E-Book, Deutsch
Sigler Das Blutmal
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-08485-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch
ISBN: 978-3-641-08485-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kult-Autor Scott Sigler lädt Sie ein zu drei abgrundtief bösen und atemberaubend harten Stories aus dem Sigler-Universum.
In Roter Mann erzählt Sigler von einer Gesellschaft, in der die Auswüchse der Gen-Technik zu einer erschreckenden Anwendung kommen.
Iowa-Taifun handelt von netten Leuten in einer netten amerikanischen Kleinstadt, die von einem Moment auf den anderen schreckliche Dinge tun: Siglers vielleicht perfidestes Werk.
In Die große Snipe-Jagd machen sich einige wissbegierige Studenten auf die Scherzjagd nach einer fiktiven unbekannten Spezies – und finden dann tatsächlich eine: Mit blutigen Folgen …
Scott Sigler ließ es sich zusätzlich nicht nehmen, zu jeder Geschichte einen Kommentar zu schreiben, der Einblick in seine abgründige Ideenwerkstatt gibt.
Ebenfalls enthalten ist eine Leseprobe aus dem neuen großen Scott-Sigler-Roman Die Verborgenen .
»Eine atemberaubende Mischung aus Stephen King und Chuck Palahniuk.« James Rollins
Weitere Infos & Material
Die Frau in der Ecknische starrt mich an.
Sie scheint schon älter zu sein, etwa 45, aber vielleicht ist auch ihr hartes Leben der Grund für ihr Aussehen. Viele Leute hier haben ein hartes Leben. Das Restaurant liegt schließlich nicht umsonst in Hunters Point.
Ihr Haar ist braun und strähnig, und trotz der Wärme, die im Diner herrscht, trägt sie noch immer einen zerschlissenen gelben Mantel. Der Raum ist erfüllt von klirrendem und schabendem Besteck, dem Schlürfen der Getränke und den dröhnenden Unterhaltungen der Arbeiter – eine Klasse, der auch ich früher angehörte –, doch nichts davon scheint die Frau zu erreichen. Es ist, als habe sie alles bis auf mich aus ihrem Bewusstsein verbannt. Ich bin das Ziel ihres Hasses, der der fürsorglichen, aggressiven Angst um ihr Kind entspringt.
Ihr kleiner rothaariger Junge bekommt von ihrem Starren nichts mit. Er hat Schmutzflecken im Gesicht und gibt genüssliche Geräusche von sich, während er eine Schale Schokopops verschlingt. Die roten Haare hat er wahrscheinlich von seinem Vater. Ich frage mich, ob die Schlampe überhaupt weiß, wer sein Vater ist.
Die meisten Menschen starren mich nur kurz oder aus den Augenwinkeln an. Wenn ich den Kopf hebe, sehen sie weg. Doch diese Frau nicht. Sie starrt mir geradezu ein Loch in den Schädel. Ich habe sie bereits zweimal direkt angesehen, einmal mit einem Lächeln und einmal mit aller Empörung, die ich in meinen Blick legen konnte, doch dieser zweite Blick dauerte nur wenige Sekunden, bevor ich mich abwenden musste. Ihr hasserfülltes Starren veränderte sich nicht im Geringsten. Wenigstens blieb sie so lange, bis sie ihre Mahlzeit beendet hatte. Die einzige andere Frau mit Kind in diesem Diner war aufgestanden und nach draußen gegangen, kaum dass ich mich an die Theke gesetzt hatte. Sie ließ einen Zwanziger für ihren Kaffee und ihren Bagel liegen und verschwand einfach. Dadurch blieben der Kellnerin nur zwei Dollar Trinkgeld. Das ist nicht viel, aber ich glaube nicht, dass sich die Frau viele Gedanken über die Gefühle der Kellnerin machte.
Es sind noch einige andere Gäste im Diner, und ich vermute, dass einige von ihnen wissen, wer ich bin. Diejenigen, auf die das zutrifft, kennen mein Gesicht aus den vielen Nachrichtensendungen von vor fünf Jahren. Einigen von ihnen ist klar, dass ich zu Unrecht verurteilt wurde. Sie wissen, dass ich kein Kinderschänder bin. Aber dieses Wissen scheint im kollektiven Gedächtnis der Öffentlichkeit nach und nach zu verblassen. Immer häufiger werde ich einfach nur angestarrt, oder mein Erscheinen sorgt dafür, dass die Leute ihre halb gegessenen Bagel zurücklassen und ihr fünf Jahre altes Kind an seinem mit Streichkäse verschmierten Ärmel aus dem Diner zerren.
Ich scrolle mich durch die digitale Speisekarte und betrachte die Fotos der verschiedenen Gerichte auf der Oberfläche der Theke. Am unteren Rand leuchtet eine Werbung für Rol-Aids auf, während Sportergebnisse und Aktienwerte oben von rechts nach links laufen. Meine Giants haben ihr fünftes und sechstes Match verloren; beide Begegnungen gehörten zu einem Doppelspieltag gegen Oakland. Einige Dinge ändern sich nie. GenTel ist um zwei dreiachtel Punkte gestiegen. Ich frage mich, was die starrende Frau sagen würde, wenn sie wüsste, dass ich durch diese kleine Wertsteigerung gerade um weitere Hunderttausend reicher geworden bin. Sie würde mir nicht glauben, wenn ich es ihr erzählte, aber ich bezweifle ohnehin, dass sie Interesse an Smalltalk hat.
Niemand möchte mit einem Roten Mann sprechen.
Vage kann ich meine Spiegelung im zerkratzten Glas der Thekenoberfläche erkennen. Mein Gesicht bildet einen Kontrapunkt zu den Fotos von Mahlzeiten und den Darstellungen von Börsennachrichten und Sportergebnissen, die unter der Spiegelung vorbeihuschen. Das Grillsteak sieht gut aus, auch wenn die Aufnahme ein wenig unscharf ist und einige Pixel fehlen. Ich scrolle weiter, wobei meine Aufmerksamkeit mehr meiner Spiegelung als den Angeboten des Diners gilt.
Ich sehe die Streifen auf meiner Haut. Die rote Farbe bedeutet, dass ich ein Sexualstraftäter bin. Die waschbärenartigen Ringe unter meinen Augen weisen mich als Vergewaltiger aus, und der breite, gezackte Streifen mit Zebramuster, der sich von Wange zu Wange und über meine Nase zieht, verrät, dass ich ein Kinderschänder bin. Ich versuche, mich auf die Chili-Hot-Dog-Kombination zu konzentrieren, doch meine Spiegelung schiebt sich immer wieder in den Vordergrund. In dieser Hinsicht bin ich wahrscheinlich genau wie die starrende Frau – ich kann meinen Blick ebenfalls nicht abwenden.
Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass sich in jenem kurzen Zeitraum von acht Jahren, seit die Regierung Abigail Duerssons Marker-Virus zur Identifikation von verurteilten Straftätern eingeführt hat, jeder die Bedeutungen der verschiedenen Farben und Muster so gut eingeprägt hat, dass nur noch kleine Kinder danach fragen müssen, was jene merkwürdigen Zeichen bedeuten. Dieses Wissen ist inzwischen genauso tief in der kollektiven Psyche Amerikas verankert wie die Farben der Flagge oder die Haltung der Freiheitsstatue. Und gleichzeitig kann sich niemand mehr daran erinnern, dass meine Markierung zu Unrecht erfolgte.
Die Schlampe starrt mich immer noch an. Dies ist ein öffentlicher Ort. Ich habe genau wie jeder andere das Recht, hier zu essen, und doch ertrage ich es nicht mehr. Ich stehe auf und gehe. Ich schaffe es nicht, die Frau anzusehen, doch ich spüre, wie sich ihr starrer Blick auf meinem Weg zur Tür in meinen Rücken bohrt. Ich trete hinaus in den kalten Januarregen. Während die Tür des Diners langsam zuschwingt, höre ich von drinnen vereinzelten Beifall und einige gedämpfte Siegesrufe. Ich schließe die Augen und ignoriere die Geräusche, bis die Tür vollständig geschlossen ist, und dann höre ich nur noch das Hupen wütender Taxifahrer, das Brummen beschleunigender Schwebetransporter und das unablässige Zischen von Druckluftbremsen. Wenn ich meine Augen heftig genug zusammenkneife und nichts als höre, kann ich mir beinah einbilden, alles sei normal. Ich kann mir dann einreden, dass mich die Menschen auf der gegenüberliegenden Straßenseite nicht anstarren und nicht beginnen, sich von mir zurückzuziehen.
In Elvis geht es mir jedes Mal besser. Elvis ist mein Stolz und meine Freude: ein edler ’19er Cadillac Roadster, der letzte, ursprünglich nur für den Straßenbetrieb gebaute Luxuswagen. Natürlich habe ich ihn entsprechend nachgerüstet, und jetzt macht er einhundert Sachen in einer Höhe von sechzig Metern, und damit ist er so schnell wie jedes andere Luxusmodell. Die Fenster sind schwarz getönt; ich kann problemlos hinaussehen, doch die anderen Fahrer erkennen nichts als die dunkle, rauchige Spiegelung ihrer eigenen Wagen und ihrer eigenen normalen Gesichter.
Es macht Spaß, in einer Höhe von sechzig Metern unterwegs zu sein. Über den von Staus geplagten Transportern, Taxis und Mittelklasseautos fünfzehn Meter unter mir und – möge Gott verhüten, dass ich dort je wieder unterwegs sein muss – dem Chaos aus Kleinwagen und Mini-Gefährten, die sich in einer Höhe von dreißig Metern über der Straße aggressiv vorankämpfen. Welch ein Albtraum das ist. Dort unten braucht man fast vierzig Minuten von Sacramento nach San Francisco. Alles geht viel schneller, wenn man sich eine Luxus-Lizenz leisten kann; ich brauche für dieselbe Strecke nur zwanzig Minuten, solange ich es schaffe, das Gedränge um Punkt fünf Uhr zu vermeiden, wenn alle Techniker nach Hause fahren.
Zu meiner Rechten höre ich ein Hupen. Ein brandneuer ’42er Lincoln Town Car. Der Fahrer hupt, winkt und reckt den Daumen nach oben. Das passiert oft. Die Leute mögen Elvis. Es kommt selten genug vor, dass man einen echten Roadster sieht, bei dem noch alle Teile an Ort und Stelle sind, ganz zu schweigen von einem Modell, das für den Flug in dieser Höhe nachgerüstet wurde. Leute, die meinen Wagen sehen, wissen, dass der Fahrer nicht nur reich ist, sondern auch verdammt cool. Elvis hat Stil. Auch ich drücke auf die Hupe und winke. Ich weiß, dass der Fahrer des Lincoln mich nicht sehen kann, aber es ist schön, auf jemanden so reagieren zu können. Es fühlt sich gut an, wenn jemand mir zulächelt.
Ich verbringe einen großen Teil meiner Zeit am Steuer.
Es hat ein Vermögen gekostet, Elvis aufzurüsten. Aber Geld habe ich. Tonnenweise. Mein Anwalt hat sich darum gekümmert, nachdem er dafür gesorgt hatte, dass das Urteil gegen mich aufgehoben wurde. Der Prozess sorgte auf der ganzen Welt für Schlagzeilen. Das Marker-Virus war bereits bei Hunderten von gefährlichen Kriminellen eingesetzt worden, das war keine besondere Nachricht. Neu war, dass die Pigmentierung meiner Haut dauerhaft verändert und ich als gewalttätiger Sexualstraftäter gezeichnet worden war, obwohl ich, wie sich herausstellen sollte, die mir vorgeworfene Tat nicht begangen hatte. Die Geschworenen brauchten nur einen Blick in das Beweismaterial zu werfen – und dann einen Blick in mein Gesicht –, und der Fall war klar. Die gesamte Schadenersatzsumme betrug etwa 400 Millionen Dollar. Wie ich schon sagte: Geld habe ich.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Es ist keineswegs so, dass ich die Vorzüge des Programms zur Kennzeichnung von Kriminellen nicht begreifen würde, denn das tue ich sehr wohl. Die Menschen haben ein Recht darauf zu erfahren, ob es sich bei ihren Nachbarn oder ihren Mitarbeitern um verurteilte Straftäter handelt. Besonders bei Sexualstraftätern. Laut Statistik werden zweiundsiebzig Prozent der Täter, die ein schweres Sexualdelikt begangen haben,...




