E-Book, Deutsch, 248 Seiten
Silber Chopinhof-Blues
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7117-5464-6
Verlag: Picus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 248 Seiten
ISBN: 978-3-7117-5464-6
Verlag: Picus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anna Silber wurde 1995 in Mödling geboren und wuchs in Deutschland auf. Sie studierte Transkulturelle Kommunikation und Internationale Betriebswirtschaft. Zahlreiche Förder- und Nachwuchspreise. »Chopinhof-Blues« ist ihr erster Roman.
Autoren/Hrsg.
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KAPITEL 1: KATJA
Als Tilo rübersah, wusste ich schon, dass der Boden der Tatsachen ein doppelter war. Dass er es schon wieder tat, obwohl wir die letzten anderthalb Tage damit verbracht hatten, genau darüber zu reden: dass er es nicht lassen konnte. Dass er sich genau die Frauen anlachen musste, die ganz sicher Schwierigkeiten bedeuten würden. Die verheirateten. Die verlobten. Er sah rüber mit diesem Tilo-Blick, obwohl er vor weniger als einer Woche sitzen gelassen wurde, von genau so einer Frau.
»Tilo.«
»Was? Was schaust du so?«
»Guck sie dir an, Mann. Das ist doch scheiße. Die hat doch sogar den Ring am Finger, ich mein, guck halt mal da hin.«
»Ich schau halt woanders hin.«
»Du bist ein Arschloch, Tilo.«
»Aber das ist nix Neues, oder?«, sagte er, als wäre das alles ein Spiel. Ich sah ihm fest in die hellen Augen. Ein bisschen Grün im Blau. , Mamas Worte, hundertmal gehört.
»Ich will gehen.« Ich klang trotziger als gewollt.
»Wieso denn jetzt? Nur weil ich eine Frau anschaue?«, fragte Tilo. »Ich mach ja sonst gar nichts, ich geh nicht zu ihr hin, ich sag nix zu ihr, in zwanzig Minuten bin ich hier aus der Tür raus, bring dich zum Bahnhof und dann seh ich die nie wieder, komm schon, Socke, nimm das doch nicht so ernst!«
Ich sah ihn vor mir, an dem Tag, als er ausgezogen war aus dem Kleinen Bahnweg, wie er den Rucksack auf den Koffer und die Sporttasche gehievt hatte und beim letzten Winken wieder alles auseinanderfiel. Wir kannten niemanden mit Auto, in Jugendheimen hatte kein Mensch Geld für ein Auto. Also war Tilo Zug gefahren, von Kassel nach Wien, wo er überraschend ein Stipendium bekommen hatte. Weder er noch ich waren damals je in Wien gewesen, überhaupt in Österreich. Die weiteste Reise war an die Ostsee gewesen, in unserem dritten oder vierten Jahr im Kleinen Bahnweg.
Tilo sah weiter rüber zu der Frau mit dem Ring. Bis auch sie hersah, ein verwundertes Lächeln auf den Lippen. Sie war schön, ja. Alle seine Frauen waren schön. Und alle hatten sie diesen Blick, wenn sie Tilo ansahen, Tilo mit dem Lockenkopf und den Inselaugen. Ich sah zwischen ihr und Tilo hin und her, bis es nicht mehr auszuhalten war.
»Tilo!« Er drehte sich ein bisschen, sah mich endlich richtig an.
»Sorry.« Er nahm meine Hand, drehte sie um und fuhr routiniert die Narbe in meiner Handinnenfläche entlang. Wie klein waren wir gewesen, wie lang war es her, als Mama uns von einer befreundeten Wahrsagerin erzählte, die händelesend alle Geheimnisse aufdecken konnte und uns bald besuchen würde. Tilo und ich wollten nicht, dass irgendwer unsere Geheimnisse herausfand. Tilo kam auf die Idee mit dem Messer. Ich fing an, weil er sich nicht traute. Ein schneller Schnitt einmal quer über die Handinnenfläche, damit die Wahrsagerin nichts erkennen würde. Ich schrie nicht, Tilo dafür laut. Mama, die damals schon nicht mehr an Ärzte glaubte, schmierte eine selbst gemachte Creme auf die Schnittwunde, band ein Geschirrtuch darum und setzte mich zwischen Räucherstäbchen. Zwei Tage später fiel ich in der Schule einfach vom Stuhl. Die Lehrerin rief erst den Krankenwagen an, dann das Jugendamt.
»Du warst so tapfer, Katja«, sagte Tilo mit Blick auf die hässliche Verfärbung, die sich quer über meine Hand zog, »ich hätte das nie durchgezogen mit dem Messer. Aber dafür hatte ich dich ja. Hab ich dich ja«, fügte er hinzu, lächelte, als wäre das alles eigentlich ganz harmlos gewesen. Kein Wort zu Mamas Schweigen, nachdem das Jugendamt zum ersten Hausbesuch gekommen war. Kein Wort zu den Stunden allein, eingesperrt drinnen oder ausgesperrt draußen, weil ich mich in der Schule nicht zusammengerissen hatte, weil ich uns den Staat ins Haus geschafft hatte. Kein Wort zu allem, was danach kam. Ich räusperte mich.
»Pass einfach auf dich auf«, sagte ich leiser.
»Sowieso«, sagte Tilo, der es immer schaffte, dass ihm alle wohlgesonnen waren. Ich warf einen Blick auf die Uhr.
»Komm, wir müssen los.« Tilo nickte, fuhr sich durch die Haare und holte sein Drehzeug aus dem Mantel. Ich sah nicht hin, als wir an dem Tisch der schönen Frau vorbeigingen.
Der Wiener Bahnhof Meidling war so verschandelt wie eh und je, ich winkte Tilo aus dem Zug zu. Wieder war ein Notfall-Kurzbesuch vorüber, ich saß drinnen und er stand draußen, fuhr sich durch die Locken, sah unruhig zwischen mir, der Bahnhofsuhr und der Lok hin und her. Ich musterte ihn, blieb an seinen Schuhen hängen, die wir gestern in einem Secondhandladen gekauft hatten. Die Verkäuferin hatte sie extra für Tilo aufbewahrt, weil sie . Tilo hatte gelacht, die Schuhe anprobiert, viel zu wenig Geld dafür gezahlt und die alten, mit denen er gekommen war, gleich dort gelassen. Wer traute sich, so zu leben?
Der Zug ruckelte los, von Wien Richtung Berlin. Es stank nach Bremsen. Draußen winkte Tilo ein letztes Mal, bevor er sich umdrehte und zurück in die Bahnhofshalle ging. Von hinten sah er aus wie ein Fremder.
Der Zug hatte gerade Sankt Pölten hinter sich gelassen, als mein Handy klingelte. Ich drückte den Anruf weg. Keine halbe Minute später rief sie wieder an, wieder drückte ich sie weg. Beim dritten Anruf hob ich ab, alles sinnlos.
»Hallo«, sagte ich.
»Katja«, sagte sie. »Wie geht es dir?«
»Was willst du, Mama?« Der Mann im Sitz gegenüber hob den Blick, sah mich interessiert an.
»Nur anrufen, Katja. Ich will dir nichts Böses.« Ihre Stimme viel zu weich.
»Mh.«
»Wo bist du denn? Wie geht es dir? Bist du unterwegs?« So viele Pseudofragen.
»Ich sitze im Zug.«
»Warst du bei Tilo?« Hatte er ihr erzählt, dass ich kommen würde?
»Ja.«
»Geht es ihm besser?« Also doch. Warum erzählte er ihr von seinem Leben?
»Das musst du ihn fragen, nicht mich. Ich war nur dort, um ihm zu helfen. Aber jetzt muss ich …«
»Katja, ich will dich nicht aufhalten«, unterbrach sie mich, wenigstens war die Waschmittelstimme weg. Vielleicht hatte sie endlich verstanden, dass sie mir nichts vorzuspielen brauchte. Dass ich nur noch ans Telefon ging, damit Tilo Ruhe gab.
»Was willst du dann?«, fragte ich.
»Ich will nur wissen, ob du sicher zum Jubiläum kommst.«
»Ich habe zugesagt, also komme ich.«
»Gut.«
»Für Tilo komme ich, Mama, nicht für dich.«
»Ich verstehe. Aber …« Ich legte auf. Der Mann gegenüber sah mich immer noch an. Ich hatte Lust, eine Grimasse zu schneiden oder ihn anzuschreien oder ihm einfach alles zu erzählen, einem wildfremden Mann im Zug, die ganze Geschichte, die niemand außer Tilo und mir kannte. Jedes Detail, das mir einfiel, um die vollen acht Stunden von hier bis nach Berlin zu füllen. Der Mann senkte den Blick, ich atmete aus. .
»Frau März, Sie können nicht jedes zweite Wochenende die Fliege machen, Sie haben Verantwortung, das wissen Sie, oder?« Giacomo stand in meinem Büro und am liebsten hätte ich ihm die Tür in seine parfümierte Visage geknallt. Auf dass es endlich ein Ende nehmen würde, das Sticheln, das Urteilen.
»Es war nur das Wochenende, kein einziger Wochentag«, sagte ich und konzentrierte mich auf meine Stimme, so wie ich es gelernt hatte. Ruhig und selbstbewusst. Das Tempo herunterfahren. Die Worte meines Coaches im Ohr. .
»Frau März, niemand braucht diese Ausreden.« Giacomo schüttelte den Kopf, eine Theatergeste. Mit jeder Handbewegung, mit jedem Heben der Augenbrauen musste er unterstreichen, dass er es geschafft hatte. Giacomo Andreotti, die Großeltern aus Apulien, die Eltern aus Recklinghausen, er selbst mit fünfunddreißig schon . Ich atmete aus, immer die Ruhe bewahren.
»Es war eine Familienangelegenheit.«
»Mhm, die berühmte Familienangelegenheit.«
»Ja.«
»Frau März, Sie …«
»Ich muss leider ins Meeting, es ist gleich zehn«, unterbrach ich ihn und musste mir ein Grinsen verkneifen. Das hatte er von seinem Organisationsfimmel, von seiner Pünktlichkeitsobsession. Ich stand auf, die Bluse kratzte unter meinem Nacken. Kurz der Gedanke, Giacomo zu bitten, die Bluse aufzuknöpfen und seine Hand auf die juckende Stelle zu legen. Seine Hand einfach dort liegen zu lassen, bis es zehn war, zehn nach zehn, halb elf. Ich drückte die...




