Kleinen, ohne zu fragen, hoch und legte ihn an ihre Schulter. Das Schreien ließ nach, wurde zum Röcheln und schließlich zum Seufzen.

»Ist er krank, Doktor?«

»Als ich vor drei Tagen hier war und ihn mir angesehen habe, war er es nicht. Ich sehe keinen Grund, dass er es heute sein sollte.«

Da der Kleine nicht mehr schrie, beruhigte sich nun auch die Mutter, hob erstaunt den Kopf und blinzelte mit einem Auge unter ihren zerzausten Haaren hervor. Dann sprang sie mit einem Satz vom Bett und schüttelte den Kopf, um ihre Mähne wieder in Ordnung zu bringen.

»Bitte entschuldigen Sie, Doktor. Ich weiß, ich bin eine schlechte Mutter. Ich bekomme es jeden Tag zu hören. Ich kann nichts dafür. Ich kann ihn einfach nicht schreien hören! Als ich eben heraufkam, hätte ich ihn am liebsten an die Wand geknallt. Stellen Sie sich vor, das geht nun seit heute Morgen so. Ich habe alles getan, alles versucht.«

Sie blickte Jeanne erstaunt und misstrauisch an.

»Jetzt, wo ihn jemand anders auf den Arm genommen hat, ist er ruhig. Ich habe es Ihnen immer gesagt, aber Sie wollten mir ja nicht glauben. Er kann mich nicht leiden.«

Der Blick von Jeanne traf sich mit dem des Arztes, und beide wurden etwas verlegen, als ihnen bewusst wurde, dass sie beide dasselbe dachten.

»Wo ist Ihre Schwiegermutter?«

»Das weiß ich nicht. Ich habe sie hinuntergehen und unten herumkramen hören, dann ist sie wieder heraufgekommen, hin und her gegangen und hat die Türen auf- und zugemacht. Ich glaube, sie hat sich eingeschlossen, was bedeutet, dass sie für die nächsten Stunden keinen sehen will.«

Zwischen dem Doktor und Alice schienen Andeutungen zu genügen, als sprächen sie über bekannte Dinge, die in keiner Weise ungewöhnlich oder merkwürdig waren.

»Waren Sie im Haus, als Ihr Schwiegervater zum Dachboden hinaufgegangen ist?«

»Ich war hier. Das Kind schrie ja schon. Es schreit seit seiner Flasche heute früh, obwohl ich ihm...


Simenon, Georges
Georges Simenon, geboren am 13. Februar 1903 im belgischen Lüttich, gestorben am 4. September 1989 in Lausanne, gilt als der »meistgelesene, meistübersetzte, meistverfilmte, in einem Wort: der erfolgreichste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts« (Die Zeit). Seine erstaunliche literarische Produktivität (75 Maigret-Romane, 117 weitere Romane und mehr als 150 Erzählungen), viele Ortswechsel und unzählige Frauen bestimmten sein Leben. Rastlos bereiste er die Welt, immer auf der Suche nach dem, »was bei allen Menschen gleich ist«. Das macht seine Bücher bis heute so zeitlos.

Georges Simenon, geboren am 13. Februar 1903 im belgischen Lüttich, gestorben am 4. September 1989 in Lausanne, gilt als der »meistgelesene, meistübersetzte, meistverfilmte, in einem Wort: der erfolgreichste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts« (Die Zeit). Seine erstaunliche literarische Produktivität (75 Maigret-Romane, 117 weitere Romane und mehr als 150 Erzählungen), viele Ortswechsel und unzählige Frauen bestimmten sein Leben. Rastlos bereiste er die Welt, immer auf der Suche nach dem, »was bei allen Menschen gleich ist«. Das macht seine Bücher bis heute so zeitlos.



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