Sigrist / Klie / Schlag | Diakoniewissenschaft | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 156 Seiten

Sigrist / Klie / Schlag Diakoniewissenschaft

E-Book, Deutsch, 156 Seiten

ISBN: 978-3-17-034084-8
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Diakonie als christlich begründetes und motiviertes helfendes Handeln im Kontext von Kirche und Gesellschaft ist seit jeher konstitutiv für den christlichen Glauben. In der Diakoniewissenschaft steht die Kunst des Helfens im Mittelpunkt: Wie ist zu verstehen, dass Menschen sich von der Not anderer treffen lassen und helfen? Wie sind Hilfe und diakonisches Engagement theologisch als Praxis des christlichen Glaubens zu beschreiben? Wie sind individuelle und institutionelle diakonische Praxis unter den Bedingungen einer plural gewordenen Gesellschaft zu gestalten?
Der Band beleuchtet elementare Themen anwendungs- und kontextbezogener Diakoniewissenschaft. Dabei wird diese in ihrem Beitrag zum Dialog über brennende Fragen sozialer Praxis konzipiert. Das hermeneutische Anliegen wird zugleich auf aktuelle Debatten zu Fragen der Caring Communities und der urbanen Diakonie hin konkretisiert.
Sigrist / Klie / Schlag Diakoniewissenschaft jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


2  Geschichte der Diakoniewissenschaft
Kann Diakonie gelehrt werden? Und wenn ja: Wie kann denn Diakonie gelehrt und studiert werden? Wie ist über Diakonie wissenschaftlich zu reden und zu reflektieren? Wenn im Folgenden in aller Kürze die entscheidenden Linien in der Entwicklung der Diakoniewissenschaft mit ihren Personen, Stationen und zeitgeschichtlichen Epochen nachgezeichnet werden sollen, schwingt bis heute eine nach Haslinger »tief greifende, beinahe mythologisch verwurzelte Bewusstseinsspaltung zwischen helfendem Handeln und wissenschaftlichem Reflektieren« (Haslinger 2009, 22) bei vielen Dozierenden und Studierenden mit. In dieser in kirchlichen und diakonischen Arbeitsfeldern oft gehörten Aufwertung der praktischen Arbeit mit den Menschen vor Ort gegenüber der theoretischen Reflexion im Elfenbeinturm verbirgt sich die Grundannahme, dass helfendes Handeln zuerst und überhaupt mit Betroffenheit, Nähe und Anpacken zu tun hat, weniger mit Sachlichkeit, Distanz und Reflexion. Für den Kirchenkaffee in der Kirchgemeinde und den Spielnachmittag im diakonischen Werk braucht es Menschen mit Herzblut und keine abgehobenen Intellektuellen. Herz statt Hirn, Nähe statt Abgrenzung, erprobte Berufung statt professioneller Beruf. Ohne sofort in den Modus der Abwehr und der Rechtfertigung zu fallen, gilt es zunächst, diesen in der vor Ort erfolgten diakonischen Praxis nicht selten gehörten Vorwurf gegenüber der Theorie ernst zu nehmen. Diakonie als helfendes Handeln innerhalb von Kirche und Gesellschaft, Diakonie also als »christliches Hilfehandeln zugunsten von Notleidenden« (Haslinger 2009, 19), ist zunächst handeln, tun, in die Hände spucken und anpacken, hinsitzen und zuhören, die Salbe nehmen und einschmieren, den Budgetbogen hervornehmen und rechnen, die Hand halten und trösten, ins Mikrophon schreien und protestieren. Dies ist der erste Impuls des helfenden Handelns. Erst in einem zweiten Impuls drängt es den helfenden Menschen dazu, nachzudenken, was vorgemacht wurde. Dieser Ausgangspunkt lässt bereits im Ansatz erkennen, was sich wie ein roter Faden durch die Entwicklung des Faches zieht: • Diakoniewissenschaft ist Reflexion der schon erfolgten Praxis im Blick auf kommende Aufgaben und Tätigkeiten. Das Denken wird aus dem Handeln geboren, die Notwendigkeit der Reflexion erfolgt aus der irritierenden und schlichten Erfahrung, dass helfendes Handeln nicht immer hilft, und gutgemeint meist schlechtgetan ist. • So, wie die diakonische Praxis eine Vielfalt von unterschiedlichen Handlungsfeldern in sich trägt, gibt es nicht die Diakoniewissenschaft, sondern die inhaltliche wie auch methodengeleitete und systemorientierte Entwicklung des Faches orientiert sich an den aktuellen Herausforderung von Kirche und Gesellschaft in den jeweiligen zeitgenössischen Epochen. • Der Verdacht, dass diakonisches Handeln nicht eigentlich zum wissenschaftlichen Denken in Theologie und anderen Bezugsdisziplinen gehört, emotionale Stallwärme und intellektuelle Universitätskühle sich nicht oder kaum vertragen, zieht sich durch die ca. 170-jährige Geschichte der Diakoniewissenschaft. • Der Gegenstandsbereich der Diakoniewissenschaft ist weder Seelsorge noch Ethik, Theologie noch Sozialwissenschaft, Ökonomie noch Pädagogik, sondern Diakonie. Und Diakonie ist und bleibt ein »schillernder« (Braune-Krickau 2017), ein diffuser Begriff mit einer großen Unschärfe, der geradezu nach hermeneutischer Arbeit und Reflexion schreit. 2.1  Hermeneutische Denkmale der Disziplin
Folgt man den Erkenntnissen von Arnd Götzelmann und Volker Herrmann, ist die Entstehung der Disziplin der Diakoniewissenschaft einerseits sehr eng mit der Entstehung des diakonischen Aufbruchs im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit der sogenannten Erweckungsbewegung verbunden, anderseits mit der Bildung des Fachbereiches der Praktischen Theologie, wie ihn Friedrich Daniel Schleiermacher (1768–1834) entworfen und konzipiert hat. Zu diesem Zeitpunkt anfangs des 19. Jh. hat jedoch die praktische Arbeit der Diakonie schon eine Jahrtausende alte Erfahrung und Entwicklung hinter sich1. Dieser Gang durch die Geschichte der Diakonie als Praxisfeld christlicher Kulturgeschichte kann hier nicht dargestellt werden.2 Doch im Sinne von hermeneutischen Denk-Malen sollen Einsichten aus der Diakoniegeschichte für die historische Genese und aktuelle Entwicklungslinien in der Diakoniewissenschaft verständlich gemacht werden. In Aufnahme der »Lektionen« aus der Geschichte der Diakonie von Herbert Haslinger (Haslinger 2009, 70–71) tragen folgende Punkte zum Verstehen der Disziplin mit ihrer Geschichte bei. 2.1.1  Christliche Diakonie als kulturelles Erbe
Zunächst und zuallererst muss festgehalten werden, dass das, was in Kirchen und diakonischen Unternehmen unter »christlicher Diakonie« verstanden wird, schon vor dem Christentum in unserer abendländischen Kultur seine Spuren hinterlassen hat. Dazu kommt, dass im Lauf der Geschichte diese Motive und Aspekte diakonischer Kultur in andere Kulturen und Religionen eingeflossen sind, die wiederum in das in diesem Kompendium auf den europäischen Kontext fokussierte Abendland gewirkt haben und aktuell wirken. Dass man hungernden Menschen in Not Brot geben soll und dieser Akt mit einer speziellen Sichtweise von religiösem Erleben, spiritueller Erfahrung oder Glaubensfrömmigkeit verbunden wird, lässt sich in den Texten des alten Ägyptens und des alten Israels nachlesen, genauso wie in der Bibel oder den Texten Mohammeds. Das »Christliche« in der Diakonie ist die Legierung eines synkretistisch erscheinenden religiös-kulturellen Amalgams menschlichen Verhaltens angesichts von Not. Diakonie als spezifisch christliches Erbe so zu behaupten, dass damit helfendes Handeln anderer Kulturen, Religionen oder Weltanschauungen in Frage gestellt oder abgewertet wird, ist unklug und nicht weise. 2.1.2  Ohne Diakonie kein Christentum
Das Leben in den ersten christlichen Urgemeinden bis ins 4. Jh. konstituierte sich in sozialer, gesellschaftlicher Perspektive vor allem aus ihrem vorbehaltlosen helfenden Handeln gegenüber Mitgliedern und Nichtmitgliedern. Der geteilte Tisch des Herrn und das geteilte tägliche Brot mit den Hungernden erzeugte so viel Resonanz in der Umwelt, dass sich die Verbreitung des Christentums bis hin zur Anerkennung als Staatsreligion nach der konstantinischen Wende zwischen 313–318/380 n. Chr. ohne die Diakonie kaum verstehen ließe. Statt die kleinere Schwester des Aschenputtels der Praktischen Theologie (Hörnig 2014, 100) hätte, um dieses Bild aufzunehmen, die Diakonie aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte mit ihrer entscheidenden Wirkkraft auch im wissenschaftlichen Fächerkatalog die Rolle der Goldmarie zu spielen. Sie müsste in den Curricula der theologischen Fakultäten und Fachhochschulen nicht erst unter den frei zu wählenden, obligatorischen oder freien Wahlpflichtfächern subsumiert werden. 2.1.3  Spannungsfeld Diakonie und Gemeinden
Seit Beginn des Christentums mit der Bildung der ersten nachösterlichen Gemeinden gab es Spannungen innerhalb der Gemeinschaften, die sich insbesondere an der Versorgung und der Diakonie an notleidenden Mitgliedern und Nichtmitgliedern entluden. Die Not der Menschen polarisiert seit jeher bei der Frage, wie denn institutionelles, professionelles helfendes Handeln wirkungsvoll einzurichten ist. Dazu kommt, dass in der Weiterentwicklung der Gemeinden zu bischöflich geleiteten Gemeinschaften im 3.–5. Jh. genau diese nicht mehr als nachhaltige Träger der Diakonie fungierten. Natürlich praktizierten ihre Mitglieder Hilfe aneinander und miteinander. Doch in ihrer institutionellen Ausstrahlung, hervorgerufen unter anderem durch die schwache liturgische Einrichtung eines diakonischen Amtes, welches dem Bischofsamt nach- und untergeordnet ist, zeigten sie wenig Wirkung. Liegen schon in dieser antiken Weichenstellung die Gründe für die »diakonische Insuffizienz« (Haslinger 2009, 71) kirchlicher Gemeindearbeit und die bisher wenig beachtete wissenschaftliche Reflexion dieser Arbeit? 2.1.4  Spannungsfeld parochiale und institutionelle Diakonie
Aus der Geschichte der Diakonie ist zu verstehen, dass schon seit frühester Zeit Kirchgemeinden, einzelne Personen, Klöster, Werke und Organisationen miteinander Trägerinnen und Träger christlich motivierten helfenden Handelns sind. Die pejorativen und ausgrenzenden Grabenkämpfe, wer »eigentlich« nun »Diakonie« leiste, sind angesichts der plural ausdifferenzierten Gesellschaft endgültig zu beerdigen. Es geht in der Wahrnehmung der Menschen heute nicht mehr darum, evangelisch oder katholisch verortete Caritas oder Diakonie, kirchliche oder christliche, diakonische oder gemeindliche Dienstleistungen voneinander zu unterscheiden. Es geht vielmehr darum, allgemein menschliches, helfendes Handeln in seinen unterschiedlichen Begründungszusammenhängen, auch als christlich motivierte und begründete diakonische Praxis, angesichts der Pluralität des Hilfehandelns verstehen zu lernen. 2.1.5  Anpassungsfähigkeit der Diakonie
Diakonische Praxis orientiert sich seit jeher an der sozialen Not in der Zeit. Zur diakonischen Hermeneutik gehören deshalb die Analysen der Zeitgeschehnisse, deren Beurteilung und die neuen, der Zeit angepassten Visionen, Missionen und Strategien für wirkungsvolle Hilfe. Diakonische Hermeneutik fördert die Anpassungsfähigkeit der Diakonie als innovatives, gesellschaftsförderndes und gesellschaftskritisches Potential in hohem Maße. Die Reaktion auf die gesellschaftlichen Transformationen...


Prof. Dr. theol. Christoph Sigrist ist Titularprofessor für Diakoniewissenschaft an der theologischen Fakultät der Universität in Bern und Pfarrer am Grossmünster in Zürich.


Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.