E-Book, Deutsch, 166 Seiten
Sigl WURDILAK
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-906010-15-1
Verlag: Goldfisch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein magisches Märchen
E-Book, Deutsch, 166 Seiten
ISBN: 978-3-906010-15-1
Verlag: Goldfisch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Robert Sigl (geboren 1962) arbeitet als Filmregisseur. Zu seinen erfolgreichen Filmen zählen unter anderem der preisgekrönte Märchenfilm LAURIN, für den er auch das Drehbuch schrieb, die Fantasy-Serie STELLA STELLARIS sowie die beiden Thriller SCHOOL'S OUT und HEPZIBAH. Das magische Märchen WURDILAK ist sein erster Roman für grosse und kleine Kinder.
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Kapitel 1
“Ruhig, ganz ruhig!”
Der Atem des kleinen Hans ging stoßweiße und bildete weiße Wölkchen in der eisigen Sternennacht. Er sah sich gehetzt um, dann drückte er sich durch den Türspalt in den Stall. Im Innern war es so dunkel, dass man kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Die Pferde spürten eine Anwesenheit und scharrten unruhig mit den Hufen.
Hans entzündete eine Petroleumlampe, die auf einem Hocker im Stroh stand und leuchtete in Richtung der Tiere. Er ging langsam auf einen Schimmel zu, dessen Nüstern bebten.
“Ganz ruhig, ich tu dir ja nichts.”
Der Schimmel schien den kleinen Hans zu erkennen und beruhigte sich tatsächlich.
Sekunden später schoss der Schimmel aus dem Stall, auf seinem sattellosen Rücken trug er Hans und galoppierte über den verschneiten Hof des Waisenheimes hinaus in den Wald.
Das Waisenhaus war ein düsteres, neogotisches Gemäuer und wirkte mit seinen riesigen Türmen und Erkern wie ein Fremdkörper auf der schneebedeckten, vom Meer umtosten Insel. Der kleine Hans hatte aufgeregt auf den Sonnenuntergang gewartet, er hatte sichergestellt, dass niemandem etwas an seinem Verhalten auffiel, er hatte sich wie die anderen Waisenkinder eifrig in der Schule gemeldet und mit glasigen Augen uninteressante Fragen beantwortet, er hatte den stechenden Blicken der Heimleiterin Henrietta standgehalten und hatte sich, wie man es von ihm erwartete, wie ein Roboter bewegt – oder besser gesagt: so, wie sich Kinder bewegen, die ihrer Seelen beraubt worden waren. Wann es nur ging, war Hans der unheimlichen Frau ausgewichen und hatte sie aus verschiedensten Verstecken beobachtet, wie sie ungeduldig wartend aus den unzähligen Fenstern hinaus auf den Wald starrte. Aber auf WAS wartete sie bloß?
Diese Frage stellte sich Hans jetzt wieder, als der Schimmel ihn vom Waisenheim fort trug, vorbei an Sümpfen, Mooren, über Felsklüfte und prähistorische Grabhügel. Feine Eiskristalle bildeten sich auf seinen Lippen, der Junge schlotterte in der Kälte. Gerade eben hatte er Henrietta wieder gesehen, sie war an einem der Turmfenster erschienen in ihrem schwarzen Kleid, eine Petroleumlampe in der Hand. Sie hatte das Fenster aufgestoßen, sich so weit herausgebeugt, dass Hans fürchten musste, sie würde gleich in die Tiefe fallen, und mit der Lampe in den Hof geleuchtet. Doch das schwache Licht hatte glücklicherweise nicht ausgereicht, Hans im sicheren Dunkel zu erspähen – und zudem hatte er sich hinter der großen, schwarzen Kutsche versteckt, die neben dem Stall stand.
Hans trieb den Schimmel voran und sah nun ängstlich zum Himmel hinauf, ihm war es fast, als sei es plötzlich heller geworden. Tatsächlich hatten sich die Wolken verzogen und der Vollmond tauchte die gesamte Insel in ein hellblaues Licht, als habe er die Nacht zum Tage gemacht. Aus der Ferne näherten sich wildes Hundegebell und das Hufgetrappel anderer Pferde. Hans erschrak, seine Flucht war entdeckt worden!
Noch einmal sah er hinauf zu der leuchtenden Mondscheibe. Unmöglich, bei dieser Helligkeit die Verfolger abzuschütteln. Womöglich kreisten sie ihn von mehreren Seiten ein. Die Lippen des Jungen bebten, als er die Hilfe seiner toten Mutter herbeirief.
“Bitte, liebe Mutter, ich weiß, dass du da oben bist und mich sehen kannst, bitte, bitte, hilf mir!”
Es dauerte nicht lange, bis sich wirklich eine dunkle Wolke vor den Mond schob und die Insel wieder in Dunkelheit tauchte. Und ebenso plötzlich legten sich dichte Nebelschwaden über die Bäume und Felsen, nun sah man die Hand kaum mehr vor Augen. Bizarre Baumformationen schälten sich aus der Nacht, streckten ihre langen, knochigen Äste wie Arme nach Hans aus, doch Junge und Pferd flogen einfach an ihnen vorbei. Es war fast so, als würde das Pferd wie von Geisterhand durch die Nebelwand geleitet.
Die Geräusche der zurückfallenden Verfolger wurden leiser und verstummten schließlich ganz. Hans atmete erleichtert auf.
“Danke, liebe Mutter, ich wusste, du lässt mich nicht im Stich.”
Die Nüstern des Schimmels bebten und das Tier begann unruhig zu schnauben. Hans tätschelt den Kopf des Pferdes.
“Was ist mit dir, alter Junge?”
In unmittelbarer Nähe brachen Zweige. Hans fuhr herum und starrte angestrengt ins Dunkle. Ein Augenpaar bewegte sich auf gleicher Höhe mit ihm und dem Pferd durch den Nebel. Es waren die Augen eines Wolfes, eines schneeweißen Wolfes, und die Augen leuchteten wie glühende Kohlen. Hans beugte sich hastig nach vorne zum rechten Ohr seines Pferdes und flüsterte:
“Schneller, mein Junge, schneller, hab keine Angst, er wird uns nichts tun.”
Der Schimmel wieherte und schnaubte und jagte weiter voran.
Plötzlich riss der Nebel für ein paar Sekunden auf und sie waren an der Anlegestelle angelangt. Vor ihnen lag die See, hohe Wellen peitschten gegen die umliegenden Felsen.
Hans trieb das Pferd wie wild auf den langen Bootssteg, über ihn krochen wieder dichte Nebelschwaden. Die Hufe galoppierten über die Bretter, der Steg schien gar kein Ende zu nehmen. Abrupt blieb das Pferd stehen, die Schwaden verflüchtigten sich, und Hans entdeckte die Umrisse einer Fähre, die im Meer schaukelte.
Als Hans seinen Fuß auf die Planke setzte, die den Steg mit der Fähre verband, lichtete sich auch wieder der Nebel und die schwarze Wolke gab die Mondscheibe frei. Fähre und Umgebung schwammen wieder in einem hellblauen Licht.
Hans hastete zur Reling und erhaschte aus dem Augenwinkel eine Gestalt, die in unmittelbarer Nähe über den Wellen schwebte. Es war eine Frau in einem weißen Totenhemd, sie war tropfnass und leichenblass. Hans stockte der Atem.
“Mutter?”
Die Frau sah ihn aus dunkelumrandeten, traurigen Augen an und ihre Stimme klang wie das feine Klingeln eines Windspiels.
“Jetzt bist du auf dich alleine gestellt, Hans. Auf dem Wasser habe ich keine Macht mehr.”
Im nächsten Augenblick zerfloss ihr Körper zu Wasser und ward eins mit den Wellen des Ozeans. Und dann ließ ein grässliches Heulen Hans herumfahren. Am Ende des Steges war der weiße Wolf aufgetaucht und hatte wie ein Torwächter Stellung bezogen. Hans wich von der Reling zurück und stolperte in Richtung Kajüte.
Auf einer Pritsche lag der alte Schiffer Ottokar und schlief seinen Rausch aus. Hans sprang über eine leere Rumflasche, die über den Boden rollte. Merkwürdigerweise schnarchte Ottokar heute einmal nicht, auch wunderte sich Hans, dass die massige Gestalt kein Lebenszeichen von sich gab. Hans rüttelte Ottokar an beiden Armen.
Nichts.
Dann auf einmal entfuhr Ottokar ein lauter Rülpser und er röchelte mit geschlossenen Augen:
“Was ist? Sind wir schon in Panama?”
“Ottokar, Ottokar, wach auf! Wach auf!”
Ein Grinsen erschien unter dem Rauschebart Ottokars, Sabber tropfte auf die zotteligen Barthaare und eine Hand schnellte hoch und packte Hans am Unterarm.
“Komm in meine Arme, Marianne!”
Noch immer die Augen geschlossen, umschlang er Hans und zog ihn zu sich auf die Pritsche. Hans gelang es mit Mühe sich aus der Umklammerung zu befreien. Er lief zum Steuerrad hinüber, legte die Hände darauf, sah sich ratlos um. Jetzt ärgerte es ihn, dass er Ottokar nicht öfter dabei beobachtet hatte, wie man dieses Ding hier in Gang brachte. Er wandte sich wieder Ottokar zu.
“Sie sind hinter mir her! Die wollen mich umbringen. Die wollen uns alle umbringen!”, sprudelte es aus Hans heraus.
Ein glockenhelles Lachen an der Kajütentür ließ ihn verstummen. Es war wieder eine Frau, doch diesmal nicht der Geist seiner Mutter, sondern die quicklebendige Heimleiterin. Sie trat ins Licht. Und obwohl der kleine Hans fast nur mit seiner Angst beschäftigt war, fiel ihm die atemberaubende Schönheit der Frau auf. Sie wirkte mit ihren vierzig Jahren noch viel jünger und strahlender als sonst.
Henrietta Anderssons Augen blitzten schalkhaft auf, als sie Hans und den betrunkenen Schiffer musterten.
“Kindern, die lügen und Hühnern, die krähen, sollte man gleich den Hals umdrehen!”
Mit der rechten Hand tätschelte sie den Kopf des weißen Wolfes, der neben ihr im Türrahmen aufgetaucht war, seine lange Zunge hing fast bis zum Boden herunter. Hans entdeckte, dass das rechte Ohr des Tieres weiter abstand als das linke und lädiert, ja fast angefressen aussah. Das linke Auge war zur Hälfte zugewachsen.
Und dann ging mit dem Wolf eine merkwürdige Veränderung vor. Über das weiße Fell legten sich dunkle Schatten, aus dem Maul wuchs eine behaarte Hand und plötzlich stand da ein Mann in...




