E-Book, Deutsch, Band 61, 314 Seiten
Reihe: Classica Monacensia
Sigurjónsson Sic notus Achilles?
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-381-10723-0
Verlag: Narr Francke Attempto Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Episches Narrativ und Intertextualität in Statius' Achilleis
E-Book, Deutsch, Band 61, 314 Seiten
Reihe: Classica Monacensia
ISBN: 978-3-381-10723-0
Verlag: Narr Francke Attempto Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Björn Sigurjónsson ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Lateinische Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Autoren/Hrsg.
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1.2 Die in der Forschung
Die fand in der Forschung jedoch lange nur wenig Beachtung. Nach Margit Benkers 1987 vorgelegter Dissertationsschrift erschien 2005 mit Peter Heslins die erste Monographie, die nur der gewidmet war. Neben der dort weit ausgeführten Rezeptionsgeschichte in der Frühen Neuzeit wollte Heslin einen Beitrag zur Intertextualität in lateinischen Werken, besonders zur frühen Ovidrezeption leisten und wagte sich mit psychoanalytischer Perspektive an die antike Literatur. Ein weitergreifender Vergleich mit den Vorstellungen von Achill in Homers und bei späteren Autoren bleibt bei Heslin jedoch meist auf Teilbereiche beschränkt. Vor allem die psychoanalytischen Fragestellungen führen zu anachronistischen Schlussfolgerungen, die zum Teil nicht dem antiken Götter- und Heldenbild entsprechen. Denn antike Leser hatten sich durch die der vorangegangene Literatur schon Vorstellungen von Achill gebildet, die nicht unbedingt mit dem modernen Bild eines Helden korrespondieren. So sollte nach Horaz’ ein Dichter Achill in einem geplanten Werk übereinstimmend mit den literarischen Vorbildern keineswegs kontrolliert und bedacht darstellen:
Aut famam sequere aut sibi conuenientia finge
scriptor. honoratum si forte reponis Achillem,
impiger, iracundus, inexorabilis, acer
iura neget sibi nata, nihil non arroget armis. (Hor. 119–122).
Auch wenn Achill in der der Held ist, der das Kampfgeschehen in der Schlacht entscheidet, wurde sein Charakter im Rom der frühen Kaiserzeit wie auch schon in Homers also keineswegs durchgehend vorbildlich gesehen. Stattdessen galt Achill bis in die Spätantike als Paradebeispiel für den erbarmungslosen, von Zorn getriebenen Krieger.
Ausgehend von Heslin sieht ein Teil der neueren angelsächsischen und deutschsprachigen Forschung in der zwar diesen offensichtlichen Widerspruch zum modernen Heldenbild. Die Studien, die nachweisen wollen, dass Statius’ in klarem Gegensatz zu Homers Achill stehe, kommen zu diesem Urteil, weil die literarischen Traditionen nur selektiv ausgewertet werden, so dass sie die Beurteilung des Helden aus moderner Perspektive zu bestätigen scheinen. So bezeichnet Heslin die als „transvestite sex-farce“. Des Weiteren sei Achills Darstellung respektlos und Heldenmut werde in der pervertiert.
Fernand Delarue wiederum vertritt die Meinung, dass es in Statius’ grundsätzlich keine homerischen Einflüsse gebe, sondern bewusst nur eine Rezeption der nachhomerischen Literatur zu Achill stattfinde. Dies versucht er zu belegen, indem er Widersprüche zur aufzeigt.
Claudia Klodt fasst den statianischen Achill als „kriegsversessene[n], verantwortungs- und herzlose[n] ungezogene[n] Tunichtgut“ auf. Diese Einschätzung begründet sie damit, dass Achill ohne Rücksicht auf die Jungen eine Löwenmutter töte und Deidamia ohne Nachdenken schwängere. Die Erziehung durch den Kentauren Chiron habe dazu geführt, dass Achill zum geworden sei. Hieraus folgert Klodt, dass es sich bei Statius’ um eine „ironische Destruktion homerischen Heldentums“ handle. Dieser Befund deckt sich jedoch weder mit dem antiken Heldenbild noch mit dem ambiguen Bild Achills in der und auch nicht mit dem Ansehen, das Chiron in der Antike als Erzieher innehatte.
Wenn die als Parodie oder als eine ironisierte Darstellung aufgefasst wird, fällt oft eine unscharfe Benutzung der Begriffe auf. Tatsächlich fällt „es schwer, die einzelnen Erscheinungsformen des Komischen präzise voneinander zu unterscheiden.“ Achill bewegt sich als Held der in Situationen, die den typischen Situationen eines Epos wie der nicht entsprechen; oft erhält der Leser ein größeres Hintergrundwissen als einzelne Figuren. Durch diese Spannungen zwischen den Erwartungen des Lesers und den tatsächlichen Handlungen der Figuren im Epos entstehen häufig Situationen der Komik. Diese Komik ist jedoch nicht als Ironie im allgemeinen Sinne oder Parodie zu werten. Stattdessen fällt diese Komik oft unter den Bereich der tragischen beziehungsweise dramatischen Ironie: „In der Tragödie erkennt der Zuschauer oft hinter einer scheinbar unverfänglichen Äußerung […] eine aus der Sicht der Figur unfreiwillige, aus der Sicht von Autor und Publikum aber um so gezieltere Anspielung auf die spätere Katastrophe.“ Wegweisendes Merkmal der dramatischen Ironie ist also der Wissensvorsprung des Rezipienten gegenüber den agierenden Personen. Der Begriff der dramatischen Ironie geht jedoch über die Gattung Drama hinaus. So führt Müller Odysseus’ unerkannte Anwesenheit unter den Freiern im 21. Gesang der und das Vorwissen des Lesers gegenüber den Freiern, die nicht ahnen, dass es sich bei dem Bettler um Odysseus handelt, als ein frühes Beispiel dafür auf, wie dramatische Ironie auch im Epos wirkt. Diese Form der Ironie „destruiert“ also nicht die Gattung und führt auch nicht zu einer Epos-Parodie oder macht die in Verbindung mit Einzeltextreferenzen zu einem „Parodic Mini-Cento“. Stattdessen werden der Komik durch das epische Narrativ Grenzen gesetzt.
Ganz im Gegensatz zu Claudia Klodt, Peter Heslin und Fernand Delarue geht Peter Davis gerade den verschiedenen Einflüssen von Epikern auf Statius’ Achill nach. Dabei macht er an einzelnen Beispielen deutlich, wie neben Homers Achill auch literarische Figuren wie Vergils Aeneas, Valerius Flaccus’ Iason und Statius’ eigener Theseus aus der auf die Gestaltung seines Helden in der einwirkten.
Auch zu Catulls 64, in dem unter anderem die Hochzeit von Peleus und Thetis beschrieben wird, lassen sich Bezüge nachweisen. Diese Intertextualität wird in der Regel an den Szenen der festgemacht, in denen Achill Lyra spielt und über sich selbst beziehungsweise seine Eltern singt (vgl. Stat. . 1,188–194, 572–579, 2,96–167). Dabei lassen sich Einzeltextreferenzen auf Catulls 64 nachweisen. Da´niel Kozák folgert aufgrund der übereinstimmenden Thematik, dass Achills Lieder in der als eine Art Prototyp für Catull erscheinen sollen und damit in der Logik der das Rezipierte als Rezeption erscheint.
Statius’ Achill rezipiert jedoch auch Ovids und verführt in Übereinstimmung mit den Ratschlägen der Deidamia. Dabei zeigt sich Achill als „wise lover“, der die an Ovids angelehnten verinnerlicht hat. Da Catulls 64 und vor allem durch Ovids Liebesdichtung in der Achills Darstellung und Verhalten beeinflussen, gelangt schließlich Peter Davis zu der Bewertung, dass die nur ein Epos in Anführungszeichen sei, weil diese rezipierten Werke in ihrer Grundhaltung antiepisch seien. Auch Denis Feeney betont Ovids Einfluss auf die . Auf einen kriegerischen Beginn folge bis zum Ende des ersten Buches ein Abschnitt, der sich stark an Ovid orientiere. Dies zeige sich daran, dass in diesem Textstück die Liebe einen bestimmenden Teil einnehme.
Wie jedoch François Ripoll ausführt, entspricht die Atmosphäre der mehr der von Ovids als der der oder der . Die elegischen Einflüsse auf die Darstellung Achills sind dabei zwar nicht zu vernachlässigen, aber sie bestimmen das Achillbild nicht allein. Gianpiero Rosati zeigt dies in seinem Aufsatz, der in leicht veränderter Form auch als Vorwort zu einer italienischen Übersetzung der erschien: Dadurch, dass Statius’ Achill nicht nur in einer einzigen Tradition verortet werden kann und seine heroisch kriegerische Identität mit der des Liebhabers verbunden wird, wirkt seine Persönlichkeit komplexer. Dies zeigt sich auch am Stil der : Elegische Elemente gehen einher mit Charakteristika des antiken Epos, wie beispielsweise Verweise auf Achills Berufung zum Helden und sein künftiges Schicksal oder der grundsätzliche Aufbau als Epos. Daher sollte die auch als vollwertiges und ernsthaftes Epos angesehen werden. Die epische Form und ihre Diktion bleiben bewahrt, die erhaltenen Teile des Epos stehen in ihrem Spiel mit mythologischen und literarischen Vorbildern deutlich in der Tradition von Ovids .
Alan Cameron wiederum zeigt, dass auch die Fragmente der schon in besonderem Maße auf den Trojanischen Krieg hinführen. Zum einen steht Achill schon nach dem ersten...




