Signer | Dead End | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten, Format (B × H): 110 mm x 180 mm

Signer Dead End


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-906913-07-0
Verlag: Lector Books GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 384 Seiten, Format (B × H): 110 mm x 180 mm

ISBN: 978-3-906913-07-0
Verlag: Lector Books GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Eine Erbschaft in Valencia. Ein Club-Wochenende in Berlin. Das Wiedersehen mit dem Sohn eines alten Freundes. Eine Dienstreise in den Senegal. Nichts ist harmlos, nichts läuft wie geplant in David Signers bitterbösen und rabenschwarzen Erzählungen. Signers Protagonisten treffen alltägliche Entscheidungen, die sich als falsch erweisen. Als fatal. Sie entfesseln verhängnisvolle Ereignisse, denen wir als Leser und Leserin atemlos folgen. David Signers acht neue Erzählungen kreisen um biografische Wendepunkte, an denen bisher bürgerliche Leben aus den Fugen geraten. Eben noch im Alltag verhaftet, finden sich die Protagonisten plötzlich an fremden, düsteren Orten wieder. In Situationen, die sie überfordern. Die die Grundfesten ihrer Existenz erschüttern. Oder in denen ihr Leben zu einem jähen Ende kommt. Dead End. ? Signer schickt weiße europäische Männer im mittleren Alter aus der Mittelklasse ins Verderben. Er meint damit auch sich und seinesgleichen. Der böse Humor dahinter verleiht den Erzählungen eine weitere, gesellschaftskritische Ebene.

David Signer, geboren 1964, ist promovierter Ethnologe. Er ist Autor des zum Standardwerk gewordenen Buches »Die Ökonomie der Hexerei oder Warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt' über die Auswirkungen der Hexerei auf die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas. Der Bild- und Textband »Grüezi - Seltsames aus dem Heidiland', in Zusammenarbeit mit Andri Pol, erschien 2006, seine Romane »Keine Chance in Mori' und »Die nackten Inseln' 2007 und 2010 bei Salis. David Signer ist Afrika-Korrespondent der NZZ und lebt in Dakar.
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DAS KREUZ


Schwierig, so kurzfristig noch ein Zimmer in Berlin zu kriegen. Lediglich ein Doppelbett in einem Hostel ist noch frei. Das hätte Fred gerade noch gefehlt: Mit Mirko im Ehebett. Doch schließlich stößt Mirko über einen Bekannten auf den Neffen eines Hotelbesitzers, und der Onkel schaufelt ihnen ein Zimmer frei. Bei der Ankunft stellt sich allerdings heraus, dass es kein richtiges Hotel ist. Es heißt Dietrich-Bonhoeffer-Haus und ist eher eine Art protestantisches Tagungszentrum. sticht Fred beim Einchecken ins Auge.

Das . Das letzte Mal musste Mirko zwei Stunden anstehen. Also beschließen sie, schon um fünf vor zwölf da zu sein. Es ist noch geschlossen, aber bereits hat sich eine Schlange gebildet. Zum Glück haben sie etwas Ecstasy geschmissen, das Warten fällt ihnen leicht.

Der Türsteher des sieht aus wie ein Höllenhund. Lippen und Augenbrauen gepierct, Tätowierungen quer übers Gesicht wie ein wilder Malaie aus einem Abenteuerbuch und ein Körper kompakt wie ein Panzerschrank. Die Besucher werden gründlich gefilzt, aber nicht nach Drogen, sondern nach Fotoapparaten. Es könnte ja jemand beim Sniffen oder Fixen geknipst werden. Hier sind die Aufseher auf der Seite der Illegalität.

Das Gebäude ist ein gigantisches ehemaliges Stromwerk. Eine Halle hoch wie eine Kathedrale, rohe Betonwände, alles wummert und vibriert wie in einem Bergwerkstollen. Eisentreppen führen in den obersten Bereich. Durch die Stufen sieht man hinunter, schwindelerregend tief.

Mirko und Fred verlustieren sich in der . Eine muskulöse She-DJ legt ebenso muskulösen Sound auf. An der Seitenwand des Raumes hängt das Foto einer riesigen Möse. Einer, der mit Mirko und Fred reingekommen ist und schon am Eingang total verladen wirkte, sitzt nun seit seiner Ankunft mit offenem Mund und glasigen Augen vor dem Bild und staunt und staunt.

Mirko kann etwas Koks auftreiben. Es gibt eine Behindertentoilette, wohin sich die beiden gleich mal verdrücken. Erst versuchen sie es auf der glatten Oberfläche des Chromstahlrads mit den Klopapierrollen. Aber die liegt so tief, dass sie zum Sniffen neben der WC-Schüssel halb in die Knie gehen müssen, und das ist läppisch. Dann entdecken sie das Glas vor dem Spiegel über dem Waschbecken.

Eigentlich steht Fred nicht auf Koks. Es verdirbt ihm die Stimmung eher. Auch heute ist er vom Ecstasy angenehm aufgekratzt, aber nach der Linie ist seine Fröhlichkeit wie eingefroren. Er wird distanziert und schweigsam. Da gibt es nur die Flucht nach vorn. Noch eine Linie. Koks ist das Gegenteil von Nahrung: Je mehr man zu sich nimmt, umso hungriger wird man. Um die Koks-Kälte abzumildern, nehmen sie zum Dessert noch etwas Ecstasy.

Vorsichtig steigt Fred die Eisentreppe wieder hinunter zum Haupt-Dancefloor und taucht in die Menge. Aber der Sound ist brutal laut, die Bässe gehen durch Mark und Bein, er braucht – was ihm bisher noch nie passiert ist – Ohrenstöpsel. Die Vorstellung jedoch, sie in dieser Menschenmenge irgendwo zu besorgen, überfordert ihn. Er hat die Orientierung verloren, lustvoll verloren. Netterweise steht Mirko eine Viertelstunde später mit gelben Ohrenstöpseln neben ihm. Unglaublich. Telepathie. Vielleicht hat Fred ihm auch etwas gesagt. Er kann nicht mehr auseinanderhalten, was er bloß gedacht und was er gesagt hat. Natürlich sehen die Stöpsel peinlich aus. Aber es ist lustig. Der Sound dringt nur von fern durch die Ohren, wie beim Tauchen.

Sie machen eine Rauchpause. Unter Wasser schwimmen sie zum Rauchersalon, aber weil der so voll ist, setzen sie sich mit der Zigarette davor. Sofort kommt ein Aufseher angerannt und ermahnt sie, Rauchen sei bloß im Raucherraum gestattet. Bisschen absurd angesichts der wesentlich härteren Drogen, die allerorts konsumiert werden, findet Fred.

Weil sie nichts spüren vom Ecstasy, oder es zumindest meinen, genehmigen sie sich noch eine halbe. Dann schleppen ein paar Frauen die Ledersessel aus der Lounge ins Pissoir. Jetzt sitzen sie dort gemütlich in der Ecke, rauchen, trinken und schauen den Jungs zu, wie sie in den Blechtrog pinkeln.

Die düsteren Zwischengänge nebenan sind gesäumt von Betonkabäuschen, die aussehen wie Schlafkojen. Manche pennen dort drin, andere haben sich zu zweit hineingequetscht und knutschen herum. Zu viel mehr reicht der Platz nicht. Wie diese Billighotels, wo man in Röhren reingeschoben wird. Na gut, es soll ja klitzekleine Schwarze Löcher geben, warum also nicht auch Mini-Darkrooms?

Mirko hat Fred sein T-Shirt mit dem fluoreszierenden Kaninchen ausgeliehen. Ein voller Erfolg. Alle fragen ihn, ob es von Hanson sei. Fred kennt Hanson nicht, wahrscheinlich so ein Star-Designer. Manchmal sagt er »Ja«, manchmal auch »Nein, von Mirko«.

Sie gehen auf eine weitere Zigarette in den Raucherraum. Als sie durch die schmutzige Scheibe blicken, sind sie erstaunt. Eben erst sind sie angekommen, und jetzt ist es draußen schon taghell. Hoher Norden, Mitternachtssonne? Auf der gegenüberliegenden Mauer steht:

Weiterreise. , schlägt Mirko vor, ist sich aber nicht sicher, ob man sie reinlässt. »Undurchsichtige Türpolitik«, murmelt er. Unterwegs ruft eine Italienerin Fred euphorisch zu:

Am Eingang der torkelt gerade eine andere verrückte Truppe aus dem rein. »Gehören die zu euch?«, fragt sie die Türsteherin, auf Fred und Mirko weisend. »Sicher«, sagt einer aus der Gruppe mit einem Nylonstrumpf auf dem Kopf, und sie sind drin.

Die sieht aus wie ein alter Zirkus, eine Bretterbudensiedlung, auch ein bisschen wie ein Wildwestkaff, mit einem Saloon, wo der trockene Wind die Flügeltüren auf- und zustößt. Die bunt bemalten Holzverschläge liegen gleich an der Spree. Vaudeville, Gaukler, fauler Zauber, Rummelplatz, Zigeunersiedlung, Artistenwagen. Fehlen bloß die ausgerissenen Giraffen und Orang-Utans.

Jemand fragt Fred: »Haste mal ’ne Fluppe?« Klar doch; es ist derselbe, der gesagt hat, dass sie zu ihnen gehören, inzwischen ohne Nylonstrumpf. Sie stehen um die Feuerstelle herum, alles erscheint Fred unglaublich romantisch.

»So stelle ich mir das Paradies vor«, sagt er zu Mirko.

Er bestellt Prosecco, der hier mit Eiswürfeln serviert wird. Jedes Mal, wenn Fred das Glas irgendwo hinstellt und dann für den zweiten Schluck danach greift, ist es verschwunden. Er bestellt ein neues Glas, es geschieht wieder dasselbe. Schließlich schnappt er sich das Glas einer Frau in der Nähe, nimmt einen Schluck, stellt es hin, aber als er wieder danach greift, ist es ebenfalls weg. Vielleicht ein kleines Schwarzes Loch, das ihm nachläuft. Oder es vergehen zwischen dem ersten und dem zweiten Schluck Stunden. So etwas ist ihm schon einmal passiert. Auf einer Party in Zürich. Er ging mit einer Frau zur Theke, und während er überlegte, was er trinken sollte, war es plötzlich nicht mehr acht, sondern elf Uhr. Seltsamerweise war auch die Frau weg.

Wo ist er stehen geblieben? Ach ja, vor der Toilette. Da beugt sich also eine gewisse Juliane über eine Blondine und versucht ihr etwas zu erklären. Hilfsbereit, wie Fred ist, reicht er ihr ein paar Wörter, die ihr vielleicht fehlen (er hat ja genug davon).

»Auf was bist du?«, fragt sie ihn. Sie spüre da so eine gewisse ähnliche Wellenlänge.

»Ich bin Fred.«

Sie selbst ist auf LSD, »aber am Abklingen«, sagt sie. Da ist er sich allerdings nicht so sicher.

Er schwimmt zurück zur Theke. Hubert oder wie er heißt, der Sozialarbeit studiert und den sie schon im kennen- und schätzen gelernt haben, bietet ihnen eine Linie an. Kokain neutralisiert Ecstasy, denkt Fred. Eine sinnlose Kombination. Aber man will ja nicht unhöflich sein.

Er setzt sich wieder ans Feuer. Woher kommt nur all der Rauch, denkt er.

»Kein Feuer ohne Rauch«, sagt der mit der Fluppe postwendend, eine Aussage von taoistischer Tiefe, findet Fred, hustend.

Plötzlich kommt er wieder in Schuss und geht in die Blockhütte am Wasser tanzen, wo er erneut auf Hubert, den Sozialarbeiter, trifft.

»Was war das eigentlich für eine Linie?«, fragt er ihn.

»Speed mit MDMA.«

Gerade am Vortag hat Fred Mirko erzählt, dass die Kampfpiloten unter Hitler Speed schluckten für ihre Angriffsflüge. Wieder so ein rätselhafter Zusammenhang.

Draußen rauscht eine Frau im Hochzeitskleid vorbei. Es ist allerdings schon ziemlich zerschlissen und die Schärpe zieht durch den Dreck. Aber sie trägt es mit Würde, wie eine Märchenprinzessin. In der Hand hält sie ein Plastikschwert. Jedes Mal, wenn sie damit jemanden berührt, ist er verzaubert.

Dann schwebt wieder Juliane...


Signer, David
David Signer, *1964, promovierter Ethnologe, hat mehrere Jahre in Afrika verbracht. Er ist Autor des zum Standardwerk gewordenen Buches »Die Ökonomie der Hexerei oder Warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt« über die Auswirkungen der Hexerei auf die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas. Der Bild- und Textband »Grüezi – Seltsames aus dem Heidiland«, in Zusammenarbeit mit Andri Pol, erschien 2006, seine Romane »Keine Chance in Mori« und »Die nackten Inseln« 2007 und 2010 bei Salis. David Signer ist Afrikakorrespondent der NZZ und lebt in Dakar.



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